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9.11.2004
"Die Mauer im Kopf"
Berlin 15 Jahre nach dem Mauerfall
Von Irene Binal

Sonnenbad in einer Strandbar an der ehemaligen Berliner Mauer (Bild: AP)
Sonnenbad in einer Strandbar an der ehemaligen Berliner Mauer (Bild: AP)
Also es gibt so kleine Sticheleien einfach. Zwischen Ost und West. Und ich glaube, auch in meiner Generation gibt es diese Sticheleien, weil es doch noch mal einen Unterschied gibt, jetzt Anfang 30 zu sein und im Westen groß geworden zu sein, Anfang 30 zu sein und im Osten groß geworden zu sein.

Wer in den 70ern und 80ern in Berlin sozialisiert worden ist, liebt natürlich das Inseldasein. Das ist immer geschützt und gemütlich und man denkt an Palmen und Liegestühle. Und die Straßen sind schön ruhig, keine Autos und keine Ossis. Jetzt haben wir nun leider eine Großstadt und die Umgewöhnung ist groß vom Dorf auf die Großstadt ...

Also ich bin der Meinung, da ist also irgendwie schon noch eine unsichtbare Barriere sozusagen.

Der Wunsch nach einem Berlin, der ist in allen Köpfen. Aber tatsächlich haben wir das noch nicht geschafft.


Der Wunsch nach einem einheitlichen Berlin: Jahrzehntelang war die Stadt in zwei Hälften zerrissen, der Weg von West nach Ost war schwierig, jener von Ost nach West vielfach unmöglich. Am 9. November 1989 dann geschah das Unerwartete: Plötzlich fiel die Mauer, die Berliner aus Ost und West lagen einander jubelnd in den Armen. Und auch heute erinnern sich viele Berliner gern an den Mauerfall - an eine Zeit, in der es schien, als stünden alle Möglichkeiten offen, als würden Träume wahr.

Woran ich mich deutlich erinnere, dass plötzlich zahlreiche Anrufe kamen und jeder dem anderen erzählte, hast du das eben mitbekommen, die Mauer ist offen. Das war schön.

Ich bin auch natürlich aus Stilfragen über die Mauer geklettert, ich hatte natürlich auch keinen Ausweis dabei, wie man in diesen Gelegenheiten so vorgeht, und bin dann quer durch Ostberlin, was mir völlig fremd war, zu Fuß bis zur Oberbaumbrücke gegangen, und habe leise weinend gesagt, ich habe leider gar keine Reisepapiere und gar nichts, und die Volkspolizisten sagen, Sie, heute ist alles erlaubt, und haben mich durchgelassen, wieder ins heimatliche Westberlin.

Die Stimmung war wundervoll die ersten Tage in Berlin, die Leute waren also so was von gut drauf, obwohl das also propervoll war, die Stadt, aber es war also eine wirklich tolle Stimmung...

Eine Mischung aus Wahnsinn, Euphorie und - ja, großer Freude, vielleicht auch ein bisschen schon: Na, wie geht das weiter, denn das hätte ja immer noch sein können, dass da das Militär auch dazwischenfunkt das war ja auch in den Novembertagen noch gar nicht alles abgeschlossen.


Inzwischen freilich ist Ernüchterung eingekehrt. Die Kosten der Wiedervereinigung übersteigen die damaligen Prognosen weit, und auch das tägliche Miteinander ist für Ost und West nicht immer ganz einfach. Das weiß auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit:

Es gibt Unterschiede, kulturelle Unterschiede, Sozialisationsunterschiede, das darf man auch gar nicht leugnen. Menschen, die jahrzehntelang in der DDR groß geworden sind oder in Westdeutschland groß geworden sind, die haben eine andere Sozialisation hinter sich, da muss man auch nichts verstecken. Aber wichtig ist, dass man heute begreift, wir sind eine Nation, wir sind ein Land, eine Stadt, und deshalb muss alles Trennende beseitigt werden.

Das Trennende beseitigen - aber wie? Klaus Wowereits Vorgänger im Amt des Berliner Bürgermeisters, Eberhard Diepgen, beklagt vor allem die mangelnde Sensibilität im Umgang miteinander:

Beispielsweise bei der Hartz-Diskussion… Wie kann man auf die Idee kommen, aus dem Westen Leute anzuheuern, damit die doofen Ossis ihre Formulare ausfüllen! Das sind alles so Punkte, die natürlich ein Stück Spannung wieder herbeiführen, aber ich glaube, dass es insgesamt viel mehr Entwicklung zur Gemeinsamkeit gibt …

Eine Gemeinsamkeit mit Unterschieden, die sich gerade in Berlin besonders deutlich zeigen. Der Osten der Stadt ist auch heute noch anders als der Westen. Plattenbauten erinnern an die DDR-Architektur, durch die Straßen fährt im Gegensatz zum Westteil eine Straßenbahn, die Ampelmännchen tragen Hüte und viele Ostberliner verdienen heute noch weniger Geld als ihre Kollegen aus dem Westen. Und dennoch gibt es auch Gemeinsamkeiten, im Gesellschaftsleben etwa, wenn es in den Kneipen im Ostbezirk Prenzlauer Berg genauso lebendig, laut und fröhlich zugeht wie im westlichen Kreuzberg:

Der Osten ist eben eine Stadt mit einer alten Bausubstanz, die einem auch eine Geschichte erzählt, die ich im Westen noch nie so vernommen habe. Im Westen ist alles langweilig. Da ist alles grauenhaft aufgeräumt aus den fünfziger Jahren.

Das ein bisschen Lebendigere und Trubeligere als im Westen, das finde ich meistens eher anstrengend, weil es manchmal an gewissen Ecken schon ein bisschen wie Ibiza ist. Da ist der Westen eben gemütlicher und gemächlicher und altersmäßig gemischter, was mir ein bisschen besser gefällt.

Es war schon immer komisch erstmal durch den Osten durchzufahren, weil es auch irgendwie neues Terrain war und da gab es halt auch nichts zu sehen oder so, außer halt marode Gebäude und der Verkehr ging irgendwie nicht vorwärts und von daher ist man - bin ich halt drei Jahre immer außen rumgefahren.

Was unterschiedlich ist, sind die Leute, man sieht einfach, der Anteil der Einwanderer im Osten ist geringer. Und der Anteil der, sage ich mal, der Kleinbourgeoisie, der kleinen Läden, ist wesentlich geringer. Und auch anders.


Eine Stadt, die nach wie vor in zwei Hälften zerfällt: Auch viele Jahre nach dem Mauerfall sind Ost und West keine richtige Einheit, vielmehr zwei Teile eines irgendwie zusammengehörigen Ganzen. Eines Ganzen, das der Schriftsteller Sven Regener in seinem Berlin-Roman "Herr Lehmann" verewigt hat. Heute ist für Regener die Diskussion um Ost und West kaum nachvollziehbar:

Ich tu mich wahnsinnig schwer mit kollektiven Identitäten, weil man letztendlich den Leuten doch auch immer was unterstellt. Es ist immer eine Zumutung. Natürlich, wenn man nach Lichtenberg zöge, als jemand aus dem Westen, würden einem sicher Sachen auffallen, da würde man im Traum nicht darauf kommen sonst. Machen wir uns aber nichts vor, würde ich nach Niederbayern ziehen, hätte ich vielleicht ganz ähnliche Effekte, würde ich dann sagen, ja die Bayern oder die Niederbayern oder so. Aber irgendwie funktioniert es so nicht, finde ich. Also mich hat immer mehr so die einzelnen Leute interessiert, ich wohne selbst in einem Ostbezirk, bin aber sozusagen im Westen aufgewachsen, ja? Ich habe da jetzt nicht ein spezielles Problem oder so.

Kein Wunder also, dass Sven Regener Ressentiments etwa alteingesessener Westberliner gegenüber dem Osten kaum verstehen kann - und auch gar nicht verstehen will:

Ich finde das völlig legitim, dass jemand sagt, ich fahre nicht in den Osten. Muss ja nicht. Andere Leute sagen, oh, ich muss unbedingt in den Osten fahren, da lerne ich ganz viel, auch Quatsch. Es sollten sich alle mal wieder abregen, ja, finde ich irgendwie immer so. Und was die Ostler betrifft, sowieso auch, kann man auch sagen, ja sei doch froh, dass du mal hinfahren kannst, wo du willst, wenn du es nicht willst, du musst ja nicht. Das sind immer so kollektive Identitäten vom Aldi ja? Und so billig ist es eigentlich für mich in dieser Welt eigentlich nicht zu haben. Dass man irgendwie sein eigenes Selbstbewusstsein und Ich-Gefühl irgendwie aufbaut.

Gerade die Identitätssuche ist in Berlin heute vielleicht ein bisschen schwieriger als anderswo. Die gemeinsame, wieder vereinte Hauptstadt kann nicht über das Trennende der Geschichte hinwegtäuschen, über die Unterschiede in Vergangenheit, Sozialisation und Weltsicht. Und so manch ein Westberliner wollte nach der Vereinigung die Mauer am liebsten gleich wieder hochziehen:

Durch die schlechten Erfahrungen, die man halt auch durch den Mauerfall gemacht hat, Berlin-Zulage fiel weg, man wurde arbeitslos, da hatte ich dann 1990 mit einem Freund die Idee, dann auf dem ehemaligen Todesstreifen halt symbolisch die Mauer halt wieder zu errichten, mit irgendwelchen Mauersteinen ...

Andere Westberliner fühlen sich heute noch fremd im Osten, sehen darin nicht so recht ihre Stadt, kommen sich vor wie...

... ein Völkerkundler in Papua-Neuguinea. Aber wenn man dann in private Verhältnisse reinguckt, werden natürlich alle Vorurteile bestätigt und auch widerlegt. Also einige meiner besten Freunde sind auch Ossis. Aber die sind genau so unterschiedlich wie wir auch, interessant wird es dann, wo ist die Ähnlichkeit, wie kommt die zustande, ihr habt ja ganz etwas anderes erlebt.

Und auch jene aus dem ehemaligen Ostberlin sind mitunter immer noch erstaunt über das westlich orientierte Leben. So wie Schriftsteller Thomas Brussig, der sich regelmäßig einen Spaß daraus macht, die Telefone in seinem Haushalt zu zählen:

Mensch, meine Frau und ich, also jeder hat sein Handy und dann haben wir irgendwie noch drei Freihandys und noch ein stationäres mit einem Fax dran, sechs Telefone und damals zu Ostzeiten hatten wir keines - also das macht schon noch Spaß, also, sich so mit damals zu vergleichen oder auch - ich habe mal jetzt so die Länder gezählt, in denen ich gewesen bin, also das sind mittlerweile 51 Länder der Welt, also die Mauer, also die hat mir offenbar ein unstillbares Fernweh eingeimpft, was ich nun eben auch immer noch heftig abreagieren muss, ja, also im Reisen.

Ostberliner und Westberliner - Menschen mit gleicher Herkunft und doch einem denkbar verschiedenen Hintergrund. Gibt es sie also wirklich, die Mauer im Kopf? Ja, meinen die Literaten Thomas Brussig und Sven Regener - wenn sie auch beide mit dem Begriff nicht ganz glücklich sind:

Die Mauer im Kopf, die hat es auch schon - das habe ich auch schon vor '89 gehört, ja, also das wird sich - das ist ein Begriff, der ist nicht auszurotten. Wir wissen nun irgendwie alle also Rassisten dürfen wir nicht sein, also auf die Neger zu schimpfen, ja, schickt sich nicht, aber so mit Ostler und Westler, also das geht noch, also das ist noch erlaubt und dann machen wir das eben so.

Das mit dieser Mauer im Kopf wurde immer behauptet, die war sicher auch immer da, die wird auch immer da sein, aber ich bin mir nie ganz sicher, ob diese Metapher, die Mauer im Kopf, ja, ob die wirklich gut ist. Ehrlich gesagt halte ich sie für eine schon ziemlich totgerittene Metapher, ich glaube, dass man diese Metapher einfach mal in den Besenschrank stellen sollte und sich was Neues ausdenken sollte.


Tatsächlich scheint die Mauer im Kopf auch etwas mit den Generationen zu tun zu haben. Denn vor allem junge Berliner machen kaum mehr einen Unterschied zwischen West und Ost, fühlen sich im noblen Westbezirk Charlottenburg ebenso wohl wie in Friedrichshain:

Das hat sich ja alles gemischt, also man kann das jetzt gar nicht mehr auseinander halten, wer ist aus dem Osten, wer ist aus dem Westen. Ist auch eigentlich egal. Denn die Stimmung ist ja wichtig, die sich übertragen hat, und wenn man das sieht, ist es ja völlig wurscht, ob das jetzt mehr Ost oder mehr West ist.

Die Älteren, das bemerke ich immer wieder, die Älteren aus den Westbezirken, die haben immer noch vielleicht eine Scheu davor, auch den Osten zu entdecken. Ich glaube, bei den Jüngeren ist das nicht mehr so.

Vielleicht ist es also nur eine Frage der Zeit, bis Berlin auch gesellschaftlich jene Einheit wird, die es politisch seit vielen Jahren ist. Vielleicht aber sind es auch gerade die kleinen Unterschiede zwischen Ost und West, die den Charme der Hauptstadt erst ausmachen, jene liebevollen Differenzen, die vielfach eher als Bereicherung denn als Ärgernis wahrgenommen werden. Die mit einer Portion Neugier und Entdeckungslust erforscht werden können - und die dem zwischenmenschlichen Miteinander erst die richtige Würze geben:

Die Frage, ob die Grenze, die es faktisch gibt, oder auch im Kopf, ob die wirklich etwas Negatives bedeutet. Ich glaube eher nicht, weil wir Deutschen hatten immer eine zerrissene Geschichte und Berlin war nie eine Einheit, sondern immer eine Ansammlung von Dörfern. Insofern denke ich mir, es wird nie eine Einheit geben, und das ist auch gut so.

Was verlangt man von einer Stadt, also da sofort Ringelreihen mit Anfassen zu machen, das funktioniert nicht. Aber es ist lustig, man kann sich irgendwie mittlerweile entscheiden, womit identifiziere ich mich. Und das macht den meisten Leuten auch Spaß, sich zu Mitte zu bekennen oder sich zu Charlottenburg zu bekennen, das ist einfach auch ein Spiel, glaube ich.

Ich denke, diese Mauer im Kopf wird so lange existieren wie die Deutschen nicht wirklich sich miteinander auseinander setzen. Den Dialog führen. Und nicht mehr von den Kapitalisten gesprochen wird, die im Grunde genommen diesen Staat zerstört hätten. Es wird völlig vergessen, dass es Deutsche waren, die sich aufgelehnt haben und wir sprechen von einer Revolution. Und das haben nur mutige Leute geschafft. Man kann ihnen jetzt nicht zum Vorwurf machen, dass sie so mutig waren.

Wenn man jemandem irgendwie ein neues Herz einpflanzt, das dauert dann ja auch eine Weile irgendwie, bis das dann irgendwie vom Körper angenommen wird und so, das geht nicht von heute auf morgen. Das ist denke ich ganz normal.


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