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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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7.10.2004
Ein Jahr im Traumland
Als Schüler in die USA
Von Hans-Otto Reintsch

Sie hatten eine Kindheit in Deutschland. Sie haben laufen gelernt an der Hand ihrer Mütter, sie haben Fahrrad fahren gelernt an der Seite der Väter, sie haben die Grundrechenarten und lesen gelernt. Das Träumen haben sie überall da gelernt, wo die Träume zu kriegen waren: Im Fernsehen, im Kino, im Radio, im Plattenladen, im Internet. Und wenn man zwischen 14 und 16 Jahre alt ist, dann ist da immer auch die Sehnsucht nach der Ferne, nach Loslösung, nach "Leben auf eigene Gefahr", - nach Amerika.

Surprise, surprise, couldn't find it in your eyes…

Und das ist auch gut so. Und verständlich: Denn Jugendkultur zielt hierzulande cool auf den "Amerikanischen Traum" in uns allen: Bestimmen in frühen Kindertagen noch Matchox, Sit-coms, Chewing Gums und Big-Mac's die Wünsche, herrschen wenig später Ghettobluster, Jeans, Hip-Hop, Cola, Camel, Michael Jordan, Marylin Manson. -Jugendkultur,- das heißt nach 15 gelebten Jahren nicht nur amerikanisiert zu sein, sondern auch einen ganz konkreten Traum zu haben…

Max: Natürlich hatte man dieses "Land of the free" immer im Kopf.

Phil: New York ist immer so 'n Bild, dass man bei Amerika immer vor Augen hat…diese Wolkenkratzer, diese etwas anderen Autos…

Max: Man hat große Weiten, große Autos, freundliche Menschen. Und das man auf eine gewisse Weise …irgendwie einen sehr geradlinigen, freien Weg bekommt. Was man so denkt, von Amerika. Was man ja auch in den Filmen immer wieder sieht.

Und deshalb gehen jedes Jahr Tausende 15-17 Jährige Schüler von Deutschland aus auf die Reise, um ein Schuljahr in den Vereinigten Staaten zu absolvieren. Man kann als
Austauschschüler in das ersehnte Land gelangen, zumeist geschieht dies mittels einer Sprachreise, die man bei diversen Anbietern buchen kann. 10-15 000 € sind dabei in der Regel von den Eltern zu berappen. Und von den zu erlangenden englischsprachigen Ländern dieser Welt sind jene Reisen in das ferne Amerika kurioserweise zumeist am billigsten zu haben. Billiger ist nur Neuseeland. Aber Neuseeland ist nur ein Wort. Amerika: Das ist, eine Hoffnung, ein Bild, eine Metapher…

Phillip: ...New York ist immer so 'n Bild, das man bei Amerika vor Augen hat…
Ich hab mir vorgestellt eigentlich, in eine Gesellschaft zu kommen, wie man sie eigentlich auch sieht im Fernsehen,- man weiß ja sonst nicht so viel über Amerika…


Max: Wenn ich so darüber nachdenke, …es ist natürlich immer 'n Traum - Amerika - es wird einem immer und überall gepredigt, dass Amerika DAS Land ist, und man fährt da mit einer unglaublichen …Spannung in sich hin… weil man erwartet, dass man, sobald man aus dem Flugzeug aussteigt sofort "lebt und bekommt". Dass man da aussteigt und am besten gleich einem der erstbeste Basketballspieler oder TV-Star die Hand schüttelt. Das erwartet man da im Grunde genommen, wenn man da…aussteigt.

Die Mehrzahl der Sprachreisenden landet in den ländlichen Weiten Amerikas, - kaum einer in den Skylines der Großstädte. Maximilian zum Beispiel kam mit 17 im Jahre 2002 aus Las Cruces zurück. 75 000.Einwohner, umgeben von Hochwüste, Steppen und sehr viel Ruhe: New Mexiko,Westernkulisse.

Max: Ich hab mich auf so 'n perfektes weißes Haus mit nem Garten, 'nem Swimmingpool und … das "american easy life"…darauf habe ich mich gefreut …weil man ja weiß, wie das kleine, weiße Haus aussieht, wie der Swimmingpool aussieht und wie das Auto aussieht (006) was man ja auch in den Filmen immer wieder sieht. Einfach ein perfekt-, schön eingerichtetes Zimmer, dass die Eltern eigentlich immer nett und happy sind…dass man zur Schule gefahren wird, mit dem Schulbus fährt…

…das der Hund des Nachbarn fröhlich bellt und eine gutgelaunte Familie lockeren Umgang pflegt. Diesen "Traum vom Weißen Haus" hatte auch Lennert, inzwischen 20 Jahre alt, als er, im Jahre 2001 in Pikeville, Kentucky bei seinen Gasteltern überaus freundlich aufgenommen wurde…

Lennert: Wir waren bei einem Mann untergebracht, und der war dann letztlich so weit gegangen,…dass er es nicht gut fand, dass wir mit Messer und Gabel gegessen haben, weil, die Amerikaner essen normalerweise nicht mit Messer und Gabel,- wenn sie mit Messer und Gabel essen, dann schneiden sie das vorher zurecht, legen das…Messer zur Seite und essen dann nur mit der Gabel. Und für einen wirklich guten kulturellen Austausch sollten wir doch
auch sowas machen…


Und Phillip packte seine Träume 2001 in Springfield, Oregon, aus…

Phillip: Es gab sehr viele Regeln für mich ,- angefangen von: Wann ich zu Hause sein muss, auf gar keinen Fall rauchen ,- aus der Schule sofort nach Hause kommen, nicht mit dem Bus fahren. Das Familienleben wurde sehr zelebriert,- man musste immer zusammen Abendbrot essen, man musste auch am Wochenende immer was zusammen machen. Sprich: Jagen gehen, in die Kirche gehen war so oder so Pflicht am Sonntag , -ja-, abends wurde meistens…zusammen Fernsehen geguckt.

Zeitgleich in New Mexiko guckte auch Max zunächst in die Röhre…

Max: Die ersten 6 bis 8 Wochen waren unheimlich schwer… Ich hab da in so einem Park gewohnt und wir hatten auch das Weiße Haus mit einem Riesenswimmingpool,- aber es hat mir überhaupt nicht die Befriedigung gegeben ,- auf einmal ist das freie, freie Land,- dieser freie Lebensstil, den ich mir so erhofft habe,- ist auf einmal auf ein unglaubliches Minimum zusammengeschrumpft…meine Freiheiten sind an allen Ecken und Enden beschnitten worden, wie ich das noch nie erlebt hab…in meinem Leben…was so weit ging, dass ich nicht mal mehr deutsche Bücher lesen durfte, oder mich mit deutschen Jugendlichen treffen durfte ,- weil ich englisch lernen sollte. Ich wurde letztlich den ganzen Tag bewacht und alles, was ich machen konnte, war, durch diesen komischen Park da durchlaufen…ich bin eigentlich nur mit meinem Skatebord rumgerollert und hab einen unglaublichen Kulturschock erlitten.

Während die Jugendlichen im Privatleben ihrer Gasteltern sehr bald ihren amerikanischen Traum gegen Ernüchterung tauschen, stellt sich- nach einer Eingewöhnungszeit- sehr bald etwas ganz Unerwartetes ein, eine Art "positiver Kulturschock": Plötzlich machte "Schule" Spaß. Eine Art "unbewusst mitgebrachter Traum" wird wahr…

Max: Man konnte sich seinen Stundenplan komplett selbst zusammenstellen…das Angebot war…unglaublich groß…von englischer Literatur, amerikanische Geschichte, Deutsch, Französisch, Theater, noch 'ne Theaterklasse… verschiedene Sportarten konnte man einfach wählen,…Physik, Chemie, Mathe konnte man auch wählen…Eigentlich haben wir die ganze Zeit Vorträge gemacht über irgendwelche Sachen…

Und so verbringt ein Gastschüler aus Deutschland nicht nur erheblich mehr Tageszeit in der Schule als zu Hause, sondern es wird auch das kleine Wunder vollbracht, dass eine ehrliche Bindung an die Schule entsteht. Das hat tiefe Ursachen. Der Soziologe Gero Lehnert vom Max-Planck-Institut weiß, warum das in den USA schon immer so war…

Lehnert: Die Amerikaner sind ausgesprochene Bildungsenthusiasten, und dass man sich jeder Zeit und sein ganzes Leben lang bildet, ist eine starke, normative Erwartung…Also die Amerikaner organisieren ihr Leben zu einem erheblichen Teil um die Schule rum. "It's the neighborhoods-school…

Da war die Schule die schönste Zeit des Tages. Also dir hat der Unterricht Spaß gemacht, weil du locker mit Lehrern, mit den anderen Schülern umgehen konntest,- nebenbei trotzdem noch richtige Antworten geben konntest, und weil's einen auch einigermaßen interessiert hat. Z. B. Sachen, die mir sehr viel Spaß gemacht haben, war: Astronomie…

Das Erste, was einem am amerikanischen Schulsystem auffällt, dass es eine Einheitsschule ist. Die Kinder gehen bis zur 12. Klasse in die SELBE Schule. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, die sehr demokratische Vorstellung, dass alle Menschen Teil haben an der Verständigungsfähigkeit, die ,- und das muss man sagen: Amerikaner sind fromme Leute ,- die allen Menschen von Gott gegeben ist. Und deswegen gibt es keinen Grund, irgendjemanden von irgendeiner Bildung auszuschließen.


Max: …Es waren meine besten Stunden, weil's 'n sehr interkultureller Austausch war, weil wir in der Klasse Brasilianer, Japaner, Vietnamesen, Deutsche, Engländer, Amerikaner waren, und dadurch hatte die Klasse unglaubliches Potential....Zum Beispiel sollten wir in einer Stunde Vorträge darüber halten…uns Gedanken über die Todesstrafe machen…Die Chinesen und die Amerikaner haben sie zum Beispiel und die Brasilianer und die ganzen Europäer nicht…und da gab's z. B. interessante Diskussionen darüber, ohne dass man sich angemacht hat gegenseitig ,- aber man hat einfach kritisch darüber nachgedacht…

Deutsche Schüler gelten in den amerikanischen Einheitsschulen als überqualifiziert. Sie bringen, wenn es um konkretes Faktenwissen in den jeweiligen Fächern geht, immer die größeren Kompetenzen mit.Alle befragten Jugendlichen berichten von ihren spielerisch leicht errungenen Prüfungserfolgen. Max und Phillip z. B. berichten zum Beispiel, dass sich der Erdkundeunterricht darauf beschränkte, die Staaten Europas aufzählen zu können. Damit hatten sie die Prüfungen für die 11. Klasse dann bestanden. Und der Streit mit der Lehrerin, ob denn Italien an Deutschland grenze oder nicht, ging zu Gunsten von Max aus: Er erzählte der staunenden Klasse von Österreich. In Deutschland wird das Schuljahr in den USA deshalb nur selten anerkannt. Die meisten Heimkehrer bezahlen ihren Traum von Amerika dann damit, dass sie die Klasse in Deutschland wiederholen müssen.

Lehnert: Die haben andere Bildungsvorstellungen als wir. Die wollen gute und selbstbewusste Bürger hervorbringen und ob einer weiß, wo der Rhein fließt oder irgendwas, das ist ihnen eigentlich ziemlich egal…Also die jungen Leute aus Deutschland machen in diesem Jahr, wo sie da drüben sind, grandiose soziale Erfahrungen. Die werden da ernst genommen, was sie bei uns nicht werden,,- die Schulen in Deutschland sind eine Kette von Kränkungen…In den PISA-Tests haben die Amerikaner ähnlich abgeschnitten, wie die Deutschen…jedenfalls haben die Deutschen überhaupt keinen Grund, sich da überlegen zu fühlen.

Wenn die deutschen Jugendlichen nach einem Jahr aus Amerika zurückkehren, haben sie mehr als die englische Sprache gelernt. Die Schule hatte sie täglich bis nach 17 Uhr eingespannt in unzählige Sport- und Theaterveranstaltungen, soziale Aktivitäten, religiöse Kurse, Sonntagsschule, viele Projekte und spontane Aktionen, die oft von ihnen selbst vorgeschlagen, für gut befunden und selbständig organisiert waren. Sie haben eine Variante der Ganztagsschule erlebt, die den Schülern großes, gemeinschaftliches Engagement abverlangte. Sie haben erlebt, wie die Schule zum Motor für selbständiges, positives Denken
wurde. Fremd blieben allen befragten Sprachreisenden die täglichen Rituale. Denn eins haben alle amerikanischen Schulen gemeinsam: Den täglichen Schwur auf das Sternenbanner: Pledge Allegiance to the flag. Das Schwören lernen die Kinder in den USA schon im Kindergarten. Und da ist auch das tägliche, gemeinschaftliche Abhören des Radiosenders "Chanel one", einer Art Staatsbügerkunde mit kräftiger Produktwerbung durchsetzt, da ist der allgegenwärtige Patriotismus und: Es gibt gelegentlich die festlich gekleideter Offiziere, die die Werbetrommel für den Dienst in der Armee rühren...

Max: …oder von der NAVY mit `nem Säbel an der Seite,- ein bisschen wie im Faschingskostüm kommen die da rein und verbreiten gute Laune in der Schule, ja.

Da braucht dann ein deutscher Schüler, besonders ein ostdeutsch geschulter, ein "erweitertes Verständnis für Toleranz". Und er wird sich viele Jahre über den Begriff der Toleranz, wie er ihn in den USA erlebt hat, Gedanken machen. So wachsen hinter den Träumen vom weißen Haus die Horizonte. Auch der Soziologe Gero Lehnert, ein Amerikakenner der seit vielen Jahren an amerikanischen Universitäten lehrt, bewegt sich immerwieder in einem Spannungsfeld. Es ist das Spannungsfeld zwischen dem Patriotismus und der Toleranz…

Lehnert: Man darf da nicht jammern, man ist da zum Optimismus verpflichtet - wir jammern ja gerne, ne, hier in Deutschland,- das darf man da nicht. Und die sind immer aktiv, immer leicht euphorisch,- das zwanghaft aber, ne? Ja, also jeder hat das Recht auf seinen eigenen Fundamentalismus, ne? Also so muß man das sagen
Und sie gehen politischen Diskussionen aus dem Weg. Also in naiver Weise gehen die Amerikaner davon aus, dass alle Menschen Amerikaner sind, weil alle Amerikaner Menschen sind…



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