Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
4.10.2004
Wenn Bello weint
Bemerkungen über die Tierpsychologie
Von Irene Binal

Müssen Hund gut aussehen, um sich wohl zu fühlen? (Bild: AP)
Müssen Hund gut aussehen, um sich wohl zu fühlen? (Bild: AP)
Der Hund jault nächtelang, die Katze sitzt vergrämt im Eck oder der Kanarienvogel lässt traurig die Flügel hängen: Höchste Zeit für einen Besuch beim Tierpsychologen. Denn diese haben sich ganz dem seelischen Wohlbefinden des Tieres verschrieben - und sind mittlerweile auch in Deutschland etabliert. Rechtzeitig zum heutigen Tag des Tieres hat sich Irene Binal auf die Suche nach jenen gemacht, die dem Tier bei Seelenschmerzen Linderung versprechen - und ist auf eine oft verkannte Berufsgruppe gestoßen.

Die Psychologen haben einfach die Möglichkeit, einem Wege aufzuzeigen, mit Problemen anders umzugehen, und ich denke, dass das auch bei Tieren der Fall ist, weil sie sich einfach darin haben ausbilden lassen, wie so eine Tierseele an sich funktioniert und sicherlich dort auch Methoden und Techniken entwickelt haben, um diesem Tier bei bestimmten Problemen helfen zu können ...
Ich finde es einfach lächerlich, anzunehmen, dass die eigene Katze zum Psychologen muss. Das ist einfach eine Luxuserscheinung, bei der sich mir alles sträubt.
Also so was wie ein Pferdeflüsterer ist ja auch nichts anderes als ein Tierpsychologe und wenn Pferde sich absolut nicht mehr reiten lassen, dann kann ein Tierpsychologe sicherlich ein bisschen zur Verständigung beitragen.


Depressive Katzen, von Angstneurosen geplagte Hunde, Wellensittiche, die unter Panikattacken leiden ... Spätestens seit dem Film "Der Pferdeflüsterer" ist bekannt, dass die tierische Seele mindestens so empfindlich ist wie jene des Menschen. Mehr als 20 Millionen Haustiere leben in deutschen Familien - und ob nun die Katze mit Begeisterung auf Wolldecken pinkelt oder der Hund nicht allein gelassen werden will: Die Palette der möglichen Schwierigkeiten ist groß:

Also ich habe mal was gesehen über einen Kater, der angeschafft wurde neu und der total abgemagert ist, eingegangen ist fast, und da wurde auch ein Tierpsychologe geholt und der hat festgestellt, dass dieser Kater sich einfach total zurückgesetzt gefühlt hat und dann angefangen hat zu schmollen.
Ich hatte selber einen Hund, der ist auf dem Bauernhof aufgewachsen, ist dort ziemlich gequält worden und zwar vorwiegend von den beiden Söhnen des Bauern, und der Hund, den haben wir dann bekommen, als er ein Jahr alt war, der ist wieder ganz zahm geworden und ein ganz lieber Hund gewesen, aber er hatte bis zu seinem letzten Tag grundsätzlich erst mal Angst vor Männern. Da war er negativ konditioniert.


Klassische Fälle für den Tierpsychologen, also für Menschen, die sich mit der seelischen Befindlichkeit der vierbeinigen Mitbewohner befassen. Der Trend kommt aus den USA und ist gerade dabei, Deutschland zu erobern. Hunde, Katzen, Goldhamster und Meerschweinchen auf der Psychologencouch - eine für viele abwegige Vorstellung:

Wenn die Katze ganz offensichtlich verhaltensauffällig wird, weil sie in einer viel zu kleinen Wohnung gehalten wird, was soll da der Psychologe retten? Der Psychologe kann doch nur sagen, schauen Sie bitte, Ihre Katze ist in einer viel zu kleinen Wohnung, sehen Sie zu dass Sie umziehen. Aber auf die Idee kann man auch selber kommen.
Ich denke, bei den Praxen ist es ähnlich wie bei den Menschentherapeuten, da ist wahrscheinlich ganz viel Abzocke dabei, da ist ganz viel Feldhasen, Wald und Wiesen Pseudo-Psychologie, die tatsächlich eher am Geldbeutel des Halters interessiert sind als an der Tierpsyche ...


Auch Tierärzte sind oft skeptisch. Michael Hölty hat seit vielen Jahren eine Praxis in Berlin und steht dem Berufsbild des Tierpsychologen nicht unbedingt ablehnend, aber doch vorsichtig gegenüber:

Michael Hölty: Das ist also wirklich eine Erfindung der Neuzeit, und ich habe jetzt 30 Jahre eine eigene Praxis und muss immer sagen, es gibt ja nicht DAS Tier und sicherlich auch nicht den Tierpsychologen, sondern es gibt immer das Gespann, das Tier und den Besitzer. Und dieses Gespann kann ich nicht auseinanderdividieren, sondern ich muss immer versuchen, mit beiden ein positives Ergebnis zu bekommen, wenn es Probleme gibt.

Sabine Häcker: Ein bisschen salopp gesagt: ich bin der Psychiater unter den Tierärzten.

Sabine Häcker ist Tierpsychologin, oder, wie es offiziell heißt: Tierverhaltenstherapeutin in Berlin. Sie hat mit Katzen zu tun, die plötzlich die Wohnung verunreinigen, mit Hunden, die ihrem Jagdtrieb allzu gern nachgeben oder nachts nicht aufhören, zu jaulen. Tatsächlich beschränkt sich ihre Arbeit aber nicht nur auf die Behandlung des Tieres: Denn in den meisten Fällen handelt es sich um reine Verständigungsprobleme in der menschlich-tierischen Kommunikation:

Sabine Häcker: Die wenigsten Tiere sind verhaltensgestört, von einer Verhaltensstörung sprechen wir erst, wenn wirklich gehirnpathologische Prozesse vorliegen. Ganz häufig sind wir eher konfrontiert mit ganz normalen Hunde- und Katzenverhaltensweisen, die aber in der menschlichen Umwelt nicht angemessen sind oder nicht erwünscht sind.

In der Sonne aalen gehört für Katzen zum Höchsten. (Bild: Deutschlandradio)
In der Sonne aalen gehört für Katzen zum Höchsten. (Bild: Deutschlandradio)
Und so verlangt Sabine Häcker bei ihren Therapien auch dem Halter einiges ab. Mitunter muss er die Anordnung der Möbel in der Wohnung verändern oder seinen Lebensrhythmus anpassen, damit das Tier wieder glücklich ist. Und so mancher Tierbesitzer nimmt seinem Liebling zuliebe einiges auf sich. So wie eine Katzenhalterin, deren Kater plötzlich sein Geschäft nicht mehr im Katzenklo, sondern auf dem Balkon verrichtete - sehr zum Ärger der anderen Hausparteien:

Sabine Häcker: Das war ein Wildfang, also der war ein Kater von draußen, und wenn der da natürlich gelernt hat, Pipi machen ist am wohltuendsten und erleichterndsten, wenn er ein bisschen den Wind um die Nase streicht, da habe ich gesagt, der hat das sicher noch drin von früher, dass er das einfach toll findet, wenn er die Blätter rauschen hört und der Wind so um die Nase geht... Und dann hat die Frau das echt gemacht und hat das Katzenklo rausgestellt und sie musste da immer hochkompliziert durchs Fenster klettern und lässt ihn regelmäßig raus und streckt dann das Klo ihm hinterher und sie lässt ihn auch wieder rein und nimmt dann das Klo auch wieder rein, damit die anderen Hauseigentümer sich nicht gestört fühlen, durch die Anwesenheit eines Katzenklos.

Therapeut oder Kommunikationsberater: Die Grenzen sind in der Tiertherapie oftmals fließend, ohne die Mitarbeit des Halters geht gar nichts. Aber gibt es denn überhaupt echte psychische Probleme bei Tieren? Ja, sagen Tierarzt Michael Hölty und Tiertherapeutin Sabine Häcker, wenn auch die Ursachen anders gelagert sind als beim Menschen:

Michael Hölty: Also es gibt sicherlich eine depressive Katze, wenn das Umfeld der Katze nicht stimmt. Das heißt nicht artgerecht, nicht tiergerecht, nicht katzengerecht ist. Und das wiederum ist ja der Einflussnahme des Tieres total entzogen, das Tier kann sein Umfeld nicht ändern, also muss ich auf den Tierbesitzer einwirken und ihm klar machen, so geht das nicht.

Sabine Häcker: Ob die Katzen tatsächlich oder die Tiere tatsächlich eine Depression erleben wie wir sie erleben, ist natürlich spekulativ. Wenn ich von einer depressiven Katze spreche, dann ist das eine, die nicht mehr rauskommt zum Spielen, die auf eine Kontaktaufnahme nicht reagiert. Eine depressive Katze ist eher so, dass sie so antriebsarm wirkt, dass sie oft nicht gerne fressen, so.

In solchen Fällen muss zunächst eine komplizierte Ursachensuche eingeleitet werden. Ist die Wohnung zu klein, hat der Tierhalter etwas verändert oder stören womöglich Bauarbeiten am Haus die Katze in ihrem Schlaf? Gerade in Fällen von Lärmstress, in denen die Ursachen nicht einfach eliminiert werden können, muss Sabine Häcker echte therapeutische Arbeit leisten:

Sabine Häcker: Dann könnte man überlegen, Mensch, gibt es noch eine einzige Sache, was sie so großartig findet, dass sie es auch aushalten würde, einen Preis dafür zu zahlen, ein bisschen Lärm in Kauf zu nehmen. Aha, wenn man so etwas gefunden hat, irgendein tolles Futter, irgendein tolles Spielzeug, irgendwas, dann könnte man anfangen, eine Gegenkonditionierung zu starten, zu sagen, ok, wir nehmen die Geräusche, die die Katze stressen, auf Band auf und wir spielen dieses Band ab, immer wenn die Katze genau das bekommt oder zu sich nimmt, was sie besonders toll findet. Sodass sie verknüpfen kann, dass sie es assoziieren kann, da ist das Geräusch, aber das Geräusch ist eine gute Nachricht. Das wäre eine echte Maßnahme, das Verhalten des Tieres zu verändern.

Auch die Alternativmedizin hat das Haustier als Patient längst entdeckt. Daniela Heidrich ist Tiertherapeutin und Heilpraktikerin und erzielt mit homöopathischen Mitteln bei ihren vierbeinigen Patienten oft gute Resultate:

Daniela Heidrich: Ich hatte mal einen Hund in Behandlung, der hatte Husten, der hat im Sommer die Hitze schlecht vertragen, ja, war sehr stressanfällig und so weiter und ich habe mir den Hund als Typ angeschaut und habe dem dann einfach nur sein Typenmittel gegeben, sein homöopathisches. Und damit war der Husten weg, der Hund war ausgeglichener und es war eigentlich ein Fall, der sehr gut und sehr glatt ging, nur auf der Gabe von dem Typenmittel von dem Tier.

Für Katzen, die tagsüber allein in der Wohnung sind, haben sich Tierpsychologen mittlerweile etwas Besonderes einfallen lassen: Eine CD mit Musik extra für Katzen soll den Stubentigern dabei helfen, ihre Einsamkeit zu vergessen:

Daniela Heidrich: Also ich gehe immer so an die Sache ran, dass ich eigentlich nichts verurteile, womit ich mich noch nicht beschäftigt habe, also was ich nicht selber beurteilen kann. Es gehört aber jetzt nicht zu meinen Therapien.

Michael Hölty: Also ich denke mal, das ist so ein Ableger aus den Verkaufshits in den Drogeriemärkten, wo dann so eine Stimmung auf CD ist, die wird den Menschen übertragen, stellen Sie das Ding an, dann sind Sie glücklich - ich denke mal, das funktioniert bei Tieren nicht.

Aber warum eigentlich nicht? Schließlich gibt es in den USA bereits Videos extra für Katzen. Für Sabine Häcker ist das immerhin ein Mittel, um die nicht artgerechte Haltung zu kompensieren:

Sabine Häcker: Es ist halt nicht die Natur einer Hauskatze, in einer 40-Quadratmeter-Wohnung zu wohnen. Jeder, der eine Katze hat und der Freigang ermöglichen kann, der wird nie auf die Idee kommen, der Katze einen Videorecorder anzuschaffen. Weil die Katzen sind ausgelastet. Die haben draußen ihre Reviere zu verteidigen, die Bäume zu bekratzen - die sind ausgelastet.

Tierpsychologie - eine Wissenschaft im Grenzbereich. Noch ist die Bezeichnung "Tierverhaltenstherapeut" nicht staatlich anerkannt - und dem Wildwuchs sind keine Grenzen gesetzt. Ein entsprechendes Studium gibt es nicht. Dazu kommt, dass eine Therapie fürs Haustier durchaus auch ins Geld gehen kann. Die Preise schwanken je nach Therapeut und Leistung zwischen 30 und 60 Euro pro Stunde - länger währende Therapien können damit auch zur Belastung für den Geldbeutel werden. Den meisten Tierbesitzern jedoch liegt zu viel am Wohl ihres Lieblings, als dass sie sich von solchen Überlegungen leiten ließen - denn dass ihr Tier eine Seele und eine empfindliche Psyche hat, davon sind sie alle überzeugt:

Ein Empfinden haben Tiere auf jeden Fall, jeder normale Hund hat Sympathien, hat Antipathien, und das ist mit allen Tieren denke ich schon so.
Meine Katze hat definitiv eine eigene Seele und hat ihre Eigenarten, Rituale, die durchgeführt werden müssen, morgens zum Beispiel unbedingt den Wasserhahn in der Badewanne an, damit sie was trinken kann, weil der Napf ist überflüssig dafür - also das auf jeden Fall, eine eigene Tierpsychologie, definitiv.


Und so treibt die Tierliebe mitunter seltsame Blüten, wenn etwa der Münchner Psychologe Volker Sorembe mit den Fröschen in seinem Gartenteich kommuniziert und sie in seiner Hand durch sanftes Streicheln mitunter sogar zum Einschlafen bringt:

Volker Sorembe: Ja man sollte sie halt anschauen und sich auf den Frosch konzentrieren, und jeden Frosch eben auch einzeln bedienen, und in besonders glücklichen Situationen kann man noch den Frosch auf den Rücken legen und ihm den Bauch streicheln. Aber das wird wahrscheinlich nicht jedem auf Anhieb gelingen.

Volker Sorembe freilich will aus seinen Fähigkeiten als Froschflüsterer kein Kapital schlagen. Er hat viel einfachere Motive:

Volker Sorembe: Ich habe gern glückliche Frösche. Und seitdem das so gut funktioniert, wann immer ich Zeit habe, versuche ich, das den Fröschen angedeihen zu lassen. Und es werden immer mehr.

Angewandte Tierpsychologie: So skurril es auch auf den ersten Blick erscheinen mag - die Tiertherapie ist auf dem besten Weg, sich ihren festen Platz im tierärztlichen Spektrum zu erobern. Dann manchmal kann sie auch dafür sorgen, dass am Schluss alle Beteiligten glücklich und zufrieden sind - genau wie im Märchen:

Meine Tochter hatte einen Spaniel, den sie einfach vergöttert hat. Das hat der Spaniel natürlich maßlos ausgenützt. Eines Tages bekam sie ein Baby und der Spaniel spielte verrückt, und zwar begann er zu schnappen. Die ganze Familie hat sich überlegt, ob der Spaniel nicht weggegeben werden sollte, aber durch Vermittlung einer Tante kamen sie dann zu einer Tierpsychologin, die hat sich den Spaniel angeschaut und hat folgenden weisen Rat gegeben: Man sollte doch mindestens zwei Mal pro Tag sich nur mit dem Spaniel abgeben. Dass er merkt, dass er neben dem Kind auch eine Rolle spielt. Es hat zwar längere Zeit gedauert und ist der Familie eher auf die Nerven gegangen, diese Kur, aber nach einem Jahr war das Ganze vorbei und heute leben noch alle glücklich zusammen, der Spaniel, die Eheleute und das Kind.

-> Kompass
-> weitere Beiträge