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5.10.2004
Chillen im Stillen
Die neue Art der Entspannung
Von Xenia Thau

Entspannung (Bild: AP-Archiv)
Entspannung (Bild: AP-Archiv)
Was früher einfach nur Entspannen war, heißt heute neudeutsch Chillen. Kein Club kommt heute mehr ohne Chillout-Area aus, wo das Licht gedämpft ist, die Kissen weich und die Sessel supergemütlich. Doch was passiert heute beim Chillen? Welche Gespräche werden geführt?

Dr. Kaas: Geben Sie jetzt einfach mal Ihre Sorgen an der Rezeption ab …

Maria: Chillen ist sich entspannen, vom Tag erholen.

Lukas: Das aktive Chillen ist, man könnte ja sogar Fußball spielen und dabei chillen.

Xenia: Die meisten haben dann ja doch ihr Becks dabei

Lukas: Das Passive ist dann auch wieder halt einfach nur in der Sonne dösen.

Dr. Kaas: und legen Sie sich in den Tank. Und sind mal eine Stunde nur für sich.

Was früher einmal Erholung, Sich-Ausruhen, Entspannen genannt wurde, vielleicht auch Abhängen, Relaxen oder - um es literarischer mit Tucholsky zu sagen - "die Seele baumeln lassen", heißt heute neudeutsch: Chillen. Das Wort kommt, wie so viele seiner Art, ursprünglich aus dem englisch/ amerikanischen Wortschatz. Übersetzt heißt Chillen: Abkühlen, sich beruhigen, herunterkommen.
Eine Gruppe18-jähriger Chiller.

Lukas: Also das Wort "Chillen" ist schon mal ziemlich komisch, finde ich. Aber jeder weiß, was es bedeutet. Ich verbinde es dann mit Relaxen und Entspannen, und im Park liegen z.B., in der Sonne. Halt das Leben genießen.

Xenia: Ich würde denken, das "richtige" Chillen ist, was so in den Abend reingeht und man danach zu einer Party geht zum Beispiel.

Maria: Chillen ist, sich auf die Couch legen, Musik anhören, ja, einfach garnichts machen.

Maria aus dieser Gruppe junger Erwachsener war vor kurzem ein knappes Jahr in Amerika. Im Urland des Chillens aber, berichtet sie, sieht das Entspannen ganz und garnicht entspannt aus.

Maria: So richtig chillen tun die nicht, die arbeiten eher und spielen halt Basketball und so was. Ich hab eigentlich die meiste Zeit mit meinem Cousin gechillt in Amerika. Mit dem hab ich mich sehr gut verstanden, und wenn wir uns Filme angeguckt haben, haben wir eigentlich, würd ich sagen, alle Scaryfilme, die du sehen kannst bis jetzt, gesehen.

Scaryfilme werden hierzulande meist als Horror-Filme bezeichnet.

Lukas: Ich hab die Erfahrung gemacht, wenn ich mit Freunden einen Film gucken will, dass mir das überhaupt keinen Spaß mehr macht, weil alle nur noch auf der Couch sitzen und auf den Fernseher starren und ich gucke irgendwie seit bestimmt einem Jahr fast überhaupt kein Fernsehen mehr und ich find das so was von langweilig, auf diesen Bildschirm zu gucken und ich find das überhaupt nicht entspannend, ich find das eher ziemlich belastend, weil dann kein Schwein was sagt und es ist eher langweilig.

Maria: Und alleine habe ich mehr so über mein Leben halt nachgedacht oder über meine Freunde, wenn ich sie vermisst hab, meine Familie.

Das Stress krank macht, ist unumstritten. Wissenschaftler trennen inzwischen sehr genau den schönen Stress "Eustress", also Ferien-, Urlaubs-, Weihnachtsstress vom sogenannten "Disstress", dem schlechten, krankmachenden Stress, zum Beispiel dem vielfältigen Druck an Arbeitsplätzen. Doch um zu leben ist sogar ein gewisses Maß an Stress notwendig. Aber notwendig ist auch die Entspannung von der Anspannung, eben das Chillen. Kurz gesagt: wer nicht chillt, also ausspannt, ist ewig gestresst, angespannt, und wird davon irgendwann krank.

Xenia: Antichiller sind Lehrer. Oder Antichiller sind, wenn z.B. alle an der Krumme Lanke sitzen und alles toll ist und Sonne genießen und die schöne Atmosphäre, dann irgendjemand kommt und total Stress macht, weil er irgendein Spiel spielen will oder "jetzt kommt mal her, ich möchte da jemanden von der U-Bahn abholen", sozusagen Stress macht, Hektik verbreitet, das ist ein Antichiller.

Lukas: Ja, das kann`s geben. Aber vielleicht sehen die dann ja das, was sie machen, auch als chillen. Für andere ist es dann aber Antichiller. Ich finde, chillen ist ja generell so krass subjektiv, da kann man gar nicht wirklich sagen, dass die Person chillt und die Person nicht chillt. Weil jeder chillt ja anders, also das ist ja was ziemlich Persönliches.

Eisangeln - auch schön chillig (Bild: dradio.de/Stefan Lampe)
Eisangeln - auch schön chillig (Bild: dradio.de/Stefan Lampe)
Natürlich ist das Chillen oder Chillout, wenn auch nicht hierzulande mit diesem Wort, den Zeitläuften ebenso unterworfen wie Arbeit und Hektik. Während die Männer und Frauen der Großeltern-Generation noch sozusagen "arbeitssam chillten", also die Frauen in Ruhephasen strickten oder Kleidung ausbesserten, die Männer leichtere Arbeiten verrichteten, relaxen die Väter und Mütter der heutigen Jugendlichen schon wesentlich zielgerichteter.

Maria: Mein Vater entspannt sichso, dass er einfach im Sessel sitzt und Musik hört, oder dass er Zeitung ließt. Da ist er dann auch immer ganz tief drinnen und hört gar nicht, wenn man mit ihm redet. Oder dass er halt Radio hört. Also das machen die ganz viel. Fernsehen schauen eigentlich überhaupt nicht. Radio hören, sich irgendwelche Feature oder so etwa anhören, oder vielleicht eine Zigarette raucht und mit seinem Freund auf dem Balkon und ein Bier hat.

Maria: Ich glaub nicht, dass meine Mutter sich so oft entspannt, weil sie auch ein sehr arbeitstüchtiger Mensch ist. Also bei ihr kann ich mich nicht so erinnern, dass sie sich mal richtig entspannt hat.

Xenia: Bei meiner Mutter ist das nicht so. Weil, die arbeitet die ganze Woche hart und die hat einen Haushalt zu führen, und hat meine kleine Schwester und mich am Hals und die ganzen anderen Probleme, die Erwachsene eben am Hals haben.

Lukas: Und meine Eltern chillen auf eine ziemlich ähnliche Art. Und im Garten sitzen, wo ich aber nicht sitzen will, weil da sind ja meine Eltern.

Dr. Kaas: Beim Floaten handelt es sich um ein Entspannungskonzept, bei dem wir sozusagen das Tote Meer nach Deutschland gebracht haben.

Ob Relaxen beim Radiohören, Chillen mit Freunden auf dem Sofa oder in der Sonne: Wer weder Radiohören noch die Sonne mag, sich vielleicht nur Entspannen kann, wenn er vollkommen allein ist, für den ist womöglich das Floaten genau das Richtige. Ein Float-Tank ist, salopp gesagt, eine Badewanne mit einer Kuppel, die über dem Badenden geschlossen wird, denn…

Dr. Kaas: Wir bieten an, in überdimensionalen großen Badewannen zu schweben, wie ein Korken auf dem Wasser. Denn das Wasser ist hoch konzentriert mit Sohle, mit Salz und man hat dadurch die absolute Schwerelosigkeit.

Eine Stunde etwa, sagt Dr. Kaas vom Float-Center in Berlin-Mitte, schwebt so der Badende bei geschlossener Kuppel in vollkommener Ruhe und Reizlosigkeit.

Dr. Kaas: Ansonsten ist es natürlich in jedem Fall eine mentale Entspannung, das heißt das hat einen Effekt, der sich auf den gesamten Körper auswirkt und dadurch eine Regenerierung der gesamten Körperfunktion bietet, da haben wir allerdings natürlich zur jetzigen Zeit keine Möglichkeit, das wirklich zu messen und viele wollen das erst mal messen, das können wir natürlich nicht, man kann das nur empfinden und das Feedback, was wir von unseren Gästen bekommen, ist eben so, dass sie sagen, sie fühlen sich hinterher wie neu geboren.

Natürlich erinnert die gesamte Situation ein bisschen an die Situation in einem Uterus. Das ist auch gewollt, also die Situation, wieder im Geborgenen zu sein, in der Wärme, im Wasser auch. Was wir immer wieder hören ist, dass die Gäste in diesem Gefühl der Schwerelosigkeit, dass sie das Gefühl haben, dass sie sich drehen in diesem Tank, was ja physiologisch nicht möglich ist, aber das sie ein bisschen schweben.

Ich denke, darüber sind wir uns einig, dass die Entspannung in unserer Zeit viel zu kurz kommt. Dass wir ausgesetzt sind einer Vielzahl an Reizen, seien sie akustisch, seien sie optisch, eine absolute Überreizung, und unser Konzept beinhaltet, dass wir die Reizlosigkeit anbieten, also als absoluten Kontrapunkt. Wir möchten gerne und wir hoffen, dass uns das gelingt, das Gefühl vermitteln "Geben sie jetzt einfach mal ihre Sorgen an der Rezeption ab und legen sie sich in den Tank und sind mal eine Stunde nur für sich". Und viele Gäste berichten, dass das möglich ist.


Vielleicht ist Floaten schon die nächste Stufe des Chillens am Beginn des dritten Jahrtausends. Denn…

Dr. Kaas: Wir bieten es als kommerzielles Werkzeug an für Personen, die sich entspannen wollen, ohne dass sie jetzt noch übende Verfahren brauchen wie Meditation oder Yoga, oder sonst etwas. Man kann sich in den Tank hineinlegen und entspannen, auch ohne dass man das vorher geübt hat. Wir hatten ursprünglich gedacht, dass die Männer als erstes die Neugierigeren sind, sind aber eines Besseren belehrt worden. Also die Frauen sind dann doch die Vorreiterinnen dabei. Mittlerweile nach zweieinhalb Jahren können wir eigentlich ein gemischtes Publikum feststellen, und das Alter reicht von 18 Jahren bis in die 80er.

Auch hier lässt sich's trefflich entspannen: Winterlandschaft mit Windmühle (Bild: AP)
Auch hier lässt sich's trefflich entspannen: Winterlandschaft mit Windmühle (Bild: AP)
Für die, die nicht floaten, sondern noch chillen, ist der Ort des Ausspannens, die Chillout-Area, wichtig. Chillout-Areas sind in Diskotheken zum Beispiel ein Muss. Ruheräume mit keiner oder gedämpfter Musik, mildem Licht und weichen Sitzen. Doch was genau passiert dann? Was ist sozusagen im "Auge des Chillens"?

Lukas: Man redet ja nicht, wie dieses weit verbreitete Gerücht ist, über Schwanzlängen oder so etwas, das ist so krass primitiv. Na ja, man redet natürlich auch über Mädchen und Freundinnen, ist doch klar, aber das macht jedes Mädchen auch über Jungs, würde ich mal so schätzen.

Maria: Man fängt an über sein Leben nachzudenken, denk ich mal. Oder was einen halt grad beschäftigt, was man vor sich hat.

Xenia: Das äußere Chillen, das macht man halt so zusammen. So mit Freunden treffen und ja, was unternehmen. Zum Chillen gehört meistens irgendwie was unternehmen. Schon alleine das rumsitzen und reden und dabei Musik hören, ist ja auch schon was zu unternehmen - und das innere Chillen, das ist eher so sich entspannen, fallen lassen und so ein bisschen abschalten eben. Wie z.B. bei einer Massage, so einfach nur mal sich selber fühlen und einfach mal um sich herum zu vergessen.

Die Wörter "Wenn", "Würde" und "Hätte" sind Sprungbretter in Träume. Auch in Bezug auf das Chillen fehlen sie nicht.

Maria: Meine persönliche Chillout-Area würdewahrscheinlich noch ein Massagebett oder so Massagestühle oder Sessel haben, wenn ich eine Massage haben will. Ich würde ein Hottub in meinem Zimmer haben, das ist ein Becken mit 40° Wasser, und das würde Massagedüsen haben und da kannst du dir deinen Rücken massieren lassen von den Massagedüsen und dann wahrscheinlich noch so ein Bett, was warm ist, was sozusagen eine Heizung hat, oder ein Sessel und ein ganz großes Bett mit ganz vielen Kissen und ganz weich, ja und 'ne Anlage, wo du Musik hören kannst.

Lukas: Mein Chillout-Raum würde sehr wahrscheinlich bunt aussehen, nicht so weiß wie mein Zimmer jetzt, und es würden viele Bilder da hängen, es würde Musik laufen, es würde meine Gitarre an der Wand hängen, oder auf meinem Schoß und es würden viele Farben drin sein und viel Licht müsste drin sein.

Xenia: Dann würde ein bequemer Teppich drin liegen, ein schön bequemes Sofa, große Fenster würden drin sein, damit viel Licht rein kommt, es würde einen Balkon geben auf jeden Fall, 'nen großen, damit man auch draußen chillen kann und dann würde in einer Ecke ein Paravant stehen, und dann dahinter 'ne Massageliege und #nen eigenen Masseur hätte ich dann auch.


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