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19.10.2004
Mein Hoch heißt Vinzenz
Über Wetterpatenschaften
Von Uta Vorbrodt

Gewitter in Kansas (Bild: AP)
Gewitter in Kansas (Bild: AP)
Dass die Wetter Hochdruckgebiete in diesem Jahr männliche Namen tragen und die Tiefs weiblich sind - das wird sich im kommenden Jahr wieder umkehren, dann sind die Männer Tief. Dieser jährliche Wechsel wird seit 1998 praktiziert, weil verschiedene Frauenverbände sich beschwert hatten darüber, dass die eher negativ besetzten Tiefs immer weibliche Namen trugen. Jetzt also hier die Gleichheit.

Und welchen Namen ein Druckgebilde überhaupt bekommt, das bestimmt das Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin. Im obersten Geschoss eines alten Wasserturmes wird das Wetter seit 1907 ununterbrochen beobachtet. Seit 1954 bekommen die Druckgebiete Namen, und seit 2 Jahren kann jeder der das möchte eine Wetterpatenschaft übernehmen. Kostenpunkt: 199 Euro für ein Tiefdruckgebiet, 299 Euro für ein Hoch.

Sevim Müller, Studentin am Institut für Meteorologie in der freien Universität Berlin kennt sich mit den Wetterpatenschaften bestens aus, denn sie ist eine der Betreuerinnen des Projektes:


Sevim Müller: "Der Meteorologe vom Dienst hat eine Namensliste. Die ist alphabetisch sortiert, erst Anna dann Beatrice usw. Bei den Herren genauso und dann geht erst die Anna weg und danach die wird Beatrice getauft. Das Ganze schreibt man dann auf die Wetterkarten drauf, und das wird von uns veröffentlicht.

Wenn in den Medien Namen benutzt werden, dann sind das die Namen, die wir hier vergeben haben. Die Namen für Hoch und Tiefdruckgebiete, die existieren schon seit 1954. Zumindest hier in Deutschland. Hier kriegen alle Hoch und Tiefdruckgebiete Namen die das Mitteleuropäische Wetter beeinflussen.

Damals war das so, dass man sich einmal hingesetzt hat und 260 Frauennamen und 260 Männernamen sich rausgesucht hat. Jetzt haben wir uns überlegt, warum sollen wir auf unsere 260 Männer und Frauennamen zurückgreifen, die sich in den nächsten 200 Jahren nicht ändern werden.

Unter der Wetterpatenschaft verstehen wir die Möglichkeiten,, dass jeder aus der Bevölkerung, der das möchte, auf uns zukommt und sagt: "Ich habe einen schönen Namen. Und ich möchte gerne, dass dieser Name auf der Wetterkarte auftaucht."

Jetzt soll die Bevölkerung uns dabei helfen und sagen ich möchte, dass die Ursula kommt und der Christopher… Es gibt aber auch durchaus ungewöhnliche Namen zum Beispiel, die Carline, oder Fabienne ist auch nicht so häufig, Roselies oder Wiltrud, Fridolin, Gallileo oder Zeus - das sind alles Namen, die uns von Paten vorgeschlagen wurden und die jetzt auch getauft werden."

Thomas Dümmel: "Mein Name ist Thomas Dümmel ich bin Diplom Meteorologe am Institut für Meteorologie und wir bemühen uns natürlich so viel wie möglich annehmen zu können, um den Leuten eine Freude machen zu können. Aber es gibt eben Ausschlusskriterien. Doppelnamen nehmen wir nicht an, Namen, die nicht eindeutig männlich oder weiblich zuordenbar sind, und dann auch Namen die politisch oder gesellschaftlich negativ belastet sind wie Osama oder Saddam. Die würden wir im Moment nicht annehmen. In 100 Jahren vielleicht schon, aber im Moment doch nicht, die lehnen wir dann ab.

Also, Adolf diese Patenschaftsanfrage gab es tatsächlich schon. Wir konnten sie aber aus einem anderen Grund nicht annehmen nämlich weil alle "As" da schon belegt waren. Sonst hätten wir ihn angenommen.

Bei besonderen Namen, wo wir selbst nicht einschätzen können, ist das ein gültiger Vorname, wo wir keinen kennen oder auch nirgendwo einen finden können im Internet, der so heißt, dann kommt es schon vor, ich denke so alle Monate ein bis zwei Mal, dass man das Standesamt dann anrufen muss tatsächlich und fragen muss - würdet ihr denn diesen Namen so akzeptieren oder nicht, würdet ihr ein Kind so taufen oder nicht. "

Sevim Müller: "Wenn jemand eine Patenschaft möchte, dann bitten wir diese Person, unser Antragsformular auszufüllen und das an uns zurückschicken. Darauf schreibt er vor allem den Namen, den er verwenden möchte. Wir bekommen also das Formular und einen Namen z.B. Ximena. Dann gucken wir: Ist das X schon weg? Das müssen wir gucken.

Wir erwarten im Jahr 150 Tiefdruckgebiete und 50 Hochdruckgebiete. Wir haben ein alphabetisches Vorgehen und wenn man immer bei A anfängt und Z aufhört, ist eigentlich nach 26 Buchstaben Schluss. Damit aber die 150 Tiefdruckgebiete abgedeckt werden können, gibt es mehrere alphabetische Durchläufe. Und dementsprechend kann dann 5-6 Mal ein A bei den Tiefdruckgebieten getauft werden und 2-3 Mal ein A bei den Hochdruckgebieten.

Die Aktion Wetterpate gibt es seit November 2002, und das Ganze hat auch einen wichtigen Hintergrund, denn hier an der Universität gibt es eine eigene Wetterstation, die wurde früher von der Universität mit bezahlt, aber die Universitäten hier in Berlin haben ja kein Geld mehr und müssen auch diverse Sachen streichen, und darum sollte der 24-stündige Beobachtungsdienst reduziert werden auf 8 Stunden, und das darf natürlich nicht sein.

Unser Ziel ist eine möglichst lange, lückenlose, gute Beobachtungsreihe zu haben. Das wird jetzt mit den Wetterpaten finanziert."

Thomas Dümmel: "Der Erfolg, der sich eingestellt hat, den haben wir nicht vorhergesehen. Wir haben berechnet, dass wir im Jahr etwa 30.000 Euro brauchen, und sind dann etwa auf einen Preis durch Rechnerei gekommen, für ein Tief 199 Euro und für ein Hoch 299 Euro zu nehmen und man muss sagen, also zwischendurch würde keiner so viel ausgeben, aber für so besondere Anlässe, runde Geburtstage der 50., der 80. oder so - zu besonderen Geburtstagen ist das vielen Leuten die Sache wert."

Spaziergang im Schneesturm (Bild: AP)
Spaziergang im Schneesturm (Bild: AP)
Stefan Lichius: "Mein Name ist Stefan Lichius und ich hab im November 2002 drei Wetterpatenschaften erworben. Das war einmal das Hoch Gabi, das Tief Hilde und dann das Tief Ingrid. Ich hab 'ne Wetterstation, ich verkaufe 'ne Wettersoftware, 'ne amerikanische (auf 'ner eigenen Internetseite) und bin auch aktiv in der Gemeinschaft der Hobbymeteorologen Wetter ist das Hobby.

Wenn ich ehrlich sein soll, muss ich sagen: Ich wollte in erster Linie den Leuten in Berlin helfen, die ja unter finanziellen Schwierigkeiten gelitten haben, weil da die Wetterstation nicht mehr bestückt werden und die Messreihen eingestellt werden sollten. Und dann kam diese Meldung, dass man also Wetterpatenschaften erwerben kann. Und da hab ich gedacht, das ist 'ne prima Idee, nur jetzt hatte ich also die Idee, aber ich hatte keine vernünftigen Grund, warum ich denn diese Patenschaft kaufen sollte. Und dann kam mir die Vorstellung, du brauchst ja noch ein Geschenk für deine Schwester, die wurde vierzig. Gut, dachte ich, dann kaufst du das Hoch Gabi, das hab ich dann auch gemacht.

Dann fiel mir ein: Da ist ja noch die Ingrid, die wird im November 55 und dann hab ich halt das Tief Ingrid gekauft und zum guten Schluss dann noch das Tief Hilde, das ist für meine Mutter, die ist '99 verstorben und das sollte so 'ne kleine Erinnerung sein an die. "

Thomas Dümmel: "Die Motivation, eine Patenschaft zu übernehmen, ist sehr vielfältig. Die allergrößte häufigste Motivation ist, für den Partner oder die Partnerin ein ganz besonderes Geschenk zu machen. Es sind meist Menschen im mittleren Alter, die von den normalen üblichen Geschenken schon alles haben und sich jetzt was Besonderes ausdenken wollen.

Und dann kann man sagen: "Hier! Nur für dich ganz persönlich, nur für Dich habe ich diese Patenschaft übernommen, ich habe dafür gesorgt, dass dieses Hoch oder Tief jetzt nach Dir heißt:" Und das ist schon eine ganz besondere Situation und das kann auch über 3, 4, 5 Tage oder 1 - 2 Wochen andauern, dass dieses Druckgebilde mit dem Namen des Liebsten ständig zu sehen ist und jeden Tag wird man neu erinnert: Mensch, das war doch so ein Klasse Geschenk!

Das kann schon vorkommen und ich glaube, wir hatten auch schon 1-2 Absagen, weil eben zwischen der Bestellung und der tatsächlichen Taufe mehrere Monate waren und wo dann tatsächlich eine Verbindung, Ehe oder Freundschaft auseinander gegangen ist und dann hat die Person dann doch angefragt "Mensch, die Christine gibt's jetzt nicht mehr, jetzt heißt sie Helga, ist denn das H noch frei, kann ich das tauschen?" (lacht) und ich glaube, in einem Fall konnte das sogar erfolgreich gemacht werden.

Eine zweite Motivation ist, den eigenen Namen, weil er schön oder selten ist, in die Medien zu bringen. Noch eine Motivation: Wenn der Chef einer Firma Geburtstag hat, der schon alles hat, dann legt die Belegschaft zusammen oder eine Schulklasse hatten wir auch schon gehabt für den Lehrer oder den Chef eine Patenschaft zu übernehmen, zusammenlegen und die 299 oder 199 Euro aufbringen.

Das ist eine weitere Motivation, dass Medien, Zeitungen, TV Sender Patenschaften übernehmen, die sie dann an ihre Zuhörer, Zuschauer oder Leser weitergeben im Rahmen von Verlosungen, Gewinnspielen, da haben wir in der Zwischenzeit sicher zehn solcher Patenschaften vergeben die dann wieder Fernsehsender an ihre Zuschauer vergeben werden."

Michael Kaufmann: "Mein Name ist Michael Kaufmann, ich bin 38 Jahre alt und habe einmal ein Wettertief gewonnen. Im Fernsehen wurde das gesendet, ich glaube, sogar kurz nach der Wetterausstrahlung. Da wurde halt nach einem Wetterpaten für den Buchstaben V gesucht und da wurde eine Email-Adresse eingeblendet, wo man einen Vorschlag zusenden konnte. An die Fernsehredaktion.

Die Bedingung war: Es musste mit V anfangen, der Name musste männlich sein und die Idee war folgende: Mein Kollege hat einen ziemlich seltenen Namen, und zwar Veit, und da hab ich mir gedacht, die Chancen sind eigentlich ziemlich groß, wenn der Name selten ist und dann hab ich noch eine kurze Geschichte dazu geschrieben. Wie der Zufall es will, hat der da damals in 5 bis 6 Wochen nach der Sendung vorgehabt zu heiraten.

Und die Geschichte war, dass mein Kollege heiraten wird und dass das Tief Veit dann hoffentlich das einzige Tief in seiner hoffentlich langjährigen Beziehung sein wird.

Ich hab meinen Vorschlag da hingeschickt, ich hab nie wieder was davon gehört und im September hat mein Kollege Veit geheiratet und da ging das dann los."

Veit Gaudich: "Mein Name ist Veit Gaudich und ich hab vom Michael Kaufmann dieses Tief im Prinzip geschenkt bekommen. Und darüber hab ich mich sehr gefreut und erfahren habe ich es eigentlich durch meinen Standesbeamten, der hatte nämlich bei der Standesamtlichen Trauung einen Ausdruck aus dem Internet dabei, wo drauf stand, dass das aktuelle Tiefdruckgebiet meinen Namen trägt. Und das hat der mir dann bei der standesamtlichen Trauung gesagt und ich war sehr verwundert und habe direkt an den Michael gedacht, weil er versucht hatte, dieses Preisausschreiben zu gewinnen, und so kam das dann.

Wir standen da bzw. saßen und er packte dann halt diesen Zettel aus und sagte: "Als besonderen Anlass möchte ich mal vorweg sagen, dass was ganz Seltenes eingetreten ist, nämlich das aktuelle Tiefdruckgebiet hat heute den Namen des Bräutigams" und das wollte er als Besonderheit mal hervorheben bei der standesamtlichen Trauung.

Ich hab mich ziemlich gefreut, auch wenn das ein Tiefdruckgebiet war, was ja eigentlich mit Tief verbindet man ja so was Negatives. Aber ich fand's schon klasse, dass so ein Tiefdruckgebiet bzw. eine Wetterfront meinen Namen trägt, das ist schon was Besonderes, finde ich.

Just an dem Tag, als wir aus dem Standesamt raus kamen, kam auch grad die Sonne raus. Die Trauung war um 11, wir kamen um 12 aus dem Standesamt, draußen jede Menge Freunde und strahlender Sonnenschein, also dann war es dann auch schon vorbei mit dem Tiefdruckgebiet Veit. Also es war, wie man sich das auf 'ner Hochzeit wünscht, kein Tiefdruckgebiet sondern ein Hochdruckgebiet.

Man bekommt dann von der freien Universität Berlin 'ne Urkunde zugeschickt und da steht dann drin, dass die sich sehr freuen, mir eine Wetterpatenschaft für ein Tiefdruckgebiet zusenden zu können und dass dieses den Namen Veit trägt. Weiter sind darin enthalten eine richtige Urkunde nach dem Anschreiben, ganz nett gemacht. Und dann auch noch detaillierte Wetterkarten mit dem Tiefdruckgebiet benannt und weiteren Wetterfronten drauf zu sehen.

Und ich blätter mal weiter durch: Eine Lebensgeschichte des Tiefdruckgebietes Veit, woher es kam, wohin es ging (lacht), alles, was man als Wetterpate braucht, denk ich mal. "

Michael Kaufmann: "Meine Frau war ein bisschen beleidigt, aber der Nachteil war eben, sie heißt nicht Veit oder fängt nicht mit V an ihr Vorname und sie ist nicht männlich - also konnten wir den Konflikt ziemlich schnell bereinigen. Aber sie hofft natürlich, wenn das nächste Hoch mit D oder M - sie heißt nämlich Daniela Martina - dass die dann dabei sein wird, dass ein Hoch mit ihrem Namen dann auf der Wetterkarte zu sehen sein wird. "

Service:

Wenn Sie auch eine Wetterpatenschaft übernehmen wollen, können Sie unter Wetterpate.de nachsehen, welche Druckgebiete noch zu haben sind.
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