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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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28.9.2004
Die "virtuelle" Couch
Paartherapie Online
Von Kathrin Messerschmidt

"Interapy" ist eine in den Niederladen bereits anerkannte Therapieform. Behandelt werden nicht nur Traumata und Schocks, sondern auch Depressionen und Burn-Out. Motor dieser Entwicklung, also der Kombination von Psychotherapie und Internet, ist eine junge Psychologen-Generation, für die das Internet so alltäglich ist wie das Telefon.

Janine Duvenbeck: Mein Mann ist vor fast fünf Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, und unsere Tochter war damals eine Woche alt. Für mich war mein Mann mein Leben, und mit diesem Mann wollte ich mein Leben teilen und alt werden, und der war auf einmal nicht mehr da, ich hatte einfach überhaupt keinen Sinn mehr im Leben gesehen. Für mich war auch ‘ne schlimme Sache, der Kopf war also abgetrennt, und ich hab mir also die Bilder, die Unfallbilder auch angesehen, ich hab diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf gekriegt, und das hat mich immer verfolgt, ich bin abends ins Bett gegangen und hatte diese Bilder immer vor Augen.
Ich hab mich dann angemeldet auf dieser Homepage, meine Pastorin hat mir die Website da gegeben, und ich habe mir das durchgelesen, wie der Ablauf ist, und dachte, das klingt gar nicht schlecht. Und dann hab ich mich da angemeldet, und dann kam ‘n Fragebogen zurück, den hab ich ausgefüllt, die mussten da ja auch prüfen, ob ich geeignet dafür bin, und dann fing das an.

Janine ist mit ihrer Verzweiflung ins Netz gegangen, auf die Hompage des Projektes mit dem bezeichnenden Namen "Interapy”. Dort hat Janine versucht, in Worte zu fassen, wofür es keine Worte gibt.
Anfang August hat jemand versucht, in meine Wohnung einzubrechen. In dem Moment bin ich aufgewacht, und hab im Grunde dann auch schon geschrien, bin sofort zum Fenster und hab gebrüllt, hab mir die Seele aus dem Leib gebrüllt, und der ist dann auch, der hat sofort die Flucht ergriffen und ist weggerannt. Dann kam die Angst, und ich, ich konnte hier nicht mehr schlafen. Sobald es dunkel wurde, hab ich Angst bekommen, ich hab auch Schatten gesehen, also ich hab regelrecht halluziniert.

Susanne Lederer: Ich bin auf die Seite vom Weißen Ring, ich wollte fragen, ob die mir 'n Tip geben können, wohin ich mich wenden kann, und dann stand da "Interapy", und dann hab ich einfach mal draufgeklickt, und hab mir das durchgelesen, und dann hab ich mich entschlossen, das zu machen.

Bei Susanne ist es die Angst, wegen der sie vier Wochen nach dem Einbruch in ihre Wohnung bei "Interapy" landet. Es ist der Ort im Netz, wo Schocks und Traumata behandelt werden - von PC zu PC und von Mensch zu Mensch. Diplom-Psychologin Christiane Knaevelsrud leitet die deutsche Studie des "Interapy"-Projektes:

Christine Knaevelsrud: Interapy ist ne Forschungsgruppe von der Universität von Amsterdam um Professor Lange herum. Der hat vor zehn Jahren angefangen, über Schreibtherapie zu forschen. Dann haben sich da noch zwei Studenten dazugesellt, die damals die Idee hatten, die Schreibtherapie mit dem Internet zu kombinieren, daraus entstand der Name Interapy. Das ist ein Projekt, ‘n Behandlungsprotokoll, was ausschließlich auf internetbasiertem Kontakt beruht, zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsreaktionen, das heißt, diesen Spannungsreaktionen nach einem traumatischen Ereignis.

"Interapy" ist in den Niederlanden inzwischen breitenwirksam. Die Krankenkassen zahlen die Kosten. Behandelt werden nicht nur Traumata und Schocks, sondern auch Depressionen und Burn-Out. Motor dieser Entwicklung, also der Kombination von Psychotherapie und Internet, ist eine junge Psychologen- Generation, für die das Internet so alltäglich ist wie das Telefon.

Christine Knaevelsrud: Das sind alles Diplompsychologen da, die 'n entsprechendes Training durchlaufen dort bei Interapy, weil es selbstverständlich Eigenheiten gibt im internetbasierten Kontakt, der gravierend von dem normalen Face-to-Face-Kontakt abweicht. Ein Aspekt ist z.B., dass man überhaupt keine nonverbalen Hinweise hat, wie's der anderen Person gerade geht. Das bedeutet tatsächlich, dass man da kucken muss, dass man wesentlich expliziter in seiner Kommunikation ist. Das heißt auch, alles, was ich meinem Patienten entgegenbringe, muss ich in Worte fassen. Es ist nicht möglich, dass ich jemand ermutigend zunicke, dass ich jemand zulächel, dass ich jemand tröstend ankucke oder tröstend "mh" sage, sondern es muss alles verbalisiert werden.

Nach einem ausführlichen Eignungscheck und einer Einführung schreibt der Patient in der Zeit von mehreren Wochen zehn Texte innerhalb eines abgesprochenen Zeitplans.
In der ersten Phase stellt der Patient das traumatische Ereignis en detail dar. In der zweiten Phase werden die Patienten von den Therapeuten angeleitet, ihre Gedanken zu dem traumatischen Ereignis zu überprüfen und zu verändern.

Susanne Lederer: Der erste Text, das war ‘n Hammer. Ich konnte mich so gut in, in dieses diese erlebte Situation hineinversetzen, ich selbst hab mich empfunden wie wie in Trance. Ich hab im Grunde geschrieben als wär ich nicht ganz bei mir, aber ich glaub, genau das Gegenteil war der Fall, ich war absolut ganz bei mir, ich war ganz in mir drin, meine, meine Hände ham nur noch getippt, ich hab überhaupt nicht nachgedacht, was ich tippen soll, die haben von alleine getippt, ja genau, die haben von alleine getippt, und das war bei den anderen drei Texten ähnlich.

Janine Duvenbeck: Man hat jemanden, der sich bereit erklärt, sich auf dieses Problem einzulassen, der sich das durchliest, was man da schreibt, der sich mit diesem Problem auseinander setzt, und der auch seinen Senf dazugibt, sag ich mal so ganz lacksch, und das hat a) Spaß gemacht, und b) hat mir das sehr viel gegeben. Es gab ´n Input und ´n Output, das war ganz toll.

In der letzten Phase verabschieden sich die Patienten - von der Therapie und vom Therapeuten, vom traumatischen Ereignis oder von bestimmten lähmenden Gedanken und Gefühlen. Mit diesem letzten Brief hat sich Janine in eine neue, hoffnungsvolle Zukunft geschrieben.

Janine Duvenbeck: Die Therapie wird beendet mit einem, ja, so ‘ne Art Abschiedsbrief, das war also ein schöpferisches Meisterwerk, was ich da zelebriert habe, muss ich sagen, also da war ich so begeistert, ich hab mir das durchgelesen und hab gedacht, das ist wunderschön, und hab den dann rübergeschickt, und dann hat ich so ne Art Höhenflug, also, doll, also ganz toll, Du hast Dein Leben so gut wieder im Griff, und du hast es ja selber geschrieben, Du hast es Dir bewiesen, Du hast mal wirklich darauf, da drauf gekuckt auf Dich und Dein Leben, und Du hast das jetzt erkannt, und dann hab ich diesen Brief noch weiterhin verfeinert, und das, also das ist auch ne Geschichte, den les ich mir immer noch ganz oft durch. Also wenn ich mal ‘n Durchhänger habe, dann nehm ich mir den und lese da. Was, das hab ich ja geschrieben! Und das dann, das, toll, also da war ich, da war ich total begeistert von, auch heute noch.

So mancher, der im Internet surft, probiert die psychologische Onlinehilfe einfach mal aus. Das sind Menschen aller Bevölkerungsschichten, gebildet und ungebildet, Männer und Frauen, Junge und Alte, mit kleinen und großen Problemen. Für viele ist es der erste Kontakt mit einem psychologischen Hilfsangebot. Denn die Hemmschwelle bei der Online-Therapie ist niedriger als bei der klassischen Psychotherapie. Ein Klick, und der Anfang ist gemacht.
Umso wichtiger ist es, für die Zukunft klare Qualitätsstandards festzulegen, meint Diplompsychologin und Internetforscherin Christiane Eichenberg von der Universität Köln. In ihrem Buch "Klinische Psychologie und Internet" hat sie alle seriösen Hilfsangebote im Netz zusammengestellt, von Selbsthilfegruppen über Psycho-Chats bis zur Online-Therapie.

Christiane Eichenberg: Man muss zwischen psychologischer Beratung und wirklich Psychotherapie unterscheiden. Online-Beratung ist eher kurzfristig und lösungsorientiert, wohingegen dezidiert Psychotherapie längerfristig angelegt ist, über eine längeren Zeitraum angeht, wo die Interaktion zwischen Therapeut und Rat suchendem Patient auch viel dichter ist und auch das Ziel hat, eher ‘ne gravierende Persönlichkeitsentwicklung in Gang zu setzen. Online-Therapie im engeren Sinne, im Sinne von Psychotherapie, gibt es im Ansatz. Es gibt zwei Projekte im deutschsprachigen Raum, das ist einmal "Interapy", ein anderes ins "Theratalk", was sich als Paartherapie Online versteht, beide Programme werden wissenschaftlich evaluiert.

Für die internetbasierte Therapie ist die Technik ein Herzstück. Wenn sie nicht funktioniert, bricht das ganze Projekt zusammen. So kommt es, dass inzwischen viele von den jungen Psychologen zugleich IT-ler sind, also neben der Seelenkunde auch Informatik studiert haben. Im Zeitalter der Cyberkommunikation ist das kein Widerspruch mehr.
Für die Paartherapie Online mit dem sprechenden Namen "Theratalk" haben Dr. Ragnar Beer und Dr. Peter Breuer vom Psychologischen Institut der Universität Göttingen eine funktionierende Internet- Plattform entwickelt. Besonders wichtig war ihnen der Datenschutz. Kein Neugieriger soll mitlesen können, wenn Paare mit dem Therapeuten über ihre intimsten Probleme chatten. Dr. Peter Breuer von "Theratalk":

Dr. Peter Breuer: Wir haben ganz spezielle Server aufgesetzt, und die komplette Kommunikation zwischen den Klienten und uns läuft quasi sehr stark verschlüsselt nur ab, und es gibt verschiedenste andere Sicherheitsmechanismen, die wir noch eingesetzt haben. Wir ham aber auch generell organisatorische Maßnahmen sonst noch ergriffen, zum Beispiel landet nie 'n Name außer das Pseudonym in irgendwelchen Dateien auf den Servern, so dass wenn die Inhalte mal in irgendwelche falschen Hände kommen sollte, auch dann keine Klartextnamen da sind.

Dr. Ragnar Beer: Erst mal hat jeder einen eigenen Chat mit dem Therapeuten, jeder der Partner, und dann gibt es einen gemeinsamen Chat, und so können wir praktisch, wie es auch in der Therapie von Angesicht zu Angesicht mal Sitzungen alleine und mal zusammen gibt, können wir auch in dem gemeinsamen Chat besprechen, wie sieht es so aus, was meinen die Partner dazu, zu ihren Zielen z.B., zu den Problemen, und dann kann jeder einzeln da dran arbeiten, die auch zu verwirklichen. Die Therapie steht praktisch 24 Stunden am Tag zur Verfügung, Sie können irgendwann am Tag da reingehen, schreiben was, ich kucke als Therapeut auch irgendwann am Tag da rein, antworte was darauf, stelle neue Fragen, so dass es also praktisch ‘ne völlige Unabhängigkeit von der Zeit gibt. Und das ist was, was in der Online-Therapie sehr angenehm ist, dass man einfach beliebig lange überlegen kann, es redet einem keiner ins Wort und schneidet einem keiner irgendwie ‘n Satz ab.

"Visualisieren" heißt das Zauberwort bei "Theratalk". Auf der Homepage sind blaue und rote Wolken zu sehen, Berge, kleine und große, Herzen in allen möglichen Formen und Farben, bunte Diagramme, Zeichen und Symbole, die alle etwas bedeuten. So kann der Nutzer auch optisch seinen Therapieverlauf im Auge behalten.
Die Online-Therapie hat auch ihre spielerischen Momente, wenn die Patienten ihre Symbole ändern und im Chat mit dem Therapeuten auch mal Smilies einsetzen.
In psychologischen Fachkreisen wird Online-Therapie beargwohnt, abgelehnt oder nicht ernst genommen. Anonymität, Beziehungslosigkeit, Vereinzelung und Kontaktarmut würden gefördert statt abgebaut. Doch die vermeintlichen Nachteile entpuppen sich als Chancen. Dr. Breuer von Theratalk:

Dr. Peter Breuer: Die Anonymität kann ‘n Schutz sein, Betrachtungsweisen, Gedanken, die man hat, Gefühle, die man hat, äußern zu können, ohne das in ‘nem sozialen Kontext tun zu müssen, wo sofort bewertet wird, wo ‘n gewisser Zeitdruck auch ist, zum Beispiel. sofort wieder zu reagieren, man muss sich sofort wieder entscheiden, was ist eigentlich die Situation, analysieren, wieder reagieren, und in so ‘ner entzerrten virtuellen Umgebung, wo man noch nicht mal irgendwie als Person mit allem Drum und Dran gesehen wird, kann man sich halt sehr explizit und sehr isoliert auf gewisse Aspekte mal konzentrieren und da eventuell auch was Neues lernen, und insofern ist diese Anonymität n gewisser Schutz oder auch n gewisser experimenteller Freiraum, den man hat als Person.

Online-Therapie erreicht Menschen, die bisher selten den Weg zum Therapeuten geschafft haben, Menschen in ländlichem Gebiet mit weiten Anfahrtswegen, Menschen mit Behinderungen, Mütter mit Kindern, Menschen mit Platzangst, die das Haus nicht mehr verlassen. Online-Therapie wirkt keine Wunder, aber sie hilft. Studien belegen das. Und die Berichte der Patienten.

Sabine Lederer: Was für mich diese Therapie gebracht hat, das ist diese gedankliche Auseinandersetzung, diese intensive Auseinandersetzung und das vor allem auch, das zu Papier gebracht zu haben, ich hab da praktisch jetzt wie so ‘n Päckchen, wie so ‘n Päckchen ist da entstanden, in dem alle Aspekte dieses Ereignisses ganz gebündelt verpackt sind. Das ist zwar nicht weg, dieses Päckchen ist immer noch da, aber die Angst ist ne andere geworden, die Angst ist nicht mehr so, dass sie mich komplett erfüllt, sie passt jetzt mehr in eine Hand rein und dringt nicht aus jeder Pore meines Körpers. Wenn man mit 30 so am Abgrund is, dann kann man nicht sagen, juhu, das Leben ist wieder super, das sind winzige kleine Schrittchen, ganz kleine Fortschritte, die man macht, aber die man auch erkennen muss. Die Trauer, ganz klar, die wird immer bleiben, dieser Mann, den ich geliebt habe, der bleibt, der is tot und der bleibt leider Gottes auch tot, und die Trauer wird bleiben. Aber einfach das weitere Leben, das kann man besser leben dann. Es ist diese Geschichte einfach, nicht aus der Froschperspektive sein Leben einfach betrachten, sondern aus der Vogelperspektive, einfach mal aus ‘nem anderen Blickwinkel darauf zu kucken und dann halt auch diese anderen Dimensionen, die sich da auftun, zu erkennen, und ich glaube, das ist ‘ne gute Geschichte, da diese Internettherapie, um wirklich vom Frosch zum Vogel zu mutieren.
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