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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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16.11.2004
Der heiße Draht zum Mitmenschen
Telefonseelsorger
Von Gerd Michalek

Für immer mehr Kinder wird die Telefonseelsorge zum Gesprächsersatz, weil ihre Eltern keine Zeit mehr für sie haben. (Bild: AP)
Für immer mehr Kinder wird die Telefonseelsorge zum Gesprächsersatz, weil ihre Eltern keine Zeit mehr für sie haben. (Bild: AP)
Domian und andere TV-Night-Talker verdienen Geld, wenn sie sich die Problemgeschichten wildfremder Menschen am Telefon anhören. Telefonseelsorger hingegen sind - in der Regel - Ehrenamtler. Mancher sitzt seit Jahrzehnten unentgeltlich am Hörer, um quer durch alle Gesellschaftsschichten und Generationen Probleme zu lindern. Was motiviert Menschen, diesen Dienst zu leisten? Was entdecken sie dabei für sich selbst?

Ich wollte was Ordentliches und Gutes machen. Ich habe das gemacht, weil ich denke, ich kann gut telefonieren und kann gut zuhören. Ich kann mich erinnern, dass ich ein Vorstellungsgespräch hatte bei dem damaligen Leiter und der fragte mich das auch: "Warum möchten Sie das machen?" Dann habe ich gesagt, ich habe festgestellt, dass ich sehr oft Menschen brauche, bei denen ich Probleme aussprechen kann. Da habe ich gesagt, das möchte ich auch machen - anderen zuhören. Das war die Anregung zur Telefonseelsorge zu gehen. Das Gegenüber hat dann gesagt: "Das war die Antwort. Damit sind Sie aufgenommen." (Lachen)

Wer Telefonseelsorger werden möchte, ist oft neugierig auf die besondere Situation am Telefon - abgeschirmt zu sein, allein unter vier Ohren.

Das hat für mich einen ganz besonderen Reiz, nur die Stimme des Anrufers zu hören, ich komme aus dem Beruf als Sozialarbeiter, wo man weitaus mehr aus dem Umfeld der Personen kannte, und ich die Person durch Blickkontakt wahrnehmen konnte, durch Bewegungen und Gestik. Und das entfällt hier. Und ich dachte anfangs, dass das eine Schwierigkeit sei, und das würde eine Distanz schaffen. Aber ich habe gemerkt, dass das eine ganz intensive Nähe schafft, und ich sehr eng an den Personen dran bin, weil man sich nur auf das Wort konzentriert. Manchmal sind es andere Dinge, die Atmung, oder auch die Pausen, wenn jemand länger schweigt, die im Gespräch vis-a-vis nicht so ne Bedeutung haben.

Ältere Mitarbeiterin: Ich denke, das ist ein ganz großer Schutz für den Anrufer, aber auch für mich. Wenn man bei einem Menschen sieht, dass er das Gesicht verzieht, dass er sich ekelt bei einer Geschichte, oder sich abwendet. Das kann der Anrufer, wenn er mit einer richtig fiesen Geschichte kommt, gar nicht mitkriegen. Ich versuche dann da zu bleiben, klar auch reserviert, wenn es zu schlimm wird. Aber er kann es zum Glück nicht sehen, was mit mir vor sich geht, das finde ich einen Schutz. Einen Schutz für den Anrufer auch. Manchmal erzählt einer, er sei so gegen Mittag gerade aufgestanden und noch nicht angezogen. Da denke ich, da bin ich ganz froh, dass ich das nicht ansehen muss. (Lachen)

Nicht jeder Mensch, der helfen will, ist unbedingt geschaffen für den Dienst am Telefon, betont die Leiterin der katholischen Telefonseelsorge Köln, Annelie Bracke:

Wir nehmen nur Menschen, die auch in der Lage sind, sich selbst wahrzunehmen. Also nur die Helfermotivation: "Ich bin der Helfer, mir geht's gut, und anderen geht's schlecht" - das ist schwierig. Dann gucken wir, ob jemand belastbar ist, ob er selber Krisen hatte und die bewältigt hat. Ob er flexibel ist, sich auf andere Lebenseinstellungen einlassen kann. Ob man auch in der Lage ist, sich in Sprache gut auszudrücken, sich also auf andere einzulassen, die eine ganz andere Sprache sprechen. Manche sind ja eher praktisch veranlagt.

Bevor die Neulinge an den Hörer dürfen, schulen sie sich innerhalb der Gruppe zunächst in Selbsterfahrung und erhalten psychologisches Basiswissen: Was läuft zum Beispiel bei Lebenskrisen ab? Wie verläuft der Prozess des Trauerns? Dann schauen sie erfahrenen Seelsorgern über die Schulter, um - von diesen unterstützt - schließlich selbst das Wort zu führen.

Düsseldorfer Seelsorgerin: Wie Gespräche ablaufen, dass haben wir gelernt. Wichtig ist immer der erste Satz, meistens schreibt man sich den auf, damit man darauf auch zurückkommt. Der Anrufer hat ja einen Grund, weshalb er anruft, und den vergisst er im Gespräch meistens selber.

Oberhausener Seelsorgerin: Am Anfang ist mir das passiert: Er hat das und das Problem, und ich denke, das ist einfach zu lösen, indem man das so und so macht. Das erlebt man ja im Freundeskreis, wo man die "perfekte" Lösung kriegt, aber die passen nicht auf einen selbst. Und das habe ich gelernt, erst zu schauen, was die innere Landkarte des anderen Menschen ist, denn der kann ja nicht so funktionieren wie ich funktioniere. Und ich muss merken, was kann der Mensch eigentlich leisten, warum kann der die einfachsten Dinge nicht.

Seit 1956, dem Gründungsjahr der Telefonseelsorge, sind die Problemthemen im Grunde die gleichen geblieben: Es geht zumeist um Partnerschaftsprobleme, um Einsamkeit, Krankheiten und Tod. Doch damals in den 50ern war der heiße Draht zwischen den Menschen noch ein relativ neues Medium:

Annelie Bracke: Als die Telefonseelsorge gegründet wurde, sagte man noch: Das macht nie jemand, dass einer an so einem Gerät persönlich über sich erzählt mit einem, den man nicht kennt, wo man den Namen und das Gesicht nicht kennt.

Heutzutage gehört Telefonieren zu den absoluten Selbstverständlichkeiten des Lebens. Die Schwelle, um zum Hörer zu greifen, gibt es für die meisten nicht mehr. Daher wird die Telefonseelsorge auch nicht nur mit tief schürfenden Problemen konfrontiert.

Oberhausener Seelsorgerin: Da rief ein Mensch von einer Bohrinsel an - in Amerika öder Grönland - und wollte einfach nur Kölsche Töne hören.

Gabriele Koye: Inzwischen ist Telefonseelsorge sehr vielgestaltig. Wir haben auch schon Waschmaschinen repariert am Telefon mit Ferndiagnose, weil zufällig der entsprechende Mitarbeiter dran war, der das konnte.

Berichtet Gabriele Koye, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge Köln. Viele Menschen lesen heutzutage Ratgeber-Literatur und drücken sich psychologisch aus. Das führt dazu, dass mancher Anrufer sein Problem schnell formuliert. Doch gerade das erfordert genaues Hinhören:

Annelie Bracke: Heute haben viele Leute ja schon eine Therapie gemacht. Das heißt, es wird sehr schnell über sich gesprochen, das heißt aber nicht, dass man wirklich mehr mitbekommt vom anderen. Man muss Worthülsen durchbrechen und nachfragen, wie ist das jetzt gemeint. Also sehr schnell sagen Menschen: "Ich bin depressiv!" Und dann frage ich erst mal: "Was meinen Sie, was verstehen Sie darunter?"

Immer mehr Anrufer melden sich übers Handy. Gerade Jugendliche benutzen gern die kostenfreien Null-Achthunderter-Nummern. Ein Boom, der manchem Seelsorger zu schaffen macht.

Annelie Bracke: Für viele Jugendliche ist es ein Spaß, oder Sport, diese 0800er-Nummern anzurufen. Das fängt an mit fiktiven Geschichten, die man sich ausdenkt, bis hin zu Witzen, dann aber auch mit massiven Beschimpfungen, Schreien und solchen Dingen. Und das kann man ja im Einzelfall noch wegstecken, aber wenn ein ganzer Nachmittag die Leitung blockiert ist, weil das 30 oder 50 mal hintereinander passiert, legt das unsere Leitung lahm.

Mal frech und schrill, mal tief betrübt - so wechseln mit den Anrufern auch Stimmungen und Eindrücke. Dabei gilt es auch zu entschlüsseln, was ernst gemeint ist und was nicht.

Frau: Zum Teil werden Geschichten vorgebracht, wo nicht klar ist, hat er das wirklich erlebt, will er mal gucken, wie reagiert jemand darauf. Oder es ist die Geschichte von 'ner Freundin und er testet mal vor, was ist, wenn ihm das selbst passieren würde. Kann ich dann anrufen, und mit jemandem sprechen? Aber ich finde diese Unsicherheit nicht so schwierig, wenn ich mir das so vorstelle, dass das so ein Test ist, und jemand zur gegebenen Zeit darauf zurückgreift, dann hat es ja was gebracht.

Jeder Seelsorge-Stelle werden im vier Stunden-Rhythmus Handy-Anrufe aus dem ganzen Bundesgebiet zugeschaltet. Für jeweils eine Stunde. In der übrigen Zeit nehmen die 105 deutschen TS-Zentralen ausschließlich Festnetz-Gespräche aus ihrer jeweiligen Region entgegen:

Düsseldorfer Seelsorgerin: Je nach Tageszeit sind die Anrufer anders. Morgens die Anrufer kennt man schon und die einen selber kennen und sagen: "Ihre Stimme kenne ich." Im Laufe des Tages ändert sich das.

Ältere Mitarbeiterin: Ich mache gerne in der Sylvesternacht Dienst, dann kriegt man ganz viele Dankeschön: "Ihr wart die ganze Zeit für uns da." Oder: "Ich habe nur zwei mal angerufen, aber es war so wichtig für mich." Und dann schreibe ich die Dankeschöns alle auf und hänge sie ans schwarze Brett. Es rufen aber nur die an, die zufrieden sind.

Und das sind nicht alle. Denn die Anspruchshaltung vieler Anrufer ist gewachsen. Wie selbstverständlich erwarten einige, für alles Mögliche offene Ohren zu finden. Seelsorger sprechen da von einer gewissen Call-Center-Mentalität.

Annelie Bracke: Das bemerkt man sehr, wenn Leute dann anrufen nachts um drei oder vier, vielleicht einen anderen Tag-Nacht-Rhythmus haben und sich langweilen, und dann sagen: "Ich möchte gerne mal über die Fernsehsendung reden, die ich gerade gesehen habe. Oder über Politik" .. Und wenn wir dann sagen, vielleicht könnten Sie das auch tagsüber sagen, oder wir sind für Freizeitgespräche nicht da, dann gibt es 'ne große Empörung.

Was die Arbeit am Telefon dennoch spannend hält: Jede Schicht läuft anders - und damit auch die zwischenmenschlichen Erfahrungen, die man mit nach Hause nimmt.

Oberhausener Seelsorgerin: Manchmal fühlt man sich richtig erfrischt und hellwach. Manchmal denke ich, und so eitel bin ich, die haben Glück, dass sie mich heute am Telefon hatten. Man merkt auch, wenn das ein richtig gutes Gespräch war, wenn das rechte Wort am rechten Platz war. Und das ist schön.

Psychologin: Es müssen nicht nur Gespräche sein, die super ausgegangen sind, sondern welche, wo man nah aneinander war. Oder ich einfach mitbekomme, dass jemand sehr berührt ist durch das Gespräch und ich dadurch auch. Oder dass ich in eine ganz neue Welt eintauchen kann, die ich nicht kenne aus dem privaten Umfeld oder dem Beruf.

Die Gespräche bereichern auf ganz unterschiedliche Weise.

Oberhausener Seelsorgerin: Jedes Gespräch ist neu, und Sie sind jeden Tag auch ein anderer Mensch, und sie haben Ihre eigenen Probleme. Und dann ist es erstaunlich, dass just an dem Tag Leute anrufen, die ähnliche Probleme haben. Und wenn man sich dann selbst hört, muss man schmunzeln und denkt: Ja, das müsstest Du Dir selbst auch sagen, weil bei Dir läuft es ja auch ähnlich ab. Das sind so die schönen Seiten.

Ältere Mitarbeiterin: Ich entdecke in mir 'ne ganze Menge unaufgeräumte Ecken, dunkle Winkel, und dann ist es vielleicht ganz wichtig, dass man da mal dahin guckt. Oder ich werde durch Kinderanrufe oder auch durch andere Anrufe an Zeiten erinnert, die ich ewig nicht mehr angeguckt hatte. Und finde das dann ganz wichtig: wie war ich denn als Quartanerin, oder wie war das mit meiner Pubertät, oder zum ersten Mal Sex gehabt oder so. Ich finde das dann ganz interessant, dass mich das lebendiger macht, wenn all das von früher aktiv wird in mir.

Seelsorger besuchen regelmäßig Supervisionen, in den sie unter professioneller Anleitung ihre Gesprächsführung reflektieren. Mit wachsender Routine merken sie, dass ihre besonderen Fähigkeiten auch ausstrahlen auf andere Lebensbereiche.

Männlicher Mitarbeiter: Ich merke, dass ich im Freundeskreis besser zuhöre.

Gabriele Koye: Meine innere Frage ist ja am Telefon, was will der Anrufer mit dem Gespräch? Das ist ja der rote Faden. Und ich habe schon manchmal ertappt in meinem Privatleben, dass wenn ich mich irgendwie entlasten möchte bei einer Freundin, und ich kriege da irgendwas als Ratschlag gesagt, da denke ich, warum hört denn mein Gegenüber nicht, was ich will. Was will ich. Und dann bin ich ärgerlich und da fehlt ja jetzt die emphatische Grundeinstellung der TS. (Lachen)

Oberhausener Seelsorgerin: Also das verändert den Alltag so, dass ich keine Lust habe, von jemand zugelabert zu werden mit unnützen Sachen. Das wissen meine Freunde aber auch. Und wozu ich neige ist, im Freundeskreis zu analysieren, was da gerade läuft. Das ist immer sehr komisch. Warum wer was gerade macht, das schärft schon das Bewusstsein für die eigene Familie, Freunde und Bekannte.

Nicht zuletzt fühlen sich Seelsorger angeregt, über den Zustand unserer Gesellschaft nachzudenken.

Gabriele Koye: Telefonseelsorge hat sich immer auch verstanden als Symptomträger der Gesellschaft, von Veränderungen der Gesellschaft. Dass Kinder oft alleine sind, dass Eltern im Berufskampf absorbiert sind... Manchmal ist es auch so, dass Eltern, das sehe ich ein bisschen ambivalent, ihnen auch die Nummer der Telefon-Seelsorge im Handy gespeichert haben, dass, wenn sie sich abends alleine fühlen, uns anrufen sollen, wenn die Eltern abends nicht zuhause sind.
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