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29.11.2004
Der virtuelle Klemperer
Blogs - Tagebücher im Internet
Von Ralf Bei der Kellen

In Papierform ist das Tagebuch nicht mehr zeitgemäß. Die Mitarbeiterin Frauke von Troschke vom deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen präsentiert alte Aufzeichnungen. (Bild: AP-Archiv)
In Papierform ist das Tagebuch nicht mehr zeitgemäß. Die Mitarbeiterin Frauke von Troschke vom deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen präsentiert alte Aufzeichnungen. (Bild: AP-Archiv)
In ein Tagebuch schreibt man für gewöhnlich die Dinge, die man mit sich selbst ausmachen will und nicht mit anderen. Andererseits geht es vielen Schreibern dabei auch um eine Zeitzeugenschaft. Der gegenwärtige Trend, ein Tagebuch im Internet zu führen, scheint diesen Motivationen zunächst zu widersprechen, denn zum einen ist das Netz ein sehr schnelllebiges Medium, und zum anderen scheint es paradox, die innersten Gedanken und Krisen einem riesigen anonymen Publikum zugänglich machen zu wollen. Trotzdem gibt es einen starken Trend zu Internet-Tagbüchern - so genannten Blogs.

Musik: Reinhardt Mey - "Mein Tagebuch"
"Montag, der sechste Januar,
draußen liegt alles tief verschneit.
Das Wetter scheint mir doch zu klar,
tauen wird"s wohl nicht in nächster Zeit. [...]"


Was der Liedermacher Reinhard Mey hier besingt, werden viele in ähnlicher Form schon einmal selbst geschrieben haben: einen Eintrag in ein persönliches Tagebuch. Heutzutage klingt das allerdings häufig so:

"Montag, 6. Januar. Hallo ihr da draußen. Ihr glaubt nicht, was mir passiert ist. Wie schon angekündigt, bin ich gestern mit Marco und Alex in die Kneipe gegangen, um mir mal wieder richtig einen zu nehmen. (...)"

Yvonne Chaddé: "Ich weiß gar nicht genau, was ein Blog ist. Ich habe mir das so erklären lassen von meiner Freundin, dass es ein Internet-Tagebuch ist, was verschiedene Leute zu verschiedenen Zwecken benutzen. Und dann haben sie mir gesagt, das sei eine Abkürzung von Weblog, was ja eigentlich Web-Eintrag heißt. Also 'Netz-Eintrag'."

Blogs sind eine Art Zwitter zwischen einem Tagebuch und einer privaten Homepage. Eine Studie vom Oktober letzten Jahres bezifferte ihre Zahl auf weltweit rund vier Millionen und prognostizierte, dass sich diese bis Ende 2004 noch verdoppeln wird. Die Kulturarbeiterin Yvonne Chaddé schreibt seit ihrem zehnten Lebensjahr Tagebuch und hat sich vor kurzem einen Blog eingerichtet. Sie sieht den Grund für diese neue Art des Tagebuchschreibens im Medium Internet an sich.

Yvonne Chaddé: Andere Leute sind halt schon immer am Computer und digital unterwegs und sagen sich dann "Warum soll ich's dann nicht auch veröffentlichen und nicht suchen, ob es Leute gibt, die mir, die ähnliche Gefühle oder Gedanken haben?" Ich glaube, es ist eben in der Zwischenzeit viel natürlicher zu sagen "Ich setze es online." Das ist so undefiniert, das Internet, dass man dann ja auch solche Foren sich schaffen kann. Internet ist ja im Prinzip erst mal alles und du darfst ja auch alles.

Tillmann Allmer: "Wichtig beim Weblog ist aber, glaube ich, auch die technische Unterscheidung, dass bestimmte Software dahintersteckt, die es ermöglicht, sehr schnell sehr leicht diese Homepage immer zu aktualisieren, ohne dass man sich zu sehr in den HTML-Sourcecode reinfuchsen muss immer wieder. Sondern man hat halt ein Formular, schreibt da was rein und schickt es ab. Es ist eigentlich so, wie wenn man per Webmail eine Email schreibt."

Auch der Filmwissenschaftler und Blogger Tillmann Allmer sieht die Online-Tagebücher als Resultat einer durch das Internet veränderten Medien- und Kommunikationssituation. Die Öffentlichkeit der Blogs bringt allerdings einige Veränderungen gegenüber dem Tagebuch alter Prägung mit sich. Dr. Barbara Schulte-Steinicke, Professorin an der Alice Salomon-Fachhochschule in Berlin, beschäftigt sich seit Jahren mit autobiographischem Schreiben. Wo sieht sie den Unterschied zum alten Tagebuch?

Prof. Dr. Barbara Schulte-Steinicke: "In erster Linie natürlich durch diese permanente Bezogenheit auf andere, die mir natürlich, wenn ich erst mal ins Schreiben reingekommen bin, nicht jederzeit bewusst sein muss, ja? Aber das heißt aber nicht, dass es nicht doch irgendwo immer mitläuft, dieser Faden: Andere werden das lesen, können das lesen und werden und können sich dazu äußern."

Diese Bezogenheit auf ein Publikum führt bei den Bloggern häufig zu einer Art Schreibdruck. Für Yvonne Chaddé war dies ein Grund, ihren Blog vorerst wieder stillzulegen.

Yvonne Chaddé: "Kurz bevor ich abgebrochen hab', habe ich auch einen Artikel dazu veröffentlicht, wo es eben darum ging, dass ich eben unter Zugzwang stehe, zu produzieren. Aber ich habe da dann auch von anderen Bloggern Zuschriften bekommen, dass sie sich ähnlich fühlen. Ich hatte dann geschrieben, dass ich natürlich immer mit einem Blick auf die Statistik gehe und dann denke "Ah! Ich verliere Leser! Jeden Tag, den ich nicht neu veröffentliche, langweilt sich jemand." Und andererseits dachte ich an meine Schreibgewohnheiten über die Jahre hinweg, dass ich Phasen habe, wo ich monate-, wochenlang oder tagelang überhaupt nichts schreibe. Und deswegen es an mir liegt, was ich mit diesem Blog mache."

Tillmann Allmer: "In der Anfangszeit meines Weblogs war ich sehr viel persönlicher und hab da sehr viel mehr aus dem Moment heraus persönliche Befindlichkeiten reingestellt. Und unter anderem eben auch mal so einen Streit mit meiner Freundin - was dann diesen Streit nicht unbedingt besser gemacht hat, weil natürlich sie dann fand, dass das nicht ein Thema ist, was öffentlich diskutiert werden muss. Meine Freundin hat das dann im Weblog gelesen und fand es sehr komisch, dass ich aufmunternde Kommentare von wildfremden Leuten bekomme und es alles so aussähe, als hätte ich total recht gehabt - und beim Streit gibt es natürlich immer zwei Leute. Seitdem habe ich halt gemerkt, dass man stark aufpassen muss, wie viel aus dem persönlichen Leben man da wirklich reinstellt."

Das Schreiben für andere verstärkt außerdem die Selbstzensur. Diese findet allerdings auch im herkömmlichen Tagebuch statt. Die Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Rosemarie Heise ist 77 Jahre alt und schreibt mit Unterbrechungen seit ihrem 15. Lebensjahr Tagebuch. Auch ihr ist das Phänomen der Selbstzensur nicht unbekannt.

Rosemarie Heise: "Es gibt eine Selbstzensur, weil man nicht möchte, dass vielleicht später mal die Kinder das lesen. So was ist sicherlich nicht ganz weggeblieben in meinem späten Tagebuch. Man möchte also natürlich auch nichts Unsympathisches und Beschämendes im Tagebuch haben. Darauf habe ich keine Rücksicht genommen, weil ich also eine ziemlich selbstkritische Natur bin und gerade mich gezwungen habe, also das, was mir selber an mir nicht gefällt und... ich hab' das mit aufgenommen.

Aber eine Selbstzensur war auf jeden Fall da aus politischen Gründen: Also, politisch durfte ich da nicht voll vom Leder ziehen, obwohl es mir manchmal passiert ist, wie ich jetzt beim Lesen merke. Also zum Beispiel bei Hitlers letztem Geburtstag schreibe ich, das habe ich vorhin gerade gelesen, 20. April 1945: Hoffentlich der letzte Geburtstag des Tyrannen."


Musik: Reinhardt Mey - Mein Tagebuch
"Donnerstag, der 15. Mai:
Heute kam Post für den alten Frank.
Ein Brief und Photo dabei,
er klebt es grad' an seinen Schrank."


Aus einer Werbung für Anzeigen auf Weblogportalen im Internet: "Profitieren Sie von der Mitteilungsfreudigkeit Ihrer Mitmenschen! Neuer Trend im Internet: Virtuelle Tagebücher befriedigen jetzt auch online die Neugierde der Menschen. Der Drang des Menschen, sich mitzuteilen, hat nach dem Boom der Talkshows nun auch das Internet erreicht."

Tillmann Allmer: "Was halt Weblogs vielleicht ähnlich machen mit Sachen, die im Moment im Fernsehen laufen - weniger Daily Talks oder Daily Soaps, sondern mehr so was wie Big Brother, also Doku Soaps. Dass Weblogs einen gewissen Einblick in einen eigenen Container eines Privatmenschen geben. Von dem Interesse des Zuschauers ist, glaube ich, bei Big Brother eben dieses Voyeuristische, Alltägliche zu vergleichen mit der Motivation eines Weblog-Lesers."

Rosemarie Heise: "Die Idee dazu überhaupt hängt sicherlich mit der Medienentwicklung zusammen. Und auch mit der Enttabuisierung der Intimsphäre. Ich sehe im Tagebuch eigentlich die letzte Bastion der Intimität. Und ich würde mir sehr wünschen, dass es erhalten bleibt."

Prof. Dr. Barbara Schulte-Steinicke: "Von daher sehen es ja auch manche Soziologen als einen Trend zur Demokratisierung, dass mittlerweile das Öffentlichmachen des ganz alltäglichen Privaten, des ganz alltäglichen Menschen um uns herum, fast mehr im Mittelpunkt steht als das Anschauen des Alltags Prominenter."

Ob Selbstdarstellung oder Selbstentäußerung - der Blog bietet auch Chancen, die es im Tagebuch nicht gab. Für viele Menschen war und ist das Tagebuch Möglichkeit, sich literarisch zu versuchen - allerdings ohne Publikum. Das ist bei den Blogs anders. Und eine stattliche Anzahl Blogger haben durchaus literarische Ambitionen.

Yvonne Chaddé: "Ich hatte mir ganz oft ein Feedback gewünscht in Bezug auf meine Gedichte. Ich hab' ab und zu mal Gedichte reingestellt und dachte, vielleicht käme da mal was. Da habe ich schon gedacht, ich kann mir hier ein Publikum in irgendeiner Form ranholen. Und hab' mich dann auch gefreut und war dann immer so kindlich-euphorisch, wenn es neu war und dachte so "Ja, jetzt liest es jemand"."

Prof. Dr. Christiane Funken: "Dann ist natürlich das Netz auch plausibel, weil man da nämlich auch in einem geschützten Raum zunächst mal quasi anonym sich schriftstellerisch veräußern kann, was ja dann immer auch impliziert: Ich brauche ein Publikum. Und also dass da eben die Fragen nach dem Publikum eben auch eine Antwort findet."

Dr. Christiane Funken, Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Berlin, betont die Vorteile des Blogs, da man sich hier anonym ausprobieren kann und eventuell auch Rückmeldung von Lesern bekommt. Und auch sonst gibt es durchaus kreative Möglichkeiten, die Selbstdarstellung im Blog zu nutzen. Eine Bloggerin benutzte ihre Präsentation beispielsweise als Arbeitsprobe bei Bewerbungen und stieß damit auf durchaus positive Resonanz.

Musik: Reinhardt Mey - Mein Tagebuch
"Mittwoch, der 20. August:
Der alte Frank hat schlapp gemacht.
Die Hitze schlägt ihm auf die Brust,
wir haben ihn zum Arzt gebracht."


Das Tagebuch wird von vielen Menschen als Ventil genutzt. Hier können sie sich ihren Ärger, Zorn oder ihre Frustration sprichwörtlich "von der Seele schreiben". Die therapeutischen Möglichkeiten von solchem autobiographischen Schreiben werden von der Psychologie seit Jahren erforscht und angewandt. Diese Möglichkeiten gibt es in erweiterter Form auch bei den Blogs, wo sich der Schreiber über Kommentare der Leser relativ anonym Rat holen kann. Der Innere Monolog des Tagebuchs wird also zu einem Äußeren Dialog.

Prof. Dr. Barbara Schulte-Steinicke: "Diese "kleine Gefahr" des Tagebuchschreibens - ich kann mich auch dahin zurückziehen, ja, Tagebuch als Fluchtburg, oder so wie ein Tagtraum, als Fluchtraum - die wird natürlich durch die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten, sofort gebrochen. Das heißt, es geht nicht nur darum, dass ich mich mit meiner Innenwelt, mit meinen Erfahrungen und Erlebnissen auseinandersetze, sondern dass ich sie teile, in dem ich sie mit-teile. Und dass ich möglicherweise Resonanz drauf bekomme. Und gerade diese Resonanz hat natürlich auch wieder einen heilsamen, hilfreichen, positiven sozialen Effekt; möglicherweise sogar einen therapeutischen Effekt, so ein bisschen analog einer Selbsthilfegruppe."

In Emmendingen bei Freiburg hat das deutsche Tagebucharchiv seinen Sitz. Hier lagert das geschriebene Leben hunderter Menschen. Die Vorsitzende des Archivs Frauke von Troschke hebt neben der therapeutischen Funktion auch die Bedeutung der Zeitzeugenschaft von Tagebüchern hervor.

Frauke von Troschke: "Nun ist es so, dass der Sinn in diesen Texten darin liegt, dass man eben Zeitgeschichte oder Mentalitätsgeschichte oder Geschichtsschreibung von unten, dass man da seinen Beitrag zu leisten möchte. Das hören wir eben auch ganz oft: 'Wir haben so eine unglaubliche Zeit erlebt und durchgemacht und das darf nicht vergessen werden, das darf nicht verloren gehen, das müssen wir anderen mitteilen. Da sollen andere draus lernen und man kommt auch aus ganz schwierigen Situationen wieder raus, wenn man nur die Kraft hat. Und ich kann hier in meinem Dokument beweisen, wie ich es geschafft habe, wieder rauszukommen aus diesen schwierigen Lebenssituationen.' Also den anderen Mut machen."

Yvonne Chaddé: "Grundsätzlich finde ich es als Geschichtsquelle sehr wertvoll. Je mehr Zeitdokumente man haben kann, desto größer wird der Diskurs. Es gibt dann immer noch das Geschichtsbild in Büchern, in den klassischen Medien, aber es gibt dann eben auch noch die Breite der Weblogs und des Internets, und vielleicht lassen sich auch darüber einfach bestimmte Diagnosen über das heutige Befinden in Menschen, in der Gesellschaft, aufspüren."

Die Bloggerin Yvonne Chaddé hat also ein Selbstverständnis, das dem eines Viktor Klemperer nicht ganz unähnlich ist. Die alten und neuen Formen des Tagebuchs ähneln sich nicht nur, sie ergänzen sich auch. Und vom oft geäußerten Kulturpessimismus angesichts der Schnelllebigkeit des Mediums Internet hält auch Dr. Barbara Schulte-Steinicke nichts.

Dr. Barbara Schulte-Steinicke: "Es gibt natürlich den Trend zum veröffentlichenden Tagebuchschreiben, aber das heißt ja überhaupt nicht, dass nicht gleichwohl und gleichzeitig und zum Teil vielleicht sogar von den gleichen Personen das ganz normale altmodische Tagebuch geschrieben würde. Im Gegenteil denke ich, jeder Trend zu mehr Schreiben bedeutete auch einen Trend zu mehr Schreibvielfalt noch, meine ich. Und es hat dieses einfach über Jahrtausende, wenn man es ganz streng sieht, in der Abendländischen Geschichte verankerte Tagebuch einen Platz, der ihm so bald, so schnell auch gar nicht wird streitig gemacht werden können."

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