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18.10.2004
"Dadurch habe ich endlich Selbstvertrauen bekommen"
Künstler an sozialen Brennpunkten
Von Peer Wiechmann

Plattenbausiedlung Halle-Neustadt: Hier veranstaltete das Thalia-Theater aus Halle ein internationales Theaterfestival.  (Bild: AP-Archiv)
Plattenbausiedlung Halle-Neustadt: Hier veranstaltete das Thalia-Theater aus Halle ein internationales Theaterfestival. (Bild: AP-Archiv)
Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Jugendliche mit niedrigem Bildungsniveau oder aus schwierigen sozialen Verhältnissen sind relativ gering. Jugendliche mit mangelnden Fremdsprachenkenntnissen, die weniger flexibel auf den globalen Arbeitsmarkt reagieren können, bleiben häufig auf der Strecke. Um sie kümmern sich neuerdings in Deutschland vermehrt Künstler. Sie vermitteln diesen Jugendlichen Selbstbestätigung durch kreative Schaffensfreude und Selbstbewusstsein - mit Erfolg.

Tanja: "Ja, bei mir war es auch die Überraschung, weil eigentlich denkt man immer, heutzutage gibt es nichts mehr, was kein Geld kostet und jetzt kommt man hierher, man hat Spaß, man muss wirklich nichts bezahlen , dass da die Mittel dazu da sind, weil man hört immer nur, es gibt kein Geld, es ist ein Loch im Haushalt und dann ..., kann man einfach machen was man will."

Tanja ist 15 Jahre alt und Schülerin an einem Sprachgymnasium im Zentrum von Halle. Sie beschreibt, wie sie ihre letzten Ferien mit 60 anderen Kids verbracht hat. Nicht am Meer oder an einem See, sondern in Fernost. Hanoi - so nennen sie den Stadtteil, in dem sie ihre Ferien verbrachten, das Kürzel für: Halle Neustadt in Sachen-Anhalt.

Tanja: "Na ja, der Stadtteil ist groß und hat halt als Neustadt Neubauten, viele stehen leer, es ist teilweise ziemlich keimig und auch von den Geschäften her ist ziemlich viel Leerstand. Sind halt ziemlich viele Leute weggezogen, aber es gibt auch schöne Ecken."

Eine Plattenbausiedlung mit all den bekannten Problemen. Wegzug, Arbeitslosigkeit, Rechtsextremismus. Hier veranstaltete das Thalia-Theater aus Halle ein internationales Theaterfestival. In der so genannten Scheibe A - einem 18-geschossigen Plattenbau. Zu DDR-Zeiten war hier ein Studentenwohnheim. Jetzt wird die Platte umfunktioniert. Die Jugendlichen bauen in den Ferien die Etagen zu einem Hotel mit Bar und Theater aus. Ein Architekt und eine Sozialarbeiterin betreuen den Umbau. Schauspieler und Publikum mieten sich für die Zeit des Festivals dort ein. Danach steht die Platte dann wieder leer:

Tanja: "Na, also ich hab noch nicht so richtig eine konkrete Vorstellung von dem Zimmer, aber auch Ideen und denke auch, wenn es dann fertig ist, man merkt dann auch, wenn da Leute reinziehen, dann kann man sich auch mal mit denen unterhalten: "Wie hat's Ihnen denn gefallen?" und so. Man hört dann, ja das ist cool gewesen, ich glaube das ist wirklich 'ne große Zufriedenheit einfach, ein Riesenstein fällt von Herzen und man ist froh, dass man anderen Leuten damit eine Freude gemacht hat - klingt jetzt zwar ein bisschen komisch - aber, dass man halt was geschafft hat."

Es scheint ein neuer kultureller Trend zu sein, dass sich Theater in der sozialen Arbeit engagieren - vorwiegend in der mit Jugendlichen. Diese lernen dabei, dass Arbeit nicht nur Maloche ist, sondern auch: Zusammensein mit anderen Menschen, Aufgaben lösen und Probleme bewältigen. Der Staat unterstützt diese sozialen Alleingänge der Kultur finanziell nicht, beispielsweise die Theater zahlen die Aktionen aus der eigenen Tasche:

Sue: "Also, obwohl ich irgendwie immer zu tun hatte, also immer irgendwas gemacht habe, kann ich jetzt im Nachhinein sagen, dass das Theater wirklich das war, was mir erstmal den Sinn im Leben gegeben hat in dem Alter - aber jetzt immer noch, ja klar. Und auch geholfen hat in dem Sinne, etwas zu schaffen, also Produktives zu machen, wo man Kultur schafft, wo wirklich etwas bei raus kommt und ähm, vielleicht auch ein Stück weit was verändern kann, vielleicht auch indem man auf Situationen aufmerksam macht oder Leute oder Jugendliche erreicht, ..."

Die renommierte Schaubühne Berlin beispielsweise produziert Theaterstücke mit Jugendlichen, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen. Sie arbeiten unter professionellen Bedingungen und spielen zu den besten Publikumszeiten. Sue ist 22 Jahre alt und eine der Schauspielerinnen von der Jugendtheatergruppe "Die Zwiefachen":

Sue: "Wir haben jetzt wirklich von 16 bis 25 alles mit dabei, es gibt nach oben keine wirkliche Grenze, wobei die Bedingung halt ist, dass die Leute einen schwierigen sozialen Background haben, also Bedingung ist, dass man von zu Hause ausgezogen ist, abgehauen ist oder halt Flüchtling ist."

Es lässt sich schwer nachvollziehen, wer wen bei dem neuen Trend in Beschlag nimmt, die soziale Arbeit die Kultur - oder umgekehrt. Aber das ist auch egal, denn was zählt ist das Ergebnis. Leyla ist 16 Jahre alt, spielt ebenfalls in der Jugendtheatergruppe "Die Zwiefachen" und wohnt in einer betreuten Jugend-WG. Demnächst steht ihr die Abschiebung in die Türkei bevor - ohne Eltern:

Leyla: "Bei diesem Stück hab ich jetzt auch eine Ausländerin gespielt, die auch abgeschoben wird. Also, das war auch irgendwie Zufall, da ist ein Satz von mir, wo ich sage: ich werde in einem Monat abgeschoben. Und nach ein paar Monaten kam dann wirklich die Abschiebung für mich. Ich hab mich auch da irgendwie vorbereitet und so, das war wie eine Vorbereitung und dann kam das.

Dadurch lernt man auch viele Sachen irgendwie, z.B. Selbstvertrauen bekommt man dann mehr Kontakt mit anderen Leuten ist auch gut. Selbstvertrauen, wenn ich da auf der Bühne stehe und ich vertraue mir nicht, da könnte ich gar nicht da stehen. Das laut Reden, sich irgendwie trauen Wörter rauszubringen, wo viele Menschen sind, dass fiel mir vorher auch nicht so leicht, aber jetzt ist es viel besser, in der Schule war das z.B. immer ein Problem, in der Klasse irgendwas mal zu sagen, Mund aufzumachen, das war für mich ein Problem, aber ich merke auch, dass das durch das Theater viel besser geworden ist. Jetzt habe ich damit kein Problem mehr."


Finanziell lohnt sich der Aufwand für die Schaubühne in Berlin nicht. Aber nirgendwo wird deutlicher, wie wichtig Kultur sein kann, weil die Kids dabei mit Spaß lernen:

Sue: "Verantwortung übernehmen, Zuverlässigkeit, sich selbst irgendwie organisieren, weil dadurch, dass man halt den Probenplan bekommt und sich nach diesem dann ausrichtet - nach dem Probenplan, muss man dann auch irgendwie das Zeitmanagement lernen, ob das nun Schule ist oder irgendwelche Termine. Und ich hab halt neben der letzten Produktion Abi gemacht und dazu gehört schon einiges Organisationstalent und das ist glaube ich schon für das Berufsleben total wichtig und auch so soziale Kompetenz, eigentlich sogar in erster Linie soziale Kompetenz ..."

Auf der Documenta 2002 in Kassel - eine der weltweit größten Kunstmessen aus Deutschland - zog der international renommierte Künstler Thomas Hirschhorn für seine Installation in die sozial als schwach eingestufte Friedrich-Wöhler-Siedlung von Kassel. Hier errichtete er eine Bibliothek mit den Werken des Philosophen Georges Bataille, ein TV-Studio sowie einen Imbiss. Er bezahlt teils vorbestrafte, teils arbeitslose oder ausländische Jugendliche aus der Siedlung, damit sie sein Kunstwerk aufbauen, die Besucher herum führen, die Installation erklären und das alles im eigens dafür errichteten TV-Studio filmisch verarbeiten. Dafür gibt Hirschhorn ihnen 8 Euro pro Stunde - aus eigener Tasche - ohne öffentliche Gelder.

Das internationale Publikum der Kunstmesse kommt auf diese Weise mit einem ihm zumeist unbekannten Milieu in Berührung. Kritiker merken an, dass Hirschhorn sich mit den Jugendlichen ein Flair von Sozialromantik erkauft. Steve ist 23 Jahre alt und auch knapp zwei Jahre danach noch anderer Meinung. Er ist mit der Friedrich-Wöhler-Siedlung aufgewachsen. Auch er baute Hirschhorns Kunstprojekt auf und arbeitete dann in dem TV-Studio:

Die Skulptur "Bataille Sculpture" des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn wird von Kindern der Friedrich-Woehler-Strasse in der Kassler Nordstadt als Spielplatz genutzt. (Bild: AP-Archiv)
Die Skulptur "Bataille Sculpture" des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn wird von Kindern der Friedrich-Woehler-Strasse in der Kassler Nordstadt als Spielplatz genutzt. (Bild: AP-Archiv)
Steve: "die Siedlung wurde belebt, die Kinder fanden es natürlich ganz toll, die haben sich dann die Leute gekrallt und sind mit denen rumgelaufen, also das war schon gut... Ich glaube, meine Eltern haben sich dadurch das erste Mal die documenta angeguckt. Halt auch nicht nur unser Ding, sondern auch den Rest, was man nicht so sieht, wenn man nur mal durch die Aue läuft... Das hat schon Interesse geweckt."

Auch Pit Gräber wurde von Thomas Hirschhorn bezahlt. Er baute wie die Jugendlichen das Kunstwerk mit auf. Pit Gräber arbeitet als Sozialarbeiter im so genannten Boxcamp in der Kasseler Nordstadt. Das Konzept des Camps für die Jugendlichen: sich körperlich mit Sport betätigen, Teamgeist und Regeln lernen - statt auf der Straße herumzulungern. In dem Camp finden sich viele Jugendliche wieder, die auch bei Hirschhorns bataille-monument während der documenta tätig waren.

Pit: "Also, ich wage es zu behaupten, dass der erste feste Mitarbeiterstab Leute hier vom Boxcamp waren, dann sind nach und nach immer mehr Leute aus der Siedlung selber dazugekommen, da die halt mitgekriegt haben, da ist was und dann an den Informationsstand gekommen sind - auch mit der Motivation - aha - da ist ein Arbeitsplatz, da der Thomas auch zu keinem eigentlich nein gesagt hat, also da dann ruckzuck zig Leute waren, die da jetzt arbeiten wollten - egal was."

Hirschhorns Arbeit hat bewiesen, dass ein Angebot von Arbeit die Nachfrage erhöht - nicht nur bei Jugendlichen. Die Siedlung hat in Kassel mit die höchsten Arbeitslosenzahlen. Hirschhorn machte den Jugendlichen ein Angebot als Künstler, da er sich nicht als Sozialarbeiter betrachtet. Er brauchte die Jugendlichen, um sein Vorhaben zu verwirklichen. Aber egal, ob im Rahmen der Kunst oder der Sozialarbeit: diese Kulturarbeit ist offensichtlich eine Möglichkeit für Menschen, die mit dem Selbstwert am Boden sind.

Die Kids aus der Siedlung lebten größtenteils von der staatlichen Fürsorge. Aber gerade die ausländischen Jugendlichen haben oftmals eine geringere Chance auf dem deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Schulen in solchen Bezirken mit einem überproportional hohen Ausländeranteil verringern häufig das Bildungsniveau. Die unterschiedlichen Sprachvoraussetzungen werden nur selten durch gezielte Fördermaßnahmen ausgeglichen und erschweren so die Vermittlung des Unterrichtsstoffes - letztlich auch für die deutschen Mitschüler.

Pit: "Also, ich würde jetzt ganz klar sagen, das Mindeste, was die Leute, die da mitgearbeitet haben, gelernt haben, war überhaupt erstmal zu arbeiten, da waren viele - auch junge - dabei, die haben im Leben nie irgendwie über so lange Zeit eine Verpflichtung gehabt, d.h. sie haben gelernt, sich zu verpflichten, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Verantwortung übernehmen, Mitarbeit, miteinander arbeiten, Konflikte lösen ohne sich an den Hals zu gehen, Konfrontation, Kommunikation."

Steve: "Aber die wahre Kunst in dem Bataille-Monument war halt, dass Leute miteinander kommunizieren, die normalerweise nie zusammen gekommen wären, die Kunst war auch, überhaupt so ein Projekt auf die Beine zu stellen in so einem Viertel, die Leute zusammen zu kriegen, zusammen zu halten, dass die zusammen was machen halt, darin bestand auch eine gewisse Art von Kunst und alles zusammen, die Skulptur, die Kunst mit mehreren Leuten was zu machen und die Kunst Wissen, Informationen weiter zu geben, finde ich schon, dass das was mit Kunst zu tun hat - ja."

Soweit Steve. Diverse Kulturprojekte springen heute auf den kulturellen Siegeszug in der Sozialarbeit auf. Oftmals sind aber nicht Sozialarbeiter die treibende Kraft, sondern Künstler oder Projektmanager. Sie platzieren ihre Arbeit, ihre Kunst mitten in die harte soziale Realität und machen die Zuschauer zu Beteiligten. Annette Klose ist 19 Jahre alt und heute in der Ausbildung zur Industriemechanikerin. Auch sie baute am bateille-monument mit:

Annette: "Ja, ja, auf jeden Fall, auf jeden Fall. Ich weiß nicht, es war für mich die schönste Zeit, es war wirklich eine super Zeit. Ich habe meinen Bruder angeheuert: "Hier, krieg mal deinen Hintern hoch, mach mit!". Der sollte auch mal meine Freunde kennen lernen und nicht immer nur: "Oaah, wer ist das denn" und so. Und jetzt kauft er sich selber Bücher über George Bataille und über die ganzen Leute, die da in der Bibliothek waren. Auf jeden Fall, für mich war es die schönste Zeit. So allgemein die Erfahrung war so schön, ich konnte mir darunter nichts vorstellen, aber die Erfahrung ..., dann halt so viele Leute kennen lernen, die waren ja aus New York hier, aus Paris, aus London, aus allen Ländern waren die hier und die Arbeit hat Spaß gemacht, immer seine Freunde dabei zu haben, Geld dabei zu verdienen und es hat alles gepasst."


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