Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
19.11.2004
Habibi - mein Liebling
Deutsch-arabische Liebesbeziehungen
Von Cornelia Saxe

Wie ist das Verhältnis von Mann und Frau in deutsch-arabischen Beziehungen? (Bild: AP)
Wie ist das Verhältnis von Mann und Frau in deutsch-arabischen Beziehungen? (Bild: AP)
Jede sechste in Deutschland geschlossene Ehe ist inzwischen binational. Bei den Eheschließungen mit Partnern aus arabischen Ländern steht Marokko an erster Stelle. Worin liegen nun die besonderen Möglichkeiten und Schwierigkeiten einer deutsch-arabischen Beziehung? Gibt es eine verschiedene Auffassung dessen, was als Liebe verstanden wird? Verändern sich die geschlechtsspezifischen Rollenmodelle von arabischen Frauen und Männern, wenn sie nach Deutschland kommen?

Musik: Mohamed Mounir - "Lola Sahar"
Oh Liebster! In schlaflosen Nächten bist du mein Mondschein.
Oh Liebster! Um deine Liebe zu kosten, erleide ich Wunden der Liebe.
Oh Liebster! Mein Augapfel!
Sähe ich dich, meine Liebesglut verwandelte sich in Süße.


Salam: Habibi ist mein Liebling, und was ich gern eigentlich sage, ist dann "elbi"oder "ajouni". Elbi ist "Mein Herz" und ajouni "Meine Augen". Mein Mann macht immer 'n Scherz daraus. Wenn ich sag ajouni, sagt er "Juni, Juli, August" (lacht) Für ihn war das auch schwer zu verstehen: Warum denn "Meine Augen" und so, ne? Das sind dann meine Lieblingsworte. (lacht)

Steffen Strohmenger: Wenn ich Orangen kaufen gehe auf dem Markt, dann sagt der auch zu mir: Ente habibi - Du bist mein Liebling! Also, Schatz kann man auch sagen, Jakansi. Mein Schatz. Janua hajeti - du Licht meines Lebens. Ja arla ben hajeti - Du, die du mir teurer bist als das eigene Leben. La min achlemi - Du, die du süßer bist als meine Träume ... (lacht)

Musik: Mohamed Mounir - "Lola Sahar"

Oh Liebste! Der Mond kommt und geht, doch du bist fern.
Der Mond ist traurig und die Nacht nicht süß.
Ohne dich, meine Liebste, ohne dich!
Du bist mein schönster Mond.


Nicht nur Sprache und Poesie, auch die Rolle der Frau, die Bedeutung der Religion und das Verhältnis von Gemeinschaft und Individuum sind in der deutschen und der arabischen Gesellschaft sehr verschieden. Vor allem am Anfang gebe es viel zu erklären und immer wieder Neues hinzuzulernen, sagt die Syrerin Salam, die ihren Mann bei Siemens in Damaskus kennen gelernt hat und seit acht Jahren mit ihm in Deutschland lebt:

Salam: Zum Beispiel, als wir in Syrien noch da waren, dann war dann halt schwer für meinen Mann zu akzeptieren, dass wir dann halt Rücksicht nehmen mehr auf die anderen als auf uns selbst. Zum Beispiel, wenn wir dann bei meinen Eltern da waren zu Besuch, und dann kamen relativ spät andere Gäste und mein Mann hatte dann am nächsten Tag Arbeit und er wollte relativ früh ins Bett gehen und ich hab ihm dann versucht zu erklären: Das geht halt nicht, weil die Gäste gerade gekommen sind. Du musst ein bisschen mit denen bleiben oder so, das war dann für ihn halt irgendwie ungewohnt.

Für sie, die in einem christlich-liberalen Elternhaus in Syrien aufgewachsen ist, sei immer klar gewesen, dass sie keinen traditionellen arabischen Mann heiraten würde. Was sie in Deutschland vermisst, ist der große arabische Familienverband - dafür hat sie einen emanzipierten Mann, der mit ihr den Haushalt schmeißt:

Salam: Wir sind beide berufstätig, haben ein Kind, fünf Jahre alt. Wir sind jetzt hier alleine. Von der deutschen Seite, meine Schwiegereltern sind auch sehr weit weg. Sie wohnen auf der Insel Usedom, das heißt, wir sind ganz alleine und deshalb könnte ich mir vorstellen, das wäre ganz schwer mit einem arabischen Mann, das zu schaffen, weil wir müssen beide viel tun, was den Haushalt betrifft. Also beim Abwaschen, Spülmaschine alles, Wäsche aufhängen alles eigentlich - Er hilft sehr.

Der deutschen Theaterwissenschaftlerin, nennen wir sie Martina Zeder, haben an ihren palästinensischen Partnern ganz andere Dinge gefallen:

Ein Freund konnte sehr gut arabisch tanzen. Er hat dann wirklich mal einen Abend für mich getanzt und mir hat das gefallen, mich mit dieser Kultur zu beschäftigen. Außerdem, sie haben sich sehr gepflegt, ihren Körper, sie haben sehr schöne Körper. Sie haben beide sehr viel Sport gemacht. Und es ging aber dann noch sehr viel weiter. Sie hätten niemals eine Zigarette geraucht, sie haben keinen Alkohol getrunken, nicht nur auf Grund des Korans, sondern auch wirklich aus Körperpflege. Das fand ich sehr angenehm. Es ist auch angenehm, wenn Männer keine Fahne haben.

Deutsche Frauen mit arabischen Partnern fürchten stärker Vorurteile als umgekehrt deutsche Männer mit arabischen Frauen.

Martina Zeder: Ich muss ganz ehrlich sagen, meiner Mutter habe ich das auch nicht erzählt. Wir haben praktisch jedes Vorurteil bedient. Er ist fast halb so alt wie ich, ein sehr schöner Mann. Du weißt, dass in der Gesellschaft diese Meinung oft vorherrscht, also Ausländer, Deutsche, also ältere Deutsche, junger Freund. Beim dritten Mal, als er mich ansprach, zeigte er mir auch sofort seinen Personalausweis, um mir zu demonstrieren, dass er bereits eine zweijährige Aufenthaltserlaubnis hätte.

In orientalischen Ländern stehen am Anfang jeder Liebesbeziehung Blicke, die wochenlang getauscht werden können. Von weiblicher Seite wird das Tuql (gesprochen Tuckl), das "Schwer zu kriegen"-Spielen erwartet, um nicht als leichtes Mädchen zu gelten. Dass sich Paare in der Öffentlichkeit küssen oder auch nur an den Händen halten, ist im arabischen Kontext verpönt.

Martina Zeder: Unterschiede gibt es vor allen Dingen, wie wir uns auch präsentieren. Also es war zum Beispiel, wenn wir beide draußen waren, bei dem ersten Freund, er hat mich schon mal an die Hand genommen, aber hat mir eher die Hand auf'n Rücken gehalten. Ich hab das dann später mal in einem Film über Israel gesehen, dass alle Jungen so dasaßen, dass sie die Hand auf dem Rücken des Mädchens hatten. Und bei meinem zweiten Freund war das ganz extrem. Da konnten wir praktisch nur da spazieren gehen, wo er dann auch niemand kannte, weil das wäre nicht schicklich gewesen.

Nach moslemischem Brauch gilt ein Paar erst nach der Hochzeit als liiert. Eifersucht ist dann ein möglicher Liebesbeweis. Steffen Strohmenger, Ethnologe an der Viadrina in Frankfurt/Oder, hat ein Buch über ägyptische Liebes- und Ehekonzepte geschrieben. Er spricht vom Unterschied dessen, was in den verschiedenen Kulturen als Liebe verstanden wird:

Steffen Strohmenger: Wenn man zum Beispiel als deutscher Mann darauf bedacht wäre, der Frau so Freiräume zu geben, dass man drauf achtet: Aha, sie hat bestimmte Interessen, sie möchte etwas gerne machen, und man sagt ihr: Geh, und mach das, dann kann die ägyptische oder orientalische Frau denken: Wieso schickt der mich weg, der interessiert sich ja gar nicht für mich. Oder der ägyptische Mann, als ich jemanden gefragt hab: "Wie zeigst du deiner Frau, dass du sie liebst?" "Oh, ich beeifersüchtige sie sehr! Ich passe auf, dass sie nicht alleine auf die Straße geht, damit niemand anders sie anspricht! Und ich beschütze sie!" Und das wird natürlich hier ganz anders interpretiert - nicht als Zeichen von Liebe, als Umsorgen, sondern als Beschneiden der Freiheiten.

Nicht nur die Liebeskonzepte sind verschieden. Es gibt auch einen anderen Zeitbegriff. Das erfahre ich, als ich mich immer wieder vergeblich mit drei Libanesen zum Interview verabrede. Als es endlich zum Gespräch kommen soll, haben sie nicht den Mut, mir vor dem Mikrofon etwas über ihre zahlreichen Ehe- und Liebesbeziehungen mit Deutschen zu erzählen. Sie fühlen sich sprachlich unsicher und sind es auch nicht gewohnt, über Liebe zu sprechen.

Ich werde von Termin zu Termin vertröstet. Treffe ich einen, wird mir versprochen, die jeweils fehlenden Gesprächspartner aufzutreiben. Wir fahren durch die Stadt, im Autoradio läuft laut die Musik von Oum Kalthoum, der großen Dame der arabischen Musik, deren Texte sie mir emphatisch übersetzen:

Musik: Oum Kalthoum "Enta omri"- Du bist mein Leben

Oh mein Liebling! Wie viele Jahre habe ich verloren.
Niemals vor Dir kannte mein Herz die Freude.


Irgendwann gebe ich auf und lerne den Ägypter Amr El-Maghrabi (gespr. El-Máchrabi) kennen. Er hat hier studiert und ist mit einer deutschen Islamwissenschaftlerin verheiratet, mit der er zwei Kinder hat. El-Maghrabi hat in Kairo die deutsche Schule besucht, spricht deshalb akzentfrei Deutsch und traut sich auch, über seine Beziehungen zu sprechen.

Amr El-Maghrabi: Man ist sehr anders, aber Anderssein ist nicht das Problem, sondern wie man damit umgeht in den Beziehungen. Es kommt auf Grund dessen, dass Beziehungen zu schnell zu nah, eng aneinander werden. Die sind sich nicht mehr fremd, aber die sind sich noch ziemlich unbekannt, diese Unkenntnis voneinander, dieses Anderssein, aber zu nah sein. Es fängt an schon mit dem Zeitbewusstsein. Neben der Sprache kommen die Essensgewohnheiten, wenn man zusammenlebt.

Das Resümee: Wie auch bei deutschen Paaren beginnen die Schwierigkeiten vor allem dann, wenn die Beziehungen länger andauern und die Liebe im Alltag auf die Probe gestellt wird.

Manchmal gibt es auch Tränen in multikulturellen Beziehungen... (Bild: AP-Archiv)
Manchmal gibt es auch Tränen in multikulturellen Beziehungen... (Bild: AP-Archiv)
Martina Zeder: Zum Beispiel so gewisse Dinge, wir haben den Abend bei mir verbracht und bei beiden war es eigentlich so, dass wir uns eigentlich nur bei mir aufgehalten haben, weil es eben nicht üblich ist, dass die Frauen die arabischen Männer zu Hause besuchen. Also so eine Situation wäre gewesen, wir würden zusammen Abendbrot essen wollen, dass ich das dann auch alles machen musste. Den Tisch decken - er hat wahrscheinlich schon mal geholfen, eine Flasche Wasser mit rüber zu tragen, aber es war doch so, dass er dann lieber vorm Fernseher saß, das wurde nämlich sehr gerne geguckt, und ich mich ansonsten dieser Aufgabe gewidmet habe. Obwohl sie, das weiß ich, wenn sie mit anderen arabischen Männern zusammen waren, das selber sofort getan hätten.

Hilfe für bikulturelle und damit auch deutsch-arabische Paare in rechtlicher, sozialer und auch psychologischer Hinsicht bietet der Verband binationaler Familien und Partnerschaften, der IAF. Seit dem 11. September 2001 registriert die Bundesgeschäftsstelle in Frankfurt/Main eine zunehmende Islamophobie in der Gesellschaft, die auch die deutsch-arabischen Paarbeziehungen belastet. Kinder seien aus der Schule nach Hause gekommen und hätten ihre moslemischen Väter gefragt: Papa, bist du Terrorist? Ähnliche Befürchtungen hatte Martina Zeder:

Bei meinem ersten Freund war es so, wir kamen im Juli zusammen und dann passierte der 11. September. Was sicherlich sehr schwierig war, auch für mich, weil ich wusste auf einmal gar nicht mehr: Ist das jetzt auf einmal der Feind, der hier in meiner Wohnung ist, denn mein Freund hat sich schon mit vielen dieser Aktionen, die fand er einfach positiv, die fand der nicht negativ wie ich. Ich hatte ganz konkret die Angst, dass er auch ein El Kaida-Mitglied ist.

Was wünscht sich die Syrerin Salam für die Zukunft von ihrem deutschen Mann, von dem sie sagt, dass er sich ihrer Kultur angenähert habe?

Salam: Was ich mir noch wünsche, wäre die Sprache. Er verständigt sich auf Englisch mit Papa und meinen Geschwistern und mit meiner Mutter, ist witzig. Sie spricht kein Englisch, aber Französisch, er spricht kein Französisch, aber trotzdem verstehen sie sich ganz gut und irgendwie kriegen sie das mit Zeichensprache auch hin.

Der ägyptische Mann, der nach Hause kommt, um seine deutschsprachige Liebste zu begrüßen, beschreibt das so:

Jetzt kommt der rein, macht die Tür auf und denkt Arabisch und will Arabisch reden, aber er redet Deutsch. Es ist anders, wenn er "Hallo" sagt oder "Guten Tag meine Liebe, meine Süße" was immer... Ja, man sagt: Mesje errere Habibti, meine Liebe .... Das ist ganz anders, als wenn ich sage: "Guten Abend, mein Liebling!"

-> Kompass
-> weitere Beiträge