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21.10.2004
Pilgern auf dem Jakobsweg
Von Renate Maurer

Am Ende des Sternenfeldes, in der Kathedrale von Santiago de Compostela, wartet der heilige Jakob. Mit steinerner Miene und gezücktem Schwert sitzt er auf einem sich dramatisch aufbäumenden Schimmel - unter den Hufen des Pferdes die abgeschlagenen Köpfe und zerhackten Leiber der Feinde des Christentums, die er gerade erledigt hat. Santiago Matamoros, Jakob der Maurentöter. Um ihn herum ist die Hölle los:

Christine: Was total bizarr ist, ich kam dann an der Kirche an, der ganze Kirchplatz war voll mit Bustouristen. Und dann wars total voll in der Kirche, es war laut und es war einfach nur wie so ein Touristenort und das hat mich zuerst total schockiert.

Der Legende nach eilte Santiago im Jahr 844 in der Schlacht von Clavijo den spanischen Truppen auf einem Schimmel zu Hilfe und schlug 70.000 Araber in die Flucht.

Heute stürmen Heerscharen von Pilgern die Kathedrale von Santiago, um zum angeblichen Grab des Apostels zu gelangen und jene andere Statue zu umarmen, die ihn als Pilger zeigt. In Endlosschlangen rücken ihm Glaubige wie Ungläubige auf den Leib, beziehungsweise auf die goldene, muschelbesetzte Pelerine. Und man fragt sich, ob den Heiligen Jakob nicht manchmal eine teuflische Lust packt, sich in einen "Pilgertöter" zu verwandeln?

Christine: ... und dann musst du dich da anstellen in eine riesige Schlange von Leuten, die einfach nur mit dem Bus dahin gefahren sind und ich dachte, ich komm hieran, das darf doch nicht wahr sein, ich kann nicht mehr stehen mit meinem Rucksack, den hab ich noch auf dem Rücken und jetzt muss ich mich in die lange Schlange stellen, keiner lässt mich vor und sagt: Ja, du bist gegangen, du kannst jetzt mal zum Jakob gehen .

Sechs Wochen war Christine im August und September unterwegs gewesen. 755 Kilometer auf dem klassischen "Camino Santiago" zu Fuß und mit wundgescheuerten Fersen und Zehen. Das alles ganz ohne religiöse Motive. Was treibt einen dazu an?

Christine: Ich war an 'nem Wendepunkt und wusste nicht genau, wie soll ich jetzt alles umsetzen, wie soll ich jetzt weitermachen und hab gehofft, auf dem Weg Antworten zu finden.

Zu dieser Zeit hatte Christine gerade ein lukratives Jobangebot als Informatikerin aus der Schweiz erhalten .

Christine: Und bevor ich die Stelle angefangen habe, war ich zehn Tage in einem Yogaseminar und dort wurde mir klar: Ich will die gar nicht anfangen, eigentlich will ich was ganz anderes machen und hab nach 14 Tagen gekündigt - ohne zu wissen, was ich mache. Und da kam dann die Idee, erst mal auf den Jakobsweg zu gehen, alles los zu lassen.

Zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert zogen Tausende von Christen nach Santiago, darunter Scharen von Kranken, Krüppeln oder Verurteilten. Die Pilgerfahrt ins ferne Galizien zum Grab des Apostels versprach Erleuchtung, Läuterung und Heilung an Leib und Seele. Sie wurde von der Kirche mit großzügigen Sündenerlassen belohnt; auch Bitt- und Dank-Wallfahrten zum Heiligen Jakob waren üblich.
Heute wird wieder in Massen nach Santiago gepilgert, darunter mehr Ungläubige als fromme Seelen. Sie alle quälen sich in den Fußstapfen der Wallfahrer von einst über den "Camino Santiago": zu Fuß und mit dem Rad, zu Pferd, mit dem Esel und sogar mit Dromedaren.

Christine: Es gibt wirklich allerlei Motive von strikt ganz religiösen bis spirituellen Lebensfragen oder einfach nur sportliche Gründe.

Ingela: Ich brauchte einfach mal eine Auszeit, weil viele Sachen zur Veränderung anstanden und ich brauchte für mich einfach den Raum, wo ich in Ruhe meinen Kopf frei machen wollte und ich wollte etwas machen, was ich vorher noch nie gemacht habe und das war für mich halt Laufen.

Andreas: Und dann vor eineinhalb Jahren bin ich krank geworden hab, ich Nieren- und Leberprobleme gehabt und war richtig ein paar Tage ausgeknockt, sozusagen. Lag im Bett, konnt nicht arbeiten und hatte sehr viel Zeit sich mit mir zu beschäftigen. Ja, und in dieser Zeit irgendwie kam auch der Gedanke hoch, irgendetwas in meinem Leben muss passieren, ich muss irgendwas ändern, ich muss mich bewegen, ich muss zu mir finden...

Gehen, um in sich zu gehen. Um Freiraum zum Nachdenken, zur Entdeckung neuer Horizonte, zu gewinnen. Um vielleicht als anderer Mensch, zurückzukehren. Solche Selbsterfahrungssehnsüchte kommen oft nach der Trennung vom Lebenspartner auf. So wie bei Ingela, die in Berlin einen Fahrradladen besitzt oder Andreas, früher Bibliothekar, jetzt selbstständig in einer selbstverwalteten Öko-Bäckerei.

Dann kam der Gedanke wieder hoch: Pilgerweg. Okay, ich bin zwar katholisch getauft, aber nicht religiös geprägt. Aber ich empfinde mich in den letzten Jahren schon als spiritueller Mensch. Und diese Aussicht, den Jakobsweg zu gehen, war der Gedanke, ganz allein, wirklich allein unterwegs zu sein, längere Zeit.

Andreas machte sich Anfang Mai 2003 auf den Weg, von Burgos aus.

Andreas: Ich hab mir von Anfang an vorgenommen, ich werde mit offenen Augen, mit offenen Sinnen diesen Weg begehen und werde möglichst nichts erwarten, wie es so schön heißt: erwarte nichts, erlebe alles Und ich glaub, diesem Grundsatz bin ich die meiste Zeit treu geblieben und hab nichts Spektakuläres vielleicht erlebt, aber doch sehr wichtige Sachen:

Ingela: Meine Idee war, viel Ruhe zu haben. Im Reiseführer stand: im Winter ist die schlechteste Reisezeit. Und ich hab für mich festgestellt: okay, wenn du Ruhe haben willst, ist Winter die beste Reisezeit ...

Im Februar 2003 marschierte Ingela auf einem Nebenweg des klassischen "Camino Santiago" in den Pyrenäen los, 20 Kilo Gepäck auf dem Rücken und 755 Kilometer vor sich. Die ersten Wochen lief sie fast ausschließlich im Regen

Ingela: ... aber der hat am Anfang einfach dazu gehört, also, das war einfach da, ich hab mir keinen Kopf gemacht, ist es jetzt schlecht, nervt mich das, stört mich das, nee, es war halt so.

Gehen auf den Spuren der mittelalterlichen peregrini, wörtlich der "Über-Äcker-Streifenden", auf den Pfaden der Armut und Bedürfnislosigkeit. Als Offenbarung für den Geist und die Sinne und gleichzeitig als Martyrium für den Körper. Als Zumutung eigentlich ...

Christine: Es sind teilweise höllische Schmerzen. Nur das Witzige dabei ist, dass du vergisst die einfach, man ist so getrieben von diesem: ich möchte Weitergehen, man geht dann mit Schmerzen los und nach einer halben Stunde spürt man sie nicht mehr.

Oh, Füße voll Blut und Wunden ...
Gott zählt die Blasen seiner Pilger, heißt ein alter Pilgerspruch. Aber zählt er auch die schlaflosen Nächte in den Pilgerherbergen?

Christine: ...einer schnarcht immer, das sind große Massenunterkünfte, meistens mit Stockbetten, von ner ruhigen Nacht kann man da nicht sprechen. Und morgens ist es dann auch so: die einen gehen um vier los, die anderen um fünf, die nächsten um sechs und es ist ständig Geraschel.

Andreas:... und ich bin zum Teil auch geflüchtet, ich hab versucht auch im Freien zu schlafen, ich hab auf zusammengestellten Stühlen geschlafen also es gab die unterschiedlichsten Varianten die Nacht zu verbringen, nur um den extremen Schnarchgeräuschen zu entfliehen - das gehört auch zum Pilgern ...

Weshalb nur nimmt man das alles auf sich? Warum treibt man den armen Körper wochenlang mit eisernem Willen an, von Herberge zu Herberge zu marschieren? Vielleicht, um auch so etwas zu erleben.

Christine: Auf dem Weg kann ich nur sagen, ich war ich total in meiner Mitte und mir ging's echt gut, ich war so glücklich so frei und konnt's gar nicht sagen, warum, aber es war einfach wunderschön …

Andreas: Mir ist erst mal aufgefallen dass ich die ganze Zeit, trotz Anstrengung, trotz Hitze, es gab auch richtig heiße Tage, dass ich mich körperlich eigentlich gut fühlte. Seelisch ging's mir wunderbar, ich hab mich nie einsam gefühlt.

Vielleicht auch, um festzustellen, dass ausgerechnet das einsame Pilgern zum sozialen Erlebnis werden kann.

Christine: In den Alpen bin ich immer in der Gruppe gelaufen, die Stimmung war ganz anders. Da geht es mehr darum: ich schaff den Berg und bin ich oben, dann trink ich 'n Bier und freu mich. Und der Jakobsweg hat ne ganz andere Qualität, weil da auch ganz andere Menschen sind, die alle Fragen haben und mit denen man sich über spirituelle Themen unterhalten kann. Und jeder erzählt gleich seine Geschichte und es ist nicht irgendein blabla, irgendein oberflächliches Gespräch, sondern es geht gleich richtig tief.

Andreas: Es gab Abende, wo Leute zu zehnt, 15 zusammengesessen waren und in vielen Sprachen sich verständigt haben und da hab ich den Ausspruch geprägt: we speak foreign, weil es war manchmal schon faszinierend, wenn Leute mit fünf, sechs unterschiedlichen Sprachen sich unterhalten.

Und vielleicht pilgert man auch 200 Kilometer durch Galizien, um beim Gehen die Langsamkeit zu entdecken. Und eine neue Zärtlichkeit für die kleinen Dinge am Wegrand. So wie Barbara Ueber, die im Mai 2001, zusammen mit anderen Berliner Kunststudenten der Klasse Rebecca Horn zu einem "Santiago de Compostela Projekt " nach aufgebrochen war.

Barbara: Ich hab halt währenddessen ich gewandert bin, dieses Kunstprojekt gemacht und diese ganzen Küsse verteilt auf der Strecke und mein Kollege hat mich dann gefilmt auf Video. Ich hab alles Mögliche, was mir in die Quere kam, geküsst. Das konnte ne Wasserflasche sein oder einfach nur ein Stein oder ne Hauswand oder irgendwas. Und ich wollte einfach durch diese Küsse zeigen, wie wertvoll alles sein kann. nicht nur die Heiligen Sachen, die christlichen Dinge sind sehr wertvoll. küssenswert, sondern auch die Wasserflasche und der Grashalm, der da steht, ist auch genauso wichtig.

Küsse für die profanen Dinge des Weges - als Abwandlung des christlichen Jakobskultes in der Kathedrale von Santiago.

Barbara: Das wollt ich auch so, um diesen christlichen Zwangsgedanken ein bisschen entgegenwirken. Das endet alles in dieser großen Kirche in Santiago, alle fassen den Jakob an, alle machen das Gleiche und da wollt ich irgendwas entgegensetzen.

Am Ende also Santiago, die Kathedrale und Jakob mit der goldenen Pelerine, den vor allem im Heiligen Jahr 2004 wieder Millionen umschlingen werden. Um die Reiterskulptur des "Santiago Matamoros" ist in Spanien allerdings eine heiße Diskussion entbrannt. Das Domkapitel überlegt, den "Maurentöter" aus der Kirche zu verbannen, um nicht die Gefühle muslimischer Gläubiger zu verletzen. Wahrscheinlich aber, um nicht den Hass islamistischer Terroristen in Santiago explodieren zu lassen.

Der Weg endet nicht in Santiago. Der Weg beginnt in Santiago, lautet eine andere alte Pilgerweisheit. Was passiert, wenn man nach dem Jakobsweg wieder ins alte Großstadtleben zurückkehrt?

Andreas: Ein Jahr später ist es so, dass ich sehr oft, regelmäßig Erinnerungen an diese Zeit hab, das ist ein Erlebnisschatz, den ich mit mir trage. Und die Veränderungen, die dieses Pilgern mit sich gebracht hat sind vielleicht nicht so augenscheinlich nach außen, aber für mich schon Ich weiß, dass ich eigentlich täglich, darauf achten muss, dass auch meinen Weg gehe und nicht den einer anderen Person. Ganz wichtige Sache ist: ich hab es endlich wieder geschafft, Musik zu machen.

Ingela: Ich bin losgefahren und hab gedacht, ich komm in Frühjahr wieder an und im Endeffekt bin ich im Schneeschauer, in Grau, in richtig, ekligem Wetter zurückgekommen. Ich hab dann in meiner Wohnung gesessen und hab mich so umgeguckt und festgestellt, dass nichts mehr stimmt, ich bin zurückgekommen zu einem Scherbenhaufen, ich musste einiges neu ordnen.

Christine: Ich war so im Vakuum, ich hatte keine Wohnung mehr und dachte, was mach ich denn jetzt? Wo geh ich denn hin? Und hab mich dann entschlossen in ein Yogazentrum in Spanien zu gehen und hab dort vier Wochen gelebt. Und danach bin ich gleich nach Indien geflogen.

Dort kam die Begeisterung für Ayurveda und der Entschluss, in Berlin eine Ausbildung als Heilpraktiker zu beginnen und sich als Yogalehrerin selbstständig zu machen.

Christine: Auf jeden Fall hat's mich verändert. Und das Leben ist ja wie ein Weg, die Veränderung kommt Schritt für Schritt und bleibt ein Stückchen und ein Stückchen holt einen natürlich wieder der Alltag ein, bis man sich wieder sagt: Halt, ich wollt's doch anders machen...
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