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27.10.2004
Nicht mehr kompatibel mit der Welt
Wie eine Psychose das Leben verändert
Von Wibke Bergemann

Manchmal kann man einfach nicht mehr weiter (Bild: AP-Archiv)
Manchmal kann man einfach nicht mehr weiter (Bild: AP-Archiv)
Menschen mit einer Psychose fallen aus den gesellschaftlichen Normen. Im schlimmsten Fall werden sie als unzurechnungsfähig oder sogar gefährlich abgestempelt. Die Freunde ziehen sich aus Scheu und Unkenntnis zurück, die Familie ist verunsichert. Rund drei Prozent aller Menschen erleben einmal in ihrem Leben eine psychotische Krise. Rein rechnerisch müsste jeder jemanden mit dieser Krankheit kennen - ohne es vielleicht zu wissen, denn psychische Erkrankungen werden oft verschwiegen.

Ein Ziel erreichen und Ehrgeiz entwickeln
Hürden überwinden und den höchsten Standard erlangen
Den Selbstwert mehren durch erfolgreiche Anwendung des eigenen Talents
Gegensätze überwinden
Kontrolle ausüben und Einfluss auf andere
Sich selbst behaupten
Den Raum behaupten
Das Ego verteidigen
Aufmerksamkeit erregen
Gesehen werden und gehört
Andere begeistern, verblüffen, faszinieren, schockieren, erheitern, neugierig machen, unterhalten, verführen


In einer Phase ihrer Depression erwachte die englische Dramatikerin Sarah Kane immer um 4 Uhr 48 und erlebte einen Moment größter Klarheit. "4.48 Psychose" heißt das letzte Stück von Sarah Kane, die sich 1999 in der Psychiatrie erhängte. In einem Monolog ironisiert die Autorin ihr verzweifeltes Streben nach Normalität.

Frei sein von sozialer Beschränktheit
Gewalt und Enge widerstehen
Unabhängig sein und seinen Wünschen gemäß handeln
Konventionen trotzen
Schmerz vermeiden
Keine Schande mache
Frühere Demütigungen auslöschen durch beharrliches Handeln
Selbstachtung aufrechterhalten
Die Angst unterdrücken
Schwäche überwinden


Menschen mit einer Psychose fallen aus den gesellschaftlichen Normen. Sie verhalten sich nicht mehr "normal". Im schlimmsten Fall werden sie als unzurechnungsfähig oder sogar gefährlich abgestempelt. Die Freunde ziehen sich aus Scheu und Unkenntnis zurück, die Familie ist verunsichert.

A: Wenn ich meinen Freundeskreis betrachte, ich bin mir nicht sicher, ob die überhaupt realisieren können, was sich da bewegt hat bei mir in der Zeit.

B: Weil es ja nicht ein gebrochener Arm oder Bein ist, das ist für jeden nachvollziehbar, aber sobald es um das Organ Gehirn geht, die Steuerungszentrale, dann wird es halt komisch für viele Leute.

C: Ich hatte Kontaktanzeigen aufgegeben. Die meisten Männer hatten mich nicht so interessiert, aber ein Mann war dabei, den ich total toll fand, und der war dann auch mal bei mir zuhause. Und ich hatte damals noch so eine kleine Pillenbox, aber er hat sie halt gesehen. Und ich habe ihm gesagt, dass ich mal einen Nervenzusammenbruch hatte und deswegen noch Tabletten nehme. Und dann hat er so gefragt, sind das Psychopharmaka. Und seit dem hat er sich nicht mehr gemeldet.

Rund drei Prozent aller Menschen erleben einmal in ihrem Leben eine psychotische Krise. Rein rechnerisch müsste jeder jemanden mit dieser Krankheit kennen - ohne es vielleicht zu wissen, denn psychische Erkrankungen werden oft verschwiegen.

Es ist ein Makel, es ist ein Stigma. Niemand sagt das gerne seinem Nachbarn oder auf der Cocktail-Party. Es wird versteckt, es wird verleugnet. Und das ist eins der größten Probleme, das Psychiatrie-Erfahrene haben, dass sie zu dieser Erfahrung nicht richtig stehen können.

Der Begriff Psychose umfasst sehr unterschiedliche Krankheitsbilder: Dazu gehören schwere Depressionen ebenso wie manisch-euphorische Zustände. Die einen leiden unter heftigen Ängsten und Verfolgungswahn. An Schizophrenie Erkrankte dagegen werden von Wahnvorstellungen und Halluzinationen geplagt. Vorübergehend steigen sie aus der Realität aus: Sie isolieren sich von ihrer Umwelt, hören Stimmen und sehen Bilder, die andere nicht wahrnehmen.

Diese Psychose war nicht nur von Angst geprägt, sondern die hatte auch so höhenflugartige Erscheinungsbilder, die mir das Gefühl gegeben haben, ich verstehe alle Zusammenhänge dieser Welt. Ein gutes Bild dafür ist, wenn man sich vielleicht das Gehirn vorstellt wie einen Wolkenkratzer bei Nacht, dann ist da ja manchmal hier mal ein Fensterchen an, und wenn man in so einem psychotischen Schub ist, dann ist das halt so, als ob das ganze Haus voll erleuchtet ist. Und alle Kanäle gleichzeitig offen sind.

Doch was die Ursachen für eine Psychose sind, können Fachleute nicht genau sagen. Dazu ist das Zusammenspiel von psychischen, biologischen und sozialen Faktoren zu komplex. Jede Psychose ist anders, jeder Kranke erlebt eine ganz individuelle Krise, erklärt der Berliner Psychotherapeut Burkhart Brückner, der sich auf die Nachbehandlung von Psychosen spezialisiert hat.

Burkhart Brückner: Es gibt gewisse Dispositionen, also auch körperlicher und biologischer Natur. Man spricht von einer gewissen Verletzlichkeit. Anlagebedingter Verletzlichkeit, die möglicherweise genetisch bedingt sind, vielleicht auch durch bestimmte Erfahrungen im Mutterleib bedingt sein können. Und dazu müssen dann noch bestimmte, biographische, soziale und psychische Belastungen kommen. Die sich unter Umständen auch summieren können, und dann zu einem bestimmten Zeitpunkt, da treten diese Defizite plötzlich auf.

Häufig verlieren psychisch Kranke ihren Arbeitsplatz und erleben einen sozialen Abstieg: Nicht nur das geregelte Einkommen ist weg, sondern auch die gesellschaftliche Anerkennung durch den Beruf. Deshalb ist eines der wichtigsten Ziele nach der Krise, wieder normal arbeiten zu können.

Ich hatte soviel zu tun, dass ich zumindest in der Woche immer beschäftigt war, und ich hatte da mit Leuten zu tun, die ich interessant fand, die nett waren, das hat mir sehr viel Befriedigung gegeben.

Erzählt eine junge Frau, die in den letzten drei Jahren als Fremdsprachensekretärin gearbeitet hat, und seitdem keine Rückfälle mehr erlebte. Dabei hatte das Arbeitsamt noch kurz zuvor die damals 32-Jährige dazu gedrängt, wegen ihrer Schizophrenie einen Rentenantrag zu stellen. Für die junge Frau ein Schock.

Und dann habe ich so überlegt, vielleicht haben die ja doch recht, vielleicht biste wirklich schizophren und das ist es dann halt, und musste ich mich halt mit abfinden. Aber irgendwie habe ich dann doch Hoffnung geschöpft, weil es dann doch Phasen in meinem Leben gab, wo ich glücklich war, wo ich das Gefühl hatte, in vollem Einklang mit mir selbst zu stehen, und da, habe ich gedacht, willste wieder hin.

Der enge Arbeitsmarkt erschwert den Einstieg in die Arbeitswelt. Hinzu kommt: psychisch Kranke sind weniger leistungsfähig, die notwendigen Medikamente schränken ihre Konzentrationsfähigkeit ein. Die meisten Psychose-Kranken müssen ihre Erwartungen an sich selbst zurückschrauben: Sie wechseln auf eine Teilzeitstelle oder nehmen einen weniger anspruchsvollen Job an.

In einem Berliner Restaurant, das von der gemeinnützigen Pinel-Gesellschaft betrieben wird, arbeitet eine junge Frau täglich zwei Stunden an der Theke. Die 34-Jährige ist nur vormittags hier anzutreffen, denn nachmittags wird sie fast täglich von schweren Angstzuständen überwältigt.

Es gibt natürlich auch Leute, die sagen, was nur zwei Stunden? Das ist dann auch sehr verletzend. Auf solche Kommentare kann man auch verzichten. Das ist halt die Messlatte, die angelegt wird, da muss man versuchen, sich irgendwie anders zu definieren, finde ich.


Was wäre wenn, wenn es jetzt ein nebenwirkungsarmes Medikament geben würde, dass die Krankheit völlig auslöscht, ob das so gut wäre, weil man sich dann nicht mehr mit sich selbst auseinandersetzen würde.

B: Ich würde immer sagen, dass ein psychotischer Zusammenbruch eine Katastrophe bleibt, aber in gewissem Sinne sinnvoll sein kann, ein Sinn darin entdeckt werden kann.

Eine Psychose stellt alles in Frage, vor allem das Selbst und das eigene bisherige Leben.

Ich bin viel fitter, als ich je gewesen bin. Die Psychose hat mein Leben geändert, also mein inneres Leben. Ich habe praktisch vierzig Jahre meines Lebens immer in die Vergangenheit gerichtet. Erst die Psychose hat mich in die Gegenwart gesetzt.

Der französische Wissenschaftler erlebte vor drei Jahren einen Zusammenbruch. Eine schwere Zeit, wie er heute sagt. Doch die Krise brachte ihn sich selbst näher und eröffnete ihm eine innere Gefühlswelt, die er bisher nicht zugelassen hatte:

Ich war in einer kleinen Firma, wo man sehr viel leisten musste. Und der beliebteste Ausdruck, also auf deutsch übersetzt, lautete: Ich habe keine Seelenzustände. Und das bedeutet, ich habe keine Zweifel, ich bin wie ein Stück Beton, und so muss man sein, wenn man ein Mann ist. Man darf keine Seelenzustände haben. Und 15 Jahre später hatte ich Seelenzustände über drei Wochen und zwar sehr heftig.

Der Forscher hat gelernt, seine Gefühle nicht länger zu verdrängen. Doch nur selten ist die Lösung für den Betroffenen so klar, verläuft der Heilungsprozess so günstig.

Der Weg aus einer Psychose führt über die Auseinandersetzung mit sich selbst. Die Psychologie geht davon aus, dass bei einer Psychose vor allem das Selbstgefühl, also die Beziehung zu sich selbst, gestört ist - ein sehr menschliches Problem, das in einer Psychose jedoch das erträgliche Maß überschreitet: Der Mensch verliert sich selbst.

Gerd Pauli: Wir alle haben die geringste Fähigkeit in der Wahrnehmung von uns selbst. Da gibt es wirklich einen blinden Fleck. Und jeder kennt das, dass er sich an bestimmten Punkten nur schwer selbst erkennen kann. Jemand, der so sich aus dem sozialen Kontext raus begeben hat mit seinen Wahnvorstellungen, der kann natürlich auch nicht sehen, was kommt von den anderen und was kommt von mir selber.

Der Berliner Psychologe Gerd Pauli leitet psychotherapeutische Gruppengespräche, in denen die Teilnehmer lernen, die Augen der anderen zu nutzen, um ihre eigene Wahrnehmung zu überprüfen: Sie berichten von ihren Schwierigkeiten etwa mit Arbeitskollegen und stellen im Gespräch fest, dass sich das Verhalten ihrer Mitmenschen unterschiedlich interpretieren lässt, dass das eigene Misstrauen dem Kollegen gegenüber vielleicht ganz unbegründet ist. Entscheidend ist das Gefühl, das hinter den Wahnvorstellungen steht, meint Therapeut Pauli.

Tatsächlich sage ich, so eine Krankheit hat man nicht, sondern, wenn man das etwas philosophischer betrachtet, man ist sie, man ist schizophren, man hat nicht Schizophrenie, sondern es ist ein Ausdruck meines Lebens.

Die meisten Psychosen sind behandelbar. Bei der Schizophrenie geht man davon aus, dass nur ein Drittel der Betroffenen dauerhaft geschädigt ist. Ein weiteres Drittel erlebt überhaupt nur einmal im Leben eine psychotische Episode. Bei allen anderen an Schizophrenie Erkrankten kann eine Therapie die Wiederholungsschübe über Jahre verzögern, oder auch ganz beenden.
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