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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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18.11.2004
"Es ist wie ein innerer Richter"
Über das Gewissen
Von Anette Schneider

Trieb ihn sein Gewissen? Willy Brandts berühmter Kniefall vor dem Denkmal für die ermordeten Juden in Warschau, 6.12.1970 (Bild: AP-Archiv)
Trieb ihn sein Gewissen? Willy Brandts berühmter Kniefall vor dem Denkmal für die ermordeten Juden in Warschau, 6.12.1970 (Bild: AP-Archiv)
Was ist ein gutes Gewissen? Und wofür braucht man es? Manche halten es nur für ein Erziehungsmoment der Gesellschaft, andere für ein notwendiges Korrektiv im Alltag. Für andere ist es der innere Richter, die Handlungsschnur.


Musik: "Ein gutes Gewissen, das will einfach jeder!"

Nur: Wann haben wir schon mal ein gutes, ein reines Gewissen?
Überhaupt: Was hat es auf sich mit dem Gewissen? Wann und warum macht es sich wie bemerkbar? Und wie? Und: bei wem?



1. Frau: Für mich ist ein Gewissen ganz wichtig um zu unterscheiden: "Was mache ich richtig, was mache ich verkehrt?". Es hilft mir dabei, denke ich, so meinen Weg zu finden. Und mich persönlich belastet ein Gewissen, glaube ich, auch sehr. Wenn irgendetwas nicht stimmt mit meinen Kindern, dann denke ich immer gleich: "Ach, hab' ich was verkehrt gemacht?"

2. Frau: Also "Gewissen". Der erste Gedanke ist: "Richtig machen". Der zweite Gedanke ist: "Was ist richtig?". Dann: "Richtig für wen?". Zum Beispiel dieses "Ins-Gewissen-Reden". Da fällt mir gleich 'n Chef ein oder 'n Vater oder 'ne Mutter.

3. Frau: Für mich ist das eine innere Instanz, ein innerer Richter, an dem ich mich reiben kann, an dem ich mich auch gefordert fühle: aufgefordert mir zu überlegen, wie verhalte ich mich eigentlich? Und das ist manchmal natürlich auch unangenehm, wenn man eben ein schlechtes Gewissen hat.

1. Mann: Das Gewissen ist ein System von Werten, gesellschaftlichen Werten. Das entsteht aus dem Leben in der Gesellschaft: aus Erziehung, aus anderen Sozialisationsbereichen.

2. Frau: Das meiste, was Gewissen bedeutet, dass ist so das, wo die Mutter sagt: "Und überleg' noch mal, hast du das richtig gemacht?" Was einem Bauchweh macht. Was einen in einen ganz schlechten Zustand versetzt und extrem unfrei macht.

2. Mann: Die herrschenden Ansichten in der Gesellschaft bestimmen auch das Gewissen.

Und was macht derjenige, der dieser Gesellschaft kritisch gegenüber steht?

2. Mann: Vielleicht hab' ich gar kein Gewissen?

1. Frau: Ich denke, so ein Gewissen ist in uns drin! Und das haben wir einfach! Es gibt Dinge, die kann man nicht erklären.

2. Mann: Da hab' ich ein Anti-Gewissen! Vielleicht hab' ich gar kein Gewissen?

1. Frau: Ich hab oft ein gutes Gewissen!

2. Mann: Gutes Gewissen ist spießig!

Appelliert an das Gewissen: Sarah Abedi sammelt für Unicef Geldspenden (Bild: AP)
Appelliert an das Gewissen: Sarah Abedi sammelt für Unicef Geldspenden (Bild: AP)
1. Frau: ...Wenn es den Menschen um mich herum gut geht, die ich kenne. Und wenn ich so bestimmte Dinge erledigt habe, die mir wichtig sind oder anderen wichtig sind. Das ist zum Beispiel, dass ich Briefe schreibe an Freunde, an die ich lange nicht geschrieben habe. Dass ich mit meinen Kindern telefoniere oder meine Mutter besuche oder Freundinnen anrufe, die vielleicht auf einen Anruf warten...

1. Mann: Mir fällt noch ein schlechtes Gewissen ein!

1. Frau: ... Oder dass ich auch freundlich zu Menschen bin, die ich auf der Straße treffe, behilflich bin bei irgendwelchen kleinen Sachen, aus dem Bus steigen oder aus dem Zug raus und solche Sachen. Und wenn ich dann so einen Tag hinter mir habe, dann denke ich: "Ach, das war eigentlich schön". Und dann hab' ich auch ein gutes Gewissen.

2. Mann: Gutes Gewissen ist spießig. Das gibt's nicht, weil man sich auf dem ausruhen kann. Und ein Gewissen soll ja eigentlich nicht zum Ausruhen sein, das soll einen ja zum Handeln antreiben.

2. Frau: "Gutes Gewissen ist ein gutes Ruhekissen", 'ne?

1. Mann: Und die Frage wird ausgeblendet, dass es gleichzeitig verbunden ist mit Verarmung, mit Ausbeutung an anderer Stelle!

Musik: "Ein gutes Gewissen, das will einfach jeder!"

2. Mann: Mir fällt noch ein schlechtes Gewissen ein!

Nun sind wir gerade beim guten Gewissen...!

2. Frau: Gutes Gewissen... Na ja, wenn man halt etwas macht, worauf man keine Lust hat. Also wenn ich die Treppe mal sauber mache - was ich nie tu', das hab' ich nie getan, ich hab' das immer abgelehnt - wenn ich das dann mal getan hätte, hätte ich bestimmt ein tierisch gutes Gewissen. Weil ich mich einfüge in diese Zwänge, in diese dusselige Gesellschaft, die sagt: "Wir finden es gut, wenn jede Woche mindestens einmal gewischt wird".

2. Mann: Rein quantitativ gesehen gibt es erstaunlicherweise gutes Gewissen weniger als schlechtes Gewissen.

1. Frau: Ich hab' oft ein gutes Gewissen.

1. Mann: Ich kenne bestenfalls ein gutes Gewissen in dem Zusammenhang, dass ich eine blinde Frau unterhake und mit ihr vom U-Bahnsteig zu Karstadt gehe und ihr den Eingang zeig'... Das ist ein Gefühl wo ich denke: "Du hast jemandem geholfen".

3. Frau: Also ein gutes Gewissen... Schon wenn ich etwas Gutes tue, was moralisch einfach als gut anerkannt wird - 'ner Oma einen Platz anbieten - also wirklich so diese Alltäglichkeiten. Oder dass ich eben meine selbst auferlegte Planung auch erfüllt habe, dass mich mein Gewissen zu etwas gebracht hat, was sich einfach gut anfühlt, etwas erledigt zu haben.

1. Mann: Es tritt selten auf, das gute Gewissen. Es liegt daran, dass die Werte eigentlich immer eher Negativwerte sind, die einem vorgegeben werden: "Du sollst nicht!". "Du darfst nicht!". "Du musst!" Sie sind negativ impliziert, verbieten in der Regel etwas. Und die Dinge, die einem ein gutes Gewissen oder ein gutes Gefühl erleben lassen, die sind nicht definiert.

3. Frau: Wann hab' ich ein schlechtes Gewissen...?

1. Mann: Mir fällt noch ein schlechtes Gewissen ein!

Kein schlechtes Gewissen: Ex-Mannesmann- Vorstandsvorsitzender Esser (links) und Deutsche Bank-Chef Ackermann vor der Urteilsverkündung, 22.07.2004 (Bild: AP)
Kein schlechtes Gewissen: Ex-Mannesmann- Vorstandsvorsitzender Esser (links) und Deutsche Bank-Chef Ackermann vor der Urteilsverkündung, 22.07.2004 (Bild: AP)
3. Frau: Ich fang mal ganz klein an. Weil ich ja diese Ausbildung mache und dann so mit meiner Lernerei: Wenn ich mich da nicht hinsetze und die Dinge erledige, die ich mir so stecke - also einen bestimmten Lernplan habe - und dann mich verdaddele mit Zeit für mich, mit Musik hören oder Fernsehen gucken, dann kriege ich natürlich ein schlechtes Gewissen. Und ich finde auch zu Recht, weil es natürlich auch bequem ist zu sagen: "Nee ich mach' das jetzt nicht".

1. Frau: Na ja, das schlägt zum Beispiel, wenn ich mich mit meinem Mann streite, weil ich meistens Schuld habe an solch einer Auseinandersetzung, die ich ein wenig provoziere. Weil: Irgendwie finde ich das spannend. Aber wenn ich dann sehe, dass es ihm nicht gut geht dabei, dann habe ich schon ein sehr schlechtes Gewissen.

2. Frau: Oder auch wenn ich Figurprobleme hab' und hab' mir gerade mal wieder die Wampe voll gehauen. Also ich hab' es gehabt, dass ich irgendeinem Trieb gefolgt bin und hab' also irgendetwas gegessen. Ich habe die ganze Nacht gelegen und habe es mir übel genommen...

1. Frau: Ich denke so, mein Gewissen klopft an und sagt…

Musik: "Ein gutes Gewissen, das will einfach jeder!"

1. Mann: Mir...

1. Frau: Mein Gewissen klopft an und sagt: "Meine Liebe, jetzt mach' mal das, was du eigentlich schon längst tun wolltest, was für die anderen gut ist. Und was wichtig ist für die anderen und auch für dich!". Für mich selbst ist es auch gut, wenn ich etwas tue, was mir gut tut, denn wenn es mir dann gut geht, geht es andern auch gut, sag' ich immer.

3. Frau: Freundschaften ist natürlich so ein Thema: Entweder, dass ich mich lange nicht gemeldet habe. Oder dass ich mich einfach auch verpflichtet fühle, in Freundschaften einfach auch da zu sein und manchmal das Gefühl habe, ich nehme mir zu wenig Zeit für Freunde, Freundinnen. Das kenne ich so "wo sich das Gewissen meldet".

1. Frau: Und überhaupt... Denken wir überhaupt daran, dass es anderen schlecht geht? Und da denke ich, ist so ein Gewissen ganz wichtig für uns, für jeden Menschen eigentlich, dass er sich auch Gedanken macht über andere.

2. Mann: Ich hab' eigentlich ganz selten schlechtes Gewissen. Vielleicht hab' ich gar kein Gewissen?

1. Frau: Und ich könnte mir vorstellen, dass Menschen, die kein Gewissen haben, sich auch keine Gedanken machen über andere.

1. Mann: Je weniger man dieses Wertesystem für sich gelten lässt, desto weniger kann man auch ein schlechtes Gewissen haben.

Mit bestem Gewissen die bestehende gesellschaftliche Ordnung ablehnen? Früher nannte man solche Subjekte "Vaterlandsverräter". Der Druck auf sie war groß: Zwecks Aufrechterhaltung der Ordnung forderte man von den "gewissenlosen Existenzen" - Anpassung!

1. Frau: So ein Gewissen ist in uns drin!

Halleluja!

1. Frau: Das haben wir einfach!

Halleluja!

1. Frau: Es gibt Dinge, die kann man nicht erklären.

Hallelujaaaaaaaaa

1. Mann: Verglichen mit anderen hab' ich das Gefühl, dass ich selten mein Gewissen spüre.

1. Frau: Das haben wir einfach!

2. Mann: Da hab' ich ein Anti-Gewissen.

1. Mann: Ich spür' mein Gewissen in den Augenblicken, wo ich meine Erwartungen, meine Ansprüche, die eben anders sind möglicherweise als die mir von der Gesellschaft vorgegeben, nicht durchsetzen kann, weil ich der Auffassung bin, ich habe in irgendeinem Umfang versagt oder nicht das gebracht, was ich selbst von mir erwarte.

Ich bin der Auffassung, dass eine größere Beteiligung von hohem Vermögen, Zins- und Unternehmenseinkünften der sinnvollere Weg wäre, einen Sozialstaat lebensfähig zu erhalten - wenn man dieses im System bewerkstelligen will. Und von daher habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nach einem Gespräch mit einem Kollegen nicht das Gefühl habe, diesen Ansatz vermittelt zu haben.

1. Frau: Und was eben ganz für mich auch als Weltschmerz dazu kommt: dass man eben nichts machen kann gegen diese Ungerechtigkeit auf der Welt. Und da ist für mich immer die Frage, muss ich da ein schlechtes Gewissen haben, dass das alles passiert?

2. Mann: Die herrschenden Ansichten in der Gesellschaft bestimmen auch die Einstellungen dazu - und damit das Gewissen.

1. Frau: Ich denke immer, ich kann kein schlechtes Gewissen haben, wenn der Bush die Iraker da jetzt auch noch zerstört. Das macht mich krank, aber...

2. Mann: Spendenaufrufe...

1. Frau: Aber andererseits denke ich auch, wenn viele, viele Menschen 20 Euro spenden...

Appell an das schlechte Gewissen: Sternsinger sammeln Geld im Foyer des Düsseldorfer Landtags (Bild: AP)
Appell an das schlechte Gewissen: Sternsinger sammeln Geld im Foyer des Düsseldorfer Landtags (Bild: AP)
2. Mann: Spendenaufrufe dienen der Aufrechterhaltung dessen, was im Augenblick möglich ist. Da hab' ich ein Anti-Gewissen. Zu Weihnachten spende ich nicht, weil sonst im ganzen Jahr die Ungerechtigkeiten der Welt nicht behandelt werden. Aber zu Weihnachten glotzen mich die kleinen Kinder an und dann soll ich angeblich ein schlechtes Gewissen haben. Das hab' ich aber nicht!

1. Frau: Wenn viele, viele Menschen 20 Euro spenden...

2. Mann: Ja, dann habe ich ein Kind gerettet. Und 3999 sterben trotzdem jeden Tag und die Verhältnisse, weshalb sie sterben müssen, verändern sich nicht.

1. Frau: Weihnachten sind die Menschen hilfsbereit, und wenn viele, viele Menschen...

2. Mann: Damit bei mir der Eindruck entsteht, ich würde etwas gegen die Ungerechtigkeit in der Welt tun. Aber gegen die Ungerechtigkeit in der Welt soll nichts getan werden, weil sie nämlich unsere Lebensverhältnisse einschneidend ändern würden: Wenn ich für den Kaffee und die Bananen so viel bezahlen müsste, dass es einen gerechten Ausgleich gibt, dann wären das mehr als...

1. Frau: 20 Euro.

Musik: "Ein gutes Gewissen, das will einfach jeder!"

2. Mann: Vielleicht hab' ich gar kein Gewissen?

Musik: "Edel sei der Mensch, hülfreich und gut!"

2. Frau: Gewissen ist so was, da bist du eigentlich immer sündig, 'ne?

3. Frau: Das drückt so! (lacht) Und das finde ich sehr unangenehm. Und dass irgendwie 'ne Stimme im Kopf immer wieder sagt: "Du solltest doch jetzt dich hinsetzen und lernen, deinen Stoff durchnehmen. Oder dich zumindest jetzt mal hinsetzen und ausprobieren, ob es vielleicht doch geht, auch wenn ich mir denke, dass es jetzt nicht geht. So..."

1. Frau: Ich bin dann auch sehr gereizt. Und dann denke ich immer, irgendetwas hast du jetzt nicht richtig gemacht oder versäumt oder da fehlt irgendetwas, sonst wärst du nicht so gereizt.

1. Mann: Bei mir äußert es sich dadurch, dass ich nachts aufwache und anfange über Dinge nachzudenken, von denen ich das Gefühl habe, ich hab' sie unzulänglich erledigt. Das ist also eine innere Unruhe.

Musik: "Ein gutes Gewissen, das will einfach

1. Mann: Mir fällt noch ein schlechtes Gewissen ein.

Danke, aber wir müssen langsam zum Schluss kommen.

1. Mann: Das fängt an mit Papier und Aluminiumfolie und irgendwelchen Rohstoffen, wo ich durchaus denke, das müsste man vermeiden.

Und hört auf mit!?

1. Mann: Mit Verarmung. Mit Ausbeutung an anderer Stelle. Und das führt auch zu 'nem schlechten Gewissen. Und geht auch in politisches Handeln über.

1. Frau: Ich denke, so ein Gewissen ist in uns drin. Und das haben wir einfach. Und ich kann kein schlechtes Gewissen haben, wenn der Bush …

1. Mann: Mir fällt noch ein schlech...

Nee, jetzt reicht's wirklich!

2. Frau: Ich würde mich gerne bereit finden etwas zu putzen, was schmutzig ist!
Prima! Dann können wir ja endlich reinen Gewissens zum Ende kommen.

2. Frau: ... Aber nicht weil Freitag ist! Da scheiß' der Hund drauf. Wirklich!

Aber Ihr Gewissen?!

2. Frau: Kann ich nicht! Tu' ich nicht! Da ist mir auch das Gewissen abhanden gekommen! Also das Gen hab' ich nicht, das hab' ich auch nie gehabt!



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