Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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22.10.2004
Brüderlichkeit, Selbstbeherrschung, Verschwiegenheit
Einblicke in die Welt einer Freimauerer-Loge
Von Jürgen Salm

Johann Wolfgang Goethe gehörte ebenso dazu wie Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn. Weltweit zählt die Bewegung der Freimaurer sechs Millionen Mitglieder, in Deutschland sind es nach eigenen Angaben 20.000. Doch kaum jemand weiß, was die Freimaurer eigentlich tun. Aus Anlass ihres 100. Geburtstages gewährte die Loge "Freimut und Wahrheit zu Coeln" jetzt Einblick in das Innenleben ihrer Bruderschaft - und versuchte gleichzeitig, ihre letzten Geheimnisse zu bewahren.

Bodo Raschke: Wir befinden uns hier im Haus der Kölner Freimaurer, und wir befinden uns im Bankettsaal, … und vor uns sehen wir ein großes Wandgemälde, und auf diesem Gemälde sehen Sie mehr als 50 Symbole der Freimaurerei.

Bodo Raschke, Industriekaufmann in Rente. Mitglied der Loge "Freimut und Wahrheit zu Coeln".

Raschke: Da ist zum Beispiel auf der linken Seite der unbehauene Stein. Er ist das Symbol des eigenen, unzulänglichen Ichs mit allen unseren Ecken und Kanten, und Sie sehen auf der gegenüberliegenden Seite einen sehr glatten Stein, den wir Kubus nennen. Der Kubus ist der fertige, vollkommen gebildete Stein. Doch es ist wichtig zu wissen, dass der Kubus immer nur eine Idealvorstellung des Freimaurers ist. Fertig ist der Mensch nie.

Nicht nur das Wandgemälde, auch die Sprache der Freimaurer ist voller Symbole. Sie stammen aus der Welt des Maurerhandwerks.

Raschke: Wenn wir also vom unbehauenen Stein ausgehen, dann bedeutet das ja in der Symbolsprache des Freimaurers, dass er sein eigenes Ich bearbeiten soll, seine Ecken und Kanten. Und wenn dieser unbehauene Stein zu einem glatten Kubus geworden ist, wenn er also alle Ecken und Kanten entfernt hat, was sicherlich nie gelingt, dann könnte man jeden Kubus, also den Stein jedes Menschen, jedes Individuums auf dieser Erde nehmen und daraus den Tempel der Humanität bauen.

Zu den wichtigsten Symbolen der Freimaurer gehören das rechte Winkel, der Zirkel und die Kelle. Am Haus der Kölner Freimaurer sind Winkelmaß und Zirkel auf die Fassade gemalt. Bodo Raschke trägt eine kleine Kelle als Anstecknadel am Revers.

Raschke: Die Kelle ist des Freimaurers höchster Schmuck. Mit dieser Kelle soll man verdeutlichen, dass alle Ecken und Risse zugekittet werden sollen mit dem Mörtel der Liebe. Und deswegen trägt der Freimaurer auch die Kelle immer an sich, wenn er mit anderen Brüdern zu rituellen Arbeiten zusammenkommt, um sich auch daran zu erinnern, dass es also sehr wichtig ist, diese Pflicht immer wahrzunehmen, also immer diese brüderliche Liebe zu praktizieren.

Klaus Werner (am Bruderabend): Meine lieben Brüder, ich begrüße Euch alle recht herzlich zu diesem Bruderabend. Bevor wir diesen Bruderabend beginnen, wollen wir einem alten Brauch folgen: Ich bitte Euch, den Mitbruder an die Hand zu nehmen und in einen Kreis zu treten. Wir treten in die Bruderkette. Es heißt, eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. In unserer Kette gibt es keine schwachen Glieder …

Knapp 30 Herren haben sich von ihren Plätzen erhoben, die meisten von ihnen sind nicht mehr die jüngsten. Einmal in der Woche treffen sie sich, um die esoterischen Rituale der Freimaurer zu praktizieren. Dabei folgen sie den Anweisungen ihres Logenmeisters.

Werner: Mein Name ist Klaus Werner, Werner wie der Zunahme, ich bin also der Logenmeister dieser ehrwürdigen Johannes-Loge "Freimut und Wahrheit", und bin jetzt seit 16 Jahren dabei.

Die Kölner Brüder werden im Laufe des Abends den Bankettsaal verlassen und gemeinsam in einen Raum gehen, den sie Tempel nennen. Klaus Werner wird Frack, Zylinder und weiße Handschuhe anziehen, vor einen Altar treten und seines Amtes walten.

Werner: Wir haben sehr oft rituelle Arbeiten, ich spreche jetzt mal von den rituellen Arbeiten im Tempel, diesen Arbeiten sitze ich vor und muss die Arbeiten auch vorbereiten, muss mir ein Thema einfallen lassen, was ich bei diesen rituellen Arbeiten den Brüdern rüberbringen möchte - ich möchte also unser freimaurisches Verständnis, unsere freimaurischen Ideale vertiefen bei den Brüdern, damit das auch sitzt, sag ich mal so …

Doch noch bevor das Ritual beginnt, wird der Reporter schon wieder verabschiedet, er ist jetzt nicht mehr erwünscht. Zu den Arbeiten im Tempel sind nur Freimaurer zugelassen, und die haben sich zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Raschke: In der Geschwätzigkeit unserer heutigen Zeit ist es sicher auch gut, zu lernen, dass man Dinge, die einem anvertraut werden, auch wirklich für sich bewahrt. Das wird oft missgedeutet, dass da Geheimniskrämerei betrieben wird. Das einzige, worüber wir nicht reden, das ist das Ritual, weil man es auch kaum erklären könnte, die Wirkung muss man selbst erleben./ Es wird niemand verdonnert, nun über alles, was da gesagt wird, zu schweigen, aber ein gewisses Maß an Verschwiegenheit gehört zum Übungsfeld der Freimaurerei.

Es sind diese gemeinsamen Geheimnisse und Rituale, die für eine starke emotionale Verbundenheit sorgen. Die wichtigste kultische Handlung ist das Aufnahmeritual.

Raschke: Meine eigene Aufnahme, die werde ich nie vergessen, das war also schon ein sehr eindrucksvolles Erlebnis, das mich sehr auch geprägt hat. Ich kann Ihnen natürlich die Details einer solchen Aufnahme nicht erzählen wie ja überhaupt diese ganzen Rituale, über die man ja gerne sprechen möchte in der Öffentlichkeit. Ich glaube, wenn ich das jetzt erzählen würde, es würde auch nicht viel mehr Verständnis finden. Man könnte es vergleichen, wie wenn man versuchen würde, einem Blinden den Sonnenuntergang zu erklären …

Werner: Es kann nicht jeder Freimaurer werden. Es ist auch die Zustimmung der übrigen Bruderschaft dazu notwendig, die letztendlich darüber abstimmen, ob derjenige, der aufgenommen werden möchte, ob der wirklich einmal Mitglied dieser Loge wird.

Raschke: Es soll also ein Bund fürs Leben sein. Ich habe natürlich, wie sich das gehört, als Ehemann vor diesem Schritt mit meiner Frau darüber gesprochen. Ich habe sie gefragt, ob sie damit einverstanden ist, und sie hat mir weitestgehende Freiheit gegeben, und sie akzeptiert das, auch wenn zeitweilig durch ehrenamtliche Tätigkeiten für die Loge dann, ja, ich sag mal so, das familiäre Leben etwas gelitten hat.

Das ist also kein Geheimnis: Wer Freimaurer ist, möchte unter Männer sein. In der Kölner Loge sind - ebenso wie in den meisten Logen der Welt - Frauen grundsätzlich nicht zugelassen.

Werner: Ich selber bin sehr konservativ von meiner Erziehung auch her und wie ich mich damals dieser Loge angeschlossen habe, war das schon ein wichtiges Kriterium, ob das eine gemischte Loge ist oder eine reine Männerloge. Ich glaube nicht, dass ich Freimaurer geworden wäre, wenn das eine gemischte Loge gewesen wäre.

Raschke: Also ich bin sicherlich kein Macho. Von daher habe ich ein sehr entspanntes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Die Freimaurerei ist entstanden im 18. Jahrhundert, und da war es ein reiner Männerbund. Und in den alten Pflichten, die von der englischen Großloge damals formuliert worden sind, hat man sich eigentlich auf einen reinen Männerbund ausdrücklich beschränkt, das ist in den Statuten festgehalten. Man könnte das natürlich heute ändern, aber auf der anderen Seite sind viele Dinge, die in der Freimaurerei praktiziert werden, eben auf Männer ausgerichtet, und ich persönlich muss Ihnen auch ganz offen sagen: Ich bin der Meinung, dass es für Männer auch Rückzugsmöglichkeiten geben muss, wo sie sich auf sich selbst besinnen können, wo sie unter sich sein dürfen. Und dann gibt es da noch ein Begleiteffekt, den ich doch mit einiger Ernsthaftigkeit hineinbringen möchte: Stellen Sie sich doch mal vor, da treffen sich also Männlein und Weiblein in einem stillen Raum. Da gibt es Ehefrauen, die mutmaßen dann, dass die Männer ihnen dann vielleicht untreu werden könnten. Ich meine, Männer neigen natürlich in Anwesenheit von Frauen gelegentlich dazu, sich etwas gockelhaft zu benehmen, und das würde ja den ganzen Prozess der kontemplativen Beschäftigung mit sich selbst auch deutlich beeinträchtigen.

Werner: Ich hätte immer das Gefühl, dass bei gemischten Vereinen unterschwellig doch immer der Bedarf da ist - wie sagt man auf neudeutsch - zu baggern. Das versucht wird von der Frau oder vom Mann jemand anders anzubaggern. So, und das bringt Unfrieden.

Viele Freimaurer bekennen sich zu ihrer Mitgliedschaft. Grundsätzlich aber darf kein Logenangehöriger die Identität eines anderen Bruders verraten. Das lässt natürlich viel Raum für Spekulationen. Dennoch hat man in der Kölner Loge nicht das Gefühl, hier seien Weltverschwörer am Werk. Der Eindruck ist eher der einer Mischung aus Brauchtumsvereinigung und Herrenclub. Die Zugehörigkeit zur Bruderschaft kann aber durchaus nützlich sein.

Raschke: Wir haben ja das große Glück, dass wir in unserer Gemeinschaft alle Berufsrichtungen haben, Juristen, Ärzte, Kaufleute, Ingenieure, Musiker, also das sind ja alle Berufsparten vertreten, und da findet sich eigentlich immer dann jemand, der auch mal eine praktische Hilfe geben kann.

Werner: Um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts, also 1899, 1900, das gehörte das zum guten Ton für einen Handwerksmeister, in einer Loge zu sein. Das war für ihn wie Werbung, wo er sich anderen Geschäftsleuten, Obrigkeiten, Entscheidungsträgern mitteilen konnte und auf sich aufmerksam machen konnte. Es hat sicherlich damals auch etwas mit Geschäft zu tun gehabt, weil man noch nicht die Möglichkeiten der heutigen Werbung hatte. Deshalb hatten die Logen auch sehr großen Zulauf von Handwerksmeistern, um auch an Aufträge zu kommen. Das kann man ganz klar sagen.

Raschke: Ich muss sagen, nach jetzt knapp 20 Jahren, die ich dem Freimaurerbund angehöre, habe ich keine Sekunde das bereut. Im Gegenteil, ich habe so viele Freundschaften schließen können, so viele interessante Männer getroffen, die mir ja sonst im Leben nie begegnet wären.

Werner: Ja, es ist eine Männergruppe, man ist unter Brüdern, unter Gleichgesinnten mit gleicher Zielsetzung, und das ist das Schöne daran, und da freue ich mich die ganze Woche drauf.
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