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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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17.11.2004
"Hier kann man schon depressiv werden"
Warum es die Westler im Osten schwer haben
Von Ute Meckbach

Plattenbausiedlung Halle-Neustadt. Werden Westdeutsche im Osten depressiv? (Bild: AP-Archiv)
Plattenbausiedlung Halle-Neustadt. Werden Westdeutsche im Osten depressiv? (Bild: AP-Archiv)
Viele Menschen, die nach der Wende von West- nach Ostdeutschland umgezogen sind, leiden unter mehr als nur Heimweh. Einer Studie der Leipziger Universität zufolge schätzen sich viele von ihnen als niedergeschlagen, müde und missmutig ein. Sie bekommen zu spüren, dass sie in einem anderen System aufgewachsen sind. Sie haben Schwierigkeiten mit der Alltagskultur im Osten und dem anderen Umgang unter Freunden und Kollegen.

Musik: Stoppok - "Schöne Grüße"
Am schönsten ist es immer anderswo.
Sowieso.
Von Kalifornien träumt der Indio in Mexiko.


Ralph Hirschfeld: Wenn mich die Leute hier fragen, warum bist du hier her gekommen, dann sage ich "Das frage ich mich jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel gucke, wenn ich mich rasiere."

J. F.: Es war Herbst, in Freiburg war es relativ schön warm. Und in Schwerin war es fürchterlich. Alles grau in grau. Schlechtes Wetter und ziemlich unfreundlich. Ich hatte dann ein Zimmer bekommen über eine Zeitungsanzeige. 15 qm mit Außen-WC und ohne Dusche, Waschmöglichkeit war auf dem Zimmer vorhanden. Mir ging es ganz, ganz schlecht. Ich fand es alles nur fürchterlich. Gerade diese Sache, dass man für so ein Zimmer 600 Mark zahlen sollte, ein völlig runtergekommenes Zimmer, wo wahrscheinlich jeder Mensch aus dem Osten nicht mehr als 80, 90, 100 Mark gezahlt hätte zu der Zeit, da habe ich natürlich die Vermieter auch drauf angesprochen und die sagten: "Ihr kommt doch aus dem Westen. Ihr habt 's doch."

A. F.: Die Familie fand das sehr gut. Sicherlich gab es auch andere, die dann den Kopf geschüttelt haben, "Mensch, wie kannste denn das machen, da nach Dunkeldeutschland, das war so der Begriff..." Oder: "Warum gehst Du in den nahen Osten?"

Uwe von Seltmann: Mich hat einfach gereizt diese ganze Stimmung und Atmosphäre. Hier muss jetzt und hier wird jetzt was Neues geschehen.

Uwe Günther: Also ich fühlte mich manchmal beobachtet: Wie verhält sich jetzt dieser Wessi hier bei uns. Ich musste besonders vorsichtig sein, dass ich nicht arrogant erscheine oder sonst wie.

Thomas Piesker: Wenn das gelungen war, den Eindruck geradezu des Gegenteils zu erzeugen, war man umso aufgenommener.

Karin Abend: Mein erster Eindruck war: Ach, die Menschen sind aber sehr freundlich. Das hat sich jetzt merkwürdigerweise verändert. Es gibt so Begebenheiten beim Bäcker, wo ich dann angeraunzt werde, weil ich irgendwas nicht richtig gesagt habe mit dem Brot. Wo ich denke: Huch?! Wieso jetzt dieser Ton?

Musik: Wolf Biermann - "Berliner Liedchen"
Der Westen ist besser.
Der Westen ist bunter.
Und schöner und schauer.
Und reicher und frei.


Professor Elmar Brähler: Mein Name ist Elmar Brähler. Ich leite die Abteilung medizinische Psychologie und medizinische Soziologie an der Universität Leipzig. Bei der Untersuchung kam heraus, das verblüffende Ergebnis, dass die Stimmungslage im Osten nicht so schlecht ist, wie man denkt, sogar besser ist als im Westen. Die Personengruppe, die nun schlechtester Stimmung war, sind die Westdeutschen, die in den Osten gegangen sind. Sie sind niedergeschlagen, sind missmutig, sind verdrossen, fühlen sich müde und wenig aktiv.

Der 94 Meter  hohe Turm der Dresdener Kreuzkirche (Bild: AP)
Der 94 Meter hohe Turm der Dresdener Kreuzkirche (Bild: AP)
Musik: Wolf Biermann - "Berliner Liedchen"
Der Osten ist schlechter.
Der Osten ist grauer.
Und klein sind die Chancen.
Und groß ist die Not.


Professor Elmar Brähler: Ein Wechsel bedeutet einstellen auf neue Situationen, das bedeutet im Alltag ein paar Differenzen. Aber ich glaube der Wechsel von Ost nach West und von West nach Ost geht darüber hinaus, weil doch die Sozialisation, das Aufwachsen in unterschiedlichen Systemen deutliche Spuren hinterlässt.

Karin Abend: Fängt halt an bei Sauberwerden. Da habe ich eigentlich keine Erziehung vorgenommen, weil meiner Meinung nach sagen die Kinder das irgendwann und dann ist es erledigt. So war es auch bei uns. Das wurde mir dann auch mitgeteilt von einer Bekannten, die dann ihrem Sohn, mein Sohn stand gegenüber mit einer Windel, und ihr Sohn, der ja keine mehr hatte, erzählte: "Ja guck mal, der hat ja noch eine Windel! Der ist ja wie ein kleines Baby!"

Thomas Piesker: Dass das hier 'ne stark formierte Gesellschaft war, das kannst Du sehen. In der Schule fällt das natürlich am meisten auf. Im Religionsunterricht an einer evangelischen Schule werden Strafarbeiten verteilt. Da geht es sehr gar um Sekundärtugenden, um wirklich blöden, formalen Kram.

J. F.: Wenn der Ostler zu Besuch kommt. Und schon vor der Tür seine Schuhe ausgezogen hat und die Pantoffeln in der Hand hält. Das ist bei uns überhaupt nicht verbreitet. Das ist für einige auch ziemlich befremdlich.

Uwe Günther: Das Händeschütteln ist extrem. Da bin ich auch schon ein paar Mal reingefallen. Insbesondere am Anfang, als ich hier im Osten angefangen hab, habe ich öfters die Hand entgegengestreckt gekriegt in der Früh und dachte mir: Hm, was will er denn überhaupt, bis mir kam "Guten Morgen." zu sagen.

Ralph Hirschfeld: Sie haben es einfach nicht gelernt, sich ihre Lebensqualität ein bisschen aufzubauen. Sie haben zwar ihren Tisch von Neckermann und ihren Fernseher von Quelle und ihr Auto von Mercedes oder von Audi oder von BMW da stehen. Aber das Auto ist doch nicht alles, Mensch!

Thomas Piesker: Da fehlt ein Stück Buntheit. Das Lokalkolorit ist einfach uniformer.

Musik: DAF - "Zurück nach Marzahn"
Sobald ich Geld hab, sobald ich kann, verlass ich Stuttgart.
Und gehe nach Marzahn. Und gehe nach Marzahn.


Professor Elmar Brähler: Der Westdeutsche wechselt den Arbeitsplatz, um Karriere zu machen, ist auch viel eher dazu bereit. Der Ostdeutsche ist seinem Arbeitsplatz treu geblieben. Das kann nun zu Missverständnissen führen. Der Westdeutsche denkt über die Ostdeutschen am Arbeitsplatz: Das sind so Hocker, die rühren sich nicht. Der Ostdeutsche denkt über den Westdeutschen: Warum haben sie den hierher geschickt. War der drittklassig? Oder warum ist der hierher gekommen? Hat der nichts Besseres gefunden?

Musik: DAF - "Zurück nach Marzahn"
Was soll ich denn im Westen?
Im Osten ist's am besten.
Was soll ich denn im Westen?
Im Osten ist's am besten.


J. F.: Eine Freundin von mir ist auch aus dem Westen hierhin gekommen, ist mittlerweile in einer Führungsposition tätig mit 50 Mitarbeitern. Sie hatte es am Anfang sehr schwer. Das hat sie mir auch öfter gesagt, dass sie damit nicht klar kommt, dass sich Grüppchen bilden von älteren Leuten, die über sie tuscheln. Dass dann hinter ihrem Rücken zu ihrem unmittelbar Vorgesetzten gegangen wird und gesagt wird: Wieso wird die befördert und ich nicht? Ich habe mich schon drei Mal auf die Stelle beworben. Das sind dann wirklich welche, die um vier Uhr den Stift fallen lassen, wir müssen jetzt nach Hause, unser 8-Stunden-Tag ist beendet.

Uwe Günther: Sie möchten eigentlich die Verantwortung haben. Aber wenn dann eine Entscheidung ansteht, dann schieben sie die sehr gern auf ihren Vorgesetzten.

A. F.: Manchmal merkt man eine gewisse Ladehemmung. Also wenn es dann irgendwie brenzlig wird oder mal Konflikte gibt, die werden dann nicht offen ausgetragen, man zieht sich dann doch eher etwas zurück. Das finde ich persönlich schade.

Uwe Günther: Ich hatte jemand zum Vorstellungsgespräch. Da habe ich dann mit dem Kollegen, mit dem ich das geführt habe, zusammen lange diskutiert, ob wir ihn einstellen sollen oder nicht. Der Kollege hat gesagt ja, wir sollten ihn doch nehmen. Ich hatte ein ganz, ganz schlechtes Gefühl. Und es ist jetzt aber in der Gruppe einer der Highflyer geworden. Ich hatte gedacht: 'Der sagt ja gar nix. Er ist furchtbar nervös.' Aber er hat sich komplett anders entwickelt.

Uwe von Seltmann: Weit verbreitet ist hier im Osten noch ein kollektiver Minderwertigkeitskomplex. Dass die Leute sich einfach als Menschen zweiter Klasse fühlen. Gerade in der älteren Generation, die dann über verpasste Gelegenheiten in ihrem Leben nachtrauern.

Musik: Stoppok - "Jammern"
Seit drei vier Stunden hör ich dir zu.
Keiner kann jammern so edel wie du.
Es blutet vom Himmel und tropft in dein Bier.
Jesus war ein Playboy verglichen mit Dir.


A. F.: Ich denke, als Westler im Osten depressiv zu sein, das kann einem widerfahren, aber als Ostler im Osten depressiv zu sein, das fällt vielen Ostlern sehr leicht.

Alter Markt in der  Hansestadt Wismar (Bild: AP)
Alter Markt in der Hansestadt Wismar (Bild: AP)
Ralph Hirschfeld: Ich bin gern in der Sächsischen Schweiz mit meinen Kindern. Wir waren auf Rügen zelten. Die Gegenden sind schön, da habe ich überhaupt keine Probleme mit. Nur, wenn du dann auf dem Zeltplatz bist und dann haste solche Mecklenburger neben dir sitzen, und du hörst dir den ganzen Tag das an das Geschimpfe. "Das ist Scheiße und dieses ist Scheiße..." Sie schimpfen sehr viel. Sie können einfach mit dem, was sie haben, nicht zufrieden sein.

Professor Elmar Brähler: Der Westdeutsche glaubt nicht mehr an eine gerechte Welt. Er ist eher zynisch. Und der Ostdeutsche glaubt immer noch, dass es eine gerechte Welt geben muss. Und er sieht diese Gerechtigkeit verletzt und er glaubt, der Staat müsse diese gerechte Welt herbeiführen.

Uwe von Seltmann: Also, um es jetzt ein bisschen derb auszudrücken, die bräuchten einfach mal einen gewaltigen Tritt in den Arsch. Oder es muss ihnen einfach so schlecht gehen, dass sie gar nicht mehr anders können, als selber Initiative zu ergreifen.

Musik: Stoppok - "Jammern"
Hör auf zu jammern, zu jammern, zu jammern.
Zu jammern, zu jammern, mann geht's dir schlecht.
Hör auf zu jammern, zu jammern, zu jammern.
Ich kann's nicht mehr hörn, jetzt nervt's aber echt.


Professor Elmar Brähler: Manches mag sich eingeschliffen haben an Ost-West-Differenzen. Was eher noch stärker wird, sind die gegenseitigen Vorurteile. Zum Beispiel dass die Westdeutschen glauben, die Ostdeutschen sind die Gewinner der Wende, es sind Milliarden, angeblich sogar Billionen transferiert worden. Die Ostdeutschen glauben, die Westdeutschen waren die Gewinner der Wende. Die haben die großen Geschäfte gemacht.

A. F.: Die ganzen Bestimmer jetzt kommen aus dem Westen, so wird es empfunden. Die Gesetze sind von Westlern für Westler gemacht. Die ganzen Konzerne sitzen im Westen, das Kapital sitzt im Westen.

Ralph Hirschfeld: Es sind ganz normale teilweise Gäste, die dann sagen, wenn sie einen zu viel getrunken haben, dann kommt das so alles bei denen raus, dann sagen die: "Du kommst hier her. Nimmst unser Geld hier weg. Und du hast das wieder gekriegt, da hast du gar nicht das Recht dazu." Dann sage ich "Du, hör mal zu, mein Großvater hat sich dafür den Hintern aufgerissen. Das bleibt Eigentum! Du wärst doch auch gleich hingerannt und hättest dein Haus hier wiedergeholt."

J. F.: Das ist mir häufiger aufgefallen, dass Leute von hier immer so dieses Klischee haben: Der reiche Wessi, der kommt hier hin, verdient 'ne Menge Geld, so viel wie wir nie verdienen würden, spielt sich hier als Chef auf und kann sich alles leisten, was wir uns alles nicht leisten können.

Uwe von Seltmann: Anfeindungen in diesem Sinne habe ich noch nicht erlebt. Aber es gab natürlich des Öfteren spitze Bemerkungen. Oder jetzt hat zum Beispiel jemand in einem Brief die Zeitung abbestellt, für die ich arbeite mit dem Argument, er würde sich nicht von einem Chefredakteur aus dem Westen sagen lassen, was er zu wählen hätte. Ich habe dort als Aufmacher einen Artikel gegen die NPD geschrieben und dort einige Machenschaften aufgezeigt.

Symbol des Ostens: der Trabant (Bild: AP)
Symbol des Ostens: der Trabant (Bild: AP)
Ralph Hirschfeld: Ich habe schon oft genug gehört: "Ach, ihr Wessis, ihr wisst ja immer alles besser." Das steht mir bis hier oben hin. 11 Jahre oder 12 oder 13 Jahre sind jetzt rum, viele hätten sich selber aufbauen können. Aber sie verfallen hier in Lethargie, teilweise in Nostalgie und pflegen ihren Trabikult und pflegen ihren Dreißig-Pfennig-Bier-Kult. "Hallo", sage ich dann ab und zu, "die Zeit hat sich geändert, ihr müsst ein bisschen mitlaufen!"

Professor Elmar Brähler: Ich habe es mal auf eine bittere Formel gebracht, die sehr gemein formuliert, dass das Drama der neuen Länder ist, dass hier drittklassige Ostdeutsche, die geblieben sind, und drittklassige Westdeutsche, die in den Osten gekommen sind, sich nun hier wiederfinden. Ich glaube, das stimmt aber nicht. Das sind nur die wechselseitigen Vorurteile auf einen Punkt gebracht.

Karin Abend:: Ich kann mich hier nicht wirklich zu Hause fühlen, das ist bei mir so. Dass ich jetzt das Gefühl habe, ich könnte jetzt hier bleiben und hier alt werden.

Thomas Piesker: Ich sehe vielleicht mit Sorge in die Zukunft der fünf neuen Bundesländer, aber das sind nicht Dinge, die einen persönlich antreiben, wieder zurückzusiedeln. Das müsste dann schon einschneidender sein.

Uwe von Seltmann: Ich könnte mir auch nicht mehr vorstellen, noch im Westen der Republik noch zu wohnen. Insgesamt ist doch dort alles sehr satt und saturiert. Und es gibt dort eine sehr ausgeprägte Besitzstandswahrungsmentalität. Und die Leute sind da überhaupt nicht offen und bereit für irgendwelche Veränderungen. Und das, denke ich, ist in den inzwischen auch schon 15 Jahre alten, neuen Bundesländern doch wesentlich anders. Wenn man den Begriff Heimat verwenden will, habe ich die hier im Osten gefunden.

Musik: Wolf Biermann - "Berliner Liedchen"
Und trotzalledem. Ich sag dir die Wahrheit:
Der Westen ist ooch nich, der Westen ist ooch nich,
der Westen ist ooch nich - das Gelbe vom Ei.




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