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11.11.2004
White Collar Boxing - Managerboxen
Führungskräfte im Ring
Von Georg Gruber

Boxen - jetzt auch unter Managern immer beliebter. (Bild: AP-Archiv)
Boxen - jetzt auch unter Managern immer beliebter. (Bild: AP-Archiv)
Vom Boxen, dem Kampf Mann gegen Mann, ging schon immer eine besondere Faszination aus. Inzwischen gehen auch immer mehr Führungskräfte der Wirtschaft in den Ring, Manager, Rechtsanwälte, Banker, Ärzte, Werber. Boxen als Überlebenstraining in Zeiten der Krise? In England und den USA boomt das sogenannte "White Collar Boxing", das Weiße-Kragen-Boxen schon länger. In Deutschland wird Boxen sogar in Seminaren für Führungskräfte eingesetzt.

Kai Hoffmann: Die Führungskräfte boxen erst einmal gegen mich, lernen das dann auch, ich gebe Feedback, ich gebe Rückkopplung, wie ich sie erlebe und dann werden die auch untereinander kämpfen.

Thomas Bittong: Aso, wenn Sie das erste Mal einen Schlag bekommen, das ist so eine Erniedrigung: der hat mich jetzt geschlagen!

Peter Voss: Der Boxsack schlägt nicht zurück, der Mann wohl, Sie müssen das letztlich im Ring auch erproben.

Kai Hoffmann: Das Boxen kann als Vehikel genommen werden, um genau das auch zu reaktivieren und erlebbar zu machen, was den Menschen ausmacht, nämlich seine Individualität und Authentizität, denn, wer boxt lügt nicht.

Kai Hoffmann. Er gibt Seminare für Führungskräfte, vor allem in Banken und Versicherungen, er coacht Manager - und lässt sie im Ring antreten. Er hat Philosophie und Psychoanalyse studiert, in beiden Fächern auch promoviert, war in der Geschäftsführung der Frankfurter Oper und boxt selbst seit vielen Jahren.

Kai Hoffmann: Beim Boxen ist man so authentisch und kann so schnell an seine Ressourcen, sein Potential herankommen, wie es in kaum einer anderen Sportart möglich ist, und insofern hab ich dann das Boxen als einen Teilbereich meiner Beratungspraxis verwendet, um den Menschen zu sich selber zu bringen, in Grenzsituationen erlebbar zu machen, erstens, und zweitens erlebe ich dann auch aufgrund meiner Ausbildung den Menschen: Wie tickt der eigentlich? Ein Klient, der kann mir stundenlang etwas vormachen, weil er irgendwelche Rollen spielen will und wenn ich ihn dann mal reinzerre in den Ring, mit Höschen und Hemd und er ist alleine im Ring, dann kommt etwas anderes dabei heraus, beim Boxen kann man keine Rollen spielen, man ist ohne Maske.

Thomas Bittong: Ich bin Linksausleger und die rechte Hand ist die Hand, die richtig hart zuschlagen kann, mit der schreibe ich auch, aber auch nicht härter, als ich vor dem Boxen geschrieben habe.

Thomas Bittong, 58, schlank, durchtrainiert, beweglich. Weißes Hemd, Krawatte. Er leitet eine erfolgreiche Versicherungsagentur in Frankfurt, versichert u.a. die Konstantin-Film Bernd Eichingers und Tourneen der Scorpions. Über Kai Hoffmann kam er zum Boxen.

Thomas Bittong: Ich dachte, was soll ich da, warum soll ich mich da prügeln, bis ich erkannt habe, dass man da wirklich das ein und andere ins täglich Leben übertragen kann.

Sstrategisches Denken etwa, Taktik, der Umgang mit Aggressionen:

Thomas Bittong: Wenn Sie einen Schlag abbekommen und Sie sind aggressiv, weil der Gegner ihnen weh getan hat, ist es vollkommen falsch, wenn Sie jetzt mit Aggressivität in den Gegner rein gehen, Sie sind nicht koordiniert, Sie leiden unter ihren Aggressionen, besser ist es in die Deckung zurückzugehen, sich eine neue Taktik zu überlegen und mit einer guten Kombination in den Gegner rein zu gehen.

Seit rund 10 Jahren trainiert er regelmäßig,

Ach, ist das herrlich draußen, den ganzen Tag nur im Büro gesessen. Unser Boxverein ist so richtig in der Szene, das ist Hinterhof, Randbezirk, Industriegebiet, ausländische KFZ-Reparaturfirmen, die aus drei Autos ein nagelneues machen, und genau da ist der Boxstall und genau da gehört das Boxen auch hin, das Boxen ist noch keine Sportart und wird's wahrscheinlich auch nie werden, die in den Innenstädten, den gelackten und geleasten Sportstudios stattfinden wird, zumindest nicht das Boxen, das wir machen.

Der Boxverein liegt in Neu-Isenburg, die Fahrt vom Zentrum der Stadt des Geldes dauert rund 20 Minuten.

Thomas Bittong: Das Leiden im Ring gehört unabdingbar zur Größe eines Boxers, bei uns ganz anders, wir verhindern schon, im Ringstaub zu liegen, und mit klaffenden Augenbrauen am nächsten Tag ins Büro zu gehen, obwohl manchmal tut's schon ein bisschen weh, dann blutet auch die Nase, dann tut auch mal das Kinn weh, wenn der Haken kam…

So, jetzt kommen wir in diese besagten Hinterhöfe, Parkplatz ist reserviert und jetzt geht's durch die rote Tür
(Motor aus)

Ein unscheinbarer Bau, nicht groß, gleich im Eingangsbereich ein Boxring, an der Wand Bretter mit Pokalen und Pinwände mit Artikeln: über das Managerboxen und über die sportlichen Erfolge des Boxvereines. Links die Umkleiden, geradeaus die Trainingshalle. Schmal, die Wände mit Nut- und Federbrettern verkleidet, an der einen Seite der Halle hängen sechs Sandsäcke von der Decke. Dienstags und donnerstags treffen sich hier die Boxer mit den weißen Kragen, an diesem Abend sind es nur eine Handvoll.

Friedrich Meiss: Es hat sich jetzt raus kristallisiert, dass doch sehr viele Leute doch in den Coaching Bereich rein gehen.

Friedrich Meiss, der Leiter des Boxvereines.

Friedrich Meiss: Auch Einzeltraining, sehr viel morgens, da sind wir fast ausgebucht, zwischen ein und zwei Personen, das sind vorrangig Banker, Immobilienmakler und Versicherungsmakler, die das genau in ihren Timer eintragen, das ist Dienst, ja Fitness, da ist alles genau, 9.30 bis so und so viel plus duschen, um halb 12 wieder im Büro, weil man kann schon am Sandsack Aggressionen ausbauen, Entschuldigung, abbauen…

Trainer in Trainingssituation
Wir stehen in Halbdistanzstellung ja, tschak, tschak, saubere Ausführung hier wieder mit der Hüfte rum, linker Haken, rechter Haken, bis zur verlängerten Nasenspitze (usw ....)

Trainiert wird die Gruppe von einem der großen alten Männer des Frankfurter Boxsportes, Horst Gauss, 67.

Übungen für Kondition und Technik. Schweißtreibend.

Gut, wir beenden Technik, Taktik und gehen zum Konditionstraining, alle an die Säcke!

Peter Voss, 52, schlägt auf einen der Säcke ein. Gesellschafter und Geschäftsführer einer Marketing- und Eventagentur, spezialisiert auf Veranstaltungen für große Unternehmen wie Deutsche Bank oder Daimler-Chrysler. Ein umkämpfter Markt, gerade in Krisenzeiten. An was denkt er, wenn er auf den Boxsack schlägt?

Peter Voss: Es ist keineswegs der Mitbewerber, man versucht sich in aller Regel darauf zu konzentrieren, was man macht, ist schon ein komplexer Sport, wenn Sie nicht die Fähigkeiten eines Schlagzeugers haben, der verschiedene Dinge gleichzeitig tun kann, dann ist das ziemlich gewöhnungsbedürftig, also konzentrieren Sie sich primär auf das, was Sie tun und weniger auf das, was eventuell sich verbinden könnte.

Managerboxen - das neue Golf, so eine vielzitierte Schlagzeile der britischen Financial Times, die auch in ihrer deutschen Ausgabe über den neuen Trendsport berichtete. Motor des Ganzen ist "The real fight club".

Kai Hoffmann: Der real fight club ist auch aus einer Geschichte entstanden, weil zwei Vorstände, das war in den 80er Jahren, eines Versicherungsunternehmens und einer Bank, die waren sich spinnefeind und bei einer Konferenz wollten die aufeinander losgehen, die waren so mit Wut angefüllt, dass sie zurückgehalten wurden von ihren Mitarbeitern, dann habe die aber ausgemacht, okay, in sechs Monaten treffen wir uns wieder, jeder lernt das Boxen und dann gehen wir in den Ring.

Der Startschuss für einen Trend: In New York und London sei es inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr, wenn Vorstandsvorsitzende zweier Unternehmen vor der Belegschaft in den Ring treten.

Kai Hoffmann: Und das Boxen hat natürlich auch viel mit Männlichkeit zu tun, also da kommt sehr viel auch an männlichen Statussymbolen mit hinein, das zieht sich im Moment durch die Banken und Versicherungen und wir erleben, dass mehr und mehr auch zum Managerboxen kommen.

München, Boxfabrik, ein Boxgym, das immer wieder genannt wird, wenn es um den Trendsport Managerboxen geht. Am Frankfurter Ring, nahe der Autobahn, Gewerbegebiet. Roland Suttner ist Leiter des Gyms, das mit rund 500 Trainierenden aus allen Altersklassen und Nationen eines der größten in Deutschland sei. Das Boxen habe sich inzwischen aus dem Rotlicht-Milieu befreit und sei nun auch in gehobeneren Kreisen immer beliebter.

Roland Suttner: Also inklusive dem Akademikeranteil in der Boxfabrik würde ich wohl an die 50-100 Personen zu diesem Kreis rechnen. Steuerberater, Anwälte, Ingenieure, Ärzte, wir hatten sogar einen leitenden Richter von einem Strafgericht, das Spektrum ist ziemlich breit, wenn man diesen Managerbegriff entsprechend ausdehnt.

Nur, der Münchner Manager ist scheu, Suttner sagt, er könne keinen zum Interview überreden:

Roland Suttner: Die meisten, die wollen hier auch für sich selber boxen und einem Manager ist der Drang nach Profilierung meist etwas fremd, der braucht das nicht.

Am Ende jedes Trainings in dem Frankfurter Box-Verein gehen die Männer in den Ring. An diesem Abend Kai Hoffmann gegen Peter Voss, beide durchgeschwitzt nach dem harten Training:

Am Ende die völlige Erschöpfung - und Glücksgefühle:

Peter Voss: Sonst würde man das nicht machen, sonst würde man sich nicht durch den Frankfurter Berufsverkehr plagen, nach Neuisenburg, was für uns echt eine Quälerei ist, macht man echt nur, weil's Spaß macht, mal mehr mal weniger, es ist gut für nahezu alles, vor allen Dingen für die Seele.

Peter Voss trainiert schon seit Mitte der 90er Jahre, angeregt durch seinen Sohn, damals 15:

Peter Voss: Der immer gesagt hat: hey komm, lass uns da mal hingehen!

Der Sohn hat sich inzwischen auf andere Sportarten verlegt, Peter Voss blieb dabei, obwohl es ihm anfangs schwer fiel, als einer, der sich in der Kindheit nie geprügelt hatte:

Und das hat man dann eben auch damals, als ich anfing, gemerkt: so ein elementares Problem ist das Zuschlagen, versuchen Sie mal jemand ins Gesicht zu hauen, das ist am Anfang nicht einfach.

Trainer im Training: So wir boxen Kopfhaken, linke und rechte Kopfhaken.

Peter Voss: Die eine Geschichte ist die, man wird älter und will was tun, was einen körperlich fit hält, Punkt. Das zweite ist natürlich so ein Versuch, an Leistungsgrenzen zu gehen, das tust du damit auch, und an Grenzen zu gehen, die mit dir als Person was zu tun haben, weil du dich schon auch offenbarst, und du kriegst auch was auf die Nase, die berühmte narzisstische Verletzung, also deine Selbstliebe wird mit Füßen getreten, zu Anfang, du gewöhnst dich aber daran, weil du anfängst, das nicht persönlich zu nehmen, weil genau das darfst du nämlich nicht beim Boxen.

Boxen verändert die Persönlichkeit, das hat er am eigenen Leib erfahren.

Peter Voss: Du gehst in der Tat mit deinem Alltag anders um, du bist auch Willens dich auch anders durchzusetzen, weil du weißt, dass du das in der Boxsituation, in der eins zu eins Situation geschafft hast, bestimmte Dinge zu tun, die du dir eigentlich gar nicht zugetraut hast.

Mut, Zielstrebigkeit, Selbstvertrauen in Konfliktsituationen - das brauchen Führungskräfte, sagt Kai Hoffmann, gerade in Zeiten der Krise, deshalb setzt er das Boxen in seinen Seminaren ein, da könne man das lernen.

Hoffmann hat große Pläne, will zusammen mit dem "real fight club" Managerboxen in Deutschland groß rausbringen:

Kai Hoffmann: Wir hoffen natürlich, dass wir auch jetzt in Frankfurt und in Berlin und in München auch Manager finden, die sich fit machen, um dann gegen andere Banken, gegen Unternehmen auch selber anzutreten.

Peter Voss: Dieses white collar boxing heißt ja, dass Sie Kämpfe veranstalten, Unternehmen sich wechselseitig Schlachten liefern mehr oder weniger, zum Gaudi aller anderen Angestellten. Zeitgenossen, die das gerne anschauen, wenn sich die Vorgesetzten gegenseitig auf die Nuschel hauen - das wird hier nicht funktionieren, das bezweifle ich.

Kai Hoffmann: Das wird sich finden, wenn wir fünf oder zehn Banker einer Bank haben, dann würden wir beispielsweise innerhalb dieses Programms auch sagen: die Deutsche Bank kämpft gegen Morgan Stanley in London.

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