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30.9.2004
Saison-Migranten
Östliche Arbeiter in westlichen Weinbergen
Von Ludger Fittkau

Weinernte (Bild: AP)
Weinernte (Bild: AP)
In diesen Tagen beginnt in den deutschen Weinbaugebieten die Traubenlese. Um Sorten wie den Riesling, Weißherbst oder den Grauen Burgunder pünktlich zu ernten, werden auch in diesem Jahr mehr als 100.000 Erntehelfer aus Ost- und Südost-Europa eingesetzt. Allein in den rheinland-pfälzischen Weinbergen werden es rund 40.000 Saisonarbeiter sein, die von Ende September bis in den Dezember die harte Erntearbeit leisten.
Die meisten Helfer sind nur zwei bis drei Monate in Deutschland - für eine längere Zeit bekommen sie keine Arbeitserlaubnis. Doch weil viele Weinbauern händeringend auch erfahrene Kräfte für andere Arbeiten außerhalb der Erntezeit suchen, bleiben immer mehr Weinbau-Helfer zum Beispiel aus Polen immer länger in den Weinorten am Rhein. Möglich wird das innerhalb der EU zum Beispiel durch einen zweiten festen Wohnsitz und eine doppelte Staatsbürgerschaft. So werden von den klassischen Erntehelfern mehr und mehr zu ”Saison-Migranten”, die in zwei Welten leben: Etwa ein halbes Jahr im Herkunftsland, die andere Hälfte des Jahres im Westen.


Kurz nach sieben Uhr morgens lässt Krzysztof Sobania auf dem Hof des Weingutes Karthäuserhof im Mainzer Vorort Hechtsheim den Motor des Traktors an und fährt los Richtung Weinberg im Nachbarort Laubenheim.

Krzysztofs Frau Gabi steigt gleichzeitig in einen Kleintransporter, den Konrad Meier steuert, der Winzer des Karthäuserhofes. Er erklärt, was in Laubenheim zu tun ist:

Das ist nen Weinberg (...) Spätburgunder, und dort wird Laub geschnitten und noch etwas beigeheftet, sagt man dazu. (...) Da werden also Triebe, die nicht exakt eingewachsen sind, in den Drahtrahmen, die werden noch mal eingesteckt.

Die frischen Triebe des Weinstockes in das Drahtgeflecht zu stecken, das die einzelnen Stöcke zu einer 180 Meter langen, heckenartigen Reihe verbindet - dies wird an diesem Morgen die Arbeit von Gabi Sobania sein.

Nach zehn Minuten Fahrt erreichen wir die Weinberge am Rande von Laubenheim. Von hier aus blickt man über die sanften Hügel Rheinhessens auf das Rheintal und den Odenwald im Süden, im Norden schaut man über die Silhouette der Stadt Mainz auf die dicht bewaldeten Hänge des Taunus.
Die Landschaft kann auch Gabi Sobania auch nach Jahren schwerer Arbeit im Weinberg immer noch genießen:

Ja (lacht) In Polen gibt es keine Weinberge. Ich weiß nicht, in Jelenia Gora, früher war es so, aber jetzt, bestimmt nicht.

(Winzer): Rheinhessen wird ja nicht umsonst die Toskana des Nordens genannt. Und vor zwei Jahren habe ich mal selbst für mich eine Lehrfahrt mit meiner Frau in die Toskana gemacht, also es ist schon sehr ausgeräumt in der Toskana, anders als in Rheinhessen. Rheinhessen, von dem man immer sagt: Ausgeräumte Natur, sieht da schon erheblich besser aus, abwechslungsreicher, als die heutige Toskana.

Kurz, nachdem der Winzer den Kleinbus am Rande des Weinbergs geparkt hat, nähert sich Krzysztof Sobania mit dem Traktor in einer so genannten ”Rebgasse” zwischen zwei Reihen mit Weinstöcken. Der Traktor zieht eine Maschine, die die Rebstöcke von oben automatisch beschneidet. Mit einer Heckenschere kümmert sich seine Frau Gabi dann um die Stellen, die Krzysztof maschinell nicht bearbeiten kann.
Winzer Konrad Meier gibt noch Arbeitsanweisungen:

Machste Blätter weg, von der anderen Seite?
Gabi: Ja.
Winzer: Wobei, die Arbeit wollen wir jetzt, auch im Zuge, dass die halt mal nach hause fahren können, mechanisieren, es gibt jetzt eine neue Maschine (...) die das praktisch so gut kann wie die Hand.
Winzer ruft: Gabi! Kommste hier auf die Seite? Das ist besser!
Bis vor zwei Jahren war ja der Krzystof immer alleine hier, Gabi hat in Polen eine Arbeit gehabt, zwar eine sehr schlecht bezahlte, wurde ihr aber dann gekündigt.

Gabi und Krzysztof Sobania arbeiten wie die meisten Bewohner des kleinen Dorfes Bierdzowny in Schlesien im Frühjahr und im Herbst jeweils zwei bis drei Monate in der deutschen, österreichischen oder niederländischen Landwirtschaft. Holland ist zurzeit bei den polnischen Landarbeitern besonders beliebt, weil dort die Arbeitserlaubnis unbürokratischer zu bekommen ist als hierzulande. Doch der Winzer Konrad Meier ist daran interessiert, erfahrene Mitarbeiter zu haben, auch wenn sie wegen langfristiger Verträge teurer sind als Tagelöhner:

Ich sehe dort einen anderen Trend, ich sehe den Trend einfach, den man in der Industrie hat, also viele Kollegen nehmen heute Rumänen, wenn es geht noch Ukrainer, das heißt, es möglichst billig zu machen. Wobei, ob das letztendlich das billigere ist, dass muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich weiß aber auch von vielen Kollegen, da fängt teilweise schon die zweite Generation in den Betrieben an zu arbeiten, weil es hat sich rausgestellt, wenn man ständig dieselben Leute hat, der Output einfach besser ist, als wenn man es jeden Tag und immer wieder den Leuten neu erklären muss, was man zu machen hat.

Dass muss man Gabi und Krzysztof Sobania nun wirklich nicht erklären - Krzysztof arbeitet bereits seit zwanzig Jahren im Mainzer Winzerbetrieb ist. Wenn sie in Deutschland sind, leben die Sobanias in einer komfortablen Drei-Zimmer-Wohnung, die ihnen die Winzerfamilie zur Verfügung gestellt hat. Im Herbst und im Frühjahr bilden die Meiers und die Sobanias auf dem Weingut eine Art Großfamilie.
Gabi Sobania wäre zwar einerseits gerne öfter zu hause in Polen, andererseits ist sie froh, in Deutschland regelmäßig Arbeit zu haben:

Für mich ist es jetzt hier besser. Früher war es in Polen auch gut, aber jetzt ist es die Katastrophe, es gibt keine Arbeit und kein Geld.

Das Geld, das es in Mainz verdient, reicht dem schlesischen Paar aus, in Polen dann den Rest des Jahres in bescheidenem Wohlstand zu leben. Sie sind nicht die einzigen "Saisonmigranten” ihres Dorfes Bierdzowny. Von den 600 Einwohnern sind oft mehr als die Hälfte des Jahres nicht zu hause, erzählt Gabi Sobania während der Rückfahrt vom Weinberg.

Die jungen Leute, die sind weg (...) Da sind die kleinen Kinder zu hause und die alten Leute und die anderen sind alle weg. In Holland und in Deutschland arbeiten.

Ein Wachhund im Zwinger auf dem Hof an der Straße ul stowowiejska Nr 17 schlägt Alarm, wenn man sich in Bierdzowy dem Haus der Sobanias nähert. Im dem kleinen schlesischen Dorf 20 Kilometer nordöstlich von Opole, dem ehemaligen Oppeln, hat fast jedes Haus einen Wachhund, schon deshalb, weil die alten Leute im Dorf so oft alleine sind, wenn die Jungen im Westen arbeiten. Auch die neunundsechzigjährige Lene Sobania, die deutsche Vorfahren hat, muss alleine zurechtkommen.

Was ich kann, das mache ich. Und was ich nicht kann..

Und auf die Frage, wer ihr dann hilft:

Na ja, keiner! Hier sind ja bloß alte Leute. Sind alles Alte. Die Jungen sind weg.

Um Sohn und Schwiegertochter zu sehen, reist auch Lene Sobania ab und zu aus Schlesien an den Rhein:

Lene: Die sind ja sowieso das ganze Jahr weg.

Sohn: Ein halbes Jahr.

Lene: Ein halbes Jahr. Zwei Monate weg oder drei Monate und einen Monat sind sie wieder da. Was ist das für ein Leben?

Der August ist einer der Monate, in dem diese Frage im Leben der Familie Sobania in den Hintergrund tritt. Gabi und Krzystof machen vor dem Beginn der Weinernte ”Urlaub” zu hause in ihrem Dorf in Polen. Es ist warm in Schlesien, man sitzt im Gartenhaus oder die Frauen backen Plätzchen, wie es hier schon immer üblich war.
An diesem Tag haben die Sobanias Besuch von Siegfried Hiller aus Witten an der Ruhr. Siggi, wie ihn Gabi und Krzystof nennen, arbeitet dort im Thyssen-Stahlwerk. Das war nicht immer so. Denn Siegfried Hiller ist in Polen geboren, hat seine Jugend in einem Nachbarort verbracht und ist dann nach Witten umgesiedelt:

Ich bin ausgewandert, ja.

Seit 18 Jahren lebt er jetzt im Ruhrgebiet und hat sich längst dort eingelebt, obwohl es nicht einfach war:

Man musste ja von neuem beginnen. Wir haben ja nichts gehabt, sage ich mal. Gut, eine Wohnung gekriegt und erst einmal alte Klamotten. Und im Nachhinein hat man sich immer wieder was Neues geholt. Ohne Urlaub, ohne nichts. Na gut, momentan geht es mir nicht schlecht. (..) ich brauche mich nicht schämen, wenn einer in die Wohnung kommt.

Der jetzt 40 Jahre alte Facharbeiter hat heute einen guten Job im Wittener Thyssen-Stahlwerk. Heimatlich verbunden fühlt er sich Schlesien genauso wie dem Ruhrgebiet - nicht zuletzt deswegen, weil er an beiden Orten bereits Familienangehörige beerdigen musste:

Omas und Opas, die sind hier beerdigt. Aber der Vater ist da beerdigt worden und wir wahrscheinlich auch. Und ich habe auch schon einen Sohn da beerdigt und deswegen … sage ich auch - ich habe da die Heimat und hier die Heimat.

Siegfried Hiller und seine Familie als Auswanderer in Witten und die Sobanias mit ihrem Pendelleben zwischen dem Weingut am Rhein und ihrem kleinen, dörflichen Anwesen in Schlesien: Das sind zwei sehr unterschiedliche Modelle, mit dem sozialen und wirtschaftlichen Gefälle fertig zu werden, das mitten in Europa besteht. Siegfried Hiller hält nichts vom Pendlerleben, das viele Polen seit Jahren führen:

Die Familie geht ja dadurch kaputt. Viele Familien gehen dadurch kaputt. Weil die Leute sich auseinanderleben.

Dennoch kann sich Krzysztof Sobania nicht vorstellen, ganz nach Deutschland zu gehen. Trotz des freundschaftlichen Verhältnisses zur Winzerfamilie Meier In Mainz ist ihm das Leben in Deutschland insgesamt zu anonym:

Hier ist das Dorf, hier kann ich gehen, wann und wo ich will und da, nein... Hier kennt jeder jeden, das gefällt mir. Und da? Ne. Ich gehe hier in den Ort und da sagt jeder: Hallo, wie geht's.

Siegfried Hiller kann zwar verstehen, warum Krzysztof und seine Familie nicht endgültig in den Westen auswandern. Aber er weiß auch, was ihm dadurch verloren geht:

Zwischen mir und ihm, da ist auch ein großer Unterschied. Ich lebe da und habe mir den Kreis aufgebaut. Und der fährt nur zur Arbeit. Wenn er da gelebt hätte, hätte er sich bestimmt auch einem Kreis aufgebaut.

Hiller glaubt nicht, dass er noch einmal nach Polen zurückgeht. Die wirtschaftlichen Probleme im Land schrecken ihn ab. Heute reihen sich an den schlesischen Ausfallstraßen zwar all die Baumärkte, Möbelhäuser und Fast-Food-Restaurants, die es auch im Westen gibt. Dennoch ist Polen noch längst nicht auf dem Weg in die Überflussgesellschaft. Vielen Familien fehlt es am nötigen Geld für die Verlockungen der glitzernden Warenwelt. Und die Alten müssen bei Renten von 120 Euro ohnehin mit jedem Zloty rechnen. Oder wie die alte Schlesierin Lene Sobania, Krzysztofs Mutter, immer noch sagt: ”jeden Pfennig” umdrehen:

500 Zloty das sind ungefähr 120 Euro. Da können sie vergleichen. 500 Zloty, das sind ungefähr eine Tonne Kohle. Die kostet ja 400 Zloty.

In den schlesischen Dörfern wird noch viel mit Kohle geheizt, erzählt Siegfried Hiller. Und im Winter wird es oft sehr kalt:

Im normalen Bedarf braucht man vier, fünf Tonnen. (...) Und das finde ich traurig, in Polen gibt es ja eigentlich genug Kohle. Aber wenn man so sieht- alte Leute, die kommen mit Taschen und holen Kohle, weil die kein Geld haben. Das gibt es schon, dass die keine Tonne oder zwei bestellen, sondern sagen wir mal: 20 Kilo.
Es gibt sogar Leute, die in Schlesien, in Kattowitz, vom Zug was runterholen, das sammeln und weiterverkaufen.(...) da gibt es ja keine Arbeit und davon leben die auch. Da gibt es ja Leute, die buddeln Löcher, so wie früher, vor dem ersten Weltkrieg. Es gibt Leute, die selbst unter die Erde gehen und die Kohle schaufeln. (...) Wobei das verboten ist, aber die haben keine Alternative. Manchmal gehen ganze Familien, Kinder, Frauen alles.


Wie Rentner und Arbeitslose zurechtkommen sollen, darum kümmern sich die Politiker nicht, kritisieren Krzysztof und Siggi:

Das interessiert keinen. Um ehrlich zu sein. Wer Arbeit hat, hat Geld. Das ist alles. Die machen hier für die armen Leute überhaupt nichts.

Meiner Meinung nach hat das noch viel mit dem Kommunismus zu tun. Die, die im Kommunismus richtig Geld gehabt haben, haben einen guten Start gehabt. Und die haben sich jetzt groß gemacht. Und die kleinen Leute haben ja nichts gehabt, jetzt sind sie - sage ich mal - weiße Neger.


Deshalb gibt es für viele keinen anderen Weg, als regelmäßig im Westen zu arbeiten,
Doch auch in der deutschen Landwirtschaft werden die Saisonarbeiter oft schlecht behandelt, empört sich der Wittener mit polnischen Wurzeln:

In meinen Augen ist das Ausbeutung. Das ist Ausbeutung bis zum geht nicht mehr. Auch die sozialen Sachen und Wohnungen, so wie die leben. Das muss man sich manchmal angucken.

Obwohl es die Sobanias bei der Winzerfamilie Meier in Mainz-Hechtsheim gut getroffen haben, kann Krzysztof seinem Gast nur beipflichten:

Mir geht es gut. Aber andere, die ich kenne, die haben es nicht so schön.

So würden die Saisonarbeiter im Herbst während der Weinlese manchmal nicht einmal in heizbaren Häusern untergebracht:

Ja, manche im Camping oder so (...) Auch im Herbst.

Ich kenne auch solche, die haben in der Scheune gewohnt. Da wurden Zwischenwände hereingemacht, keine vernünftigen Toiletten und Waschmöglichkeiten und dies und das. Aber die Leute fahren ja da hin, weil es sich immer noch lohnt, die paar Mark - oder Euro - nach hause zu bringen.

Da geht es Gabi und Krzysztof Sobania auf dem Weingut in Mainz unvergleichlich besser- mit ihrer geräumigen Wohnung und verlässlichen Arbeitsverträgen. Deshalb werden sie noch lange zwischen Schlesien und der Mainzer Bucht hin- und herpendeln:

So lange wir noch gesund bleiben, machen wir noch weiter.
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