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17.9.2004
"Die spinnen alle..."
Spinnenangst und Spinnenphobie
Von Renate Maurer

Eine Spinne wartet auf Beute. (Bild: AP-Archiv)
Eine Spinne wartet auf Beute. (Bild: AP-Archiv)
Zehn Prozent der Bevölkerung leidet unter Arachnophobie, der Angst vor Spinnen, die wie die Furcht vor Schlangen, Hunden, Höhen, Räumen oder Menschen zu den spezifischen Phobien gehört. 90 Prozent davon sind Frauen. Manche glauben, die Angst sei evolutionsbedingt, andere halten sie für kulturell geprägt. Für die Leidgeplagten gibt es inzwischen - drastisch anmutende - Therapien.

Pola: In der Regel gibt es einen gellenden Aufschrei, worauf alle Anwesenden herbeistürzen, weil sie denken, mir ist was Schreckliches passiert

Polina: ...dann ist da 'ne ganz rot-bräunliche Spinne auf sie raufgekrabbelt und dann meinte ich: Sophie, da ist 'ne Spinne und dann meinte die: Ihh, tu die weg...

Jördis: Also, allein das Angucken ist schon so 'n bisschen: hmm, und am Schlimmsten ist, wenn sie sich bewegt - das ist wirklich das Schlimmste, wenn sich die einzelnen Beine bewegen.

Arachne. Wer kennt noch die bizarre Geschichte der lydischen Webkünstlerin Arachne? Sie wird von Ovid so erzählt: Bei einem Wettstreit mit der griechischen Göttin Athene schuf Arachne einen purpurfarbenen Teppich, der Athene vor Neid erblassen ließ. Die Motive zeigten Szenen von den heimlichen Liebschaften Zeus in Tiergestalt, wodurch sich die Göttin in ihrer Familienehre gekränkt fühlte. Außer sich vor Wut zerriss sie das Kunstwerk ihrer Rivalin und schlug ihr das Webschiff um die Ohren. Worauf Arachne versuchte, sich mit einem Seil zu erhängen - was Athene aber nicht duldete. Sie verwandelte das Mädchen in eine Spinne, das Seil in einen Faden und verfluchte Arachne zum ewigen Spinnen:

"So lebe demnach, doch hange du, Frevlerin! ruft sie und nach gleichem Gesetz werde bestraft dein ganzes Geschlecht und die spätesten Enkel."

Und so hängen sie heute noch am eigenen Faden in Winkeln und Ecken und weben einsam ihre Luftteppiche. Und der Fluch Athenes lastet immer noch auf ihnen. Ihre filigranen Kunstwerke werden von den meisten Menschen verabscheut und hinweggefegt. Ihre Gestalt wird als abstoßend empfunden. Allein ihr Anblick bringt viele dazu, sich vor Ekel zu schütteln

Pola: Wir haben ein Ferienhaus in Österreich. Und das Schrecklichste ist eigentlich im Winter, wenn man, nachdem wir einen Kamin haben, wenn wir von draußen Holz holen, dann hängen die so am Holz, diese fetten Spinnen in so 'ner Art Winterstarre und im Haus wird's dann wohlig warm und dann fangen die an zu krabbeln und haben sich dann auch so 'nen Winterspeck angefressen und sind dann besonders dick, sitzen dann überall, meistens sitzen die in den Handtüchern und du schlägst dann dein Handtuch auf und uahh...

Abneigung und Abscheu auf den ersten Blick! Das zieht sich schon durch die Sprache:

Pfui Spinne! Du spinnst wohl! Umgarnen und einwickeln. Jemandem spinnefeind sein.

Arme Spinnentiere oder Arachnida, wie ihre Klasse heißt! Dabei sind die achtbeinigen Wesen in unseren Breiten wirklich nicht zum Fürchten.

Jan Schneider: Die wenigsten Leute und gerade in den Regionen, wo sich die Leute vor Spinnen ekeln, haben jemals tatsächlich körperlich negative Erfahrungen mit Spinnen gemacht, weil es ja gerade bei uns in unseren Breiten, wo der Ekel so verbreitet ist, letztendlich kaum Spinnen gibt, die einem durch den Biss auch nur wehtun können. Die einzigen giftigen Spinnen in Deutschland sind die Wasserspinne, mit der aufgrund ihres Lebensraums in kleinen Tümpeln sowieso kaum jemand Kontakt hat und im Kaiserstuhl der Dornfinger, der aber auch sehr selten Bissunfälle verursacht.

In anderen Ländern, sagt der Tiermedizinstudent Jan Schneider, freundet man sich sogar mit den großen, fetten, haarigen Spinnen an.

Jan Schneider: Zum Beispiel in Südamerika haben die Leute zu den großen Vogelspinnen, von denen jeder da weiß, dass sie harmlos sind, ein anderes Verhältnis. So sieht man zum Beispiel kleine Kinder mit selbstgeflochtenen Leinen Vogelspinnen als Haustiere spazieren führen. Die haben natürlich Arten, die nicht besonders aggressiv sind.

Achtbeiniges Forschungsobjekt: die Brückenspinne (Bild: Kai Toss)
Achtbeiniges Forschungsobjekt: die Brückenspinne (Bild: Kai Toss)
Bei uns hingegen sind schon die kleinen zarten mit den bezaubernd langen Beinen Objekte des Grauens. Vor allem für Frauen. Einige von ihnen haben gelernt, unter Aufbietung ihrer ganzen Vernunft und Willenskraft zu Glas und Papier zu greifen, um so eine Zitterspinne oder einen Weberknecht zu entfernen. Andere bleiben grausam:

Jördis: Wenn es in der Wohnung ist, also im Badezimmer, die Spinnen müssen alle weggemacht werden, am liebsten mit dem Staubsauger, auch die, die sie nicht so schlimm sind, die mit den dünnen Beinen.

Pola: : Für mich gibt's immer nur die Lösung: was möglichst Großflächiges zu nehmen, ein möglichst großes Buch und mit sicherem Abstand drauf zu werfen, dass sie platt ist.

Die meisten aber lassen entfernen. Möglichst von einem männlichen Retter

Polina: So Spinnen, die oben an der Decke klemmen, da erschreck ich mich schon und dann sag ich: Papa, kannst du die mal bitte mal in die Freiheit lassen?

Jördis: ich würde sie niemals anfassen... In der Wohnung könnt ich sie noch nicht mal mit dem Besen runter nehmen, da hätt ich Angst, sie fällt mir auf den Fuß oder sie verkriecht sich dann irgendwo, wo ich immer noch weiß, sie ist noch da, sie ist nicht verschwunden, da muss jemand kommen und sie rausnehmen, raussetzen.

Felix: Das geht eigentlich über alle Beziehungen hinweg, aber die Spinnen, die muss immer ich entfernen, das ist immer noch das vermeintliche stärkere Geschlecht, das genau für diese Arten von Arbeiten eingesetzt wird und man versucht dann immer seiner Rolle gerecht zu werden.

Haben denn Männer gar keinen Ekel?

Felix: ...doch total, aber man zeigt ihn nicht.

Gunter Weissenfels: Also, die Angst ist gleich bei Männern und Frauen. Ich hab heute wieder jemand im Laden gehabt, waren zwei Männer und der eine hat gesagt: Ohh, mich schüttelts, ich muss hier unbedingt raus! Und ich hab Frauen, die gehen gar nicht mal rein in den Raum, wo die Vogelspinnen sind...

Weshalb aber sind unter den Spinnenphobikern die Frauen so stark vertreten? Zehn Prozent der Bevölkerung leidet unter Arachnophobie, die wie die Furcht vor Schlangen, Hunden, Höhen, Räumen oder Menschen zu den spezifischen Phobien gehört. 90 Prozent davon sind Frauen. Alfons Hamm, Professor am Lehrstuhl für klinische Psychologie in Greifswald, hat dafür auch eine vernünftige Erklärung:

Was wahrscheinlich daran liegt, dass die Jungs schon sehr früh Konfrontationstherapie machen müssen, denn es ist so, wenn wir uns so Sechsjährige angucken, Siebenjährige, dass die Jungs sehr häufig schon so Mutproben machen mit Tieren, dass sie Frösche anfassen müssen, Spinnen anfassen müssen. Und man kann es sich in der Gruppe schlecht leisten, das nicht zu tun, man wird dann ausgelacht, und die Mädchen werden erschreckt mit diesen Tieren, gerade im ersten Schuljahr und die laufen dann schreiend weg und die Jungs lachen sich kaputt. Und das ist im Prinzip die erste Form, wo die Jungs sich systematisch mit ihrer Angst auseinandersetzen und bei den Mädchen wird das tradiert und das gehört irgendwie zum guten Ton, dass man wegläuft.

Spinnenphobiker sind auch im Erwachsenenalter immer auf der Flucht vor den achtbeinigen Wesen. Und können ihnen doch nie ganz entrinnen. Nicht mal in der Großstadt:

Alfons Hamm: Weil gerade zu Beginn des Winters kommen die meisten Spinnen dann rein ins Haus, da treten auch diese intensiven Ängste auf. Also in unseren Breiten haben wir die häufigsten Ängste gegen Kreuzspinnen und Hauswinkelspinnen, das sind diese großen, schwarzen, die oben immer in den Ecken sitzen, was auch Raubspinnen sind und sich schnell bewegen und gerade das macht den Phobikern sehr viel Angst, also gerade die sich schnell bewegenden, schwarzen, großen Spinnen.

Echte Spinnenphobiker haben beim Anblick der achtbeinigen Wesen allerdings nicht nur Ihh-Gefühle.

Jördis: Also, wenn sich eine Spinne bewegt ist es so, als wenn sich der ganze Körper so zusammenzieht und man kann sich nur mehr schütteln, ich weiß nicht, es zieht sich die Spucke im Mund zusammen, es krampft sich der Magen zusammen und ich könnte mich nur schütteln, wirklich schütteln. Ich möchte am liebsten alles abstreifen, an den Armen, an den Haaren, wenn ich Spinnweben in die Haare kriege, ist das wirklich so wie ein innerlicher Ausraster, da muss irgendjemand das ganz schnell wegwischen, da darf nichts mehr sein, man hat das Gefühl überall krabbelts.

Alfons Hamm: Es gehören vegetative Symptome dazu: Herzrasen, Schwitzen, Atemnot. Es gehören kognitive Symptome dazu: also man hat Angst auszurasten, verrückt zu werden, es ist einem peinlich. Und das Dritte ist: man weiß, dass die Furcht irrational ist ....

Die Furcht macht nicht mal vor Plastikspinnen, Spinnen im Fernsehen oder auf Abbildungen halt.

Jördis: Wenn auf diesen Fachbüchern, die wir ja leider auch im Regal zu stehen haben, große Spinnen drauf sind auf der Vorderseite, kostet es mich Überwindung das Buch ins Regal zu stellen, also ich guck dabei nicht hin, das ist wirklich so, es muss ganz schnell weg, weg von den Händen.

Auffällig bei Spinnenphobikern ist jedenfalls, dass ihre Wahrnehmung extrem auf ihr "Angsttier" fixiert ist.

Alfons Hamm: Die gehen durch den Raum und jeder schwarze Fleck an der Wand, der wird sofort als Spinne wahrgenommen, die haben so ne Hypervegilanz nennen wir das, selektiv, wie so ein Scheinwerfer finden die jede Spinne im Raum. Wir haben 'ne Studie gemacht, wo wir Spinnenbilder in die Einzelteile zerlegt haben und immer so prozentuale Anteile einer Spinne präsentiert haben. Und Spinnenphobiker fangen schon an, wenn sie nur 20 Prozent einer Spinne sehen, mit dem Körper zu reagieren. Und das kann man auch im Gehirn zeigen, insbesondere durch die Emotionszentren im Gehirn, dass die mit den Sehzentren kommunizieren und die vorwarnen - das hat uns die Biologie so mitgegeben, diese runde Form mit den acht Beinen, das ist etwas, was sich irgendwie archaisch in unser Gehirn eingebrannt hat.

Ein Erbe der Evolution also? Oder doch eher erworben? Es gibt verschiedene Wege zum Erlernen von Spinnenangst, glaubt Alfons Hamm. Durch ein klassisches Konditionierungserlebnis etwa, wie das Erschrecken mit einer Spinne im Kindergarten, durch "Modellernen" von der Mutter, die intensive Furchtreaktionen zeigt oder auch durch Informationen in Filmen, wie "Arachnophobia", in denen Spinnen als gefährlich, monströs und in Massen auftreten.

Alfons Hamm: Der vierte Weg ist wahrscheinlich der, dass man sowieso biologisch schon eine Bereitschaft hat, sich mit diesen Spinnentieren vor allem nicht auseinanderzusetzen. Wenn ich so eine Bereitschaft habe, ist im Prinzip die Angst vorprogrammiert. Es gibt auch eine Reihe von Phobikern, die nicht sagen können, wie ihre Phobie entstanden ist und die auch sagen: es war an sich immer so.

Erstaunlich ist allerdings, wie gut solche tief sitzenden Ängste auf Therapien ansprechen. Durch intensive Konfrontation mit dem Objekt der Angst lässt sich die Angst offensichtlich austreiben. Nicht nach jahrelangen Sitzungen, sondern schon nach drei Stunden.

Alfons Hamm: Ich weiß noch, wie mein Sohn in den Kindergarten kam und seine Kindergärtnerin fragte: Was macht denn dein Vater? Dann sagt er: Der geht morgens in den Keller, fängt Spinnen, geht an die Uni und macht den Leuten Angst und dann haben sie keine Angst mehr - und das beschreibt im Prinzip so unsere Therapie.

An der Universität Greifswald wird der Patient Schritt für Schritt dazu gebracht, einer Hauswinkelspinne näher zu kommen: er lernt zunächst das Glas mit der Spinne anzufassen, dann das freigelassene Tier zu berühren - zuerst mit dem Bleistift, dann mit dem Finger. Zuletzt darf die Spinne auf seine Hand krabbeln. Und dann kommt ein wirklich haarsträubender Moment ...

Vogelspinne (Bild: AP)
Vogelspinne (Bild: AP)
Alfons Hamm: Wir nehmen dann unseren "Struppi", das ist unsere Vogelspinne, die wir Struppi getauft haben, weil die so schön haarig ist, und wir machen dann die ganzen Übungen mit unserer Vogelspinne nochmal. Ja, und wenn man dann die Vogelspinne auf den Arm und auf die Hand hat krabbeln lassen, dann kommt die eigentliche Übung für zuhause.

Die Phobiker lernen noch, wie man eine Hauswinkelspinne mit Hilfe von Glas und Papier einfängt und draußen wieder freilässt und bekommen zum Üben zwei Exemplare mit nachhause. Die nachhaltige Befreiung von der Spinnenangst hängt allerdings von der weiteren Kontaktfreudigkeit gegenüber Spinnen ab; mit der Vermeidung kommt auch wieder die Angst.

In Berlin schicken Therapeuten ihre Patienten auch in ein Zoofachgeschäft mit Vogelspinnen, um in 10 oder 15 Stunden einen gelassenen Umgang mit Spinnen zu trainieren.

Dort kann man nicht nur lernen, eine rassige "Brachipelma Smithie" oder Rotknie-Vogelspinne auf der Hand zu ertragen, man kann auch beobachten, was die pelzigsten Vertreter der Spinnen in ihren eigenen vier Glaswänden so alles treiben. Und dabei vielleicht auch den Sinn für das Schöne an ihren "Spinnereien" entdecken!


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