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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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8.11.2004
"Die ganze Familie hat darunter gelitten"
Die Lokalzeitung als Pranger
Von Barbara Dobrick

Was für den Politiker die "Bild"-Zeitung, ist für den Landbewohner das Lokalblatt: erbaulich und erschreckend zugleich (Bild: AP-Archiv)
Was für den Politiker die "Bild"-Zeitung, ist für den Landbewohner das Lokalblatt: erbaulich und erschreckend zugleich (Bild: AP-Archiv)
Wenn Sie in München, Hamburg oder Berlin in Ihrer Zeitung darüber informiert werden, dass ein 47-jähriger Russlanddeutscher zusammen mit seinem 17-jährigen Sohn bei einem Einbruch von der Polizei gestellt worden ist, dann interessieren Sie die persönlichen Angaben zu den Übeltätern nicht. Sie kennen sie nicht und werden sie, aller Voraussicht nach, auch nie kennen lernen. Ganz anders ist es, wenn Sie in einem Dorf oder in einer Kleinstadt leben. In kleinen Orten wirkt die Lokalzeitung häufig wie ein Pranger.

Jürgen Jahnke: Eine soziale Kontrollfunktion hat die Zeitung bestimmt. Positiv, auf jeden Fall. Tratsch, Klatsch, Kommunikation, über andere reden, über Dinge sich unterhalten - die Zeitung ist im Grunde genommen ja auch beteiligt daran, ist ja ein Element davon. Die Leute unterhalten sich auch über die Artikel.

Otto Wagner: Kurze Zeit später haben sich die Leserbriefschreiber über Leserbriefe in der Zeitung beschimpft. Und denn hat die Zeitung auf einmal gesagt: Schluss. Wir sind hier kein Gericht oder so ungefähr, die haben es nicht mehr weitergemacht.

Petra Richter: Ich fühlte mich wirklich diskriminiert, das muss ich wirklich sagen. In so einem Dorf wird immer viel gequatscht, ob es nun richtig ist oder falsch war. Und da ich nun auch gerade erst neu mein Geschäft aufgemacht hab, wo ja jeder sowieso guckt, wer ist das denn, wo kommt die denn her, und dann noch dieser Artikel in der Zeitung, fand ich nicht in Ordnung.

Dass monegassische Prinzessinnen oder deutsche Schlagerstars juristisch gegen Zeitungen vorgehen, von denen sie sich ins falsche Licht gesetzt sehen, wird häufig berichtet. Und jeder Stadtmensch kann beruhigt sagen, gut, dass ich diese Probleme nicht habe. Gut, dass ich nicht prominent bin.

Auf dem Land sieht die Sache hingegen anders aus. Da gibt's zwar weniger Prominente als in der Stadt, aber bekannt ist nahezu jeder. Je kleiner das Dorf umso besser kennt man einander, und wenn etwas über Herrn W. oder Frau R. in der örtlichen Zeitung steht, dann weiß auch im Nachbardorf fast jeder, wer gemeint ist.

Viele freuen sich darüber. Vereine und Politiker beispielsweise. Straftäter hingegen fürchten die Lokalzeitung als Pranger, manchmal sogar mehr als das Gerichtsurteil. Das erlebt Jörg Jahnke, der für die Dithmarscher Landeszeitung auch aus Gerichtssälen berichtet, immer wieder:

Ich hab's erlebt, dass Angeklagte gesehen haben, hinten sitzt die Presse. Und die erkennen uns ja auch daran, dass wir mitschreiben, dass der dann auch gesagt hat, solange die im Raum sind, sag ich hier nix. Oder dass sie draußen an uns herangetreten sind. Das reicht eben von der höflichen Bitte: bitte keinen Namen. Bitte mein Alter verändern. Bitte gar nichts drüber schreiben. Bis hin zu: Wenn du schreibst, dann ..., also bis hin zu handfesten Drohungen.

Mir wurden auch schon nach Gerichtsberichten die Reifen abgestochen. Ich gehe dann immer sofort zur Polizei, erstatte sofort Anzeige. Ist z.B. einmal auch im Täter-Opfer-Ausgleich geendet, wobei sich dann herausstellte, dass sich der junge Mann, der mich da handfest mit Mord bedroht hatte, über einen Artikel geärgert hatte, der in einer anderen Zeitung stand, den ich nicht mal verfasst hatte.


Seriöse Medien informieren die Öffentlichkeit über Straftaten und Prozesse, ohne die Täter mehr als nötig an den Pranger zu stellen.

Die Zeitung ist bemüht, die Leute, die quasi an diesen Pranger gestellt werden, zu anonymisieren. Also man darf Namen bringen, es ist ja eine öffentliche Gerichtsverhandlung. Aber es werden dann keine Namen gebracht, dafür nimmt man das Alter, den Beruf und den Wohnort.

Diese Angaben reichen allerdings in kleinen Orten in vielen Fällen zur Identifizierung aus. Vielleicht gibt es auch deshalb auf dem Land viel weniger Berufskriminelle als in den Städten.

Wir hatten in der Nähe von Bad Segeberg, da hatte ein 18-jähriger Landwirtschaftsgehilfe versucht, seine Bäuerin zu vergewaltigen, und zur Verdeckung der versuchten Vergewaltigung, die fehlschlug, wollte er sie dann töten. Das endete dann so, dass sie fast ihn umgebracht hätte, weil er doch eher ein Schmächtiger war, aber nichtsdestotrotz, vor Gericht stand er wegen versuchten Mordes. Also er war in Haft genommen worden, wann dann nach ein paar Monaten als im Grunde Harmloser freigelassen worden, war dann umgezogen in den Dithmarscher Bereich, ganz kleines Dorf in Norderdithmarschen.

Keiner wusste was. Ein toller Arbeiter. Nicht der Hellste im Kopf, aber er konnte arbeiten, war auch froh, dass er beim Bauern untergekommen war. Der Bauer hat gesagt, den behalt ich für mein Leben. Ja, das war im Prozess nachher auch ein ganz wichtiges Argument, mit dem die Jugendgerichtshilfe aufgetreten ist, die gesagt hat, um den brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, Bauer X kümmert sich um den, der kann da bleiben, das ist so.

So, nächsten Tag stand dann in der Zeitung als Vorabankündigung auf unseren Hauptbericht nur die Ortsmarke, also am Anfang des Textes steht immer die Ortsmarke, z.B. eben Kleve, und dann eben: 18-jähriger Landwirtschaftsgehilfe. Übernächsten Tag habe ich dann auch schon erfahren, dass der entlassen wurde. Der Bauer hat sich nicht lange aufgehalten, hat den stante pede rausgeschmissen, nachdem das in der Zeitung aufgetaucht war.


Die Resozialisierung des jungen Straftäters wurde durch den Bericht in der Lokalzeitung erschwert.

Woraufhin die Jugendgerichtshilfe dann sich also bei mir meldete und bat, also für die Zukunft, ob man's nicht anders machen könnte, für die Vergangenheit, ob man hier nicht hätte den Ort wechseln können. Ja, wo führt's hin? Wenn ich das nächste kleine Dorf nehme oder alle aus der großen Stadt kommen, geht auch nicht. Also, irgendwo muss man auch die Linie haben und sagen, das ist dann eben auch so. Und wir hatten in dem Fall auch nur geschrieben: 18-jähriger Landwirtschaftsgehilfe. Aber davon gibt's eben dann nicht so viele. Vor allem, wenn die auch gerade erst zugezogen sind. Davon gibt's dann genau einen.

Wie ein Pranger können Lokalzeitungen auch wirken, wenn sie fehlerhaft berichten. Zündstoff bergen aber auch Berichte über schwelende Konflikte in einem der vielen Vereine, die auf dem Lande eine große Rolle spielen.

Seit vier Jahren hat Otto Wagner Zoff mit dem neuen Vorstand des Tierschutzvereins, dessen Mitglied er lange war und für den er selbst 15 Jahre ehrenamtlich gearbeitet hat. Seine Kritik wurde mit Vorwürfen beantwortet, und die Zeitung berichtete darüber - grundsätzlich wahrheitsgemäß, wie Otto Wagner betont. Aber wer einen Artikel über sich selbst liest, legt jedes Wort auf die Goldwaage und stellt schnell fest, die Nuancen stimmen nicht.

Das liegt oftmals am Reporter oder Volontör, ist nur ‘ne Wortverdrehung, und es hört sich schon ganz anders an.

Otto Wagner sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, widerrechtlich Futterspenden für seine Tierauffangstation abgeholt zu haben.

Man ist am Boden zerschlagen. Aber durch die ganze Arbeit, ich war zu der Zeit noch berufstätig, und zu Hause die Tiere, es musste weitergehen. Es können einfach nicht die Tiere darunter leiden. Und da darf man sich keine Gedanken machen.

Aber natürlich hat sich Herr Wagner Gedanken gemacht, zumal sein Kontrahent versuchte, die Zeitung zu instrumentalisieren, durch Leserbriefe beispielsweise:

Aus der Bevölkerung die Leserbriefe, die waren nur positiv. Es war nur ein Mann, der uns schlecht machen wollte. Kurze Zeit später haben sich die Leserbriefschreiber über Leserbriefe in der Zeitung beschimpft. Und denn hat die Zeitung auf einmal gesagt: Schluss. Wir sind hier kein Gericht oder so ungefähr, die haben es nicht mehr weitergemacht.

Zu Gericht ging die Sache auch. Otto Wagner wurde verklagt, und die Zeitung berichtete darüber.

Die Staatsanwaltschaft vom Landgericht hat es zweimal eingestellt. Das ist für mich kein befriedigendes Ergebnis. Ich möchte ein richtiges Urteil haben. Es bleibt immer ein Nachgeschmack.

Inzwischen kann Otto Wagner die Sache gelassen sehen, kann sich wieder ganz auf seine Arbeit konzentrieren und sich wieder auf den guten Ruf verlassen, die sie ihm eingebracht hat. Aber am Anfang war es bitter:


Die ganze Familie hat darunter gelitten, weil man selbst auch gereizt ist. Aber man hat sich nichts vorzuwerfen. Es ist bloß: In der Öffentlichkeit gibt es kein gutes Bild.

Auch Petra Richter fand sich eines Tages wider Erwarten in ihrer Zeitung erwähnt und zwar in der Rubrik "Landklatsch":

Bei uns in Brickeln, das ist ein Dorf mit ca. 185 Einwohnern, gibt es eine Wählervereinigung. Und da waren halt die Gemeinderatswahlen. Und da mehr ältere Leute in dem Dorf leben, wurde nur Plattdeutsch geredet. Und ich wohne in dem Dorf mit meinem Mann ca. drei Jahre und habe höflich gebeten, ob sie auch Hochdeutsch sprechen, weil ich noch nicht so reif bin für Plattdeutsch. Und da sagte ein Mann, wenn ich kein Plattdeutsch verstehen könnte, hätte ich auch hier nichts zu suchen. Und das fand ich eigentlich voll daneben, muss ich wirklich sagen, obwohl andere mir gesagt haben, dass es nur Spaß war, aber Spaß ist auch immer ein bisschen ernst, und ich kenne diesen Mann überhaupt nicht.

Dann las ich in unserem Käseblättchen, dass es immer dienstags und donnerstags gibt hier im Dorf: "Wer kein Plattdeutsch verstehen kann, muss draußen bleiben", so ungefähr. Da stand ich halt mit meinem Namen und es wurde noch mal breitgetreten. Und da ich ein Geschäft habe, und da es halt ein Kaff ist, finde ich das eigentlich nicht mehr witzig, dass man sich die Mäuler darüber zerreißt, was wo wer gesagt hat.


Petra Richter verstand die Welt nicht mehr. Wenn jemand an den Pranger gehört hätte, dann doch wohl der Versammlungsleiter, zu dessen Aufgaben es gehört hätte, beim Erstellen der Liste für eine Gemeinderatswahl dafür zu sorgen, dass alle Anwesenden verstehen können, was besprochen wird. Stattdessen hat man sich öffentlich über sie lustig gemacht. Das hat sie gekränkt.

Weil ich gesagt hab, ganz freundlich, Kinder, ihr müsst nicht immer Plattdeutsch reden, ich verstehe kein Plattdeutsch, könnt ihr bitte mal in diesem Zusammenhang Hochdeutsch reden. Ich finde da auch nichts Lächerliches dran. Und dieses Böses, ich hatte so ein Gefühl von, mein Gott, was sucht ihr eigentlich hier, ihr kommt sowieso aus Hamburg, aus einer Großstadt, ihr habt hier sowieso nichts verloren. Ihr kommt hier sowieso nicht rein in unsere Cliquenwirtschaft. So ein Gefühl kam dann hoch.

Hinzu kam, dass die Jungunternehmerin den Artikel als Negativ-PR empfand:

In so einem Dorf wird immer viel gequatscht, ob es nun richtig ist oder falsch war. Und da ich nun auch gerade erst neu mein Geschäft aufgemacht hab, wo ja jeder sowieso guckt, wer ist das denn, wo kommt die denn her, und dann noch dieser Artikel in der Zeitung, fand ich nicht in Ordnung.

"Dorfgeflüster" heißt die Klatschspalte in Petra Richters Lokalzeitung. Völlig überflüssig findet Frau Richter diese Rubrik und ärgert sich über sie, auch wenn sie andere Dorfbewohner betrifft:

Ja, auf jeden Fall, dass ich immer das Gefühl hab, nur weil es gerade diese Klatschzeilen sind, die ja immer in diese Käseblätter kommen, werden die Leute entweder für blöd gehalten oder nicht für voll genommen, einfach auch niedergemacht. Und ich finde das nicht in Ordnung. Gut, wenn sie vorher gefragt werden, ist es total in Ordnung, aber meistens werden sie nicht gefragt.

Was gedruckt ist, kann jeder Schwarz auf Weiß nach Hause tragen und aufbewahren, egal, ob es falsch ist oder richtig. Wer sich durch die Zeitung an den Pranger gestellt fühlt, dem bleibt vor allem eins: daran zu denken, dass nichts so alt ist wie die Zeitung von gestern. Das tröstet nicht selten auch die Zeitungsschreiber:

Jahnke: Zeitung ist wie Fernsehen - es ist kurzlebig. Es ist nicht so, dass das für ewig im kollektiven Gedächtnis haften bleibt.
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