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12.11.2004
Amerikaner, die auswandern wollen
Nach dem Wahlsieg George Bushs
Von Arndt Peltner

Der alte und neue US-Präsident: George W. Bush, 3.11.2004 (Bild: AP)
Der alte und neue US-Präsident: George W. Bush, 3.11.2004 (Bild: AP)
Nur wenige Stunden nach Ausgang der Wahl liefen bei den Konsulaten der Europäer, der Australier, der Kanadier und Neuseeländer die Telefone heiß. Hunderttausende Amerikaner wollten sich über Modalitäten der Auswanderung informieren. Für sie war Bushs Wahlsieg der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Dies könnte auch ein Gewinn für viele europäische Länder werden, denn viele der ausreisewilligen Amerikaner sind hoch gebildete Fachkräfte, die nun offen für eine neue Herausforderung sind.

Originalton: John Kerry Wahlkampf

Amerikas Opposition war monatelang geeint im Wahlkampf. Die Basis wurde mobilisiert, neue Wähler registriert, Hunderttausende von Briefen verschickt und Telefonanrufe getätigt - alles für das eine Ziel, George W. Bush aus dem Weißen Haus zu schmeißen. Es ging dabei nicht nur um einen Wahlsieg von John Kerry, es ging vielmehr um das Ende der Ära Bush. Doch dann kam alles anders.

Originalton: Kerrys Rede zur Niederlage mit Blende zu Bushs Siegesrede

Die Hälfte der Amerikaner war vom Wahlergebnis geschockt. George W. Bush wurde erneut zum Präsidenten gewählt, diesmal mit einer legitimen Mehrheit. Auf den Hunderten von demokratischen Wahlparties flossen hemmungslos die Tränen. Nicht nur dass Bush im Amt bestätigt wurde, sondern seine Republikaner konnten auch die Mehrheiten im Abgeordnetenhaus und im Senat erzielen.

Bereits am Mittwoch, nur wenige Stunden nach der Siegeserklärung des Präsidenten liefen bei den Konsulaten der Europäer, der Australier, der Kanadier und Neuseeländer die Telefone heiß. Hunderttausende Amerikaner klickten die Einwanderungswebseite Kanadas an, um Informationen über eine mögliche Auswanderung zu finden. Für viele liberal denkende US-Bürger war der Wahlsieg von Präsident Bush der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Einer von ihnen ist Mark aus New York: Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet, dass es wieder passieren würde. Ich habe nicht geglaubt, dass die breite Bevölkerung so dämlich ist und diesen Mann wieder ins Amt wählt. Als Schwuler bin ich davon überzeugt, dass es mich persönlich trifft, denn ich spüre die negative Einstellung in diesem Land den Homosexuellen gegenüber. Ich denke dabei an Homoehen und grundsätzlichen Rechten. Viele Leute hier werden dies als Anlass für Schwulenhass und Homophobia nutzen, denn es scheint, als ob es einen Wertekrieg gibt.

Mark, der mit einem japanischen Mann zusammenlebt, bleibt deshalb nur, das Land Richtung Kanada zu verlassen:

Ich habe bereits den Papierkram erledigt, einen Einwanderungsanwalt in Toronto beauftragt und wir sind nun in der Wartephase. Es ist ein längerer Prozess, da ich als Selbstständiger auftrete. Ich muss ein persönliches Gespräch mit einem Einwanderungsbeamten führen und diese Termine sind ziemlich überlastet. Es dauert ungefähr ein Jahr bis man dran ist.

Für die Gay Community der Vereinigten Staaten war das Jahr 2004 ein Jahr zwischen Himmel und Hölle. Alles begann damit, als der Bürgermeister von San Francisco, Gavin Newsom, gleichgeschlechtliche Ehen zuließ … und erreichte seinen Höhepunkt im Mai in Massachusetts, als Richter des Bundesstaates die Homoehe für rechtens erklärten.

Michael: Ich bin schwul und lebe in Cambridge, Massachusetts. Cambridge wurde am 17. Mai dieses Jahr der erste Ort in den Vereinigten Staaten, an dem eine legale gleichgeschlechtliche Ehe stattfand. Ich war mit Zehntausend anderen Menschen dabei, um diesen historischen Moment zu erleben. Ich bin zurzeit in keiner Beziehung. Ich würde aber gerne dieselbe Möglichkeit und Wahl haben, die jeder hat, der verliebt ist und heiraten und eine Familie haben möchte. Wir leben also in Massachusetts und werden permanent von George Bush und anderen ultrarechten Leuten als liberales Nest niedergemacht, so als wäre liberal automatisch die absolute Sünde.

Michael ist 51. Dreimal im Jahr fliegt er nach Europa, fühlt sich daheim in Paris und würde lieber heute als morgen seinen Lebensmittelpunkt in die französische Hauptstadt verlegen. Der Gedanke, den USA den Rücken zu kehren und woanders ganz von vorne zu beginnen, ist kein neuer für ihn. Er spielt schon lange damit und will nun, nach dem Wahlausgang, seine Möglichkeiten ausloten:

Über die Weihnachtsfeiertage und Neujahr werde ich in Paris sein und dabei werde ich mich auch darüber informieren, etwas langfristig zu mieten. Ich habe einen drei, vier Punkte Plan zusammengestellt, den ich zum französischen Konsulat in Boston mitnehmen werde, um herauszufinden, wie ich vorgehen muss. Welche Papiere ich brauche, was ich genau machen muss.

Auf den verschiedensten amerikanischen Internetforen wird derzeit heftig über Auswanderung diskutiert. Viele wollen einfach nur weg, andere wollen bleiben und jetzt erst recht politisch die Auseinandersetzung mit der konservativen und gestärkten Regierung suchen. Doch der Großteil des demokratischen Wahllagers ist geschockt, ja apathisch. Pamela ist verheiratet, Mutter von zwei kleinen Kindern:

Es gab eine Zeit in der ich stolz war, Amerikanerin zu sein. Als die Bush Administration vor vier Jahren gewählt wurde, haben mein Mann und ich uns ernsthaft überlegt das Land zu verlassen. Dann dachten wir, vier Jahre gehen schnell vorbei. Doch jetzt sind die rum und wir sind geschockt, entsetzt über Bushs zweite Amtszeit. Wir haben uns die politische Landkarte am Wahlabend angesehen und sahen, dass der gesamte Mittlere Weste für ihn gestimmt hat. Wir leben in San Francisco und wir können auch die Ostküste sehen, aber die Hälfte Amerikas unterstützt seine Politik. Ich kann mich nicht länger mit diesen Leuten identifizieren. Es ist, als ob es hier zwei verschiedene Länder gibt.

Pamela und ihr Mann Jeff wollen erst mal noch bleiben, doch sich in dieser Zeit darüber informieren, ob es für sie eine Möglichkeit gibt nach Neuseeland auszuwandern. Anne, eine 31jährige aus der San Francisco Bay Area hat bereits ihren Entschluss gefasst, Amerika zu verlassen. Sie zieht es nach Deutschland:

Anne: Es ist schon lange in meinem Hinterkopf. Ich hatte einen deutschen Freund, also hatte ich mir das schon vorgestellt, auch nachdem wir Schluss hatten. Ich war schon mehrmals dort und fühle mich wohl und habe es sehr genossen. Die Richtung, die dieses Land eingeschlagen hat, was diese Wahl auch beweist, lässt mich nur noch schneller wegziehen wollen. Ich möchte im Juni dorthin, einen Job als Englischlehrerin annehmen. Ich habe mich schon übers Internet erkundigt, habe mit Freunden gesprochen, die diesen Schritt schon gemacht haben. Und was sich zeigt ist, dass ich mit meiner Ausbildung und meinen Abschlüssen, Lehrerfahrung gute Chancen habe, bessere als andere Leute.

Anne wehrt sich dagegen, dass sie mit einer Ausreise die Flucht ergreift:

Mir haben schon einige Leute gesagt, ich solle bleiben und versuchen hier die Dinge zu ändern. Aber ich habe das Gefühl, ich habe das lange genug versucht. Ich bin jetzt 31, seit ich 18 bin und schon früher mit Beginn des ersten Golfkrieges war ich aktiv. Ich habe protestiert und wurde von der Polizei zusammengeschlagen und ich habe versucht zu wählen und hatte nur das Gefühl, dass meine Stimme sowieso nichts zählt. Dieses Gefühl der Verzweiflung kommt von dem Gefühl nicht zu wissen, was man tun soll. Weißt Du, ich versuche ein guter Mensch zu sein, ich versuche ein gutes Mitglied meiner Gesellschaft zu sein und gehe behutsam mit der Erde um. Wenn mir jemand sagen könnte, was ich tun muss um die Dinge zu ändern, klasse. Aber ich glaube nicht, dass politische System funktioniert und ich auch die klassischen Proteste funktionieren. Und ich weiß nicht, was überhaupt funktioniert.

Anne ist typisch für viele junge und engagierte Menschen in den USA, die bereits im Vorfeld des Irakkrieges zusammenkamen und gegen die Bush-Administration demonstrierten und Einigkeit zeigten. Sie kamen aus den verschiedensten politischen Lagern zusammen, um gemeinsam Stärke zu zeigen. Obwohl der Irakkrieg auf den amerikanischen Straßen nicht verhindert werden konnte, machte man weiter und organisierte sich im Wahlkampf, nicht für John Kerry, aber gegen George W. Bush. Der Sieg des Texaners hat die amerikanische Opposition - parlamentarisch wie außerparlamentarisch - kalt erwischt. Ohnmächtig und geschockt lecken die Bush-Gegner nun ihre Wunden.

Mike: Ich habe komplett die Hoffnung verloren mit der Richtung, in die dieses Land geht. Dieses Land hat sein Mitgefühl verloren, seinen Richtungssinn und es wurde zu dem, was der Rest der Welt sich schon immer vorstellte, ein Tyrann, der seine rechtsgerichteten Überzeugungen in der Welt verbreiten will.

Der 53-jährige Mike aus Philadelphia ist einer der Glücklichen, die frei entscheiden, was sie machen. Mike will das Land verlassen, ohne wenn und aber:

Ich bin in der Situation, wo ich es machen kann. Ich besitze ein international operierendes Unternehmen, bin öfters in Übersee und lebe teils schon dort. Für mich ist es also nicht so schwer, die Vereinigten Staaten zu verlassen. Und ich bin wohlhabend und ich glaube nicht, dass mein Geld am besten in den Vereinigten Staaten gehandhabt wird.

Mike denkt sogar daran, seine amerikanische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Ein Schritt der Michael aus Boston zu weit geht. Obwohl er vom Ausgang der Wahl tief getroffen ist, fühlt er sich als Amerikaner:

Ich habe darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, meine amerikanische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Ich glaube, ich würde versuchen eine duale Staatsbürgerschaft anzunehmen. Es gibt ja Möglichkeiten, wo dies denkbar ist. Das wäre wohl ein letzter Schritt, ich müsste ganz, ganz, ganz fest abwiegen, was die langfristigen Folgen wären, nicht länger sagen zu können, ich bin Amerikaner. Das ist hart, das geht direkt ins Herz. Es ist schon hart genug überhaupt darüber nachzudenken. Ich kann zwar sagen, ich bin von Amerika enttäuscht, ich unterstütze diese Regierung nicht, ich finde sie verdorben, schrecklich, aber zu sagen, ich bin nicht länger Amerikaner …

Heni ist eine Frau Mitte 40, die mit dem Beginn der amerikanischen Wirtschaftskrise vor vier Jahren ihren Job als Personalchefin verlor und sich nun mit diversen Aushilfsjobs über Wasser hält. Auch sie hatte auf einen Wechsel im Weißen Haus und damit verbunden auf einen wirtschaftlichen Aufschwung gehofft. Ihr Traum war schon immer nach Europa auszuwandern. Nun steht sie erneut vor der Frage und sucht nach Möglichkeiten:

Heni: Ich glaube, es hängt davon ab, wie sich das politische Klima im kommenden Jahr entwickelt. Ich habe einfach zurzeit nicht das Geld, alles abzubrechen und zu gehen, und es dauert sowieso etwas, um alles zu organisieren, woanders eine Arbeitserlaubnis zu bekommen und überhaupt herauszufinden, welches Land für mich in Frage kommt, denn ich muss ja dort auch arbeiten können.

Der Wahlsieg von Präsident Bush könnte auch ein Gewinn für viele europäische Länder werden, denn viele der ausreisewilligen Amerikaner sind hochgebildete Fachkräfte, die nun offen für eine neue Herausforderung sind. Zwar werden sie, mit Hinblick auf die amerikanischen Partnerschaftsbeziehungen, von den europäischen Regierungen nicht offiziell angesprochen werden, doch Länder wie Deutschland, Frankreich, England, Spanien oder Italien sind auf einmal interessanter für junge Wissenschaftler und Fachkräfte in den USA geworden. Es wird sich zeigen müssen, ob die Ausreisewelle mehr ist als nur eine überschnelle Reaktion auf den Wahlausgang
Heni aus San Francisco hofft jedoch, einen Mann aus dem alten Europa zu treffen, der im Austausch für einen EU-Pass gerne einen US-Pass bekommen möchte:

Ideal wäre eine doppelte Staatsbürgerschaft. Wenn es also einen netten Herren da draußen gibt (lacht), der die amerikanische Staatsbürgerschaft haben möchte (lacht), kontaktieren Sie bitte diesen Reporter …
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