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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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16.9.2004
"Ich bin die, die ich bin"
Über die Zufriedenheit
Von Christoph Spittler

Sommertraum (Bild: AP)
Sommertraum (Bild: AP)
Regina: Ich hab eigentlich nie das Empfinden, ich möchte jemand anders sein. Oder ich möchte so sein wie der, wie diejenige. Nee.

Es gibt Menschen, die träumen ein Leben lang davon, jemand anderes zu sein. Und es gibt Menschen, die kommen gar nicht auf so komische Ideen. Das sind wohl die, die es geschafft haben, im Einklang mit sich selbst zu leben. Die Zufriedenen.

Regina: Ich denk schon, dass ich recht authentisch bin und da nicht irgendwie 'ne andere Rolle mir überhelfe oder überhelfen lasse. Hab ich auch noch nicht so drüber nachgedacht, also demzufolge denk ich, dass es wirklich nicht an dem ist!

Regina, 39, Erzieherin.

Was bedeutet es denn, zufrieden zu sein? Und wie kommt man denn da hin?

Wanjo: Ick mag an diesem Beruf besonders die Abwechselung, und den täglichen Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen.... das reizt mich da sehr.

Wanjo, 50, ist Busfahrer. Ein glücklicher Busfahrer.

Wanjo: Ja, ich bin ja von Natur aus ein neugieriger Mensch, ich bin auch sehr extrovertiert, ich spreche gerne fremde Leute an, einfach so, und ich lass mich auch gerne ansprechen. Wie geht's Ihnen heute, oder, haben Sie vielleicht 'n schönes Hündchen bei sich, oder, wenn das Kind schreit - och, was hatt'n das Kleine, man hat immer irgend 'nen Ansatzpunkt. Das vermittelt mir persönlich das Gefühl, dass in der heutigen Zeit nicht alles so verbissen gesehen wird. Was man tagtäglich in den Medien hört, wie schlecht es uns gehen soll. Nichtsdestotrotz sollte man nicht den Mut verlieren, weil das Leben geht doch weiter!

Werbeclip: Ich find mich gut, so wie ich bin! Frauen wollen sich wohlfühlen - so wie sie sind. Dabei messen sie Attraktivität längst nicht mehr in Taillenumfang, sondern legen viel mehr Wert auf Persönlichkeit und Selbstbewusstsein....

Andreas: Zufriedenheit heißt eine Stimmigkeit für mich zu haben in mir selbst. Orientiert sich für mich nicht an den Worten Glück, sondern eine Zufriedenheit hat etwas damit zu tun, dass auch wenn die äußeren Umstände nicht ganz so sind, wie ich sie mir wünsche, ich in mir eine Balance habe und eine Stimmigkeit, dass ich weiß, der Weg, den ich gehe, ist für mich okay.

Bruder Andreas, 37, lebt und arbeitet in einem Kloster.

Andreas: Vielleicht ist das noch mal ein Charakteristikum für Zufriedenheit, dass man nicht in Unruhe ist und ständig nach Neuem sucht - ich sag jetzt mal, Befriedigung zu finden, auch da steckt das Wort Frieden mit drin, genauso wie in Zufriedenheit - dass etwas friedlich in einem ist, weil es so stimmt. Und wenn es stimmt, dann such ich nicht nach Alternativen.

Mattes: Wir kriegen die vielen Möglichkeiten vorgeführt. Worauf es übrigens zwei große Reaktionsweisen gibt. Die eine Reaktionsweise ist dann erst recht: "Ich bin der, ich bin die, die ich bin".

Peter Mattes, Psychologieprofessor.

Mattes: Aber die aktuell geforderte ist die, zu sehen, dass es auch anders ginge, und dass es vielleicht nicht opportun ist, der eine, die eine bleiben zu wollen.

Denn könnte es nicht sein, dass es eine trotzige Reaktion ist auf die verwirrende Vielfalt der Welt im Kommunikationszeitalter, wenn man sagt: ich bin so, wie ich bin? Ist das einfältig? Blendet man da Wünsche und Sehnsüchte gewaltsam aus?

Regina: Zufriedenheit bedeutet für mich, mit sich selber im Reinen zu sein, natürlich auch mit den Leuten, mit denen man ganz eng in Kontakt ist, also die eigenen Kinder, der Partner, aber natürlich auch mit seinem beruflichen Dasein gut zurande kommt. Und auch, obwohl man schon sehr lange in einem und demselben Beruf tätig ist, immer wieder Herausforderungen sehen kann, für sich selber. Zufriedenheit ist für mich auch, wenn ich immer noch das Bestreben habe, noch lernen zu können, mich wirklich weiterzubilden. Auch etwas breiter gestreut.


Jay Shukla: "Der Weg zum inneren Frieden": Man kann inneren Frieden erreichen, indem man aktiv einer Berufung folgt, einen Beruf ausübt, oder sogar einem Hobby nachgeht, etwas was einen wirklich interessiert. Dann hat man ein Gefühl der Erfüllung, das Gefühl, etwas erreicht zu haben.

Regina: Wenn ich wirklich so meine eigenen Träume, die ich als Kind hatte, jetzt noch mal so 'ne Schiene fahren kann, ich bin damit auch sehr glücklich und zufrieden, dass ich solche Sachen jetzt, obwohl man ein bisschen älter ist, dann noch mach. Viel malen, und dann hab ich seit ungefähr zwei Jahren mir angefangen 'ne Goldschmiede zu suchen, und dort geh ich dann einmal in der Woche hin und amüsier mich da.

Jay Shukla: "Der Weg zum inneren Frieden": Arrangieren Sie sich mit Ihren Lebensumständen. Was man nicht kurieren kann, muss man ertragen lernen. Ertragen sie es mit Heiterkeit. Lernen Sie, mit hundert Unannehmlichkeiten, Ärgernissen, nervenden Störungen von früh morgens bis spät in die Nacht hinein zu leben. Sie werden an Geduld, an innerer Stärke und an Willenskraft hinzugewinnen.

Andreas: Der Mensch ist erst zwar mal ein offenes Wesen, aber er kann sich nie alle Türen offen halten. Und wenn ich die eine Tür wähle, wähle ich eben viele andere nicht.

Mattes: Das Andere, was ich nicht geworden bin, das ist etwas, was ich in meine Selbst-Erzählung einbauen möchte, und dieser Zusammenhang mag auch ein widersprüchlicher sein, wird ein differenzierter sein.

Andreas: Es bleiben immer Sehnsüchte, die ohne Antwort bleiben. Ich kann mir auch das sehr gut im familiären Kontext vorstellen, und der Verzicht auf Kinder ist nun mal 'ne Entscheidung, die weh tut, und die ich als Mangel sicher auch immer wieder spüren werde. Wenn mich dieser Mangel aber nicht in 'ne Depression führt - wenn ich das nicht hab, muss ich mich auch nicht zwanghaft auf eine Suche begeben. Krisenzeiten gehören für mich genauso dazu und sind Wachstumschancen.

In einem früheren Leben war Wanjo, der Busfahrer, übrigens professioneller Musiker in Bulgarien. Schlagzeuger in einer Band. Mit langen Haaren.

Wanjo: Ich bin dann mit einer Musikband durch die Kneipen gezogen und hab mit den Jungs Musik gemacht. Wir haben alles nachgespielt, was damals von 69 bis 74 top war, von den Beatles angefangen.... Mit 20 haben Sie viele Träume. Ich kannte natürlich auch viele auch gute Musiker, die nach'm Westen gegangen sind, die sind nach Norwegen, nach Westdeutschland... und das war natürlich 'ne sehr verlockende Perspektive.

Regina: Als ich jünger war, da hat man ja auch noch so viel andere Dinge im Kopf, und meint irgendwie, man würde was verpassen - so ist es jetzt natürlich nicht.

Wanjo: Wenn man sechs Tage die Woche Bus fährt, zwischendurch vielleicht auch mal schlafen muss, dann hat man keinen Nerv mehr für die Musik. Zudem war ich jetzt mit meinem neuen Beruf derartig zufrieden und begeistert, dass ich das halt nicht mehr verfolgt habe, diese Sache mit der Musik. Das hat sich für mich erledigt. Das bedauere ich in keinster Weise.

Regina: Ich hatte auch immer Bedenken gehabt beruflich. Der Beruf als Kindergärtnerin hatte zwar in der DDR 'n besonderen Status auch gehabt, aber irgendwie hatte ich doch oft den Eindruck gehabt, man war auch nicht richtig anerkannt. Man war irgendwie immer so die "Tante" - und das hat mir auch zu denken gegeben, nee, immer nur die "Tante" will ich ja nun auch nicht sein.

Jay Shukla: "Der Weg zum inneren Frieden": Lernen Sie alles hinzunehmen. Akzeptieren Sie alles, was in Ihrem Leben geschieht, nehmen Sie sich selbst und Ihren Alltag tief innerlich an.

Regina: Aber jetzt ist es anders. Man blüht da auch selber wirklich auf. Wenn die Kinder einen wirklich angenommen haben - hört sich jetzt bescheuert an, aber man kriegt unwahrscheinlich viel zurück von dem was man gibt. Und ich merke auch, je reifer ich werde, je älter ich werde, umso mehr beflügelt mich die ganze Geschichte.

Andreas: Der Glaube hat eine stabilisierende Funktion. Der Glaube ist eine Kraft, die dem Leben eine Balance gibt, die mich innerlich festigt, eine Kraft, die mich auch in Gemeinschaft weiß mit vielen anderen, und dass ich letztendlich das Leben meinem Schöpfer verdanke - und wenn ich diese Punkte zusammennehme, resultiert daraus auch Zufriedenheit. Das Leben ist ein Geschenk. Ich darf erst mal dankbar sein.

Wanjo: Ich könnte jetzt vielleicht den Wunsch äußern, mal Pilot zu werden oder Lokführer oder Minister oder was weiß ich. Ich hege aber diese Wünsche nicht. Die sollen doch ihre Arbeit machen, so gut wie ich meine mache.

Andreas: Vielstimmig ist die Welt um mich herum sowieso. Vielstimmig ist natürlich auch mein Leben. Stimmigkeit heißt für mich, eine Linie zu haben - deswegen Stimmigkeit im Singular.

Jay Shukla: "Der Weg zum inneren Frieden": Im Einklang mit sich selbst und Ihren inneren Kräften - Ihrer Inneren Mitte können Sie die verschiedenen Wege beschreiten, die Ihnen dabei helfen, Ihre Ziele zu verwirklichen und eine stabile seelische Balance zu erhalten. Der Weg zur Selbstannahme und Selbstliebe ist, zu wissen und zu empfinden "ich bin genau richtig und es ist gut so, wie ich bin". Ich bin mein Fels in der Brandung.

Wanjo: Vielleicht liegt das auch an meiner nicht ganz einfachen Kindheit: in einem ziemlich armen Land aufgewachsen, die Eltern aus einfachsten Verhältnissen stammend, und das gab mir diese Zufriedenheit, dass man trotz der Widrigkeiten es zu was gebracht hat. Und wenn ich zurückdenke, dann kann ich ja nur sagen, mir geht es heutzutage eigentlich blendend.

Wie finden wir ihn denn nun, den Königsweg zur Zufriedenheit?

Mattes: Das ist eine Aufgabe der Selbstgestaltung, wenn sie wollen, der Identitätsfindung. Das mag bei dem einen die eine, in sich geschlossene Identität sein, das mag bei anderen, die Möglichkeit, mehrere Identitäten zu leben oder im Blick auf mehrere Identitäten zu leben.

Andreas: Wenn ich nur noch mich oder meinen Weg sehe, dann würde ich mir sehr vieles nehmen. Ich schaue auf meinen Weg, weil es mein Weg ist. Und da bin ich ganz froh drum, dass ich den gewählt habe. Es gibt vieles darum herum, und ich sehe die Vielfalt des Lebens - das ist doch was Tolles!
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