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11.10.2004
Yoga - Balance für Körper und Seele
Von Claudia Thoma

Bewegung tut gut (Bild: AP)
Bewegung tut gut (Bild: AP)
In einigen Bundesländern hat die schönste Zeit des Jahres bereits begonnen - Ferien, Urlaub vom Alltag, endlich Zeit für Muße und Entspannung. Was viele weit weg von zuhause suchen, finden andere im Alltag - mit Yoga. Das östliche Wissen um das Zusammenspiel von Körper und Geist, von Spannung und Entspannung fördert nicht nur inneres Gleichgewicht, die Übungen können sogar bei Krankheiten helfen. Etwa drei Millionen Menschen betreiben regelmäßig Yoga, Tendenz steigend.

Einatmen hoch und ausatmen zurück, in die ... wilde Haltung, in die tiefe Hocke und Hände hoch, atmen, eins, zwei ... Krieger eins, rechts beginnt ... rechts vor ... und senken.

Etwa ein Duzend Frauen und Männer dehnen und strecken ihre Körper auf rutschfesten Matten. Das eine Bein ist angewinkelt, das andere gestreckt, die Arme ausgebreitet. Mit ihrem Körper formen sie Kriegerhaltungen. Haltungen oder Asanas aus dem dynamischen Yoga, dem Ashtanga-Yoga.


Für mich ist das ´ne bildhafte Darstellung, man kann sich einfach ein Bild machen und sich dadurch die Haltungen auch gut merken.

Mir gefällt das total gut, weil ich immer gleich ´nen ganz freien Kopf hab, also während dieser eineinhalb Stunden denk ich an nichts und ich merk, dass ich ne totale Energie aufbaue dabei. Mir tut das auch am nächsten Tag noch total gut.

Ich krieg immer zwischendurch so Energieschübe, man powert sich zwar schon aus, aber man kriegt durch diesen Fluss, der im Körper entsteht, richtige Energieschübe

Mir gefällt diese Powerkomponente sehr, Fitness ist mir auch zu langweilig, dieses stupide Arbeiten an einem Gerät, beim Yoga habe ich mehr das Gefühl, dass ich an mir selber arbeite.


Etwa 8000 Experten unterrichten inzwischen das fernöstliche Yoga, in unterschiedlichen Formen und mit steigendem Interesse. Die bekannteste Richtung ist das Hatha-Yoga und wohl auch die älteste, sagt Yogalehrer Lubosch Bublak.

Hatha-Yoga ist so das ursprüngliche Yoga, von dem sich verschiedene Yogarichtungen entwickelt haben. Und der eine Lehrer hat eben mehr Wert darauf gelegt, auf Meditation, ein Zweig, der die ruhigen sanften Bewegungen bevorzugt. Manche haben dann mehr Wert auf die Ausrichtung mit dem Körper gelegt, die Arbeit mit dem Körper und das ist dann so eine Richtung, wie wir sie hier machen, Ashtanga-Yoga.

Yoga gehört inzwischen zum festen Angebot von Volkshochschulen, Fitnessstudios, Sportvereinen und Krankenkassen. Das Prinzip dabei: Es geht um konzentrierte Spannung und Entspannung. Der Körper wird nur so weit gedehnt, wie er es zulässt. Widerstände werden nie gewaltsam überwunden.

Das hat schon fast so ne Metaebene auf der man an seinen eigenen Grenzen arbeitet, also nicht nur an den körperlichen Grenzen, sondern auch an ganz anderen Grenzen, die man während der Übung überwinden muss, so was wie Ärger, Ungeduld, Frustration.

Man wird Anspannungen anders los, geht auch anders mit sich um, kann anders mit seinen Grenzen umgehen


Die Yogalehrerin Waltraud Aue unterrichtet die stillere, sanftere Yogarichtung, das Hathayoga.

Gong...

Wir lassen den Atem frei zu und führen den Körper in die Waagrechte ... die Wirbelsäule weit hinaustragen ...

Mir hat innere Ruhe gefehlt und die kann so kriegen.

Weil das nicht unter einem Konkurrenzdruck steht, jeder das machen kann, was ihm gut tut

An der Uni durch Stress beim Lernen, gerade wenn man selbst seine Arbeit strukturieren und herausfinden muss, wann man nicht mehr kann oder doch noch kann, kann man auf die Art und Weise sein inneres Gleichgewicht besser finden.

Yoga hat für mich die Bedeutung, ist eine Kraftquelle, eine zuverlässige Kraftquelle und dient sowohl der geistigen wie auch der körperlichen Stärkung.


Ausgleich zum stressigen Alltag, innerliches Gleichgewicht, mehr Lebensenergie ... Wünsche, die Tausende in Yogakurse treiben. Dem eigenen Körper will man nicht nur äußerlich was Gutes tun, auch innerlich soll er es gut haben.

Das ist so der Kerne dessen, was wir machen, dass wir über die Konzentration, auf die Atmung, über diese Haltungen im Körper eine Wärme erzeugen und Ziel ist es schon, den Körper praktisch über dieses Schwitzen von innen her zu reinigen.

Meine Frau ist Yogalehrerin seit 6/8 Jahren und ich habe das mit wachsendem Interesse verfolgt und gemerkt, dass sie sehr ausgeglichen, ruhig und auch im Alltäglichen mehr belastbar war.

Das macht einem das Yoga auch bewusst, dass man vielleicht mal einen Gang runter schalten sollte, auch im Alltag mal nur 80, statt 100 Prozent zu geben und sich auch mal zu erholen.

So innere Kraft und auch ´ne bessere Kontrolle, also so Bewegungsabläufe fallen viel leichter und die Beweglichkeit im Alltag ist eine ganz andere, finde ich.

Und in meinem Fall würde ich sogar sagen, dass das wirklich jung hält...so von den Energien her und dem Lebensgefühl her würde ich sagen, dass ganz, ganz viel passiert durch Yoga.


Die Veränderungen beim Yoga wirken von innen nach außen und von außen nach innen. Viele, die regelmäßig Yoga üben, gewinnen ein neues Körpergefühl. Sie erleben sich konzentrierter, ausgeglichener und belastbarer.
Wichtig ist, dass man Yoga ohne Ziel betreibt, nichts erwartet von den Übungen.

Der Yoga ist aus einer anderen Kultur, uns fremden Kultur zu uns rüber gekommen und man hat ihn auch so genommen, wie unser westliches Bewusstsein ist, ich mache etwas und dann hat das einen Nutzen, das muss natürlich schief gehen, weil es nur in die Konsumhaltung führt. Und der Yoga ist in Mode gekommen, aber eigentlich ist er etwas, was die eigenen Kräfte motivieren soll und so wie ich ihn konsumiere, kann Yoga auch dazu führen, dass er in die Schwächung führt.

Mit der Zeit merkt man, dass die innere Haltung die äußere beeinflusst, aber dass es auch das anders herum gibt, d.h. wenn ich bewusst mein äußere Haltung verändere, diese Ausrichtung einnehme nach oben, kann ich die innere verbessern ... wenn man den ganzen Tag krumm hängt, ist man abends müde, wenn man das schafft, sich gerade hinzusetzen, passieren ganz andere Sachen.


Ganz gleich zu welcher Yogaform man sich hingezogen fühlt, zum ruhigen Hathayoga oder zum dynamischen Ashtangayoga, eine gewisse Ausdauer sollte man mitbringen.

Ich hab anfangs überhaupt nicht geübt nebenbei, das hatte ich gar nicht nötig, haha, aber mit der Zeit war das einfach so, dass ich das Bedürfnis hatte, was zu tun. Ich mach jetzt eigentlich jeden Morgen ne dreiviertel Stunde Yoga, wobei dabei ne Viertelstunde die Entspannung ist.

Um Viertel vor sieben greif ich meine Übungsmatte, dann wissen alle, der Mensch ist nicht ansprechbar. Ich merke, dass dadurch meine Gelenkigkeit, meine Atmung, mein ganzes Wohlbefinden wesentlich gewonnen haben.

Ich beginne den Tag mit Yoga, weil der mich stärkt, man repräsentiert sich anders, geht gestärkt in den Tag hinein.

Gong !

Wir kommen in die aufrechte Sitzhaltung und richten uns sanft vom unteren Rücken auf und die Schultern entspannen ...


Vor allem bei typischen Zivilisationskrankheiten wie Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Erschöpfung kann Yoga manchmal Wunder wirken.

Ich leide auch seit ein paar Monaten unter Tinitus und ich merk, dass das total nachlässt, also proportional da zu wie viel Yoga ich mache.

Einmal hatte ich früher Probleme mit meinen Handgelenken, dass die ein bisschen schmerzhaft waren und früher hätte ich ein Liegestütz gar nicht hinbekommen und durch diese Übungen kann ich jetzt normal diese Übungen ausführen, hab da überhaupt keine Beschwerden mehr.

Tatsache ist, dass ich, seit ich Yoga mache höchstens einmal im Jahr `ne Erkältung habe und sonst gar nichts.

Ich habe große Problem mit dem unteren Rücken gehabt, Lendenwirbelsäule, durch sehr frühes Motorradfahren, mit zwölf über Stoppelfelder und konnte als ich anfing Yoga zu machen keine Vorbeuge machen, es hat geknirscht und fürchterlich wehgetan. Und im Laufe der Zeit merke ich, dass ich sie mehr und mehr belasten kann die Wirbelsäule. Und ich glaube, wenn ich weiter gut daran arbeite, kann ich das gut hinkriegen.


Ein wunderbarer Nebeneffekt ist, man hält den Körper in Form, bleibt beweglich, verbrennt mehr Fett und baut Muskeln auf.
Der Rhythmus des Luftholens, der Atem, spielt beim Yoga unterschiedliche Rollen. Beim Hathayoga darf er frei fließen, bei anderen Yogarichtungen wird er aktiv eingesetzt, zielgerichtet genutzt. Yogalehrerin Marita Hamann.

Ich denke, konditionell hat das Vorteile. Man wird belastbarer, wenn man richtig atmet. Ist egal ob man irgendwelchen Sport betreibt oder im Beruf steht und mit Stress konfrontiert wird, durch die richtige Atemtechnik kann man sich immer wieder zurückholen, neue Energie schöpfen.

Es gibt verschiedene Techniken, die wichtigste ist die Tiefenatmung, die Drei-Phasenatmung, das heißt. ich versuche möglichst tief in den Bauch einzuatmen und dadurch meinen Körper zu vitalisieren, indem ich eben sehr viel Sauerstoff zufüge. Durch die Ausatmung, die genauso wichtig, beinah noch wichtiger ist, um den Körper von Schadstoffen zu befreien.


Yoga zeigt manchmal Wirkungen, mit denen die Übenden nicht gerechnet haben. Sie fühlen sich freier, unabhängiger, lassen sich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Die Yogalehrerin Waltraut Aue.

Und das Schönste war eigentlich, dass ich dann gemerkt habe, dass Yoga was mit dem Leben zu tun hat, da hab ich gemerkt, wie losgelöst ich das früher geübt habe und dann so eine Beziehung zum Leben bekommen, dass ich gemerkt habe, da hab ich eine Beziehung dazu und sie geht viel leichter und im Alltag hab ich dann gemerkt, also das, wo ich keine Beziehung zu habe, sei es bei der Arbeit, dass ich nur um des Geldverdienens arbeite, was ja auch wichtig ist, aber wenn das alles so vordergründig ist, dann wird es schwer und genauso habe ich es bei der Übung erlebt, wenn ich es nur zu meinem Nutzen haben will, dann wird alles schwer.

Das Wissen um das Zusammenspiel von Körper und Geist im Yoga soll bereits 3500 Jahre alt sein.
In all den Jahrtausenden hat sich Yoga immer wieder verändert. Vor etwa 100 Jahren schwappte die erste Yogawelle von Indien in die USA und langsam auch nach Europa.
Im Westen steht vor allem der körperliche Aspekt des Yoga im Vordergrund. Der spirituelle wird seltener vermittelt.

Wenn es ungebunden ist von Konfession, dann wendet sich der Aspirant an etwas Höheres, wir nennen es Gott ... das sind alles Wörter.

Das Yoga ist keine religiöse Richtung, sondern mehr ein philosophischer Weg, deswegen sollte man das schon trennen.

Also eine Bewusstseinserweiterung findet statt, je mehr ich mich einlasse, desto ruhiger werde ich … ich werde sensibler durch Yoga und habe einen anderen Bezug zur Natur.


Auch wenn die Übungen manchmal akrobatisch anmuten, Yoga kennt keine Altersgrenzen.

Ich merke sogar bei älteren Menschen, dass die vielmehr ihre Ichkraft einsetzen müssen, weil der Körper ist ja nicht mehr so beweglich und jüngere Leute, da macht es eigentlich der Körper, weil der beweglich ist.

Also Yoga ist gerade für Kinder in dieser hektischen Welt, Kinder, die viel vor dem Computer sitzen oder hyperaktive Kinder, für die ist das besonders geeignet, um sich besser zurückholen zu können mit der richtigen Ein- und Ausatmung.
Das kann man den Kindern gut vermitteln, indem man ihnen irgendwelche Märchenfiguren erfindet und die Kinder leben das nach, Beispiel: Elefant, mit der tiefen Einatmung saugt der Elefant mit seinem Rüssel Wasser aus dem Teich und pustet aus und macht da entsprechende Geräusche, es ist lustig, es macht Spaß und … es tut ihnen gut. Sie lernen, sich besser zu konzentrieren in der Schule und auch Übergewicht, man kann es auch durch Yogaübungen reduzieren.


Die achtjährige Lisa und neunjährige Luzie haben bereits Erfahrungen mit Yoga gesammelt.

Ich finde das ganz toll, mir macht das total viel Spaß und ich mache ich auch schon drei oder vier Jahre. Ich kann jetzt besser auf einem Bein stehen.

Es macht einfach Spaß, aber ich mach das noch nicht so lange und ich kann jetzt besser Gleichgewicht halten.


Der typisch deutsche Ehrgeiz ist im Yoga fehl am Platze. Leistungsgedanken lässt man besser anderswo, dann hat man gute Chancen, von den Wirkungen des Yoga zu profitieren.
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