Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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4.11.2004
Schock
Wenn die Welt für Sekunden aus den Fugen gerät
Von Peter Kaiser

Ein Unfall kann für Überlebende das ganze Leben verändern (Bild: AP)
Ein Unfall kann für Überlebende das ganze Leben verändern (Bild: AP)
Achmed Mohammed: (…)und da war mal ein Extremjob, (...) da war jemand, der seine Frau schlug gerade, und der zog eine Pistole, und ich hatte das Ding genau am Kopf (...)

Mann: Das ist so drin bei mir, also dass ich dem Tod nicht ins Auge sehe. Und auch Gefahr meide.

Dagmar Apelt: Wenn ich manchmal auf der Straße fahre und Platz machen muss für so einen Rettungswagen, dann denke ich schon, wie mag es dem Menschen darin gehen?

Achmed Mohammed: und dann habe ich mich erst in die Hose gemacht. Zugegeben. Dann habe ich erst die Panik gekriegt. Also nicht so eine Panik, dass ich jetzt rumgeschrien habe, den Mann haben wir übergeben.

Frau: Der Vater von meinem Lebensgefährten, der wurde 86, der hatte immer so ein kleines Schild an seinem Schreibtisch. Da stand drauf: Mors ceta ora incerta - Der Tod ist sicher, die Stunde ist unsicher. Was aufblitzt, ist so die Möglichkeit der Nichtexistenz.

Achmed Mohammed: (...) und da saß ich fast vier Wochen zu Hause, und habe überlegt, machst du weiter oder machst du nicht weiter Da habe ich auch gesagt, Achmed, was ist denn, wenn das schiefgegangen wäre?

Achmed Mohammed ist gebürtiger Libanese und Bodyguard.

Auch wenn die meisten Menschen nicht professionell jeden Tag mit Gefahr umgehen müssen wie Polizisten, Feuerwehrleute oder eben Personenschützer, also Bodyguards…

Achmed Mohammed: Wir müssen hier was klären: es ist immer Extremfall, es gibt keinen normalen Fall. Das muss ich bitte feststellen. Es gibt keinen normalen Fall. (...) Ich kann nur von mir reden und von meinem Team. Für uns ist es immer Extremfall.

….so ist Gefahr im Alltag auch für den Normalbürger etwas Alltägliches. Zwar hat sich die Zahl der Verkehrsunfälle, der häufigsten Unfallquelle - nach einer Veröffentlichung des Bundesamtes für Statistik - im letzten Jahr auf 1,45 Millionen Unfälle halbiert, doch "Leben", wie Erich Kästner einmal sagte, "ist immer lebensgefährlich".

Mann: So eine plötzliche Grenzsituation im Alltag, die erlebt man ja eigentlich sehr selten. Also dass man plötzlich dem Tode nahe ist, weil ein Auto dicht vorbeifuhr, oder ein Radfahrer nicht aufpasste, das kommt natürlich schonmal vor. Das sind Schrecksekunden, klar.

Jene Schrecksekunden empfinden viele Menschen als augenblicklange Erdbeben in ihrem Alltag. Es ist, als täte sich unter ihnen der Boden auf, wenn plötzlich ganz dicht ein Krankenwagen an der Kreuzung vorbeirast, mit Blaulicht und angeschalteten Sirenen, deren Lautstärke einen zusammenfahren lässt. Ganz ähnlich, wenn auch leise, ist die Situation morgens am Frühstückstisch. Wenn plötzlich die Todesanzeige in der Zeitung bekannt gibt, dass jemand mit dem exakt gleichen Geburtsdatum, das man selbst hat, kürzlich verstorben ist.

Frau: Wenn ich so Todesanzeigen lese, die gestaltet worden sind von Angehörigen und nahestehenden Menschen, dann ist es schon so, dass ich mir auch schon überlegt habe: was würden eigentlich meine Liebsten jetzt da reinsetzen in so eine Anzeige? Was würde da über mich stehen? Oder was würden die schreiben? Würden die sagen: in stiller Trauer? Oder wir lieben dich? Wir vermissen dich? Wie würden die meinen Grabstein gestalten? Weiß ich nicht. Wer würde mich eigentlich vermissen? Wäre es jetzt wirklich ein Drama?

Mann: Also, lange schon lese ich Todesanzeigen. Und gucke dann schon: wie alt sind die Leute? Klar. Das ist das Erste, was man macht. Wann sind die eigentlich geboren? Und man trifft eben keine Leute mehr, die 1905, ab und zu, geboren wurden, meistens sind es dann doch so die in den 20er Jahren, die jetzt so abtreten. Und dann gibt es auch die, die das gleiche Geburtsjahr haben, oder so alt sind, wie man selbst jetzt ist. Und da kommt dann der nächste Schritt: was war da? Das verbirgt sich ja immer hinter den kurzen Sätzen, die dazu sind. Also schwere Krankheit, plötzlicher Tod… Und wenn jemand so rausgerissen wird, dann deutet es auf einen Unfall hin oder ein schwerer Tod war, ist es wahrscheinlich ein längerer Kampf gewesen, das kann man dem schon entnehmen.

Also ich denke dann oft, wenn jetzt Schluss wäre, ja, nicht was hast du vollbracht, wie war dein Leben, sondern: was finden die anderen vor? Wie kommen die jetzt in meine Wohnung zum Beispiel. Was auch immer ein Thema ist. Auch bei älteren Leuten, die man kennt. Dda denke ich oft dran. Jetzt finden die Deine Tagebücher, oder so. Was steht denn da drin, um Gotteswillen, ja? Das sind so Überlegungen, die dann kommen. Ich bin noch nicht alt, diese Diskrepanz wird ja auch immer größer zwischen dem, was man spürt und was man glaubt, wer man noch ist. Das ist natürlich eine Angst da. Was kommt dann?


Doch was passiert genau in jenen Schrecksekunden, wenn der vermeintlich sichere Alltag aufbricht? Und eine Endlichkeit der schier endlosen Tage, die vor einem zu liegen scheinen, sichtbar wird? Wenn mit einem Schlag deutlich zu spüren ist, dass alles um einen herum, die Freunde, die Familie, das sorgsam geschaffene Gefüge von Heim und Alltag fragil ist. Was wird sichtbar?

Dagmar Apelt: Das ist eben der Schrecken, der genau das auslöst: der Krankenwagen, die Todesanzeige, wir wissen nicht, wo es wirklich hingeht. Wir können das nur erahnen oder uns vorstellen. Und auch wirklich darauf hoffen, dass es ein guter Ort sein wird.


Dagmar Apelt ist Pfarrerin an der Heilig-Kreuz-Passionsgemeinde in Berlin

Dagmar Apelt: Unser Leben ist in größerem Maße von dem geprägt, was wir nicht wissen, als von dem, was wir wissen. Wahrscheinlich, denke ich mir oft, ist daher der Hang so groß, sich mit Dingen zu befassen, die wir wissen und die uns Sicherheiten geben. Dieses Bedürfnis nach Sicherheiten und Festigkeiten im Leben ist, glaube ich, jetzt so groß wie noch nie. Und ich denke, das ist eben ein großes Drama, dass wir in dieser Gesellschaft nicht mehr mit dem Tod umgehen können. Wir haben keine Formen mehr, und wenig Dinge, die uns im Alltag daran erinnern. Einen Leichenwagen, den sehen wir nicht. Die sind auch nicht mehr schwarz, die sind silbern. Sie fallen nicht mehr auf im Straßenverkehr. Ein Trauerzug wird sich ganz selten nur noch über eine Straßenkreuzung bewegen. Wir werden vom Tod fast nicht mehr gestört. Der Preis, den wir aber dafür zahlen, ist unsagbar hoch, weil wir etwas verlieren, was uns im Leben und im Sterben, im Loslassen, im Abschiednehmen Halt geben könnte.

Frau: Mit meinem jetzigen Lebensgefährten, Martin, habe ich anfangs die erste Zeit in der Bergmannstr. 3 gewohnt. Und da mussten wir alle ausziehen, weil der Komplex sarniert werden sollte. Da stand unheimlich viel Gerümpel rum im Hinterhaus. Alles war vollgestellt mit unglaublichen Dingen. Teppichen, Wandschränken, Fernsehgeräten, ich weiß nicht alles. Und wir kamen eines Abends mal spät nach Hause, und ich bin ja so ein Typ, ich muss immer gucken, was da rumliegt, und bin da neugierig, was die Leute so wegschmeissen und wie sie gewohnt haben. Und wir beide waren da, gingen in den Hinterhof rein, und in dem selben Moment, als ich losmarschieren wollte und mir die Sachen ein bißchen angucken, da hat jemand, ich glaube, es war der 3. Stock, jedenfalls krachte ziemlich unmittelbar neben uns ein Sofa aus dem cirka 3. Stock herunter. Und zwar ein ziemlich massives Ledersofa mit Holz drum rum, und es krachte dann halt auf den Boden.

Mann: Beispielsweise habe ich ja meine Kindheit sozusagen verloren durch den Abriss des Hauses, in dem ich wohnte. Das war ziemlich dramatisch, dass man also über Nacht raus musste und es abgerissen wurde, und es auch noch sah, miterlebt hat, mit der Abrissbirne, und so. Und irgendwann, Jahre später, in einem Cafe hing plötzlich über meinen Kopf, über der Theke, ein "Stiller Portier", also eine Mietertafel, die in Häusern oft hängt, und es war also die Mietertafel aus unserem Haus. Die hatte irgendeiner anscheinend kurz vor dem Abriss entwendet oder aufgekauft, oder weiß ich nicht was, jedenfalls standen zwar nicht mehr die Namen der Mieter drin, aber oben war noch drin die Adresse. Und da wußte ich, war auch klar, das ist der "Stille Portier" aus unserem alten Haus. So 'ne Momente, da ist man berührt.

Frau: Und das war so eine groteske, fast surreale Situation, weil der Nachbar oben winkte dann ganz höflich und freundlich, sagte irgendwas auf türkisch, ich nehme an irgendwas so: Alles klar, Kollege, oder tut mir leid, war nicht so gemeint, und ich dachte dann, wenn ich jetzt 2 Schritte näher dran gewesen wäre, dann wäre das halt auf meinem Kopf gelandet. Oder es wäre auf Martin gelandet. Da war Jemima, also unsere Tochter, noch nicht auf der Welt. Und wenn ich so heute daran denke, ist , was wäre, wenn es wirklich passiert wäre? Wenn es einen von uns erwischt hätte? Dann wäre vielleicht einer von uns vom Halswirbel an querschnittsgelähmt, oder tot, und unsere Tochter wäre nie geboren.

Mann: Das ist ja das, worum es überhaupt geht in solchen Momenten. Wenn man mit Tod konfrontiert wird. Dass so eine Lücke da ist. Dass man einfach bestimmte Menschen nicht wiedersieht, und man sich halt durch Glauben oder wie auch immer Bilder zurechtzimmert. Vielleicht sehe ich sie doch wieder, oder wer weiß, was kommt. Aber es bleibt die Furcht, dass man für andere auch eine Lücke sein könnte. Du hast halt Leute, die dich lieben, und denen willst du auch nicht fehlen. Umgekehrt genauso.

Dagmar Apelt: Ich kann mir vorstellen, dass jemand, der plötzlich aus seinem alltäglichen Leben erinnert wird, dass der Alltag unterbrochen werden könnte, dass das eine Schreckminute ist. Aber auch sowas wie eine Chance. Also: Halt, paß auf dein Leben auf, und versuche Dich daran zu erinnern, dass es andere Dinge gibt, die wesentlicher sind, als das, was Du im Augenblick tust.

Frau: Ich denke, das Bewußtsein, dass es einen wirklich jeden Moment erwischen könnte, dieses Bewußtsein hat mich mitfühlender gemacht.

So kann der alltägliche Schrecken der plötzlichen Berührungen von Gefahr und von Tod den Alltag verändern. Ob diese Veränderung nur kurz ist, vielleicht nur bis zum Abend währt, wo man das Geschehene berichtet, hängt womöglich von der inneren Bereitschaft ab, auf das Ende von allem gedanklich zuzugehen. Die, die das getan haben, sagen immer wieder, dass ihr Alltag durch diese Erfahrung reicher geworden wäre. Auch Achmed Mohammed, den Bodyguard der Stars, der Reichen und Schönen, haben die Berühungen mit Gefahr verändert.

Achmed Mohammed: Mein Leben ist sehr wertvoll, um Gotteswillen. (...) Aber ich habe versucht den Spruch zu machen: ein Personenschützer muss wissen, sich selbst zu schützen, um andere schützen zu können. Und es ist einfach allgemein ein wunderschönes Erlebnis, wenn jemand Ihnen sein Leben anvertraut. Das man sagt, hey, du bist verantwortlich für mich. Also ich wünsche nicht jedem die Erfahrung, die ich gemacht habe, mit Messer, Pistole am Kopf, diese Erfahrung hatte ich alles gehabt…
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