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25.10.2004
Was heute noch an den "alten" Schriftstellern fasziniert
1929 – ein Jahrgang und seine Fans
Von Dunja Welke

Alte Haudegen: Der Schriftsteller Peter Rühmkorf, links, und der zwei Jahre ältere Günter Grass (Bild: AP-Archiv)
Alte Haudegen: Der Schriftsteller Peter Rühmkorf, links, und der zwei Jahre ältere Günter Grass (Bild: AP-Archiv)
Neben Peter Rühmkorf (25.10.) werden oder wurden bereits in diesem Jahr mehrere prominente Schriftsteller 75 Jahre alt. Rühmkorf begann wie Walter Kempowski, Hans Magnus Enzensberger, Günter Kunert und Christa Wolf in den 50er Jahren zu schreiben und ist bis heute produktiv. Rühmkorfs Jahrgang, 1929, ist legendär geworden. Sind sie Platzhirsche, die die Szene übermäßig dominieren ? Oder haben sie zurecht viele Leser?

Bei mir ist es genau andersherum: Ich bin 75 geboren und werde 29, also umgedreht. Für mich sind Gegenwartsliteraten eher uninteressant, weil, ich bin mit dem Historischen noch nicht fertig.

Nadine Schermer studiert Germanistik an der Berliner Humboldt Universität und gehört zu denjenigen, die die Seminare und Vorlesungen zur neueren deutschen Literatur stürmen. Hier lesen und debattieren die Studenten Texte von Christa Wolf, Heiner Müller, Peter Rühmkorf, Günter Kunert oder Hans Magnus Enzensberger. Ihr aufklärerisches, politisch engagiertes Schreiben macht sie bis heute auch für ein jüngeres Publikum interessant. Die beiden Literaturstudenten Lars Schließmann und Ludwig Hauk:

Lars Schließmann: Für mich sind diese Autoren mit ihren Aussagen oder Bildern und Fragen heute wichtig. Sie kommen aus 'ner anderen Geschichte, und sie sind eine andere Generation mit anderen Erlebnissen. Also muss sich die Literatur auch unterscheiden von der heutigen Generation.

Ludwig Hauk: Es sind für uns historische Autoren. Und das hat nicht nur was mit dem Alter zu tun, sondern eben auch mit den Stoffen.

Als historische Personen sehen sich die noch produktiven Schriftsteller selbst aber nicht. Christa Wolf klagte schon vor Jahren:

Anscheinend bin ich aus dem Status der Zeitgenossin in den der Zeitzeugin gerutscht.

Mit ihrer Literatur wollten die 29er gesellschaftliche Zustände beeinflussen - in der Bundesrepublik und auch in der DDR. Diese Autoren mischten sich ein und wollten mitgestalten. In den Nachkriegsjahren setzten sie sich mit dem Erbe des Nationalsozialismus auseinander, nach dem Mauerbau wirkten sie für den Fortbestand der deutschen Kulturnation, in den 70er/80ern wehrten sie sich gegen die Gefahr eines neuen Atomkriegs in Mitteleuropa.

Walter Kempowski, Hans Magnus Enzensberger, Günter Kunert, Christa Wolf und Peter Rühmkorf wirken rückblickend ungewöhnlich ausdauernd. Sie sind aber keine Senkrechtstarter, meint zurecht Germanistikstudent Ludwig Hauk:

Die sind groß geworden durch das Feuilleton ganz klassischer Weise, durch die literarische Gruppierungen oder auch durch einen DDR-Kulturbetrieb, der eben auch vieles forciert oder auch nicht forciert hat und dadurch 'ne ganz starke und gezielte Kanonbildung probiert hat. Und dann kommt ja noch dazu, dass diese Autoren auch viele harte Durststrecken hinter sich haben, wo sie eben überhaupt nicht erfolgreich waren. Und das sind ja auch Sachen, die belohnt werden müssen.

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (Bild: AP Archiv)
Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (Bild: AP Archiv)
Als ein zorniger junger Mann betrat Ende der 50er Hans Magnus Enzensberger die Bühne - mit großen politischen Gedichten, die seit Brecht nicht mehr zu lesen waren und die provozierten. Bereits in seiner frühen Lyrik und Essayistik hat er sich auf zeitdokumentarische Themen eingeschworen, denn:

wenn nicht das Bündel das jault und greint
die Grube überhäuft den Groll vertreibt
was wir ihm zugerichtet kalt zerrauft
mit unerhörter Schrift die schiere Zeit beschreibt
ist es verraten und verkauft


Der politische Publizist Günter Gaus, der seine Karriere mit Erzählungen und einem Theaterstück begann, von 1974 bis 1981 die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin leitete und im Mai diesen Jahres verstarb, empfand seine Generation als glücklich und bescheinigte ihr die "Gnade der späten Geburt".

Wir, ich vom Jahrgang 1929, waren alt genug, um - zum Teil auch noch direkt - als Flakhelfer, Brandwache während des Luftkriegs, Volkssturm, den Krieg bewusst wahrzunehmen, waren aber zu jung, als dass uns der Krieg ganz hätte auffressen können und ganz geprägt hätte. Wir waren aber durch die Frühreife der Teilhabe am Krieg ganz bewusst dessen, was vorging, als das Jahr 1945 kam. Und ich habe gierig wie ein Schwamm aufgesogen, was nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland hineinströmte, was an neuer Literatur, an neuen Orientierungswerten, die zwölf Jahre lang verfemt gewesen waren, uns angeboten wurde.

Die Prägungen durch den Krieg, von Christa Wolf im Romantitel "Kindheitsmuster" genannt, haben die 29er sensibel, ja kritisch gemacht gegenüber Demagogen und Antidemokraten. Der Literat und Literaturvermittler Reinhard Baumgart empfand seine Generation als:

gemütskrank, mit schrecklich reizbaren Stellen auf unserer Seelenhaut. Das zeigt sich, wann immer politische Wahnideen, Massenhysterie oder Kriegtreiberei wieder um sich greifen und uns erinnern an unsere braune Vorgeschichte.

In beiden deutschen Staaten wurden die 29er bald zur ersten maßgeblichen Intellektuellengeneration nach 1945. Während sie sich in der Bundesrepublik durch Studien und Reisen die westliche Moderne aneigneten, blieben die Ostdeutschen lange abgeschottet und auf den sozialistischen Realismus eingeschworen. In Ost wie West übernahmen sie als Redakteure, Lektoren oder als Herausgeber rasch Verantwortung im Kulturbetrieb.

Die Ostdeutschen engagierten sich zunächst beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft und fühlten sich dabei den aus dem Exil heimgekehrten Schriftstellern nahe. Die Westdeutschen kritisierten - in der DDR ein Tabu -, wie braune Geisteshaltungen sich fortsetzten. Und auch die Konsummentalität der Wirtschaftswunderjahre war ihnen suspekt.

Heiner Müller im Juni 1995 (Bild: AP)
Heiner Müller im Juni 1995 (Bild: AP)
Wehrten sich Lettau, Rühmkorf und Enzensberger in der Bundesrepublik der 60er Jahre gegen die Regierungsnähe der dominierenden Springerpresse, polemisierten Kunert, Müller und Wolf in der DDR gegen die Ausgrenzung Andersdenkender, gegen dogmatische Kulturpolitiker und gegen die Zensur. Heiner Müller 1986 in "Wolokolamsker Chaussee IV":

Der sozialistische Schreibtisch unser Marsch
Gepäck ins kommunistische Jahrtausend
Die neue Gangart will geübt sein Links
Und links Und jeder Schritt ist Leistungssport
Ich bin ein Mann ein Mann wie eine Eiche
Wie geht es weiter So Vielleicht bin ich
Ich glaube singen kann ich auch nicht mehr
Ein Kloß im Hals Schon morgen eine L...
Ich und mein Schreibtisch Wer gehört jetzt wem
Der Schreibtisch ist volkseigen Was bin ich
Unten ein Schreibtisch oben noch ein Mensch
Kein Mensch mehr sondern eine Menschmaschine


Ludwig Hauk: Wenn man mal einen Text nimmt wie "Wolokolamsker Chaussee", ein Text, der eigentlich zunächst auf die DDR bezogen erscheint. Und gleichzeitig, wenn man den Text liest, merkt man, wieviel auch, sagen wir, archaische, tragödische Qualität in diesem Stück steckt. Müllers Texte müssen verteidigt werden, dass sie einfach nur journalistische Beiträge zur Zeitgeschichte sind oder Systemkritik.

Lars Schließmann: Für mich ist er wichtig, wenn's darum geht, zu hinterfragen, warum ist die DDR gescheitert und wie ist sie gescheitert und interessanter Weise bei ihm schon aus 'ner Perspektive der 80er oder 70er Jahre. Da war er schon auf seine Art Seher und Wissender.

Schmerzvoller als Heiner Müller löste sich Christa Wolf von der DDR. 1979 fragte sie im Tagebuch:

Aber woher eigentlich diese unauflösbare Identifizierung mit diesem Land? Warum wird man das nie los?

Christa Wolf will, anders als die meisten ihrer prominenten Generationskollegen, mit ihrer Literatur weiterhin Perspektiven aufzeigen.

Die Autorin Christa Wolf (Bild: AP)
Die Autorin Christa Wolf (Bild: AP)
Es wäre schon ganz schön, wenn über diese Diagnose hinaus, dass wir in einer verruchten, alternativlosen Gesellschaft leben, die auf schreckliche Katastrophen hin sich mit rasender Geschwindigkeit entwickelt und dabei uns einredet, wir leben in Freiheit, wäre es schon ganz schön, wenn man noch ein Lichtpünktchen irgendwo hätte.

Nadine Schermer: Ich lese auch Christa Wolf eben sehr gerne. Sie ist für mich wichtig. Und am meisten hat mich damals eigentlich "Kassandra" beeindruckt. Das habe ich mit viel Gewinn gelesen. Und "Ein Tag im Jahr" ist für uns Zeitgeschichte und Christa Wolf persönlich. Was ja auch Spaß macht, eine Frau näher kennen zu lernen, die ja wirklich über Jahrzehnte für uns wichtig war. Also, es ist toll. Hier herausragende Position.

Wie eh unterscheiden sich die heute 75-jährigen in ihrer politischen Haltung. Aber noch immer sind sie in der öffentlichen Debatte gefragt, beispielsweise beim jüngsten Krieg der USA. Während Enzensberger den Irak-Krieg bejahte, Habermas, Kunert und Dahrendorf skeptisch reagierten, lehnte Christa Wolf die amerikanische Politik ab. Dass ihre Autorität aber auch schwindet, darüber konnte sich der 1999 verstorbene Reinhard Lettau lustig machen:

Um uns herum werden Leute totgeschlagen. Wenn man es sagt, hört keiner hin. Wenn man es schreibt, liest es keiner. Wenn es einer liest, sagt er: Es war eine Ausnahme. Wenn es einer hört, sagt er: Waren Sie dabei? Bald sagen wir nichts mehr.

Die 29er sind legendär geworden, weil ihre Texte ein halbes Jahrhundert widerspiegeln. Bis heute schreiben sie aus gelebter geschichtlicher Erfahrung heraus. Sie waren Aussteiger und Aufsteiger zugleich. Mit ihrer Literatur machten sie immer wieder von sich Reden. Sie dominierten nicht unbedingt die Bestsellerlisten, nahmen aber ein intellektuelles Publikum für sich ein. Viele Leserinnen und Leser sind mit ihnen alt geworden und haben ihnen über Jahrzehnte hinweg die Treue gehalten - wie die Buchhändlerin Ursula Kießling und der Literaturprofessor Frank Hörnigk:

Ursula Kießling: Christa Wolf, Kempowski, im Grunde sind es alles Autoren, mit denen wir ja im Buchhandel groß geworden sind, die uns auch literarisch geprägt haben. Natürlich empfiehlt man auch solche Bücher, weil man auch weiß, der Kunde, der gegenübersteht, welchen literarischen Anspruch hat er. Das ist ein großer Verlust, wenn's die Autoren nicht mehr gibt, weil diese Art von Literatur heute nur noch ganz wenig vertreten ist.

Frank Hörnigk: Die Seminare zu Christa Wolf sind voll oder zu Heiner Müller. Und wenn über Moderne und ästhetische Moderne rede und rede nicht über Habermas, dann bin ich nicht am Thema. Über Rühmkorf zu reden, heißt über eine ganz wichtige Dimension politischer und ästhetischer Kunstentwicklung in der Bundesrepublik zu sprechen. Entscheidend ist, glaube ich, an denen wie auch an Schiller, Goethe oder Büchner, was ich an denen entdecken will und was ich suche zu entdecken. Sie also nur als etwas schrullige Leute mit irgendeinem Pathos einer Verantwortlichkeit zu lesen, unterschätzt sie natürlich.




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