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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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1.10.2004
Schafskäse zum Frühstück
Kultursensible Altenpflege
Von Heike Krohn und Claudia Wessling

Rentner mit Gehilfe (Bild: AP)
Rentner mit Gehilfe (Bild: AP)
Aus Dörfern in Anatolien, aus Kleinstädten auf dem Pelepones und dem Balkan kamen in den 60er und 70er Jahren Menschen als Gastarbeiter in die Großstädte Deutschlands. Sie wollten nicht lange bleiben, bald wieder gehen, mit einem Koffer voll Geld. Aus wenigen Jahren wurde oft ein ganzes Leben. Damit hat keiner gerechnet: die Migranten nicht und auch nicht die deutsche Gesellschaft. Nun kommt die Generation der ehemaligen Gastarbeiter in der Altenpflege an.

Mittlerweile zählen ältere Migranten zur am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. Kulturelle Unterschiede und Sprachbarrieren stellen Einrichtungen und Pflegepersonal vor neue Herausforderungen. Mit einer bundesweiten Kampagne zur "Kultursensiblen Altenpflege" unter der Schirmherrschaft der Bundessozialministerin Renate Schmidt sollen Sozialarbeiter, Altenpfleger und Migranten gemeinsam Ideen entwickeln, wie die Kulturen in diesem Bereich aufeinander zugehen können.


Kansuker: Ich bin seit 1969 in Deutschland. Ich habe viel gearbeitet, Mechaniker, als Maler, als Bohrer, Chemie-Arbeiter. Aber letzte Zeit war als immer Kolonnenführer, Vorarbeiter gemacht, mit den modernen Maschinen. Und letzte Zeit war Zigarettenfabrik gearbeitet. Danach, wegen meiner Krankheit ich war arbeitslos gewesen.
Meine Frau ist 1990 gestorben. Ich bin Witwer. Aber mein Tochter, mein Sohn, Enkel, alle sind in Heimat. In Berlin meine Bruder lebt.


Erdogan Kansuker kam aus Istanbul nach Berlin. Nach einem harten Arbeitsleben musste er nach mehreren Herzanfällen und einem Schlaganfall bereits mit 59 Jahren in Frührente gehen. Er ist auf die Hilfe eines Pflegedienstes angewiesen.

Kansuker: Ich bin sehr schwer krank. Wegen des Behandlung ist hier mehr Möglichkeit als Heimat. Ich muss hier bleiben. Ich gehe besuchen, aber ich komme, manchmal ich gehe für ein zwei Monate, aber zwei Wochen später ich komme sofort zurück. Wegen Schmerzhaft und dann die Klimawechsel und dann.

Viele ältere Migranten, wie Erdogan Kasuka haben sicher nicht erwartet, im Alter einmal einsam zu sein. Die Kinder der Migranten kämpfen mit den selben Problemen wie alle: sie müssen arbeiten gehen und haben keine Zeit.
Die traditionelle Großfamilie gibt es hier nicht mehr. Schon längst gehören Migranten zum Klientel der deutschen Altenhilfe. Aber alle Beteiligten tun sich schwer. Migranten wissen oft nur wenig über das Angebot der Pflege- und Altenheime. Und diese sind bislang kaum auf die Kunden aus verschiedenen Kulturen vorbereitet.

Ulrika Zabel: Das Interesse ist nicht groß, aber das wundert uns nicht. Schließlich eh haben wir alle in dem Land gedacht, wir haben zwar Zuwanderer, aber em um die brauchen wir uns nicht kümmern, die sind einfach eines Tages wieder in ihren Ländern. Und dieses Denken hat sich wirklich schon fast tradiert, ja? Und das eh mit großem Interesse und Erstaunen hören dann Einrichtungsträger sich das Thema ersten Mal an und sagen, ach sie haben ja Recht. Ja stimmt, habe ich schon mal gehört, die werden jetzt auch hier alt und so. Damit haben wir uns noch nicht beschäftigt, ja?

Ulrika Zabel, die Migrationsbeauftragte der Berliner Caritas, berät Altenhilfeeinrichtungen, wie sie sich für Senioren aus anderen Kulturen öffnen können. In diesem Gemeinschaftsprojekt "Alt werden in der Fremde" kooperieren die Landesverbände der Caritas und der Arbeiterwohlfahrt. Der Berliner Senat und die LIGA der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege fördern das Projekt, das auch Schulungen für Pflegekräfte anbietet. Wie pflegt und versorgt man alte Menschen aus anderen Ländern? Wie berücksichtigt man ihre Kultur, ohne dabei in Klischees zu denken und die individuellen Biographien zu vergessen?

Im Berliner Stadtteil Tiergarten haben zwei pfiffige türkische Unternehmerinnen das Problem erkannt und sich genau darauf spezialisiert, was viele Altenpflegeeinrichtungen bislang vernachlässigen: kulturspezifische Pflege. Der Tagespflegedienst beschäftigt 82 Mitarbeiter und versorgt in Berlin fast 570 Patienten, zum überwiegenden Teil Türken.

Akgün: Wir betreuen die Leute in ihrer eigenen Muttersprache und in ihrer eigenen Kultur. Bei Demenzpatienten ist das sehr wichtig. Weil die Demenzpatienten, die kehren in ihre Kindheit zurück. Und wenn man die Kultur nicht kennt und die Muttersprache nicht kennt, auch wenn die vorher sehr gut Deutsch konnten, wegen der Krankheit vergessen sie die letztgelernte Sprache und sprechen ihre Muttersprache. Und wenn man die Muttersprache nicht kennt und die Kultur, dann kann man die Leute nicht gut helfen.
Hatice Akgün ist die Geschäftsführerein von "Detamed" und hat den Pflegedienst mitbegründet. Das Konzept von Detamed lautet: Pfleger und Pflegerinnen müssen auf die Sitten und Gebräuche der Menschen aus den verschiedenen Regionen und Religionsgemeinschaften eines Landes eingehen.

Akgün: Es reicht nicht die Sprache zu kennen, man muss auch die Kultur kennen. Aber wenn sie zu einem deutsche Tagespflege hingehen und die haben trotzdem türkische Mitarbeiter zum Beispiel. Wenn die Jugendlichen, die hier aufgewachsen sind, die kennen die Kultur nicht gut. Die erste Generation, die sind alle im kleine Dörfer oder kleine Städte gekommen. Die waren nicht mal in ihrem eigenen Land in eine Großstadt, die sind gleich nach Deutschland zu einer Großstadt gekommen. Und für denen war das am Anfang sehr schwierig, wenn man diese Geschichte nicht kennt, kann man die Leute auch nicht gut helfen.

Schreiber: Einigen türkischen Männern - kann ich ihnen jetzt nicht sagen, von welchen Glaubensrichtungen - gibt man nicht die Hand, Frauen dürfen nur von Frauen gewaschen werden. Männer lassen sich aber auch nicht unbedingt nur von Männern waschen, sondern auch lieber von Frauen; oder sie baden, selbst wenn sie in der Badewanne sitzen, mit Hosen - mit Unterhose, mit Badehose - weil sie sich nicht ganz waschen lassen wollen ... Und ich denk mal, das ist noch extremer als bei den Deutschen, also dieses extreme Schamgefühl.

Wenn die Pfleger eine türkische Wohnung betreten, dann sollen sie sich an die kulturellen Gepflogenheiten halten. Pflegedienstleiterin von "Detamed", Birgit Schreiber, weiß, dass diese Dinge wichtig sind. Das kann heißen, Schuhe ausziehen oder keine ärmellosen Tops für Pflegerinnen. Unkundige treten da schnell in Fettnäpfchen. Aber das größte Problem bleibt die Sprache.

Ronald: Dass Leute ne Insulinmenge gespritzt bekamen, die war vom Arzt verordnet. Aber sie bildeten sich ein, sie könnten von sich aus die Dinge verändern. Und da ich ja dem Arzt quasi verantwortlich bin und auch der medizinischen Grundlage - also ich würde meine Anerkennung verlieren, wenn ich was anderes mache und daraus n Notfall entsteht - musste ich diese Menge, die angegeben war, spritzen und dann konnte ich mich nicht verständlich machen und das war dann allerdings n Problem. Und daraus ergaben sich insofern Missverständnisse, dass dann der Mann kam, also weil die Frau diese Menge an Insulin haben musste, und wurde da laut ... Und ich musste irgendwie versuchen mit Händen und Füßen die Situation zu beruhigen, ne.

Pfragner: Es ist halt schon denn so, dass bei den ausländischen Angehörigen em mehr Personen antraben, nicht? Und da ist ja auch das dann mitunter mühsam, dem einen, dem zweiten und dritten und zehnten ein und dasselbe zu sagen nicht? Man hat schon dann das Gefühl, sie verstehen es, aber dann kommt der Elfte und fragt dann dasselbe nochmal.

Ulrika Zabel weiß aus ihren Schulungen, dass viele Pfleger sich nicht trauen, einen ausländischen Patienten zu kritisieren. Denn sie wollen nicht als ausländerfeindlich abgestempelt werden.

Zabel: Weil wir ja das Problem der Zuwanderung auch in den 80er Jahren so diskutiert haben, ach das ist alles easy und alle Zuwanderer sind hehre Menschen und man darf da nichts kritisieren aufgrund unserer deutschen Geschichte auch und so sind sie auch, so gehen sie auch an das Problem ran. Also ich darf mich über eine Martha Müller ärgern als Patientin, der sage ich das auch, aber ich darf mich über einen Herrn Tuty Paratawayongan darf ich mich nicht ärgern. Und das stimmt ja so nicht. Und das macht natürlich was mit den Pflegern. Und dann sind sie natürlich nicht erfreut, mit dieser Haltung die Patienten zu pflegen.

Berlin-Kreuzberg. Fast vierzig Prozent der über 55-Jährigen im Kiez sind Migranten, die meisten von ihnen aus der Türkei. In dem Bezirk liegt auch das katholische Pflegeheim Sankt Marien. Angeschlossen an das Pflegezentrum ist ein Konvent der Marienschwestern von der Unbefleckten Empfängnis.

Grigoszat: Also beim Einzugsformular haben wir jetzt em das haben wir überarbeitet und da viele Dinge mit aufgenommen, die sich eben aus den speziellen Fragestellungen von Migranten ergeben haben, also das was uns vorher vielleicht nicht so wichtig erschien, ist jetzt mit aufgenommen worden. Zum Beispiel wir Fragen wie seit wann sie in Deutschland sind. Wir haben hier zum Beispiel bei den Angehörigen auch immer gleich die Abfrage inwieweit gute Deutschkenntnisse da sind. Dann weiß man sozusagen wenn ne Nachfrage ist, dass man immer gleich weiß, welchen Angehörigen können wir ansprechen.

Gefragt wird auch nach der Muttersprache, nach dem rechtlichen Aufenthaltsstatus, nach Ernährungsgewohnheiten, ob eine Rückführungsversicherung im Todesfall vorhanden ist, oder ob jemand bevorzugt von Männern oder Frauen gepflegt zu werden möchte.

Grigoszat: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass auch diese Fragen auch beim Erstgespräch auch für die Migranten sehr wichtig sind. Auch wenn man da nicht alles umsetzen kann, merken sie dann doch em wir haben uns mit den Fragen beschäftigt und das wissen sie häufig schon sehr zu schätzen.

Das St. Marien hat sich mit dem Kiez entwickelt. Von den achtzig Bewohnern im Heim sind zurzeit zwölf Migranten. Die Hälfte davon kommt aus der Türkei, die anderen aus Nigeria, Jugoslawien, Palästina oder dem Libanon. Die Veränderungen beginnen im Kleinen: Es werden türkische Zeitungen verkauft, es gibt türkisches Fernsehen, im Fahrstuhl hängen mehrsprachige Sicherheitshinweise. Und auch für die Küche heißt es: anders kochen.

Grigoszat: Also da entwickeln wir uns noch weiter, das wirklich auch bestimmte - was weiß ich - zum Beispiel helle Soßen, was wirklich dort überhaupt nicht üblich ist. Dass man so was auch wirklich weglässt und ja auch in Richtung Mittelmeerküche dann entwickelt, ja.
Und das geht natürlich auch weiter dann, dass fürs Frühstück und Abendbrot entsprechend dann auch Oliven und Schafskäse und so was auch immer im Angebot ist dann für Migranten.

Wie auch andere hat sie die Erfahrung gemacht, dass Migranten viel früher als ihre deutschen Altersgenossen pflegebedürftig werden. Die Migranten unter den Heimbewohnern sind zwischen 52 und 79 Jahre alt; oft schwer krank. Deutsche kommen im Schnitt erst mit 80 Jahren. Jana Grigoszat will offen auf die Zuwanderer zugehen und für ihr Heim werben. Doch das ist nicht so einfach.

Grigozat: Unsere Erfahrung ist, dass die Migranten eigene Kommunikationswege haben (em) hauptsächlich was also den türkischen Bereich angeht, dass es mehr Mund-zu-Mund-Propaganda ist und da ist es eben wirklich auch ne Herausforderung, dass wir sozusagen Kontakte haben zu türkischen Vereinen oder Ärzten und so weiter, (so dass wir auch bekannt werden und) damit das Angebot auch erstmal bekannt wird.

Noch ist für viele Zuwanderer ist die Hemmschwelle, sich einem deutschen Pflegeheim anzuvertrauen, sehr hoch.

Zabel: Sie haben als Erfahrung gemacht, dass man sie nicht als Menschen gesehen hat, sondern a sie sind Türke, also Schublade auf: Was Türken alles sein sollen. Das summiert sich natürlich alles im Alter und sie wissen, dass diese Offenheit, die sie jetzt eigentlich auch bräuchten im Alter, ihnen nie begegnet ist in diesem Land oder nur wenig begegnet ist - und dann haben sie auch nicht mehr so das Vertrauen, dass das gerade im Alter ihnen dann begegnen soll.

Kansuker: 30 Jahre ich lebe in Deutschland. Ich bin nicht deutsche Behörde, aber Deutschland auch meine halbe Heimat, meine halbe Leben ist hier gewesen. Halbe da, halbe Rest Leben

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