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20.9.2004
Kohldampf in der Schule
Immer mehr Kinder kommen hungrig zum Unterricht
Von Franz Michael Rohm

Schüler (Bild: AP)
Schüler (Bild: AP)
Alle naselang liest man in der Zeitung, viele Kinder in Deutschland seien zu dick, sie essen zu viel. Das stimmt. Aber es gibt daneben ein weiteres Phänomen, und das sind Kinder mit Mangelerscheinungen. Eine in unserer Wohlstandsgesellschaft eigentlich unvorstellbare Tatsache: Sie bekommen zu wenig zu essen. So kommt heute bald jedes dritte Kind in Deutschland ungefrühstückt in die Schule, hat kein Pausenbrot dabei und erhält nach der Schule zu Hause kein Mittagessen. Jetzt schlagen Schulleiter, Ernährungsexperten und Politiker Alarm.

Schulschluss im Berliner Stadtbezirk Neukölln, einem der sozial schwächsten Bezirke der Hauptstadt. Die Rixdorfer Grundschule gilt als typische Kiezschule. Achtzig Prozent der Kinder hier kommen aus ausländischen Familien, bei vielen ist das Geld knapp.

Eigentlich müssten sie's ja schon wissen, ich bin jeden Tag hier.

Nach dem Unterricht gehen viele der rund 700 Schulkinder nicht nach Hause, sondern nach oben, in den vierten Stock. Beweggrund für die allmittägliche Prozession: Viele der Kinder schieben Kohldampf und unter dem Dach der Schule gibt es ein preiswertes Mittagessen. Einen Euro kosten Spaghetti mit Salat, Fischstäbchen mit Kartoffelpüree oder Fleischbällchen mit Reis und Gemüse.

Kind 1: Wir haben meistens spät Schluss und ich krieg auch oft Hunger. Und ich bring auch nicht jeden Tag Frühstück mit, deswegen komme ich immer hier essen.
Kind 2: Weil hier das Essen lecker schmeckt, und es ist einfach gut, und deswegen komme ich auch hier her. Zu Hause ist dann keiner.

Die meisten Kinder bestellen eine halbe Portion, die kostet gerade 50 Cent. So sparen sich die einen den halben Euro, der oft in Süßkram umgesetzt wird. Manche Kinder können nicht mehr bezahlen, denn sie bekommen einfach nicht mehr als einen halben Euro pro Tag von ihren Eltern.

Hiba: Ich stehe ja früh alleine auf, ich habe ja größere Geschwister noch, und die sagen immer, dass ich essen machen soll, aber ich mach's nicht gerne. Trinken nehme ich öfters mit, aber Essen nicht, und dann komme ich hier hoch und ess ich.

Die 12-jährige Hiba kommt mit ihren Klassenkameradinnen jeden Mittag zum Essen. Dass sie für das Essen bezahlen muss, ist für Hiba in Ordnung. Wenn es geht, hilft sie denen, die weder Essen noch Geld dabei haben.

Hiba: Meistens habe ich Geld, oder andere Freunde von mir und dann geben wir den Leuten, die kein Geld haben, dass die auch mit uns hochkommen und essen. Also in der Klasse alle helfen sich gegenseitig.

Hundert bis hundertfünfzig Kinder pro Tag essen in der Kantine, die durch die Initiative der Lehrerinnen und Lehrer entstand. Schuldirektorin Marion Berning und ihre Kollegen registrieren schon lange, dass die Kinder während des Unterrichts Hunger haben.
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Marion Berning: Hier an meiner Schule haben wir bereits schon vor zehn Jahren beobachtet, dass viele Kinder ohne Frühstück kommen, nicht gefrühstückt haben und auch kein warmes Mittagessen bekommen.
Es ist hier eine Armut, und wir haben in einer Gesamtkonferenz beschlossen, dass wir nicht die Augen verschließen, sondern dass wir etwas tun.


Neben Mathe und Deutsch büffeln, steht heute an der Rixdorfer Grundschule für viele Frühstück auf dem Lehrplan. Der gesunde Geist braucht gesunde und genügend Nahrung.

Marion Berning: Die Kinder kommen zuerst mal in der ersten großen Pause. Dort haben die Kinder die Möglichkeit, sich ein gesundes Frühstück zu kaufen. Was sehr in Anspruch genommen wird, weil wir dieses Frühstück für 60 Cent verkaufen. Das ist also ein Vollkornbrot mit Belag drauf, ein Apfel oder Gemüseteil, es ist also ausgeglichen, denn unser Projekt heißt Gesundes Frühstück. Die Kinder können sich auch etwas zu trinken mit dazunehmen, das ist mit inbegriffen.
Dieses Frühstück frühstücken wir in der Klasse, damit die Kolleginnen einen Überblick haben, was gefrühstückt wird, und damit gleichzeitig auch die Gesundheitserziehung da mit hinein greift.


Martina, du bist so lieb und fährst zu der Rixdorfer Grundschule und zu der Zürich-Grundschule.

Versorgt werden Schulen wie die Rixdorfer Grundschule vom Selbsthilfeprojekt Berliner Tafel. Allein in Berlin fahren die ehrenamtlichen Helfer jede Woche zwölf Schulen und über 70 Jugendeinrichtungen an. Paprika, Karotten, Eier, Fleisch, Käse und alle anderen Zutaten stammen größtenteils aus Spenden von Supermärkten.

Kartoffeln könnten wir auch hier nehmen. Machen wir Pellkartoffeln mit Rührei, .. Blumenkohl, nee, Paprika rot, ja,

Anfangs sorgten die Lehrer dafür, dass die Kinder etwas zu essen bekamen - in ihrer Freizeit. Denn Engagement und Überstunden wurden nicht extra honoriert. Um das Kollegium von der unterrichtsfremden Arbeit zu entlasten, organisierte Schuldirektorin Berning zwei Kochherde und stellte mit verschiedenen Förderanträgen ein Projekt auf die Beine. Inzwischen versorgen sechs ABM-Kräfte die Schulkinder mit Frühstück und Mittagessen.

Küchenleiterin M. Wetzig: Heute gibt es Köfte, so genannte Türkische Bouletten, die die Kinder hier sehr gerne essen. Dazu machen wir einen Salat, um den Vitamin- und Mineralstoffanteil gut abzudecken, und einen Reis.
Wir machen nicht jeden Tag Fleisch, wir machen es so, wie es sein soll. Zweimal die Woche vegetarisch, zweimal Fleisch, einmal Fisch, ganz nach den Empfehlungen der deutschen Gesellschaft für Ernährung.


Die Nachfrage an der Essenausgabe lässt nicht nach. Ein kleines Mädchen kommt und fragt, was denn ein Essen kostet. Natürlich weiß sie es. Mit ihrer Frage will sie etwas ganz anderes ausdrücken. Als sie das Mikrofon sieht, verschwindet das Mädchen sofort. Küchenleiterin Marion Wetzig weiß Bescheid. Dieses Kind hat noch nicht einmal die 50 Cent für eine halbe Portion.

M. Wetzig: Einige Kinder haben wirklich kein Geld und stehen da und schauen einen an mit so großen Augen, da kann man einfach nicht nein sagen. Also einige Essen, so um die zehn jeden Tag, gehen umsonst raus.
Muss man aufpassen, dass es nicht immer die gleichen sind, und dass sich auch manchmal bezahlen kommen. Man merkt, die Kinder kommen aus sozial und wirtschaftlich schwachen Familien teilweise.


Zwei Kilometer von der Rixdorfer Grundschule entfernt, an der Zürich-Grundschule, ebenfalls im Bezirk Neukölln, ist die Lage ähnlich, erklärt Ingrid Wagner.

Ingrid Wagner: Hier sind ganz viele Problemfälle, ganz viele, die von Sozialhilfe leben. Und da ist nichts mehr zu essen da. Vater und Mutter rauchen natürlich auch, oder trinken auch, Handy haben se alle. Aber die Kinder kann man deswegen nicht hungern lassen, oder?

Zweimal in der Woche kocht die pensionierte Lehrerin mit einer ehemaligen Kollegin für die Schulkinder.
Schuldirektor Jürgen Jasper freut sich zwar über das ehrenamtliche Engagement der beiden Frauen, will aber, im Gegensatz zu seiner Kollegin von der Rixdorfer Grundschule, keine dauerhafte Essensversorgung bereithalten.

Schuldirektor Jürgen Jasper: /Weil wir denken, es ist die Aufgabe der Eltern, die Kinder regelmäßig mit einem Frühstück zur Schule zu schicken, bzw. vor dem Unterricht zu frühstücken.

Das zu wollen und nicht zu können ist eine deprimierende Erfahrung, wie eine Mutter berichtet.

Mutter: Wir leben von Sozialhilfe, 400 Euro im Monat, und Arbeitslosenhilfe 600. Bezahlen 520 knapp Miete. Mein Lütter ist fünf... hat Schwierigkeiten in der Schule... Hatte auch schon nen Brief bekommen, dass mein Sohn mangelernährt ist, Vitaminmangel hat. Und von dem bisschen, wenn man Miete und alles abrechnet, hat man 250-300 Euro im Monat zum leben. Und da kann man nicht die Weintrauben kaufen... Auch wenn man es außen nicht ansieht, aber innerlich ist dat furchtbar, wenn man nicht weiß, wat man kochen kann, und was es am Wochenende gibt.

Nicht immer ist Armut der Grund, dass Kinder ohne Frühstück in die Schule kommen. Bei manchen fehlt morgens die Zeit, weil zu spät aufgestanden wird. Und dann gibt es Kinder, die weigern sich, uncooles, sprich normales Pausenbrot mitzunehmen, wie eine andere Mutter erklärt.

Mutter: Die Kinder wollen das Pausenbrot gar nicht, was man zu Hause zubereitet, die wollen dann viel lieber das aus dem Kühlregal. Da kriegt man ja heute schon alles angeboten. Und es ist einfach auch frustrierend für ne Mutter wenn sie was machen und mitgeben und es wird nicht gegessen. Es kommt ungegessen wieder zu Hause an.

Das führt dann schnell zu schulischen Schwierigkeiten. Kopfrechnen, Diktate, konzentriertes Zuhören sind kaum möglich wenn Schüler ohne Frühstück zur Schule kommen, schon morgens nur Süßkram naschen, und kein ausgewogenes Pausenbrot dabei haben. Schuldirektor Jürgen Jasters:

Schuldirektor Jürgen Jasters: Es ist wie bei einem Motor. Der braucht Benzin zum Fahren, und die Kinder brauchen eben ein gutes Frühstück, um richtig lernen zu können über den ganzen Tag. Für die Kinder ist der Schultag sehr lang, er geht bis zur 6. Stunde, teilweise bis 15 Uhr. Und wenn die Kinder nicht gefrühstückt haben, dann brechen sie irgendwann ein, und werden unruhig, und das wirkt sich dann auf die Lernleistung aus.

Mittlerweile hat auch die Politik erkannt, dass Handlungsbedarf besteht. So übernahm Ernährungsministerin Renate Künast vor kurzem die Schirmherrschaft für ein Projekt in Berlin Kreuzberg, bei dem Schulkinder, ebenfalls unterstützt von der Berliner Tafel, preiswert zu Mittag essen können. Die Tatsache, dass immer mehr Kinder hungrig zur Schule kommen, sieht die Ministerin mit Sorge.

Künast: Das ist ein Desaster. Wir wissen heute, dass zu dem Kernproblem in den Schulen gehört, dass die Kinder nicht gefrühstückt in die Schule kommen, auch kein 2. Frühstück dabei haben, und dass die Kinder gerade aus der Unterschicht und Migranntenkinder besonders Probleme haben. Das verbaut denen Lebenschancen. Man sagt zwar, ein voller Bauch studiert nicht gerne, aber umgekehrt ist es auch: wer nicht sich richtig ernährt, hat in der Schule kaum Chancen und hat später im Beruf kaum Chancen.

Was kann die Politik tun, neben einer Abmilderung sozialer Härten, aktuell und auch bei den anstehenden Reformen des Sozialsystems? Wie können Kinder und Eltern sensibilisiert werden, das wichtige Thema Ernährung nicht einfach links liegen zu lassen?

Künast: Es ist also richtig ein Gerechtigkeitsthema, das wir heute sagen, das gehört als Thema in den Kindergarten, in die Schulen, es muss in den Katalog der Bildungsstandards aufgenommen werden, und wir müssen dafür sorgen, zum Beispiel bei Ganztagsschulen, dass es da auch Ernährung gibt und nicht nur Automaten.
Mein Traum ist eigentlich, die Kultusministerkonferenz, die ja über Bildungsstandards redet, jetzt auch das Wissen um Ernährung und Grundtechniken der Zubereitung mit zu den Bildungsstandards zählen. Also, ein moderner Mensch kann rechnen, schreiben, lesen, kann sich Sachverhalte erarbeiten, und hat das Basiswissen über Essen, oder Genuss durch Essen.


Ein schöner Traum. An der Rixdorfer Grundschule wird es vorerst weiter darum gehen, genügend Lebensmittelspenden zu erhalten, um die Kinder, die in der Schule Kohldampf schieben, mit Frühstück und einer warmen Mahlzeit zu versorgen.
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