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15.10.2004
Die Dame führt
Der Gesellschaftstanz unter Frauen boomt
Von Maicke Mackerodt

Die beiden Tanzlehrerinnen Dunja Jansen und Claudia Reger (Bild: Claudia Friedrich/Swinging Sisters)
Die beiden Tanzlehrerinnen Dunja Jansen und Claudia Reger (Bild: Claudia Friedrich/Swinging Sisters)
Seit über 10 Jahren organisieren die "Swinging Sisters" in Köln erfolgreich Tanzkurse für Frauen. Die Tanzlehrerin und mehrfache Europameisterin Claudia Reger hat bisher tausenden Frauen das richtige Taktgefühl beigebracht. Einer der Gründe, weshalb das Tanzen mit gleichgeschlechtlichen Partnern boomt: Viele Hetero-Frauen schätzen es, dass die Dame führt, weil sie meist das bessere Taktgefühl haben und es lesbischen und Hetero-Frauen häufig mehr Spaß macht, gleichberechtigt mit Frauen zu tanzen.

Claudia Reger: "Schritt und tack, pass auf, dass du sie nicht überholst, wenn du Führung abgegeben hast, ...

Dorothee Müller: "Als ich angefangen bin zu tanzen, war ich 14, und wie alle anderen bin ich da reingerutscht, dass das klar ist, dass die Mädchen führen, äh folgen und die Jungs führen, mir war nicht klar, dass man das auch tauschen kann, ich habe mich sehr gerne führen lassen, sympathisch gefolgt, habe ich damals immer gesagt. Es ist ein besonderer Kick, wenn du die Macht darüber hast, wo es hingehen kann, beim Tanzen mit der Partnerin zusammen, die muss dir ja folgen, dann hast du die Macht irgendwo hinzugehen."

Bettina Offermanns: "Das finde ich das Schöne am Frauentanzen, dass man es nicht sehen kann, es gibt nicht so ein Klischee, so die Folgende hat das Kleid und die Führende hat die Hose an, das ist das Schöne beim Tanzen von Frau zu Frau, dass es wechselt, dass die Kategorien nicht mehr funktionieren."

Musik: Tango "...musst du halbe Körperhälfte versetzt stehen bleiben, damit sie dich richtig im Griff hat"

Claudia Reger: "Mit Frauen ist das einfach was ganz anderes, da fühlt sich eine gemeinsame Bewegung mit dem Körper ganz anders an, als mit einem Mann, das ist einfach so, der Männerkörper ist eckiger, dynamischer, sportlicher und der weibliche Körper ist weicher, hat rundere Bewegungen und das Gefühl ist ein ganz anderes."

Claudia Reger gehört zu den "Pionierinnen" des Frauentanzes. Die 34-jährige ist - gemeinsam mit ihrer Partnerin - seit 1998 das beste Frauentanzpaar der Welt. Im vorigen Jahr brachten sie von der Olympiade der Schwulen und Lesben im australischen Sydney sogar dreimal Gold mit nach Hause. Die Medaillen hängen jetzt an ihren roten Bändern im Bistro der eigenen Kölner Tanzschule "Swinging Sisters". Hier trifft sich jeden Dienstagabend der Club der Fortgeschrittenen.

Bei der Begrüßung herrscht eine heiter-relaxte Atmosphäre. Kaum jemand zieht sich um, die meisten Frauen tragen zum Tanzen legere Kleidung und bequeme Straßenschuhe. Die Abendsonne scheint in den 100 Quadratmeter großen Tanzraum. Die zwölf Frauenpaare formieren sich schnell, die meisten sind mit ihrer Partnerin gekommen. Geübt wird diesmal der "Macho-Tanz" Tango. Die schlaksige, hoch gewachsene Tanzlehrerin Claudia Reger schwebt mit einer imaginären Partnerin im Arm vorweg und gibt den Takt an.

"5, 6, 7 und vor, vor, seit rück, rück"

Claudia Reger: "Das ist was Besonderes für Frauen, unter Frauen zu tanzen, und ich merke durchaus, dass es gerade für Frauen wichtig ist, dass sie sich anders bewegen, wenn sie unter sich sind, im Gegensatz dazu, wenn sie auf gemischten Veranstaltungen sind: Dann werden die Ellebogen eingefahren.

Tango-Musik..." rück, seit vor, schritt, tapp, ja, ist schnell"

Claudia Reger: "Frauen sind vorsichtig, Frauen nehmen Rücksicht, Frauen weichen aus, deutlich mehr als Männerpaare z.B. und treten zurück, nehmen sich zurück, machen kleinere Schritte, tanzen sich nicht aus. Und wenn sie unter sich sind, dann sehe ich das alles nicht, ein und dasselbe Tanzpaar tanzt ganz anders, entwickelt eine ganz andere Persönlichkeit."

Claudia Reger fing vor zehn Jahren mit dem gleichgeschlechtlichen Paartanzen an - und erntete zunächst Skepsis. Sie kann sich noch gut an die endlosen Diskussionen mit guten Freundinnen erinnern. Allein die Kleidung war immer wieder Thema. Zunächst waren Röcke out. Dann wurde mit Stöckelschuhen und Miniröckchen getanzt. Inzwischen finden Tango, Cha Cha Cha und Quickstep immer mehr Anhängerinnen und jede trägt, was ihr gefällt. Das Entscheidende beim Frauentanz ist nämlich nicht die Kleidung sondern die Frage: Wer führt? Und wer folgt?

Nirgendwo sonst ist das Rollenklischee - der Mann führt, die Frau folgt - so festgeschrieben wie beim Tanz. Der gleichberechtigte Rollenwechsel ist folglich für viele Frauen völlig ungewohnt. Gleichgültig ob sie lesbisch oder heterosexuell sind, was sowieso niemand auf den ersten Blick erkennen kann: Während die 37-jährige Bettina Offermanns nie mit Jungs tanzen wollte, machte die Düsseldorferin Etta Hallinger gute Erfahrungen mit ihrem Freund, ehe sie nach der Trennung die Seiten wechselte.

Tangomusik "...uund vor, vor, vor seit, rück und rück........"

Bettina Offermanns: "Habe mich aufs freie Tanzen konzentriert und hab dann zuerst mit Führen angefangen und das habe ich gedacht, das würde mir recht einfach fallen, habe aber gemerkt, dieses Vorausdenken und Mitdenken, was soll die andere tun, deutliche Signale senden, dass sie das versteht, dass das doch recht schwierig war, dann habe ich mich hinterher mit meiner damaligen Tanzpartnerin geeinigt. Okay, Walzer führe ich, dafür führst Du den Tango."

Etta Hallinger: "War sehr aufregend, war auch schwierig für mich in die andere Rolle reinzuschlüpfen, weil ich war das Folgen so sehr gewohnt. Der besondere Reiz war auch mal in die Rolle der Führenden einzugehen. Ich kenn' das von meinem alltäglichen Leben, aber vom Tanzen nicht und dann eben mal in die Rolle rein zu gehen, dass ich meine Partnerin führe, Schritte ausprobiere, eine andere Haltung einnehme und auch bestimme, wo es lang geht."

"Kann ich erstmal die Original-Führenden haben (Gelächter) bitte alle hinter mich. Was ist? Wir einigen uns gerade wer führt. Ach, ihr diskutiert das aus, also ich wollte diejenigen, die mit der Rolle vertraut sind."

Claudia Reger: "Das Schöne ist nur: A: ich kann mich entscheiden. B: ich kann wechseln, ich kann während des Tanzens wechseln. Das funktioniert, das unterrichte ich auch hier in den Kursen, allerdings erst bei den fortgeschrittenen Tänzerinnen, weil am Anfang ist es doch sehr schwierig, es gehört ja nicht nur dazu, die Handhaltung zu wechseln und den Schritt rückwärts statt vorwärts zu setzen, sondern es gehört die Rolle dazu: Ich führe, ich bestimme, was wird wann getanzt. Ich folge, ich lasse mich auf jemand anderes ein, das ist nicht ganz einfach, aber die Frauen praktizieren das und es macht viel Spaß, es gefällt den meisten."

"Seit außen seitlich vorwärts, die Kehre mit rück, tapp, vor tapp, der Impuls, links komm."

Bei den "Swinging Sisters" werden Gesellschaftstänze auf unkonventionelle Art gelehrt. Denn beim gleichgeschlechtlichen Tanzen gibt es das so genannte Equality-Dancing. Gemeint ist der Wechsel der Rolle, mal führt die Eine, mal die Andere. Das wäre in der traditionellen Kölner Tanzschule Breuer völlig undenkbar.

Beim herkömmlichen Fortgeschrittenen-Kurs mit Männern und Frauen tragen fast alle Frauen professionelle hochhackige Tanzschuhe und ein Kleid oder einen Rock. Nach den Mikrofonansagen von Tanzlehrer Georg Stallnig üben über 30 Paare hochkonzentriert die Rumba. Die Männer zählen manchmal leise den Takt mit. Und die Frauen - wie die 43-jährige Lehrerin Susanne Kramer - genießen den Tanzabend.

"tscha, tscha tscha und noch mal drehen"

Susanne Kramer: "Weil es einfach auch ein schönes Gefühl ist, geführt zu werden, aber hinterher, als ich dann quasi das Ruder in die Hand nehmen konnte, fand ich das auch sehr schön und meinen Partner dann so rum schieben konnte, es hat so ein gewisses Gefühl von Dominanz auch, so ich weiß, wo's lang geht, ich zeig‘ dir den Weg, einmal verbal, indem ich gesagt habe, du musst jetzt so und so tanzen oder den Arm strammer halten und indem ich ihn auch einfach rumgezerrt habe, einfach an ihm rumgezerrt habe."

"tscha, tscha, tscha die Dame kommt vorwärts...."

Susanne Kramer: "Es gab meistens Streit, er sagte dann: Ich führe, die Frau muss sich führen lassen beim Tanzen, und du führst schon wieder. Es gab dann immer Differenzen."

Die meisten Frauen kennen das Problem und finden dafür ihre eigenen Lösungen. Computerexpertin Brigitte Niesen, Auslandskorrespondentin Steffi Schmitt und Zahnarzthelferin Birgit Bilstein tanzen einmal die Woche mit ihren jeweiligen Partnern seit mindestens zehn Jahren.

"tscha, tscha tscha ... tscha, tscha, …"

Brigitte Niesen: "Wenn ich selber tanze, dann kann ich bestimmen, was wann wo getanzt wird und wenn ich mich führen lasse, muss ich praktisch immer darauf warten, was der andere will und so rum ist einfacher, wenn ich führe. Ich hab von Anfang an geführt, weil ich ein besseres Musikgefühl hatte, als viele meiner Tanzpartner, die waren teilweise sehr froh, weil es ihnen viel Arbeit abnimmt."

"tscha, tscha, tscha.. "

Steffi Schmitt: "Manchmal führe auch ich, das liegt dann daran, wenn er nicht schnell genug reagiert, auch wenn er das nicht so gerne hört. Im Regelfall beschwert er sich: Hier führe ich. Ja, dann führ' auch, zum Führen gehört dann auch, entsprechend zu reagieren und wenn das fehlt, hat er eben Pech gehabt und wenn es eben nicht rechtzeitig kommt und ich nicht weiß, was ich tanzen muss, dann muss ich ganz schnell entscheiden, jetzt machen wir die und die Figur, ganz schnell."

"tscha.. die Dame kommt vorwärts…"

Birgit Bilstein: "Wenn man weiß, was man tanzen will, dann hat man einen ganz anderen Ausdruck, man bewegt sich auch ganz anders, die Schritte sind viel bestimmter und dann kann man auch dieses Feurige und Liebevolle mit in den Tanz reinbringen."

Und was ist, wenn Freunde oder Ehemänner es mal wieder "im Kreuz" haben und sich als Tanzmuffel outen? Dann tanzen immer mehr Frauen mit Freundinnen, Kolleginnen oder der Schwester. Weil die zum Beispiel das bessere Taktgefühl haben. Dass der Gesellschaftstanz unter Frauen boomt, hat nichts mit Männerfeindlichkeit zu tun. Denn "führen" oder "geführt zu werden" ist nicht abhängig vom Geschlecht, sondern vom Selbstbewusstsein.

Claudia Reger: "Das ist einfach so, dass es eine ganz andere Seite rauskehrt, man wird dominanter, man wird manchmal ein bisschen Macho, das habe ich oft in unserem Tanzen, spiele ich ganz bewusst damit. Ich ändere nicht nur die Schritte, sondern ich ändere meine Haltung, die Führende ist ganz dominant, klar und straight in ihrer Haltung, wenn ich da die Rolle wechsele, muss man das auch in der Haltung sehen. Ich als Folgende richte mich auf und führe jetzt, die Führende muss schneller sein, dirigiert zuerst. Und das alles muss im Kopf passieren, und das macht richtig Spaß."

Und somit geht es auch für Sozialarbeiterin Dorothee Müller bei den Swinging Sisters offenbar um mehr als nur um die richtige Schrittfolge.

Dorothee Müller: "Als ich immer nur gefolgt bin, im Leben wie im Tanzen, da habe ich gemerkt, dass ich für mich wenig Perspektiven selber entwickle. Beim Tanzen, beim Führen, musst Du Perspektiven im Kleinen entwickeln: Raumaufteilung, Planen der Figuren, der Schritte, das ist im Leben für mich ähnlich gewesen, ich glaube, dass ich im Tanzen umgesetzt habe, was ich in meiner heimlichen Leidenschaft immer schon gerne getan habe, nämlich führen, planen, organisieren, bestimmen, das war erster Sprung in die Änderung meiner Verhaltensweise."

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