Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
27.9.2004
Wenn die Natur Grenzen setzt
Wie Menschen selbstbewusst mit körperlichen Einschränkungen umgehen.
Von Maicke Mackerodt

Sportler beim Rollstuhl-Rugby mit vollem Einsatz (Bild: AP)
Sportler beim Rollstuhl-Rugby mit vollem Einsatz (Bild: AP)
Wenn die Natur nach einer Krankheit gesunde Arme oder Beine versagt oder einen Buckel wachsen lässt, setzten diese Menschen alles daran, um trotzdem ein normales Leben zu führen. Sie wollen keinen Krieg gegen ihren Körper führen und sich als Behinderte erleben, sondern begreifen diese Grenzen als Herausforderung und wollen sogar darüber hinausgehen. Fast sieben Millionen besitzen in Deutschland einen Schwerbehinderten-Ausweis, knapp die Hälfte davon ist zwischen 15 und 65 Jahre. Sie erhalten diesen Ausweis, weil ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit zu 50 Prozent vom Normalzustand abweicht.

Doris Tibackx: Mein Traum war immer auf der Bühne zu stehen und eine ganz, ganz große Sängerin zu werden und dann aber habe ich immer gedacht, dass eine Sängerin mit Buckel es ja eigentlich nicht gibt, wobei ich heute denke, dass es auch eine Sängerin mit Buckel geben muss. Ich bin zwar in der Kindheit verspottet worden, aber ich glaube, ich bin immer sehr gut damit umgegangen, ja und habe das dann auch irgendwie in die Kunst umgesetzt, dass ich gemalt habe, dass ich gesungen habe, aber das hat nie ausgelöst, dass ich irgendwie, was weiß ich, in tiefe Depression verfallen wäre oder mal mit dem Gedanken gespielt hab, jetzt mach ich meinem Leben ein Ende, nur weil ich einen Buckel hab. Also ich denk mal, so ein Handicap kann auch irgendwie ein Markenzeichen sein, ja also für mich ich bin ein ungeschütztes Markenzeichen. Man erwartet einfach von einem Menschen, der klein ist, nun auch noch einen Buckel hat, erwartet man nicht, dass er sich so auffällig zurecht macht und so stolz und selbstbewusst durchs Leben schreitet. Soll ich mich als graue Maus verkriechen, das habe ich auch schon zu hören bekommen, dass man so nicht aussehen darf, wie ich aussehe.

Im gold schimmernden Kleid und mit einem Pailletten besetzten Turban, dazu extravagante große Glitzer-Ohrringen - so steht Doris Tibackx alleine auf der Bühne eines gemütlichen kleinen Theaters. Dass die Kölnerin nur einen Meter 34 groß ist und noch dazu einen Buckel hat, nimmt man als Zuschauer zunächst gar nicht wahr. Der erste Eindruck: Hier steht eine kleine Powerfrau, die mit großem Vergnügen singt und spielt, ein nachdenkliches Solo-Stück über eine kleine Päpstin. Dabei hat die 67-Jährige mit den funkelnden Augen seit ihrem fünften Lebensjahr ein beachtliches Handicap. Als der 2. Weltkrieg ausbrach, bekam sie Rachitis - aufgrund von Mangelernährung, wie sich später herausstellte. Die Folge war eine starke Wirbelsäulenverkrümmung oder anders ausgedrückt: es wuchs langsam ein kräftiger Buckel. Doris Tibackx machte das Beste daraus. Ihre Mutter, ihre Tante und ihre Großmutter führten nach dem Krieg einen kleinen Kunstsalon in Köln. Es kamen Freunde des Hauses wie Bertold Brecht- und Klein-Doris tanzte und sang für sie.

Doris Tibackx: Also meine Familie ist so damit umgegangen, dass es diese Behinderung nicht gab, ich war nie das arme Kind, was ja nun behindert ist. Ich war immer das tolle Mädchen, was ganz tolle Sachen macht und da bin ich den drei Frauen auch heute noch sehr dankbar für, weil ich denke, nur dadurch konnte ich so werden, wie ich heute bin. Ich liebe auch glitzernde Sachen, also vorwiegend, ich kleide mich gerne wie eine der großen Hollywoodstars Rita Hayworth, Greta Garbo, Marlene Dietrich.

Die allerwenigsten sind von Geburt an behindert, die meisten wurden es durch Krankheit oder durch Unfall. Wer sein Leben trotzdem selbst in die Hand nehmen will, landet früher oder später beim "Zentrum für Selbstbestimmtes Leben". Seit gut 25 Jahren gibt es die weltweit agierende Bewegung. Allein in Deutschland gibt es 20 solcher Beratungsstellen, die Behinderte zum freien, eigenverantwortlichen Leben ermuntern beispielsweise in Berlin, Hamburg, Jena, Würzburg oder Kassel. Das Kölner Zentrum leitet der Psychologe Horst Ladeberger.

Horst Ladeberger: Das klassische Behindertenbild kennzeichnet sich dadurch, dass sie nicht selbst bestimmt leben können, es die Menschen so schwer haben, dass sie wenig Chancen, dass sie kaum am Leben teilnehmen können. Früher waren die klassischen Berufsbilder für blinde Menschen Besenbinder oder für Körperbehinderte Bürokaufmann, darin wurde ausgebildet, das zeigt, wie begrenzt die Sicht auf die Möglichkeiten behinderter Menschen war. Die Frage, ob die Natur Grenzen setzt, ist nicht die entscheidende, es geht um die Grenze im Kopf. Ich glaube man kann ne Menge Sachen riskieren und wagen, von denen viele das gar nicht für möglich halten, dass das erfolgreich sein könnte.

Wie bei Jürgen Kirchhoff. Der gebürtige Düsseldorfer war 1960 ein völlig gesunder Junge, als er mit anderthalb Jahren Kinderlähmung bekam. Impfungen waren in den 60erJahren noch nicht Vorschrift und seine eindeutigen Symptome wurden vom Kinderarzt nicht rechtzeitig erkannt. Betroffen waren sämtliche Körperfunktionen außer seiner Lunge. Zum Schluss konnte er nur noch selbstständig atmen, Arme, Beine und Oberkörper hingen dagegen leblos an ihm herunter. Bis zum 6. Lebensjahr war er ständig zu Gast in Krankenhäusern oder Reha-Zentren:

Jürgen Kirchhoff: Ich hab halt immer rumgequengelt, hilf mir hilf, meine Eltern sind extra brutal hart geblieben, haben gesagt, Junge Du wirst Dich irgendwann mal bedanken, dass wir jetzt so sind, ich hab das nicht verstanden und jetzt weiß ich, was ich denen zu verdanken habe, dass ich jetzt so weit bin. Ich hab überall Gefühl im Körper, Muskulatur in Rumpf, Hals und Arm ist zu 60 Prozent wieder zurückgekommen und ich bin in der Lage, ein selbstständiges Leben zu führen mit allem drum und dran.

Trotzdem setzte die Natur bei Jürgen Kirchhoff harte, irreparable Grenzen: Seine Beine blieben klein und mickrig, sodass er nie im Leben alleine stehen, geschweige denn gehen kann. Außerdem fehlt ihm die komplette Streckmuskulatur an den Armen: einfache Dinge wie den Tisch decken gelingen nur mit Verrenkungen. Seine Familie hat die körperlichen Grenzen zwar akzeptiert, aber sie wollten trotzdem, dass er ganz normal aufwächst.

Jürgen Kirchhoff: Da haben wir auch drum gekämpft, da sind die Klassen nach unten verlegt worden oder es sind Rampen gemacht worden, ich wollte nie in eine Schule, wo andere Behinderte sind, und erst als ich mit 19 in Ausbildung gekommen bin nach Neckar Gmünd ins Reha-Zentrum, da hatte ich für mich erstmals mit Behinderten zu tun. Meine erste Reaktion war, als ich in die Pforte rein gefahren bin, hier kann ich nicht bleiben, hier gehöre ich nicht hin. Das ist schon Schock, wenn man mit anderen konfrontiert wird und sieht, dass ich eigentlich noch wesentlich schwerer behindert sein könnte. Das kannte ich alles gar nicht"

Seit fünf Jahren ist der am Oberkörper vor Kraft strotzende Jürgen Kirchhoff ein erfolgreicher Hochleistungssportler: Rollstuhl-Rugby hat es ihm angetan. Wenn auf dem Spielfeld die Sport-Rollis bei beim Auto-Skooter zusammen krachen, ist er in seinem Element. Hochkonzentriert verteilt der kompakte 93 Kilo Mann die Bälle an seine Mitstreiter. Er ist seit vier Jahren Defensivspieler in der ersten Bundesliga bei den "Karlsruher Outlaws", wohnt in Bruchsal und trainiert drei Mal die Woche in Heidelberg. Trotz des vielen Sports ist der gelernte Informationselektroniker seit sieben Jahren in Rente. Das dauernde Sitzen im Rollstuhl brachte dem Servicetechniker massive Rückenprobleme. Nun hat der 44 Jährige mit dem gewinnenden Lächeln viel Zeit, betreut nebenher die Nachwuchsspieler - und war zuletzt bei den Paralympics, der offiziellen Olympiade für Behinderte in Australien.

Jürgen Kirchhoff:
Manchmal sieht das ein bisschen unbeholfen aus, weil der ganze Körper eigentlich immer, auch hier jetzt beim Rugby spielen, der ganze Körper ist immer in Bewegung, man ist in seinen Funktionen nicht so schnell zum Beispiel beim Rollstuhl fahren, das dauert bei unserer Behinderung etwas länger und sieht auch lustig aus, muss ich ganz ehrlich sagen, da ich gar kein anderes Leben kannte, war es relativ easy sich damit abzufinden. Mir stinkt's, dass ich nicht Motorrad fahren kann oder tanzen, aber Grenzen gibt es sonst keine für mich, ich würde gern noch mal Vater werden, das ist mein Traum und ich bin dran am Arbeiten."

Horst Ladeberger: Ressource orientiert heißt, dass man seine Grenzen sieht und erkennt, aber dass man auch die Möglichkeiten sieht und versucht auch in Richtung der Möglichkeiten weiter zu leben. Es gehen sicherlich eine Menge Türen zu, durch die man nicht mehr durch kann, vielleicht zeichnen sich auch neue Türen ab und die zu sehen und zu durchschreiten, das heißt das Leben unter den neuen Voraussetzungen neu zu gestalten.

Auch die Sopranistin Doris Tibackx hat sich von ihren körperlichen Handicaps nicht beirren lassen: Sie hat mit 20 geheiratet, einen Sohn bekommen, wurde Werbemanagerin und sang zunächst nur auf Privatfeiern. Erst vor 15 Jahren trat sie erstmals öffentlich auf, es folgten Galas beim Europäischen Behindertenfestival oder im Roten Rathaus von Berlin. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Alltag liebt die "kleine Nachtigall von Köln", wie ihre Fans sie liebevoll nenne, auffällige Inszenierungen. Und mit ihrem Buckel, hat sie sich längst angefreundet

Doris Tibackx: Mein Rücken macht mir nach wie vor große Probleme, das sind Schmerzen, die ich seit meinem 20., 25. Lebensjahr habe, die im Laufe der Jahre stärker geworden sind, und da muss ich einfach mit Leben. Also wenn ich auf der Bühne stehe, dann habe ich alles vergessen, aber nach der Vorstellung, dann spüre ich die große körperliche Anstrengung, die Kraft, die mich das kostet, so dass ich mich dann mit meinen Schmerzen wieder ins Bett legen muss.
Eine behinderte Künstlerin macht Theater, nein, nein, eine große Künstlerin, die zufällig behindert ist, die macht Theater und ich mach das auch nicht umsonst, also man erwartet ja oft von Behinderten, dass er da mal tanzen und springen kann und dann lachen ein paar Altersheime und freuen sich daran, da gibt es aber keine müde Mark für, das möchte ich nicht und das mache ich auch nicht. Jeder Mensch hat seinen Preis, ob behindert oder nicht behindert.
-> Kompass
-> weitere Beiträge