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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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2.11.2004
Fremde Nähe
Über das Leben in öffentlichen Verkehrsmitteln

Unterwegs mit der U-Bahn (Bild: dradio.de)
Unterwegs mit der U-Bahn (Bild: dradio.de)
In heutigen deutschen Intercitys geht es kühl und distanziert zu, jeder bleibt für sich, Gespräche, wenn sie jemals stattfinden, sind meistens konventioneller Austausch von Höflichkeiten. In U-Bahnen ist man manchmal auf hautnaher Tuchfühlung mit seinem Mitmenschen, zwangsweise, wenn der Wagen so voll ist, nachts haben Frauen Angst alleine zu fahren, weil sie aufdringliche Männer befürchten. Und manche Männer folgen dann den Frauen bis vor die Hautür. Ein Alptraum und doch gibt es auch schöne Momente in der U-Bahn, überraschende Gespräche und Begegnungen. Was alles so passiert in öffentlichen Verkehrsmitteln, das Leben zwischen einer Station und der nächsten, die Nähe zwischen Fremden.


Frau: Heute Morgen hatte ich eine Frau, die mich recht interessiert hätte zum Gespräch, sie hat sich auf die Seite gedreht, ein Buch genommen und da hab ich gedacht, du hast auch was zum Lesen dabei. Ich benutz die Zeit sehr, sehr gerne zum Sprechen. Ich hab da schon sehr, sehr interessante Menschen kennen gelernt, interessante Gespräche geführt. Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch, von daher liegt mir daran, dass ich die Zeit nutze und nutzen kann.

Sie ist eine energische, selbstbewusste Frau mit einem für eine Frau ungewöhnlichem Beruf: Als freie Architektin macht sie die Bauleitung vor allem bei Renovierungen, wo sie zumeist eine große Mannschaft unter sich hat. Sie wohnt in der Nähe von Karlsruhe und direkt nach dem Verschwinden der Mauer hatte sie viel in den neuen Bundesländern zu tun:

Es waren viele Menschen unterwegs nachts im Liegewagen, wo man sich eine Zeitlang unterhalten hat, weil man nicht schlafen konnte, weil es zu unbequem war und so. Das waren wirklich interessante Situationen, die vieles von dem gebracht haben, was ich mir gewünscht habe, dass ich nicht nur meine Arbeit ausführe, sondern die Zwischenstrecke nutze um Menschen kennen zu lernen. Und mich auszutauschen und da ist die Bahn optimal.

Zu tieferen Begegnungen oder Bekanntschaften haben diese Gespräche jedoch nie geführt

Nein, nee, das ist auch nicht so angelegt, war auch nie so gedacht, das ist einfach nur den anderen kennen lernen, von sich was erzählen, vom anderen was kennen lernen und gut.
Das finde ich das Wichtige auch dran, dass das Unverbindliche auch da bleibt, dann kann ich viel offener sein unter Umständen, weil ich weiß, es ist eine gewisse Zeit, ich fahr da ab und komm da an und das war 's.
Ich hab in der Zeit, wo ich nach Dresden gefahren bin, da waren das öfters Leute, die routinemäßig gefahren sind, Amtshilfe oder so und da haben sich dann Freundschaften und Bekanntschaften ergeben, weil man wusste, die fahren wieder rüber und man kann das Gespräch fortsetzen. Das war auch sehr schön, nur, dass es dann weiter in den Privatkontakt reingeht, das hab ich nie gesucht und das hat sich auch nie ergeben, das empfand ich als angenehm.


Die meisten Menschen bleiben aber in Zügen für sich, ganz anders als in südlichen Ländern
oder auch in Asien:

Ich bin viel in Indien unterwegs und da kommt man auch mit Leuten ins Gespräch, aber das sind auch ganz andere Distanzen, ein viel langsameres Tempo. Auch nicht so Ausstattung mit Kopfhörer und Labtop und genau das dürfte der Punkt sein, weil dort spielt das Soziale eher ne Rolle und hier ist so viel Technik, dass man für das Soziale sich gar keine Zeit mehr nehmen will.
Es piept und schnurrt und alle möglichen Nachrichten kommen bei diesen Menschen auch an und sie haben gar keine Zeit oder Interesse für andere Menschen.


Die Geschäftsfrau aus Hamburg ist jedes Jahr mindestens einen Monat in Indien zur Erholung und dann oft mit der Bahn unterwes. In deutschen Bahnen geht es weit weniger kommunikativ zu. Die Atmosphäre pendelt zwischen Kühlhaus und Schlafwagen...

Junger Mann: Was lesen, dann braucht man nicht immer Kontakte, schlafen und lesen...

Oft hat es auch einfach damit zu tun, dass die Leute im Arbeitsdruck sind:

Junger Mann: Ich schlafe die meiste Zeit im Zug, deshalb habe ich keine Zeit. Morgens bin ich viel zu müde und abends viel zu kaputt so wie jetzt.

Morgens um sieben fährt er noch schlaftrunken von Karlsruhe nach Freiburg zur Arbeit, abends erschöpft zurück, eineinhalb Stunden Fahrt jeweils. Wenn es dann zu Gesprächen kommt, ist es ihm eher zuwider:
Die meisten lesen, arbeiten am Labtop, hören Musik, dösen und ab und zu reden sie was, vorzüglich mit dem Handy. Die Mitreisenden werden höchstens als lästige Konkurrenten um noch freie Sitzplätze wahrgenommen.
Wesentlich lauter und lebendiger geht's in Regional und Nahverkehrszügen zu, wo ganze Horden von Kindern und Jugendlichen, Gruppen von Freunden und Bekannten schwätzen und lachen. In U-Bahnen gibt es ganz unterschiedliche Szenen, je nach Linie und Tageszeit.

Mann: Fahre regelmäßig täglich, morgens hin und abends, fünf, sechs, sieben Uhr wieder zurück. Sommerferien sind die ziemlich leer, aber nach Feierabend da knüppelt sich das recht gut, dass man kaum Sitzplätze kriegt. Aber das liegt in der Natur der Sache, wir sind in Berlin und nicht in Kleinhusemuggel.

Wenn dann die Leute in der U bahn so eng zusammengedrängt um ihn herum sitzen oder stehen, mag er das überhaupt nicht:

Wenn sie zusammenhocken auf keinen Fall, denn entweder haben die Leute Mundgeruch, riechen nach Schweiß oder Zigaretten oder die Köpfe nach Schuppen, keine Ahnung, aber ein gewisser Abstand sollte schon sein. Das lässt sich schon vermeiden, man kann das den Leuten ja sagen. Also wer sich zu mir setzt und stinkt, dem sag ich das einfach und wenn der nicht geht, dann geh ich halt.

Die etwas ruppige Art, seine Bedürfnisse auszudrücken. Nur gelegentlich kann er seinen Mitmenschen etwas Gefallen abgewinnen:

Eigentlich nur im Sommer, wenn es schön warm ist draußen und die Leute luftige Sachen tragen, wo man was vom Körper sieht, dann schon, ja klar. Aber es muss auch immer zu einem passen... Aber was ich nicht mag, sind Achselhaare, die man bei den Frauen sieht oder bei Kerlen, wenn die dann ungeniert zwischen den Beinen kratzen, das muss auch nicht sein.

Mit unangenehmen Ausdünstungen ihrer Mitmenschen scheinen die meisten Bahnfahrer Probleme zu haben.

Frau: Man achtet darauf, wo man sich hin setzt, dass man sich nicht dahin hinsetzt, wo es stinkt, dass man sich neben die nettesten Leute hinsetzt, es ist schon so, dass man kuckt, dass man einen guten Platz findet oder man bleibt halt stehen.

Stinken tun natürlich immer nur die anderen. Naja, manche sind sich durchaus bewusst, dass sie die Übeltäter sind.

Junger Mann: Ich schwitze persönlich auch viel und mir ist es unangenehm in einer warmen Umgebung zu sein. (...) Ich persönlich fahr oft vom Sport wieder zurück, zum Beispiel vom Beach Mitte Volley-Ball, da gibt es keine Möglichkeit zu duschen leider, außer kalt und das beseitigt auch nicht Hundertprozent alles und deswegen würde ich sagen, mich belastet das nicht so sehr, aber ich bin auch froh, wenn ein Fenster offen ist.

Und dann kommt es natürlich vor, dass man sich im Gedränge berührt oder sogar längere Zeit Körperkontakt an Schultern oder Schenkeln hat, einfach aus Platzmangel.

Frau: Also wenn man im Gedränge an den Oberschenkel von jemanden andren kommt, das finde ich schon unangenehm.

Junge Frau: Man merkt es auch an der Stimmung, die Stimmung ist gedrückt, die Leute die kotzen nur ab und ich mag es auch nicht, das Enge. Ich hab Platzangst, ...an der nächsten raus, also ich hyperventiliere dann auch, das ist was Gesundheitliches, also ich kann es überhaupt nicht leiden. Da geh ich raus, das kann ich nicht, für mich ist das echt schlimm, genauso wie im Bus, da lauf ich lieber, für mich ist das echt schlimm.
Ich hab wirklich diagnostizierte Platzangst.
Sicherlich denk ich schon, wenn jetzt eine Gruppe von Freunden um mich herum wäre, wäre das anders, aber so ist es schrecklich.


Frau: Vor allem wenn es Männer sind, die durch die Tür stürzen, an einem vorbei sich auf den Sitzplatz stürzen, sich hinsetzen, ihre Zeitung ausbreiten, dass man selber keinen Platz hat. Ansonsten achte ich schon darauf, dass ich mich so hinsetze, dass ich keine Berührung wiederfahre.

Nicht jeder ist dann so unbekümmert frech wie unsere Berliner Schnauze:

Wenn einer neben einem sitzt, der Zeitung ließt und einem die linke Seite sozusagen ins Gesicht reinhaut und dass der dann sauer ist, wenn ich mal in seine Zeitung reinschauen will und dann kommen auch so Sprüche, ob ich mir nicht selber eine Zeitung kaufe und dann sage ich: Wenn s Ihnen nicht passt, dann können Sie ja Taxi fahren.

Dann gibt es doch tatsächlich ein paar Leute, die lieben das Gedränge:

Student: Ich finde das ganz angenehm, weil mich das an Großstädte erinnert wie Paris oder New York.(...) Da ist es immer so voll, Gedrängel, viel los, sieht nach Leben aus. Vermisst man in Berlin ein bisschen. (...)
Ich glaub, es gibt schon ein paar Leute, denen das gefällt. Also wenn man in der U1 zur Uni fährt ist auf jeden Fall immer die beste Stimmung, wenn es voll ist. Da geht es immer so:
"Ahja, was ist denn hier los?"


Nachts kommt dann die Stunde der einsamen Herzen, wenn die Wagen schon ziemlich leer sind und die meisten vor sich hin dämmern, die Lichter vorbei gleiten und eine gewisse Traurigkeit in der Luft liegt:

Junger Mann: Nachts in der leeren Bahn, da trifft man auf Menschen, die in die gleiche Richtung fahren und wenn man grade jemanden findet, der einen interessiert, so findet man durchaus Kontakte, sowohl weibliche wie auch männliche. (...) Es ergibt sich... Wenn mich jemanden interessiert, ist die Barriere entweder zu hoch oder ich gehe hin. Aber meistens ergibt sich das von selbst, wenn man Blickkontakt plötzlich findet, dann klappt das, wenn nicht, lässt man es bleiben.

Und manchmal, aber das ist vermutlich eher die große Ausnahme, entstehen sogar intime Begegnungen daraus:

Junge Frau: Ja öfters schon, ich bin halt ein offener Typ und wenn mich jemand anlächelt, dann lächle ich zurück. Doch, zwei sind daraus entstanden, ja, wirklich.
Ich denke schon, dass das möglich ist. Also wenn ich einen guten Tag hab, da geh ich dann grinsend durch die Stadt und dann wird das öfters auch mal erwidert, also es geht schon.


Es kommt eben ganz auf die Männer an, wie sie aussehen, was sie ausstrahlen, wie sie sich verhalten. Ansonsten empfinden es die meisten Frauen nachts allein in der U-Bahn eher bedrohlich. Und der Weg vom U-Bahnhof nach hause kann zum Alptraum werden.

Ältere Frau: Wenn man spät abends unterwegs ist sind desto weniger Leute drin und man wird dann schon beobachtet. Einmal muss mich jemand schon von Mitte der Stadt her beobachtet haben und je schneller ich gelaufen bin, desto schneller ist mir dasjenige nach und ich hab dann alles dran gesetzt in mein Wohnhaus zu kommen. Dann schnell schon vorher meinen Schlüssel rausgeholt und (...) damit der nicht sieht, wo ich hinlaufe, hab ich im Treppenhaus und dann auch in der Wohnung kein Licht gemacht.

Tagsüber sitzen die meisten verdrießlich nebeneinander, dösen, lesen, träumen und ab und zu geschieht ein kleines Wunder und alle lachen, schauen sich an und fangen manchmal an zu reden miteinander, wenn ein kleines Kind auftaucht zum Beispiel:

Mann: Weil Kinder, die bewegen sich frei und ungezwungen, die sitzen nicht nur auf der Bank und schauen ins Leere oder starren in ein Buch, sondern die leben, Kinder oder Hunde, das sind glaube ich die Mittel, mit denen man ins Gespräch kommt.

Oder eine Oma fragt, was für ein Schloss sie für ihr neues Fahrrad kaufen soll.

Mann: Da waren fünf sechs Leute dabei, ihr zu erklären, welches Fahrradschloss sie sich kaufen sollte, ob Zahlenschloss oder mit Schlüssel, mit Spirale oder mit Spange, das war richtig spannend, irgendwann mussten die halt raus und dann sind sie raus und wir haben weitergeredet.

Frau: Ich denke insgesamt, dass viel zu viel Hemmungen da sind, unkompliziert ein Gespräch anzugehen, sich mit zuteilen, vom anderen etwas zu erfahren.

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