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26.10.2004
"Hose, Hase, Nase, Vase"
Wie Logopäden Schlaganfallpatienten helfen
Von Sibylle Hoffmann

Moderne Geräte helfen bei der Überwachung von Schlaganfall-Patienten (Bild: AP-Archiv)
Moderne Geräte helfen bei der Überwachung von Schlaganfall-Patienten (Bild: AP-Archiv)
Ein Schlaganfall. Eine plötzlich auftretende Blutung oder auch ein Gerinnsel im Gehirn hat die Blutzufuhr im Hirn blockiert. Das kann zu vorübergehenden oder auch bleibenden Schäden führen. Etwa ein Viertel aller Schlaganfallpatienten verliert die Fähigkeit zu sprechen. Die kann aber mit Hilfe von Logopäden wieder aufgebaut werden. Sibylle Hoffmann berichtet von der Arbeit einer Logopädin im Universitätskrankenhaus in Hamburg-Eppendorf.

So... vier Bilder. Hase. Können Sie das sehen?
...Piepston. Haben Sie nicht erkannt, ne?


Evelyn Mohr sitzt am Bettrand von Herrn Kersten. Er ist 53 Jahre alt und gerade in die Klinik eingeliefert worden. Die Ausmaße seines Schlaganfalls sind noch nicht genau bekannt. Er spricht schleppend und undeutlich. Sieht er die Bilder nicht, die die Logopädin ihm zeigt?

phonetisch ähnlich: Hose Hase Nase Vase. Dieses Bild ist semantisch ähnlich: Hand Ohr Nase Finger…
...haben Sie eine Hand? Wo ist sie denn? Gut. Danke.


Herr Kersten ist erschöpft und wirkt gequält. Röntgenbilder werden zeigen, welche Regionen der Schlaganfall in seinem Hirn beeinträchtigt hat. Kann er nicht mehr richtig sehen? Kann er nicht mehr richtig sprechen? Versteht er überhaupt, was ihm gesagt wird? Oder ist er bloß zu erschöpft, um sich zu konzentrieren?

Nach einem Schlaganfall wissen auch die Ärzte nicht gleich, was wie stark geschädigt ist. Das wird erst nach Tests zur Beweglichkeit, zum Verstehen, zur Sprechfähigkeit und auf dem Röntgenbild deutlicher.

Jeden morgen besprechen die Ärzte die Röntgenaufnahmen der Patienten in der neurologischen Station. Evelyn Mohr sitzt dabei und vergleicht die Notizen, die sie sich bei ihrer logopädischen Untersuchung gemacht hat, mit den Ergebnissen der Ärzte. Dann hat sie es eilig.

Sie hetzt aus dem abgedunkelten Raum, in dem noch die Aufnahmen von Gehirnen an der Wand flimmern.

Auf der stroke-unit, der Abteilung für Schlaganfälle, liegt ihr Terminbuch. Mehrere Patienten muss sie heute untersuchen und therapieren, sie muss Telefonate führen, emails beantworten ... und eben noch ins Arztzimmer reinschauen. Dort zeigt der Monitor wieder ein Gehirn. Wie zwei dicht zusammengeschobene Haufen von ineinander gewundenen Bratwürsten sieht es aus. Die Krankenschwester und der Arzt besprechen sich, Evelyn Mohr kommt dazu.

Evelyn Mohr bringt den Patienten, die durch einen Schlaganfall die Fähigkeit zu Sprechen ganz oder teilweise verloren haben, wieder bei, Silben, Sätze und ganze Sinnzusammenhänge zu formulieren. Heute trainiert sie mit Herrn Omme.

Guten Morgen!
Brummen
Das Sprechen geht so schwer.
Brummen
Da kommt gar nichts richtig raus. Stimmt's? Ich möchte mal Ihren Mund untersuchen. Können Sie mal versuchen, ihn auf zu machen? Klasse. Jetzt strecken Sie mir mal die Zunge raus. Weit rausstrecken: illlllll. Ich helfe Ihnen gleich mal. Moment.
Ich hab ein kleines Wattestäbchen in der Hand. Das tupfe ich mal auf ihre Zunge. Ja? Den Mund aufmachen, und die mal rausstrecken, weit rausstrecken illlll. Ich will gucken, ob die sich bewegen kann. Mal rausstrecken. Nnnnnnnnn. Gut. Dann lecken Sie jetzt mal hier ihre Oberlippe ab.


Lutschen....
Die Zunge gehorcht Ihnen nicht, stimmt's?
Brummen
Das ist das Problem. Jetzt will ich mal probieren, ob Sie im Gesicht alles spüren. Jetzt kommt erst mal der Oberarzt.

Aphasiker, so heißen die Menschen, die nach einem Schlaganfall nicht mehr deutlich oder sinnvoll sprechen können, haben es sehr schwer, sich ihrer Umwelt verständlich zu machen. Manche versteht man nicht, andere verlangen einen Füller zum Frühstück, obwohl sie ein Ei, einen Toast oder Marmelade meinen. Es braucht viel Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen, Zeit, Verständnis und Phantasie, diesen Patienten bei der Linderung oder Heilung ihres Leidens zu helfen.

Herr Omme hat es besonders schwer. Er ist über achtzig Jahre alt, lebt seit kurzem im Heim und hat schon mehrere Hirninfarkte erlitten. Er ist darüber bereits erblindet. Das heißt: Seine Augen sind noch aktiv, aber die Sehrinde nicht, die Verarbeitung im Hirn. Er kann also Farben und Formen "sehen" aber nicht erkennen, was sie bedeuten. Nach dem jüngsten Anfall kann er nun auch nicht mehr sprechen oder schlucken. Er brummt nur noch und hat eine Magensonde.
Er gibt Laute von sich, bewegt aber die Zunge überhaupt nicht.

Arzt: Die Frage ist, hat er 'ne Anatrie?
Arztuntersuchung: ...Darf ich mal sehen, wie Sie ihre rechte Seite bewegen?

Der arme Herr Omme. Er gehorcht so gut er kann. Sein Gesicht verzieht sich, er sieht weder den Arzt noch die Schwester noch die Logopädin. Er ist blind, hört aber und folgt aufmerksam und sichtlich angestrengt den Anweisungen, die da vom Fußende her tönen.

Jetzt ist entschieden, was mit Herrn Omme weiter passiert, und Evelyn Mohr setzt ihre Therapie fort. Von Sprechen kann vorläufig noch nicht die Rede sein. Die Logopädin stimuliert aber mit einem Eiswürfel schon mal die Mundregionen, damit der Patient ein Gefühl dafür bekommt, wo seine Zunge ist, sein Gaumen, seine Wangen.

Innen und Außen, oben und unten - alles muss er neu fühlen lernen, damit er die Zunge bald wieder gezielt bewegen kann. Vor allem muss er das Schlucken wieder lernen. Nach etwa 20 Minuten ist die Therapie vorbei. Herr Omme ist erschöpft.

Evelyn Mohr holt als nächstes Herrn Anns ab. Er hat bereits öfter mit ihr das Sprechen trainiert, und langsam bessert sich sein Zustand auch. Im Behandlungszimmer sitzt er mit der Logopädin an einem Tisch. Sie hält seine Hand, und beide stützen die Unterarme auf die Tischplatte. Sie versuchen, die Wochentage rhythmisch zu sprechen. Das funktioniert nicht richtig.

Jetzt geht's leichter. Und noch mal los: Montag

Trotz aller Mühen kommt Herr Anns nicht richtig in Fahrt. Woran liegt's?

Herr Anns ist ein höflicher Mensch, ein Herr. Es gehört sich nicht, den Ellenbogen auf den Tisch zu stützen oder mit der Hand auf den Tisch zu schlagen. Es gehört sich auch nicht, in Gegenwart einer Dame zu stöhnen oder gar zu fluchen. Das versucht Herr Anns mitzuteilen. Und da die Logopädin ihren Patienten schon etwas kennt, versteht sie trotz seines Gestammels ziemlich rasch, was er meint.

Später am Tag wird eine funktionelle Magnetresonanztomographie zeigen, welche Regionen im Hirn von Herrn Anns auf welche Reize reagieren. Er bekommt einen Druckknopf in die Hand und muss jeweils bestätigen oder verneinen, ob die Sätze, die er über Kopfhörer hört, richtig sind. Im Repertoire sind grammatisch richtige und sinnvolle Sätze, wie: Der Schrank ist groß. Und das Repertoire hält Kniffliges bereit: Ihm werden grammatisch richtige, aber unsinnige Sätze übermittelt wie: Der Schrank fliegt. Außerdem wird ihm Sprache rückwärts zugespielt...

Der Computer speichert dann, welche Hirnregion bei welcher Reaktion aktiv war. Die Untersuchung erfordert viel Konzentration und ist außerordentlich anstrengend für die Patienten, die sich ohnehin schon sehr bemühen müssen, damit ihre Umwelt sie versteht.

Annette Baumgärtner ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hamburger Universitätsklinik mit der Erforschung von Sprachvermögen befasst. Sie wertet die Ergebnisse der Tomographie aus.

Wir erforschen, wie Sprache im gesunden Hirn repräsentiert ist und welche Mechanismen den Sprachstörungen zugrunde liegen, die wir oft nach einem Schlaganfall beobachten. Die Sprachfunktionen in der rechten Hirnhälfte, die hat man noch nicht so gut erforscht wie die in der linken Hemisphäre, aber es scheint so zu sein, dass die rechte Hirnhälfte besonders für assoziatives Denken zuständig ist. Also wenn Sie zum Beispiel einen Begriff hören wie "Mond", dann hat man bestimmte Assoziationen, vielleicht auch unbewusst, zum Beispiel Nacht, kühl, vielleicht auch romantisch manchmal, also bestimmte Empfindungen, die werden in der rechten Hirnhälfte verarbeitet. Und das kann man für die Therapie durchaus ausnutzen.

Evelyn Mohr ist gerade mit einer Schlaganfallpatientin beschäftigt, die schon große Fortschritte gemacht hat. Frau Berg ist seit einer Woche im Krankenhaus und kann bereits ganze Sätze sprechen. Aber der Fehlerteufel treibt sein Unwesen. Die Logopädin zeigt der Patientin eine Bildergeschichte, die von einer Tankstelle handelt, und Frau Berg soll erzählen, was sie da sieht.

Die kennen Sie noch von Freitag… ..hier muss er sein erstes Glas - oh nein!
Lachen
Was ist das?
Reifen und der Junge sucht nach Glück.

Lachen
Luft
Hohmsahssa

Hohmsahssa - Was könnte das wohl bedeuten? Evelyn Mohr übergeht das Missgeschick. Wenn sie aber jetzt nicht therapieren würde, sondern forschen, dann würde sie vielleicht nachfragen.

Wie war das eben mit dem Reifen?

Reifen ... der Junge sucht nach Glück.

Assoziationsketten schießen in den Kopf: Reifen, Luft, Hans guck in die Luft, Hans im Glück...

Das Hirn arbeitet - wenn es geschockt und durch einen Hirnschlag zum Teil zerstört wurde - so, wie die Leiter von Kreativ-Kursen es sich wünschen: Es reiht Begriffe und Bilder aneinander und versucht, die aktuell vorhandene Sprech-Unfähigkeit zu überbrücken. Das gelingt zwar nicht immer, ist aber ein Ansatz für Therapien nach Schlaganfall.

Immerhin erleiden etwa 25 Prozent der Patienten mit einem Schlaganfall einen vorübergehenden oder auch bleibenden Schaden in den Sprechregionen oder im Sprachverständnis. Kann der Patient seine Sprechwerkzeuge - Zunge, Gaumen, Lippen - nicht mehr richtig bewegen? Oder kann er Worte und Begriffe zwar richtig bilden, aber nicht sinnvoll benutzen?

Bei einem Schlaganfall muss es schnell gehen. (Bild: AP)
Bei einem Schlaganfall muss es schnell gehen. (Bild: AP)
Die Schäden müssen möglichst früh lokalisiert werden, um sie durch Sprechtraining und gegebenenfalls mithilfe von Medikamenten zu begrenzen - oder auch zu beheben. Evelyn Mohr erklärt, dass Schlaganfälle im Prinzip leicht zu erkennen sind. Da wird einem plötzlich schwindelig oder übel, rasende Schmerzen jagen durch den Kopf oder man stürzt auf einmal...

Evelyn Mohr: ...Das bedeutet, dass man nicht abwartet, bis der Hausarzt seine Praxis öffnet, auch nicht sich ins Bett legt und ein zwei Stunden schläft und denkt, es geht vorbei, auch nicht erst die Familienangehörigen anruft und wartet, dass sie in drei Stunden vorbeikommen, sondern: Schlaganfall ist ein Notfall. Sofort 112 anrufen - der Notarzt entscheidet dann, ob es vielleicht nur ein Kreislaufzusammenbruch war, eine Magenverstimmung oder was auch immer. Wir stellen uns vor, dass in den ersten drei Stunden, aber es gibt auch noch ein Zeitfenster bis sechs Stunden - noch ganz viel Hirngewebe zu retten ist.

Der Patient wird in der Notaufnahme geröntgt und die Ärzte können erkennen, ob es sich um eine Thrombose, um ein Blutgerinnsel im Hirn handelt oder um eine Hirnblutung. Je nachdem muss der Patient unterschiedlich behandelt werden. Wenn eine Thrombose vorliegt, wird das Gewebe dahinter nicht durchblutet und stirbt ab.

Es heißt, Raucher seien besonders Thrombose- und damit Schlaganfall- gefährdet. Man könnte also annehmen, dass ein Raucher spätestens nach einem Schlaganfall den Tabak nicht mehr anrührt. Aber weit gefehlt. Die Raucher qualmen - noch in der Klinik - weiter.

Evelyn Mohr: Es ist einfach so: Wir werden bombardiert mit Gesundheitssendungen, was der Mensch alles tun soll: Täglich fünf Mal frisches Gemüse, acht Stunden schlafen und immer frische Luft und ein ausgeglichenes Seelenleben... - Nur, wir haben dieses Leben, das wir haben, und man kann sich selber fragen, was man alles davon beherzigt. Und ich hab lange lernen müssen, dass jeder Mensch sein eigenes Tempo hat. Ich hatte einen sehr netten Kollegen, einen Neuropsychologen, und der sagte: Jeder Umgang mit einem Schicksalsschlag ist individuell, und es ist dann auch für den Menschen das Richtige. Ich kann als Therapeut nicht sagen: Der muss doch jetzt kämpfen, oder: Warum ist der jetzt depressiv geworden? Oder warum will er nicht in der Therapie mitmachen? Oder warum tut er denn nicht das, was ich ihm sage, ich will doch so viel Gutes tun. Das Individuum selbst weiß, wie es sein inneres Gleichgewicht hält, und man muss ihn da abholen, wo er steht.


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