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12.10.2004
Zwischen Keglerheim und Strammem Max
Berliner Kneipengeschichten
Von Ralph Gerstenberg

Bierglas (Bild: AP)
Bierglas (Bild: AP)
Heute bestimmen Italiener, Tex-Mex-Bars und Szeneläden die Gastronomie der Berliner Innenstadt. Wenn man jedoch abseits der angesagten Kneipenpfade unterwegs ist, stößt man auf Geschichten, die diese legendäre Kneipentradition wieder lebendig werden lassen und vom Alltag in der Stadt der Eckkneipen erzählen, in der die Vergangenheit immer mehr vom Zeitgeist verdrängt wird.

Wilhelm Päch: "Man sprach ja in Berlin von vier Kneipen und vier Ecken, und wenn man in Prenzlauer Berg alte Stadtpläne oder Fotografien sieht, kann man tatsächlich feststellen, dass an Kreuzungen vier Ecken vier Kneipen beherbergten."

Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg existierten in den vergangenen hundert Jahren Kneipen wie der "Hackepeter", der "Schusterjunge" und das "Keglerheim". Heute bestimmen Italiener, Sushi- und Cocktailbars die Gastronomie in der Gegend. Wenn man jedoch abseits der angesagten Kneipenpfade unterwegs ist, stößt man auf Geschichten, die vom Alltag in einer Institution erzählen, die heute nur noch ein Schattendasein führt: Die Kiezkneipe!

Gerd Damrow: "Vom Publikum her war hier alles vertreten, vom Kohlenträger bis zum Schauspieler und Professor. Wahrscheinlich war auch immer die Stasi da, das wusste aber auch jeder. Ich bin auch öfter angesprochen worden von Schwulen. Also hier war vom Querschnitt her alles, was in Berlin so existierte."

Der Hackepeter heißt heute Malzcafé. An einer AOL-Station surft jemand im Internet. Studenten, Touristen und Büroangestellte nippen an Milchkaffees und Kristallweizen - Kiezkneipenkultur der Gegenwart.

Jens Rammelt: "Diese Art Café, das ich hier betreibe, findest du eigentlich an jeder Ecke. Man kriegt schon öfter mal zu hören von irgendeinem Gast, wenn dem irgendwas nicht passt. Du, ick muss hier nicht wiederkommen, es gibt hier tausend Kneipen in der Ecke. Wo ick manchmal sage: Ja, hast Recht! Die unterscheiden sich durch die Örtlichkeiten, Bestuhlung, Inneneinrichtung. Aber vom Angebot her unterscheiden die sich ja kaum."

Jens Rammelt betreibt seit 1999 das Malzcafé. Die Wandbemalung stammt noch von einer Mittelalterkneipe, die sich gegen die Konkurrenz im Viertel nicht behaupten konnte. Im Hintergrund läuft die übliche Chill-Out-Musik. Doch manch einer der Gäste erinnert sich noch an Zeiten, in denen hier andere Klänge ertönten.

Gerd Damrow: "Live-Musik, zwei ältere Herren, Akkordeon und Schlagzeug oder Keyboard und Schlagzeug, so Altberliner Lieder. Die haben dann auch für die Stammgäste bestimmte Lieder gespielt. Wenn ick z.B. rinnkam, haben sie sofort "Tiritomba" gespielt oder die "Alten Kameraden".

Bezahlt hat man dafür in Form von Schnäpsen, die man ihnen spendiert hat. Was wahrscheinlich aber immer nur Wasser war. Denn wenn die so viel getrunken hätten, wie sie spendiert gekriegt haben, dann wären die abends immer zu gewesen."


Gerd Damrow war schon Gast hier, als die Kneipe noch Hackepeter hieß. Damals kostete ein kleines Bier noch 51 Pfennige und auf der Speisekarte standen Bockwurst, Currywurst, Wiener, Knacker und Boulette mit selbst gemachtem Kartoffelsalat. Die Kellner haben strikt darauf geachtet, dass bestimmte ungeschriebene Kneipengesetze eingehalten wurden. Beispielsweise durfte man seine Jacke nicht über einen Stuhl hängen oder gar ungefragt einen Stuhl von einem Tisch wegnehmen, um sich woanders mit ran zu setzen.

Gerd Damrow: "Einer hieß Heinz, war ein älterer Herr, kleen, schmächtig, und hat seine Unsicherheit, die er wahrscheinlich hatte aufgrund seiner Figur, durch Schnoddrigkeit wettgemacht. Gäste, die ihn nicht kannten, die haben, wenn sie auf ihn gewartet haben oder Beachtung brauchten, gerufen: "Meister!" Das war so üblich. Dann ist der stehen geblieben, hat abrupt dahin geguckt und hat gesagt: "Ick bin keen Meester! Ick bin Lehrling!" Und dann ging er erstmal, dann wurden die noch fünf Minuten abgestraft. Und sein Partner, der hieß Gerd, der war jünger, so um die 40. War 'n Dicker. Und der hatte immer ein Lächeln auf den Lippen, war freundlich und zuvorkommend und hatte immer ein Witz auf den Lippen. Zum Beispiel war einer von seinen Sprüchen, wenn er darauf angesprochen wurde, dass er zu dick ist: "Lieber einen dicken Bauch vom Saufen als einen krummen Buckel vom Arbeiten."

"Das Keglerheim", eine Kneipe mit Kegelbahn im Keller, nannte jeder nur "Fengler" - nach dem Wirt August Fengler, der den Laden 1936 übernommen hat und bis zu seinem Tod im Jahre 1966 bewirtschaftete. Danach hat dessen Frau Margarete das "Keglerheim" weitergeführt - unterstützt von ihrem Sohn Alfred.

Alfred Fengler: "Dit war früher noch mit Liebesecken. Die hat aber Vater alle rausgerissen. Die Kegelbahn hat er auch erneuert."

In der Kriegs- und Nachkriegszeit stand der Kneipenwirt August Fengler stets am Rande des Ruins.

Alfred Fengler: "Dann kamen die Kriegsgefangenen wieder. Und da haben sich dramatische Szenen abgespielt, wo die aus dem Kriege kamen, da haben sie darin gefeiert, sind sehr viele Tränen auch geflossen. Dann fing dit richtig an zu loofen. Der Westen ist ooch rüber jekommen. Die haben ja billig jelebt vom Schnaps und Bier. Helles Bier - 35 Pfennig die Molle! 'N Pils 45! Ab 10 Uhr war das Ding schon vorne besetzt. Da kamen die Handwerker, Müllkutscher, die haben dann bei uns jefrühstückt. Und nachmittags ab vier gab es noch nicht einmal einen Stehplatz. Von der Theke an bis zur dritten Reihe haben sie sich das Bier rübergeben lassen."

Wilhelm Päch: "Das Fengler war, wenn man es erstmalig betrat, zum Erschrecken: Wände, die, wie es schien, seit Jahrzehnten nicht gestrichen oder geweißt worden sind, total verräucherte Decke, Tische standen eng beieinander und waren in den Abendstunden bis zur Polizeistunde immer krachend gefüllt, man fand selten Platz, musste häufig lange stehen, und ein ziemlich hoher Geräuschpegel aus den Gesprächen resultierend, die an allen Tischen mehr oder weniger lautstark geführt wurden, das mischte sich mit dem Qualm der fast alle rauchenden Gäste."

Wilhelm Päch verkehrte vor allem in den Siebziger Jahren im Fengler. Den damaligen DEFA-Dramaturgen interessierte vor allem der intellektuelle Austausch mit Künstlern, Akademikern und Studenten, die sich hier ebenso trafen wie die ganz normalen Kieznachbarn. Im Zentrum des Treibens stand die Wirtin Margarete Fengler.

Wilhelm Päch: "Die Witwe behandelte alle gleich und war besonders bei den Jüngeren eine sehr beliebte Person, trotz des resoluten Auftretens."

Alfred Fengler: "Meine Mutter war eine herzensgute Person. Wenn sie auf dem Flughafen gelandet sind und haben dem Taxifahrer gesagt: Zu Keglerheim Fengler oder Margarete Fengler hat vollkommen ausjereicht. Wenn ein Gast rinnkam, der immer Stamm war, der hat noch jar nich jesessen, hat ooch nich bestellt, sie wusste genau, wat er bekommt: Molle und 'n Weinbrand oder 'n Korn oder 'n Wodka. Sie wusste es. Der hat kaum gesessen, da hatte er das schon dazustehen gehabt. Wenn Mutter Geburtstag hatte, da waren ringsherum die Blumenläden fast ausverkauft. Die haben die ganzen Blumen aufgekauft, haben wir alles im Laden gehabt."

Alexander Zerning: "Es gab ein Buch, und am Monatsende, wenn die Kohle nicht mehr so locker war, dann durfte man sogar eintragen. Sie hat auch aufgeschrieben. Es musste natürlich, wenn der Lohn wieder kam, bezahlt werden. Und für ganz Bedürftige gab's immer so eine Zuwendung. Das war ein Bierchen und unterm Bierdeckel war ein Fünfer."

Die jetzigen Betreiber des Lokals knüpfen ganz bewusst an die Tradition der legendären Kiezkneipe an. Alexander Zerning hat Fotos gesammelt, ehemalige Gäste befragt und die Geschichte der Kneipe seit der Grundbucheintragung der Kegelbahn im Keller des Wohnhauses - so gut es ging - rekonstruiert. Der Geist der Vergangenheit sollte bewahrt werden, doch auch der Zeitgeist forderte seinen Tribut. So gibt es neben der Kegelbahn Kicker-Automaten im Keller, Live-Musik in der Woche und am Freitag und Samstag DJs in einem abgeteilten Dancefloor.

Alexander Zerning: "Mit Schweinshaxen kannste auch nicht mehr das Geld verdienen heutzutage, da war halt das Konzept ein bisschen anders, dass man das ein bisschen freakiger, ein bisschen szeniger macht die ganze Geschichte. Wenn ins Fengler jetzt irgend so ein TexMex-Laden rein gekommen wäre, das hätte mir wirklich wehgetan. Ich hatte kaum noch Bock auf Gastronomie, aber als ich diese Kegelbahn gesehen habe und diese Räume, und Leute haben mich angesprochen auf der Straße, die haben da früher schon ihr Bierchen getrunken ... Früher gab's hier, glaube ich, drei Kneipen auf dieser Ecke, drei vier Kneipen. Und innerhalb von zehn Jahren sind da 35 Kneipen entstanden oder so. Und das ist halt zuviel, definitiv! Also geht das Kneipensterben irgendwann los. Und Fengler wird überleben - bin ich ganz sicher."

Die Berliner Eck- oder Kiezkneipe war nicht nur Ort der kleinbürgerlichen Idylle und Fluchtpunkt für gestresste Familienväter, sondern auch Schauplatz für politische Auseinandersetzungen.

Wilhelm Päch: "Mir ist Horst Wessel nicht nur als Verfasser dieser mehr oder weniger makabren zweiten Deutschlandhymne bekannt, sondern viel, viel früher durch meinen Großvater, als ein junger studentischer Säufer, der falsche politische Gedanken in sein Lokal bringen wollte. Und infolge dessen hat er diesen Nazi rausgeschmissen."

Wilhelm Pächs Großvater war in den zwanziger Jahren ein kaisertreuer Gastwirt im Berliner Stadtteil Mitte gewesen. Ein Mann, der 2, 06 Meter groß war und 240 Pfund wog. Nur zwei seiner Söhne hatten den 1. Weltkrieg überlebt.

Wilhelm Päch: "Einer wurde Kommunist und der andere, mein Vater, der taubstumm gewesen ist, wurde Nazi. Er war in der SA schon vor 33. Und die haben sich beide in der Kneipe schon in die Wolle bekommen. Nun, da erlebte ich es oft, dass mein Großvater, der größer und kräftiger als beide war, sie am Kragen genommen hat, die Köpfe zusammenschlug, sie hinter sich herschleifte. Sieben Stufen führten zu dem Restaurant hoch. Mit dem Fuß die Tür aufstieß und die beiden die sieben Stufen runter schmiss. Und das Makabre an der Szenerie ist. Mein Onkel ist 1940 in Sachsenhausen ermordet worden. Und mein Vater ist 45 in Sachsenhausen umgekommen, als die Sowjets Sachsenhausen besetzt hatten. (…) Mein Großvater hat Glück gehabt, der ist 39 gestorben, sonst wäre er wahrscheinlich da auch noch gelandet. (…) Das Leben ist ein Politikum. Der Mensch ist ein Zoon Politikon."

Zwischen Fengler und Malzcafé, dem ehemaligen Hackepeter, direkt an der Ecke Lychener und Danziger Straße, befindet sich der Schusterjunge, eine unspektakuläre Eckkneipe, die zu DDR-Zeiten als HO-Speisegaststätte betrieben wurde und noch genauso aussieht wie vor zwanzig Jahren. Blutwurst und Sauerbraten stehen auf der Speisekarte, Sülze und Eisbein. Am Abend läuft der Zapfhahn und Fußball im Fernsehen. In den dreißiger Jahren kam es zwischen den Gästen der drei Restaurationen an dieser Straßenecke regelmäßig zu handfesten Auseinandersetzungen. So will es zumindest die Legende, die jeder ein wenig anders erzählt.

Jens Rammelt: "Hackepeter war ja wohl 'ne janz rechte, äh 'ne janz linke Kneipe und der Schusterjunge 'ne janz rechte Kneipe."

Gerd Damrow: "Hackepeter war damals die Nazikneipe, Schusterjunge waren die Kommunisten.

Wilhelm Päch: "Vom Hörensagen ist mir geläufig, dass im Hackepeter die SA saß und bei Fengler die Kommunisten gesessen haben."

Alexander Zerning: "Hackepeter, das war so die rechte Kneipe, rechte Szene, Schusterjunge - linke Szene, und die Kommunisten waren halt im Fengler. Nach Feierabend haben die sich regelmäßig vorne an der Ecke getroffen, und es gab immer schöne Kloppereien, wurde immer schön aufs Maul gehauen, wie man so sagt." (lacht)
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