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14.10.2004
"Grüne-Daumen-Menschen"
Vom Leben mit und ohne Pflanzen
Von Peter Kaiser

Braucht unbedingt den "grünen Daumen": Eine Auszubildende in einer Gärtnerei (Bild: AP)
Braucht unbedingt den "grünen Daumen": Eine Auszubildende in einer Gärtnerei (Bild: AP)
Pflanzen kann man hegen und gedeihen lassen, oder eben auch nicht. Ob Blumenbank, Balkon, Terrasse oder Garten - es gibt Menschen, bei denen selbst so schwierige Pflanzen wie japanische Bonsai mühelos wachsen. Sie haben den "Grünen Daumen". Anderen Menschen gelingt selbst die anspruchslose Sonnenblume nicht. Was genau ist der Unterschied zwischen den erfolgreichen Hobbygärtnern und jenen, die nur Verdorrtes zustande bringen?

Ursula Beyer: Ich weiß, dass die Bäume grüne Blätter haben. Heute sehe ich kaum noch etwas, nur Schatten. Auch den Menschen kann ich nicht erkennen. Aber meinen Haushalt mache ich alleine. Was meine Augen nicht schaffen, das machen meine Finger.

Ich selbst habe noch viele Blumen auf meinem Balkon. Und ich pflege sie alleine. Das ist auch ganz einfach. Ich gieße nie daneben. Die kleine Gießkanne voll Wasser, und die eine Hand habe ich dort. So.

Und mit der Gießkanne gieße ich zwischen den Fingern, so weiß ich immer, ob Wasser kommt. Ich fühle das Wasser. Man muss sich eben zu helfen wissen.

Ich bin Ursula Beyer. 72 Jahre alt. Als Kind ertaubt , im Alter von 8 bis 9 Jahren. Hörstürze sagte man mir, nach Scharlach und Diphterie. Es hat nichts genutzt, kein Arzt konnte mir helfen. Man sagte mir später, der Hörnerv ist zerstört. Und dagegen hilft nichts. Das mit den Augen kam später. Man konnte mir nicht mehr helfen mit den Augen.


Zum Anlass ihres 100-jährigen Bestehens gab 1997 die "Deutsche Dahlien-, Fuchsien- und Gladiolen-Gesellschaft" in Berlin ein Jubiläumsbuch heraus. Immer wieder kommt in dieser Festschrift das Wort "Pflanzenliebhaber" vor. Blättert man dieses Buch langsam durch, fällt auf, dass - neben der Beschreibung berühmter Gartenanlagen wie in Mainau etwa - sich das Wort "Pflanzenliebhaber" zunehmend irgendwie intim färbt. Besonders, wenn diese Pflanzenliebhaber "liebenswerte Fuchsien" betreuen, oder "immer beliebter werdende Kübelpflanzen mit den mediteranen Gewächsen" hegen.

Frau: Es gibt Leute, die überhaupt keinen Zugang so zur Natur haben. weiß ich jetzt nicht, ob das dann schlechtere Menschen sind, aber ich glaube, dass denen einfach was abgeht, denen fehlt etwas. Was sie vielleicht gar nicht so vermissen. Aber ich glaube, denen fehlt dann irgendwas an Emotionalität, oder den Sinn von irgendwas Schönem zu sehen. Die Natur ist was total Schönes. Und wenn man nicht in der Lage ist, das wahrzunehmen, glaube ich schon, dass einem was da fehlt. Könnte ich mir nicht vorstellen, darauf zu verzichten. Also haben die Leute dann auch keinen Spaß daran, sich in der Natur aufzuhalten, einen schönen blühenden Baum zu begucken, oder so was?

Ein alter Spruch sagt: "Wenn die Sonne freundlich guckt, dem Gärtner der grüne Daumen juckt". Grüne-Daumen-Menschen sind in diesem Sinne Mitmenschen, denen das Wachsen, Hegen und Pflegen ihrer Balkon-, Terrassen oder Gartenpflanzen mehr ist, als nur etwas Grünes vor den Augen zu haben. Offensichtlich sind "Grüne-Daumen-Menschen" Mitbürger, die mit ihren Pflanzen leben. Und nicht selten auch mit ihnen leiden.

Frau: Wenn eine Pflanze besonders schlimm aussieht, irgendwie nach einem Sturm oder nach einem schrecklichen Lausbefall, dann rede ich auch laut mit denen. Dann sage ich: "Gott, wie siehst du denn aus? Was ist denn hier passiert?". Einfach nur so leise, also tonlos. Wenn die Stänge sich dann aufstellen und die Blätter wieder grün aussehen, dann ist das eine Antwort. Nicht verbal. Also nicht wirklich.

Ich habe einen grünen Daumen. Wobei nicht bei allen Pflanzen. Farn, kann ich nicht. Alles andere kann ich, glaube ich.


Mann: Na, grüner Daumen finde ich problematisch den Begriff. Ich glaube, es hängt damit zusammen, ob man viel Zeit für die Pflanzen hat oder nicht. Wenn man viel Zeit für die Pflanzen hat, denke ich, ist es automatisch so, dass die besser blühen und gedeihen.

Frau: Am besten kann ich bei Balkonpflanzen. Rosen kann ich ganz gut, Lavendel finde ich super. Egal. Ich ziehe auch schonmal was aus Samenkörnern, das wird auch immer was. Oder bei mir gab es schon Ableger von Sachen, die man eigentlich gar nicht vermehren kann.

Rosen sind recht anspruchsvoll (Bild: AP Archiv)
Rosen sind recht anspruchsvoll (Bild: AP Archiv)
Mann: Ich denke, es kommt auch auf Sachkenntnis an, auf Fachkenntnis. Wenn man eben weiß, wo die Pflanzen zu stehen haben, an welchem Platz, dann wird das automatisch so sein, dass die besser blühen. Und ich bin dann jemand, der kann da auch ein bißchen nachhelfen. Da gibt es dann ja Düngestäbchen, die steckt man dann in die Erde, und dann schießen die raus. Und von daher finde ich das mit dem grünen Daumen auf dem Balkon ein bißchen fragwürdig, Wenn man sich mit beschäftigt, und Zeit hat, dann schafft das, glaube ich, jeder. Also ich glaube, es geht dabei um Wahrnehmung.

Frau: Es geht dabei doch auch einfach um Interesse.

Vielleicht könnte man "Grüne-Daumen-Menschen" als Menschen bezeichnen, die eine Art Manie mit ihren Pflanzen haben, eine "Flora-Manie" also. Wer Hintergründe zu seiner Manie sucht, der findet unter Flowercouncil.de im Internet eine Spezifizierung der "Grüne-Daumen-Menschen". Diese Spezifizierung liest sich an manchen Stellen wie die Charakterisierung einer Risikogruppe.

So gehören dort zur Gruppe der "konventionellen Blumen-und Pflanzenliebhaber ältere Frauen in mittleren und gehobenen sozialen Lagen, die alten Werten und Traditionen eine hohe Bedeutung" beimessen. Die Gruppe der "modernen Liebhaberinnen gestalten ihr Leben betont souverän, aktiv und sind erfolgs- und statusorientiert". Für sie sind Pflanzen Ausdruck von Lebensfreude und Vitalität. "Kreative Inszenierer" hingegen - und hier werden dann auch Männer erwähnt - "sind fasziniert von Pflanzen als eigenständigen Wesen, die wachsen, gedeihen und ihrer Wohnung einen naturnahen Charakter verleihen".

Kerstin Gräf: Ich entwickle verschiedene Konzepte, wie jemand das gestalten könnte. einer will einen blauen Garten, dann mache ich natürlich nur blaue Pflanzen hinein, also blau blühende, oder einen japanischen Garten

Frau: So Bonsai oder so was, ist mir zu künstlich. Das ist ja nicht irgendwie, man kümmert sich um die Pflanze, und die Pflanze wächst wie sie will und blüht, wann sie die Kraft hat, wann sie das möchte. Sondern, soweit ich das weiß, ist das ja mit den Bonsai eine Kunst des Schneidens.

Mann: Na, also ich denke, wie das bei vielen Leuten ist, die gut sind, die haben eine bestimmte Begabung, und dann wird das eben dazu benutzt, um diese Bonsai-Bäumchen zu züchten. Und das glaube ich, ist auch etwas, was nicht jeder kann. Ich denke, das ist schon eine hohe Kunst.

Frau: Und da muss man ja, weiß ich nicht, mit Nagelscheren an diesen Bäumchen rumschnippeln, und dass das bloß die perfekte Form, die perfekte Stammdicke und blalabla was hat, und das ist mir zu künstlich.

Kerstin Gräf: Ich habe einen grünen Daumen, ja. Ich mag gerne viele Pflanzen um mich haben, Grünpflanzen wie Schnittblumen, und sie tragen sehr zu meiner Lebensqualität bei.

Kerstin Gräf ist Landschaftsplanerin.

Kerstin Gräf: Ein Landschaftsplaner behandelt die rechtliche Seite des Naturschutzes z.B. Also, meine Aufgabe ist es, für Eingriffe in die Landschaft Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen zu finden und diese dann auch zu realisieren. Das hat nicht mehr viel mit Landschaftsgestaltung zu tun. Das machen die Landschaftsarchitekten, die entwerfen schöne Gärten, oder Hofbegrünungen, Dachbegrünung, alles, was es in dem Rahmen gibt.

Natürlich dürfen im Sinne der "Grüne-Daumen-Menschen" die zwei Portalfiguren der Gartenkunst nicht unerwähnt bleiben. Hermann Fürst von Pückler-Muskau und Peter Lenné. Ihre Garten- und Pflanzenträume in Branitz und Muskau oder Sansoussi und dem Berliner Tiergarten entzücken die Besucher noch nach über 150 Jahren.

In einer typischen Parklandschaft des 18. Jahrhunderts liegt das Schloss Luisium in der Nähe von Dessau, Sachsen-Anhalt (Bild: AP Archiv)
In einer typischen Parklandschaft des 18. Jahrhunderts liegt das Schloss Luisium in der Nähe von Dessau, Sachsen-Anhalt (Bild: AP Archiv)
Kerstin Gräf: Lenné und Pückler, ein unglaubliches Gefühl für Landschaft, das zeichnet sie beide aus. Für Reliefs, für Wasser, für Stimmungen, für Himmelsrichtungen, auch das Zusammenspiel von Gebäuden zur Landschaft, für Licht, ganz viel Licht, ja, für immer wieder neue Sichtachsen. Sie arbeiten ja, besonders Lenné, ganz stark mit Sichtachsen. Also der Besucher bewegt sich, es ändert sich ständig sein Bild vom Garten, sein Blickwinkel, und immer wieder schafft er es, neue Punkte in die Landschaft zu setzen, neue Aha-Effekte.

Es ist eine inszenierte Landschaft, eine Landschaft, es war damals Sinn und Zweck der Reichen, dort ein Erlebnis sich selbst zu schaffen. Z.B. hat man damals eigene Ruinen hingestellt, es ist nie ein Gebäude eingefallen, sondern man hat es so gebaut, als ob da eben eine Ruine wäre, und da konne der Prinz da seine Prinzessin umherführen, und das war alles ganz romantisch.


Übrigens fällt auch in etwa um die Zeit Lennés und Fürst Pücklers die Mode der Pflanzen- und Blumensprachen, die aus dem Orient kommt. Auch Honoré de Balzac verfiel dieser Mode. In seinem Roman "Die Lilie im Tal" lässt er seinen Helden Felix auf die Suche nach Blumen gehen, die seinen Gedanken entsprechen.

Kerstin Gräf: Ich denke, die Gärten von Pückler und Lenné wirken natürlich auf uns auch so toll, weil sie schon 150 bis 200 Jahre dort stehen. Das darf man auch nicht vergessen. Möglich ist es wohl, heute noch solche Landschaften zu inszenieren. Die Sache ist natürlich, keiner hat mehr das Geld für solche wundervollen Gärten. Sie bringen ja keinen Gewinn.

Für jene "Grüne-Daumen-Menschen" heutzutage, die nicht so sehr - wie einst Pückler und Lenné - von der "Floramanie" befallen sind, ist schon die Pflanzenvielfalt auf dem Balkon genug. Denn…

Frau: Es kommt nicht nur darauf, dass die Pflanzen wachsen, sondern wie sie wachsen. Und vor allen Dingen wie sie angelegt sind, in welcher Nachbarschaft. Das ist ja das Arrangement, wie sie dann da stehen, und nicht nur die eine Pflanze für sich, sondern die hat ja dann auch Nachbarn, und das muss ja dann zusammenpassen. Und da kann man ja dann auch Fehler machen. Es gibt Pflanzen, die mögen die Nachbarschaft nicht. Es gibt Pflanzen, die kommen einfach nicht zur Geltung mit dem falschen Nachbarn.

Apfelernte (Bild: AP)
Apfelernte (Bild: AP)
Was ich auch ganz wichtig finde ist: Pflanzen können ja auch überwintern, das muss man auch hinkriegen, dass das funktioniert, dass man nicht jedes Frühjahr oder jeden Sommer alles neu kaufen muss. Muss man sich dann halt auch im Winter um die Pflanzen kümmern. Da reicht es auch nicht, wenn man da einfach eine Decke rüberlegt, die wollen dann auch, je nachdem, wie der Winter ist, womöglich ab und zu auch mal gegossen werden. Das muss man da alles im Blick haben. Dann muss man da mal unter diese Tannenzweige gucken, ob sie austrocknen, wie die Temperaturen sind, wie das mit Schädlingen ist, das sind alles Sachen, die muss man so nebenbei im Blick haben.


Es scheint also, als würde der Blick der "Grüne-Daumen-Menschen" irgendwie mehr wahrnehmen, als man glaubt. Denn sie sehen zum Beispiel das Licht auf ihren Pflanzen anders, die Erde, die Jahreszeiten. Vielleicht ist es wirklich eine engere Naturbindung, die sie manisch in sich spüren, und die sie zur Gießkanne greifen läßt. Dass selbst diese enge Bindung an alles Wachsende und Gedeihende noch da besteht, wo die Augen, das Gehör versagen, grenzt ans Wunderbare. Wie etwa bei der taubblinden Frau Ursula Beyer.

Ursula Beyer: Alle Tage kann man nicht trauern. Was man verloren hat, kehrt nicht wieder. Wenn meine Kinder in den Urlaub fahren, dann ziehe ich in ihr Haus. Und dann gibt es auch mal noch Arbeit. Ich greife auch zur Harke, und harke den Rasen. Und ich pflege auch noch die Blumenbeete. Das ist auch nicht so schwer. Die linke Hand hält die Blumenstaude fest, und die rechte Hand arbeitet. Geht auch.



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