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28.10.2004
Jede Stimme zählt
Auslandsamerikaner vor der Präsidentschaftswahl
Von Nicolas Hansen

John Kerry und George Bush vor dem ersten TV-Duell (Bild: AP)
John Kerry und George Bush vor dem ersten TV-Duell (Bild: AP)
Am nächsten Dienstag wählen die Amerikaner einen neuen Präsidenten oder den alten wieder. Bei der letzten Wahl vor vier Jahren haben nur 537 Stimmen darüber entschieden, wer als Präsident ins Weiße Haus einzieht. Auch dieses Jahr ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Jede Stimme zählt, auch die der Auslandsamerikaner.

Auf einem Schulgelände in Berlin-Zehlendorf. Es ist ein Sonntag im Herbst. Heute herrscht hier Hochbetrieb. Die Deutsch-Amerikanische Schule feiert den Fun-Day, eine Art "Tag der Offenen Tür". Eltern verkaufen Muffins, Kuchen und Getränke. Stände sind aufgebaut, Kinder werden zu Clowns geschminkt, sie werfen auf Dosen oder mit Dartpfeilen auf Luftballons. Mittendrin steht ein Tisch. "Wähler Registrierung" steht auf einem Schild. Dieses Angebot richtet sich an die Eltern. Jeder Wähler muss sich für die Wahl registrieren lassen. Da es in Amerika kein Melderegister gibt, kommen die Briefwahlunterlagen nicht automatisch ins Haus. Auch die in Deutschland lebenden Amerikaner müssen sich registrieren lassen. Die Auslandsorganisationen amerikanischer Parteien, aber auch andere Gruppierungen, die sich für oder gegen die Wiederwahl Präsident Bushs einsetzen, übernehmen die Registrierung. Alan Benson ist einer von ihnen.

Alan Benson: Unser Stand ist heute unparteiisch, wir sind hier "Go AVA" also "American Voices Abroad - Get out the Vote" und da stecken auch eine Menge Demokraten dahinter (lacht), aber hier offiziell bei der Schule sind wir unparteiisch. Aber wir haben schon gemerkt, neun aus zehn Leute sind schon demokratisch geneigt, wollen Kerry wählen und das ist so wirklich die Stimmung hier.

Im Registrierungsformular muss neben Namen, Anschrift und Sozialversicherungsnummer auch eingetragen werden, warum jemand im Ausland wählen will, wann er zuletzt gewählt hat und welcher Partei er Nahe steht. Ob in Berlin, Frankfurt, München oder Kaiserslautern, überall versuchen Amerikaner, ihre Landsleute zu erreichen. Es geht aber nicht nur um Wahlkampf, sagt Magarete Weathers.

Margarete Weathers: Seit dem Anfang des Krieges ist es mir manchmal peinlich, Amerikanerin zu sein, obwohl ich das nicht selber empfinde. Ich bin mir immer ein bisschen unsicher, wie Leute darauf reagieren. Oder; ich hab doppelte Staatsangehörigkeit und dann kommen viele und sagen, "na ja, du bist ja nicht wirklich Amerikanerin", aber ich - ich bin's doch. Und das ist, das ist doch nicht so einfach.

Jerry Gerber: Es ist - es ist schlimm! Es ist: - Wo kommen Sie her? - und dann antwortet man na ja, "Neuseeland" oder "ich bin staatenlos" oder was soll man dann sagen? Sobald man USA sagt, - "tja, schön. Ich hab einen Termin." Es ist unangenehm.

Margarete Weathers und Jerry Gerber. Beide leben seit vielen Jahren in Deutschland. Beide wollen als Amerikaner mit dem Irakkrieg nicht in Verbindung gebracht werden. Und beide sind sich einig: in der Politik ihres Landes muss sich etwas ändern.

Musik: Darryl Worley: "Have you forgotten?"
Have you forgotten how it felt that day
To see your homeland under fire
And her people blown away?
Have you forgotten when those towers fell?
We had neighbors still inside
Going through a living hell
And you say we shouldn't worry 'bout Bin Laden
Have you forgotten?


Margarete Weathers: Wir erleben diese Außenpolitik eben etwas näher als die Leute, die in Amerika wohnen. Und ich denke wir empfinden da auch eine gewisse Verantwortung, da richtig aktiv zu werden.

Margarete Weathers engagiert sich für die Demokraten. Sie ist groß, blond und etwa Mitte Dreißig. Auf ihrem Pullover trägt sie einen Ansteck-Buttons. "Kerry / Edwards - Für ein stärkeres Amerika" steht da.

Margarete Weathers: Ganz persönlich, ich habe einen Punkt erreicht, wo ich Anschluss wollte zu anderen Amerikanern. Und zum Teil hing das damit zusammen, dass mich diese Politik so geärgert hat. Und ich wollte Anschluss zu anderen, die auch die gleichen Empfindungen hatten und auch diese gleiche Verbindung dazu.

Jerry Gerber: Man hat ne Wut. Und man versucht diese Wut zu einem Werkzeug zu schmieden. Ein Werkzeug, mit dem wir dann das Weiße Haus freimachen für etwas Wichtigeres, was Besseres.

Auch Jerry Gerber setzt sich gegen die Wiederwahl von George W. Bush ein. Der ehemalige Journalist lebt in einem Kreuzberger Hinterhof. Er hat weißes, nach hinten gekämmtes Haar und zwei listige Augen blicken durch die große, rahmenlose Brille. Sein politisches Engagement begann schon vor acht Jahren.

Jerry Gerber: Ich war ein bisschen begeistert von Bill Clinton. Es gab keine Gefahr, dass er verlieren würde gegen Dole bei den Wahlen, das war Sommer ´96. Wir fanden, dass der Mann ganz richtig war, nicht nur seine Persönlichkeit, auch seine Politik, aber vor allem waren wir stolz Amerikaner zu sein.

Wir haben im Jahr 2000 zaghafte Versuche gemacht, uns hinter Gore zu stellen als Kandidat gegen George W. Bush. Wir dachten er würde bestimmt gewinnen und komischerweise stimmt es, er hat wirklich gewonnen, nicht? (lacht und wird ernst) Das war eine sehr wichtige Sache für uns, dass er verlor. Das er nicht ins Weiße Haus kam hat uns derart zusammengeschweißt, noch mehr als vorher. Aus negativen Gründen. Wir wollten Bush aus dem Weißen Haus kriegen. Vier Jahre lang würden wir kämpfen.

Niemand weiß, wie viele Amerikaner im Ausland leben. Fest steht nur, dass die Auslandsamerikaner nie politisch engagierter waren als heute. In Deutschland sind verschiedene Gruppen aktiv. Gruppen wie "vote44" setzen sich für die Abwahl des 43. Präsidenten George W. Bush ein. Margarete Weathers:

Margarete Weathers: Ich hab jetzt diesen Blick von außen und da sieht man dieses größere Bild etwas genauer. Und das nimmt man dann etwas anders wahr. Ich denke die Leute, die jetzt da leben, das ist wie in jedem Land, das ist wie wahrscheinlich auch in der Nazi-Zeit hier so gewesen, dass man eben - man beschäftigt sich halt mit dem eigenen Alltag und irgendwann sind die Bürgerrechte alle weg. Ich mein, das passiert jetzt in Amerika und die Leute, die nehmen es einfach nicht wahr. Ich sehe das wahrscheinlich ein bisschen anders, weil ich diesen amerikanischen Alltag nicht so erlebe.

Jerry Gerber: Gucken Sie mal. Ich kann hier BBC im Fernsehen empfangen aber auch im Radio, die deutsche Presse berichtet mit sehr wenig Ausnahmen ziemlich objektiv, man bekommt hier auch die amerikanische Presse und vor allem kommt man mit vielen Menschen zusammen, die andere Meinungen zur amerikanischen Politik haben. Wir sitzen hier in Europa, wir haben Zugang zu mehr Information über Amerika als mancher Amerikaner. Ist doch Unsinn, nicht?

Henry Nickel ist der Vorsitzende der Republicans Abroad, der Auslandsorganisation der Republikanischen Partei Amerikas in Deutschland. Er lebt in einer schicken Altbauwohnung in Berlin Prenzlauer Berg.

Henry Nickel: In Germany alone we have over 200.000 US-citizens. Certainly if those citizens exercise their right to vote it could very well effect the outcome of the election and that's recognized by both sides. You don't have to be a Republican or a Democrat to realize that. Of course we are both working very hard to ensure that they can in fact vote.

Allein in Deutschland leben über 200.000 Amerikaner. Wenn die alle auch wählen, dann kann das sehr wohl das Ergebnis der Wahl beeinflussen. Das wissen Republikaner und auch Demokraten. Und wir arbeiten beide hart daran, sicher zu gehen, dass diese Leute wählen können.

Republikaner in Deutschland sehen ihre Wählerhochburgen in München, Heidelberg, Kaiserslautern aber auch in Wiesbaden: überall dort, wo die US-Armee Stützpunkte unterhält. Die Demokraten sehen zudem auch Berlin, als ein Zentrum ihrer potentiellen Wähler an. Die Geschäftsmetropole Frankfurt am Main nehmen beide für sich in Anspruch. Democrats Abroad heißt die Auslandsorganisation der Demokratischen Partei. Ihr Vorsitzender ist der pensionierte Pastor William Downey.

William Downey: Wir sind, man könnte sagen, der Ableger von der Demokratischen Partei in Übersee. Wir haben in, ich glaube, 70 Nationen unsere Gruppen. Deutschland ist besonders stark vertreten. Wir haben nicht nur eine Gruppe in Deutschland, wir haben ungefähr zehn Gruppen in verschiedenen Orten. Und ich war der Mitbegründer der Gruppe hier in Berlin.

Da in jedem amerikanischen Bundesstaat andere Regeln für die Registrierung gelten, helfen die Parteien ihren Landsleuten. Es gibt Veranstaltungen mit Unterhaltungsprogramm, Kinderfeste und Bankette bei denen die Parteien versuchen Einfluss zu nehmen. Als Höhepunkt spricht dann ein Prominenter Gast.

Henry Nickel: They got to meet the Former Vice President of the United States, the Governor of Virginia, we had the sister of the first President Bush here two weeks ago.
Ein ehemaliger Vizepräsident war hier, der Gouverneur von Virginia und vor zwei Wochen die Schwester des ehemaligen Präsidenten Bush.


Eric Staal: Die Organisation Republicans Abroad hat uns Nancy Bush-Allice geschickt, das ist die Tante des gegenwärtigen Präsidenten und sie war in London, Paris und hat auch ein Besuch hier in Frankfurt abgestattet. Das sind typische Beispiele, wo wir dann versuchen die Leuten zu uns zu rufen, zu organisieren und bei Veranstaltungen auch unsere Botschaft zu vermitteln und sie dann zu mobilisieren, dass sie dann auch tatsächlich ihre Stimme per Briefwahl dann abgeben.

Eric Staal kommt ursprünglich aus San Diego in Kalifornien. Heute lebt er in Frankfurt am Main. Er ist ein hochgewachsener Mann mit rötlichem Haar, Anfang Dreißig. Er organisiert für die Republikaner Events in Deutschland. Auch Dan Quayle, Vize Präsident unter dem ersten Präsidenten Bush war hier. Viele Treffen finden aber ohne Prominenz statt. Alle, die mit den Republikanern sympathisieren sind willkommen.

Eric Staal: Die Veranstaltungen, wo wir versuchen intern was zu machen, geht es einfach darum, eine Happy Hour zu machen. Einfach den Club zusammen zu bringen, das jeder weiß, hier ist ein sicherer Hafen wenn ich Republican in Europa bin. Ich kann meine Meinung äußern, ich bin nicht verteufelt wenn ich Republican bin und man sucht teilweise den Zusammenhalt, weil Republicans in Europa schon verteufelt werden. In den deutschen Medien, wie ich das sehe, es gibt eine gute Partei in den Staaten und eine böse Partei. Und wir sind die böse Partei.

Der Potsdamer Platz in Berlin zieht Touristen an. Viele Amerikaner kommen her, auch weil es hier ein Kino gibt, in dem ausschließlich englischsprachige Filme laufen. Die Gruppe "American Voices Abroad" hat einen Tisch zur Wählerregistrierung vor dem Kino aufgestellt. Doch nicht jeder ist mit ihren Absichten einverstanden.

O-Ton eines aufgebrachten Passanten:

You should not be here. You should be in the United States. You should go over there and telling people this.
Ihr solltet nicht hier sein. Ihr solltet den Leuten drüben in Amerika diese Sachen erzählen.


Ein aufgebrachter Passant beschimpft die engagierten Amerikaner.

Yeah, I got the goddamn right. I'm a German. It's my place. Your trying to make a difference? Go to the United States, make a difference there.
Ich hab das gottverdammte Recht was zu sagen. Ich bin Deutscher. Das ist mein Land hier. Ihr versucht was zu bewegen? Geht nach Amerika, bewegt dort was.


Der Verärgerte wird besänftigt. Es vergehen kaum mal fünf Minuten, in denen nicht jemand ein Formular ausfüllt.

William Downey: Ich habe nicht in den acht Jahren, dies ist meine dritte Präsidentswahl, nie ein so großes Interesse gespürt und gesehen. Viel mehr Leute möchten in diesem Jahr wählen. Und meine Erfahrung ist, die große Mehrheit der Leute hier in Berlin sind nicht zufrieden mit Präsident Bush und seiner Führung.

Henry Nickel: Certainley since 2000 we have seen a tremendous increase in terms of people interested in the process and I remember in 2000 we probably get 10 phone calls a week if that. We have seen a tremendous amount of activity in terms of registering to vote.

Seit dem Jahr 2000 gibt es einen enormen Anstieg des Interesses. Damals hatten wir in der Woche etwa 10 Anrufe, wenn überhaupt. Heute wollen sich so viele Menschen mehr für die Wahlen registrieren lassen.


Sowohl Demokraten als auch Republikaner führen die gestiegene Zahl ihrer potentiellen Wähler in Deutschland auf das Wahlergebnis vor vier Jahren zurück. Michael Kimmage hat sich am Stand vor dem Kino zur Wahl registrieren lassen. Der Historiker kommt aus Massachusetts und lebt jetzt in Deutschland. Über die Stimmung unter den Amerikanern hierzulande sagt er:

Michael Kimmage: Es war schon eine sehr ideologische Atmosphäre. Wenn man gegen Bush ist, ist das eine leidenschaftliche Sache und wenn man gegen Kerry ist, ist es auch eine leidenschaftliche Sache. Und diese Leidenschaft ist etwas Neues. Nicht, dass die Politik uninteressant war mit Ronald Reagan, Bill Clinton oder mit Bush, aber, dass es so leidenschaftlich wird, ist neu.

County-Sänger Toby Keith steht der Bush-Regierung nahe. Er droht in seinem Lied "The Angry American" allen, die sich mit Amerika anlegen, in den Arsch zu treten und meint das im übertragenden Sinne.

Musik: Oh, Justice will be served and the battle will rage.
This big dog will fight when you rattle his cage
You'll be sorry that you messed with the US of A
'Cuz we'll put a boot in your ass
It's the American way.


Jerry Gerber: Was in Amerika passiert in den nächsten vier Jahren wird das Leben der ganzen Welt beeinflussen und nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich - auch für den Rest der Welt und das ist sehr wichtig, denn wir leben in dem Rest der Welt.

Margarete Weathers: Viele Deutsche, die sind richtig gegen Bush. Und viele sagen, na ja, der wurde nicht so richtig gewählt der Bush und man hat das nicht wissen können, wie er dann sein würde. Wenn er jetzt zu einer zweiten Amtszeit gewählt wird dann denke ich werden sie das schon anders sehen, dass die Leute das eben wollten so und das die Amerikaner so sind. - - Und ich weiß gar nicht, ob sie Unrecht hätten.
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