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1.11.2004
Freud und Leid als tägliche Prüfung
Berufe zwischen Leben und Tod
Von Ulrike Duchna

Baby bei der Taufe (Bild: AP)
Baby bei der Taufe (Bild: AP)
Vor Menschen mit Berufen zwischen Leben und Tod hat man immer sehr viel Respekt. Selten fragen wir uns, wie sie jeden Tag Freud und Leid von fremden Menschen ertragen können. Unbeeinflusst von Gefühlen handeln sie professionell und helfen mit ihrem Können anderen in Ausnahmesituationen. Wie schaffen es Ärzte, Hebammen, Seelsorger und Bestatter trotz dieser Belastungen zu funktionieren? Vertreter dieser Berufe erzählen wie sie die täglichen Prüfungen bestehen.

Hebamme Anke: Mein Vater meinte: "Geburtshelfer und Beerdigungsinstitute braucht man immer. Egal welche Krisenzeiten kommen, Kinder werden immer geboren und gestorben wird auch immer. Das ist ein krisensicherer Beruf!"

Krisensichere Berufe, die oft zu Krisensituationen führen, denn in Berufen zwischen Leben und Tod steckt man ständig in moralischen Zwickmühlen. So wie Anke Kieback, die noch in einem Krankenhaus der DDR Hebamme lernte.

Hebamme Anke: Meine Enttäuschung war in der Ausbildung am größten. Mich erst mal mit der Realität abzufinden, dass das wirklich um abarbeiten ging und es kamen irgendwie 3600 Kinder im Jahr in diesem Kreißsaal und eine Hebamme hat teilweise vier Frauen parallel betreut. Also man musste ganz gut die Situation im Überblick behalten, was ist noch ein normaler Ablauf, was nicht? Also es hat gut geschult, aber es war nicht in irgendeiner Form begleiten der Frauen, unterstützen der Frauen. Schon auch, aber eben nicht das, was wir uns vorgestellt hatten.

Dieser erste rauhe Wind des Lebens konnte sie nicht umpusten, denn sie blieb in ihrem Beruf. Nach der politischen Wende in Deutschland machte sie ein Praktikum in Brasilien in einem staatlichen Krankenhaus. Dort sollte sie erst mal brav zuschauen. Doch kaum im brasilianischen Kreißsaal angekommen, erteilte sie einem Arzt Nachhilfestunden in Geburtshilfe.

Hebamme Anke: Der hat so eine Dammmassage bei einer Frau gemacht, die überhaupt nicht notwendig war, mit der ganzen Hand drin und ach, konnte man sich nicht anschauen. Ich sprach kein Portugiesisch, aber ich habe ganz höflich zu ihm gesagt: Entschuldigung bitte! Habe ihn zur Seite geschoben und hatte der Frau kurz vorher gesagt, wenn man drückt, macht man das so und so. Weiß auch nicht wie? Es hat jedenfalls geklappt. Die hat gedrückt und das Kind kam. Aber für mich war danach klar: Dieses Hebamme sein, steckt so tief in mir drin, ich muss mir nicht die Mühe machen, was anderes zu suchen. Ich mache das schon richtig gerne. Seitdem habe ich auch eher meinen Frieden hier mit dem arbeiten.

Heute arbeitet sie zusammen mit anderen Hebammen in einem Geburtshaus in Berlin-Steglitz. Die Entscheidung freiberuflich zu arbeiten, war auch für ihre Kollegin Gudrun Lorenz ein Befreiungsschlag.

Hebamme Gudrun: Man erlebt eine ganz andere Situation, wie dankbar die Frauen sein können, wie viel Wärme man entgegen bekommt, aber auch gibt. Wo ich immer sage: Mir ist jetzt mein Beruf zum Hobby geworden.

Oft ist die Zeit für Entspannung zu kurz. Physisch und psychisch ist der Beruf der Hebamme eine Herausforderung. Was bewahrt also Gudrun Lorenz vor Fehlern im Beruf?

Hebamme Gudrun: Die Routine ist es eigentlich eher nicht, sondern die Erfahrung, weil man schon so viel erlebt hat und damit die Angst natürlich höher wird. Ist ganz logisch! Aber dann sind wir natürlich auch viel mehr auf der Hut und wir wissen, es kann das und das und das passieren, was mache ich dann, dann bereite ich mir das alles auch schon vor, damit, wenn dieser Zustand eintrifft, ich auch sofort auch reagieren kann.

Verantwortlicher Umgang mit Menschenleben, jeden Tag gleich gut funktionieren, immer abrufbereit - Berufsanforderungen, die auch für den Herzchirurgen, Dr. Michael Hübler, stimmen. Sein Tag im Deutschen Herzzentrum Berlin beginnt zwischen 6 und 7 Uhr morgens mit einer Konferenz. Anschließend steht er ab 8 Uhr im Operationssaal.

Chirurg: Ich führe in aller Regel zwei Operationen am Tag durch. Das zieht sich dann hin über den Mittag bis in die Abendstunden 16, 17, 18 Uhr. Danach schaut man noch mal auf die Intensivstation, wie der frühe postoperative Verlauf der Patienten ist, ob eine Nachblutung auftritt. Danach beschäftigt man sich mit den Fällen des nächsten Tages, stellt sich bei den Patienten vor und das ist dann so der Tagesablauf.

In der Woche ist Dr. Hübler 60 bis 80 Stunden für das Wohl seiner Patienten im Einsatz. Neben dem hohen Arbeitspensum lernte der Mediziner mit dem psychischen Druck umzugehen.

Chirurg: Man hat nicht zu jedem Patienten ein sehr enges Verhältnis, aber je besser man eben die Patienten kennt und das familiäre Umfeld, je mehr man sich einlässt auf die persönliche Geschichte desto mehr Anteilnahme ist dann auch vorhanden, ja. Teilweise versuche ich das von mir fernzuhalten, indem ich mich sehr oder weitgehend auf den operativen Eingriff konzentriere, um das Optimale da herzustellen. So hoffe ich, dass dem Patienten damit am besten geholfen ist, ja.

Den meisten Herzpatienten kann der Arzt helfen, da nicht mehr so viele Kranke sterben müssen wie noch vor 10 oder 20 Jahren. Doch trotzdem darf sich keine Routine einschleichen.

Chirurg: Das ist natürlich was, was ich versuche meinen jüngeren Kollegen zu vermitteln. Auf keinen Fall irgendwie man zu gelassen in eine Operation geht. Dass die Vorsicht und das aufmerksam sein auf mögliche Komplikationen, dass das ständig gegenwärtig ist. Das ist auch eigentlich eine meiner Maximen unter denen ich arbeite.

Die wird auch von den beiden Hebammen tagtäglich beherzigt. Darüber hinaus müssen sie immer flexibel sein.

Hebamme Gudrun: Es ist ja so, dass wir jeden Tag neue Situationen erleben. Jeden Tag neue Situationen.

Hebamme Anke: Jeden Tag improvisieren.

Hebamme Gudrun: Und insofern wird es ja nie langweilig für uns. Das ist ja das Schöne! Und ich weiß nie, wenn ich früh aufstehe, was der Tag oder die Nacht bringt.

Es scheint fast übermenschlich, dass Hebammen und Ärzte jeden Tag leistungsbereit sind.

Hebamme Gudrun: Ich, das ist ja auch was ganz besonderes, wenn so ein Kind geboren wird. Man hat geackert und gemacht und dieses Glücksgefühl ist so unbeschreiblich. Dann umarmen einen die Männer und Freudentränen und man könnte am liebsten mitheulen. Manchmal ist mir wirklich so, als wenn ein Schauer hinunterrollt den Rücken. Einfach weil alle Mann so glücklich sind und wir geackert haben. Hinterher das Glücksgefühl ist einfach so schön. Und warum wir auch nicht zusammenbrechen ist einfach, weil wir wissen, was bei rauskommt.

Chirurg: Also es ist ja auch so, dass man eben so viel über den Beruf zurückbekommt ja, das heißt. die Dankbarkeit der Eltern, der Kinder oder auch mal diese glücklichen Kinderaugen, wenn der Leidensdruck genommen ist. Außerdem habe ich eben eine Frau, die sehr viel Verständnis für diese Tätigkeit aufbringt und selber als Arzt arbeitet. Man muss Freude an diesem Beruf haben. Richtig, ja.

Von Freude kann nicht die Rede sein, wenn ein Mensch beerdigt wird. Der Berliner Bestatter Rüdiger Kußerow hat trotzdem diesen Beruf ergriffen.

Bestatter: Also früher war es dann doch so. Sagen wir als 18-Jähriger oder als 20-Jähriger man ist in' s Hotel zur Anmeldung: "Ihr Beruf?" Da sagte man: Kaufmann. Heute sagt man wirklich schon Bestatter, weil es ist ein sehr ehrenhafter Beruf auch. Als junger Mensch hat man vielleicht, damals noch mehr Scham gehabt und ach Bestatter steht man immer gleich im Rampenlicht. "Na was macht denn der da? Der verkauft einen Sarg, der will damit schnelles Geld verdienen!", oder so was.

Neben diesen Vorurteilen verlangt der tagtägliche Umgang mit den Hinterbliebenen von Verstorbenen eine ganz besondere Sensibilität.

Bestatter: Das ist nicht unser Geschäftspartner, sondern das ist ein Angehöriger. Er ist nicht der Kunde, das ist ein Hinterbliebener für uns. Da muss man schon unterscheiden und unsere Mitarbeiter werden danach auch ausgesucht, dass sie auch mit Menschen umgehen können.

Die tägliche Konfrontation mit Toten und Hinterbliebenen ist nicht einfach und trotzdem muss der Bestatter seiner Arbeit nachgehen.

Bestatter: Wir haben einen Vorteil, wir kennen meist den Verstorbenen nicht. Es ist ein gewisser Abstand. Wir sehen es etwas anders als die richtig Betroffenen, die jetzt in einer völligen Ausnahmesituation sind.

Um diese Distanz geht es auch Pfarrer Rainer Graupner. Neben seiner Arbeit als Seelsorger bereitet er Polizisten des Landes Brandenburg auf Ausnahmesituationen in ihrem Dienst vor.

Pfarrer: Es ist immer eine unangenehme Geschichte. Wer von uns geht denn gern zu jemanden hin, zu einem Fremden, den er überhaupt nicht kennt, dessen Lebensumstände ihm völlig unbekannt sind, um den einen Satz zu sagen, der keine Hoffnung mehr lässt? Das ist das Furchtbare an dieser Sache. Ich muss etwas aussagen, wo jede Hoffnung zerstört ist.

Die Polizisten sollen ohne Angst dem tiefen Blick ins ungeschminkte Leben begegnen.

Pfarrer: Ich bin erst mal nicht Betroffener. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Das ist auch das erste was ich den Polizisten ganz deutlich mache, dass sie nicht die Seiten wechseln dürfen.
Also sie sind die Helfenden und nicht die Betroffenen. Also wenn sie anfangen Mitleid zu spüren oder wenn ich das auch bei mir gemerkt habe, dann muss ich raus aus der Situation, weil ich dann die Seiten wechsle. Dann bin ich nicht mehr Helfer, dann bin ich Betroffener.


Auch der Bestatter kennt solche Grenzsituationen nur zu gut.

Bestatter: Man muss darüber reden erst einmal, auch zu Hause. Muss dann aber damit schließen und muss Abwechslung haben. Also in seinen Hobbys und auch beim Joggen und in anderen Dingen. Wir haben einen großen Freundeskreis und da kann man nicht nur über den Tod reden. Da muss man auch über andere Dinge reden. Dann kann man damit auch fertig werden.

Besonders nah ging Pfarrer Graupner der Tod von drei Kindern aus unterschiedlichen Familien. Nach der Beerdigung der verunglückten Kinder traf er seine Freunde.

Pfarrer: Also ich weiß zum Beispiel nach der Trauerfeier, nach der Beisetzung dieser drei Kinder. Da haben wir uns am Abend getroffen außerhalb von Berlin, da auf dem Land und sehr schön am See. Und da haben wir einfach miteinander zu Abend gegessen in einer wunderschönen Atmosphäre. Das war für mich ein so wohltuendes Kontrastprogramm zu dem, was ich da am Vormittag vollziehen musste.

Eine harte Prüfung, der sich nicht jeder Mensch gewachsen fühlt.

Bestatter: Ich bin Bestatter und wenn ich heute Abend zu einer Feier gehe und da fällt beim Kegeln jemand tot um, das ist alles passiert, dann bin ich Bestatter und dann stehe ich den Leuten bei und sage nicht: Ich habe jetzt Feierabend oder da sprechen wir mal morgen oder nehmen wir mal einen anderen Termin. Dann bin ich da und dann komme ich auch Sonntagnachmittag, auf den Heiligen Abend oder Neujahr früh um acht in' s Haus. Das ist egal. Dazu hat man sich diesen Beruf ausgesucht und da hat man dann auch, soll ich sagen, Freude daran, dass man den Angehörigen in dieser Situation beistehen kann.
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