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22.11.2004
Verschiedene Lebensphasen – bleiben wir derselbe Mensch?
Von Marlene Küster

Im Alter bekommen rückblickend bestimmte Abschnitte des Lebens einen Sinn. (Bild: AP)
Im Alter bekommen rückblickend bestimmte Abschnitte des Lebens einen Sinn. (Bild: AP)
Eva-Maria Wenberg: Das Leben prägt so sehr, dass ich alles andere als derselbe Mensch bin. Aber das ist mein Lebensweg gewesen, der ganz anders war, als ich es mir je hätte träumen lassen. Nein, ich bin nicht mehr dieselbe. Ich bin mutiger geworden, ich bin verständnisvoller geworden. Ich war das einzige Kind, ich hab in einer kleinen Welt gelebt, es kam ja dann nachher der Krieg, als ich 14 war... Alleine, ein ängstliches Kind im Keller in Berlin, wenn die Bomben fallen. Ich hab so gezittert, während die Bomben fallen und immer näher rankommen, ich hab im Hansaviertel gelebt, das ist ja sehr zerstört worden.

Eva-Maria Wenberg erinnert sich und blickt zurück auf ihr Leben - 78 Jahre, in denen viel passiert ist. Auch Professor Koenigs hat mit seinen 87 Jahren ein bewegtes und ereignisreiches Leben hinter sich.

Professor Koenigs: Ich bin ein ziemlich bunter Hund. Ich habe die Weimarer Republik noch erlebt, dann das Dritte Reich, Krieg und Nachkrieg. Eines meiner wesentlichen Erlebnisse war der 30. Januar 1933, als die SA mit und Fackeln durch das Brandenburger Tor marschierte. Mein Vater war Staatssekretär des Verkehrsministeriums von 1931 bis 1940 und war bestimmt durch die Tradition des preußischen Beamtentums und der liberalen Weltanschauung. In unserem Elternhaus habe ich auch viele Männer des 20. Juli 1944 erlebt, zu denen auch mein Vater gehörte.

Für die 55-jährige Nora Will ist die Nachkriegszeit sehr prägend. Sie weiß noch ganz genau, wie sie mit ihren Eltern und Geschwistern nach Bayern gekommen ist.

Nora Will: Wir waren in einem Dorf im Bayerischen Wald einquartiert und über dem Pferdestall bei einem bayerischen Bauern. Ich weiß noch, als die Amis in diesem bayerischen Dorf eingezogen sind, da hab ich zum ersten Mal Schwarze gesehen, da bin ich schreiend weggelaufen... Das waren ja die, die Kinder fressen und umbringen. Das sind die ersten Erinnerungen. Die andere Seite, es war auch faszinierend, die haben uns Schokolade aus den Panzern geschmissen und Kaugummi. Ich war ja dann auch immer recht mutig oder selbstbewusst. Mein Vater sagte mir dann, du musst sagen: "I want choclate, I want choclate." Und dann bin ich todesmutig nach vorne gegangen an den Panzer und hab gesagt: "We want choclate."

Auch wenn viele Erinnerungen im Laufe des Lebens verblassen, so gibt es doch Erlebnisse und Ereignisse, die bleibende Spuren in unserem Gedächtnis hinterlassen. Welche Gesichtspunkte für Wissenschaftler bei der Betrachtung eines Lebenslaufs wichtig sind, beschreibt der Entwicklungspsychologe und Altersforscher Paul Baltes vom Max-Plank-Institut:

Paul Baltes: Ein menschlicher Lebensverlauf entsteht aus drei Quellen: Auf der einen Seite sind es die Schritte, die mit dem Älterwerden einhergehen: in die Schule gehen, studieren, heiraten, einen Beruf ausüben. Die zweite Quelle ist an sich die historische Periode, in der man lebt. Die dritte Quelle sind die eher seltenen Ereignisse des Lebens, die aber sehr prägend sein können, die nicht notwendigerweise mit dem Alter in Beziehung stehen. Man gewinnt in der Lotterie oder der Ehepartner stirbt plötzlich. Wenn es also um den Lebensverlauf geht, dann macht man sich als Wissenschaftler Gedanken darüber, wie sind diese drei Quellen zusammenkomponiert und welche Übergänge gibt es.

Dass sich das Leben aus heiterem Himmel verändern kann, erfährt Eva-Maria Wenberg in frühen Jahren. Ein Ereignis, an das sie sich immer erinnern wird, wirft die damals 20-Jährige aus den gewohnten Bahnen und lenkt ihr Leben in eine ganz neue Richtung.

Eva-Maria Wenberg: Ich bin ausgewandert nach Kanada aus Liebeskummer. Diesem Umstand, dass ich einen Mann geliebt habe, der verheiratet war und mein Vater eben striktest dagegen war - "in unserer Familie kommt so etwas nicht vor". Diesem Umstand verdanke ich, dass mein Leben völlig anders verlaufen ist. Und dann bin ich richtig ausgewandert, nicht etwa wie man das heute macht, man fliegt mal nach Kanada oder nach Australien. Nein, nein. Ich bin auf einem Auswandererschiff gewesen, und ich werde nie vergessen in Bremerhaven, wenn das Schiff dann langsam vom Kai ablegt, dass die Wassermenge immer breiter wird, und die spielen dann noch ganz schrecklich "Musi denn zum Städtele hinaus". Ich war so wahnsinnig unglücklich, ich wär am liebsten über die Reling gesprungen.

Paul Baltes: Die Übergänge sind eigentlich immer das Schwierige. Denn bei den Übergängen geht es darum, die neuen Ziele im Leben festzulegen, sie zu finden und auch die Wege zu finden, dorthin zu kommen, so dass beim Übergang immer eine Bewertung der Vergangenheit stattfindet und gleichzeitig die Suche nach dem Neuen. Und das sind die prägenden Ereignisse, was dann passiert.

Professor Koenigs: Es hat genügend Brüche gegeben, indem ich erst mal durch den Krieg herausgerissen wurde und zehn Jahre insgesamt verloren habe, dann zunächst erst mal Hochschule, weil zu geringe Möglichkeiten waren, dann in der Wirtschaftsverwaltung vom Angestellten bis zum leitenden Regierungsdirektor und dann nachher noch mal Universität und dann auch diese hochschulpolitische Aktivität, die ich ja bis heute noch mache, starke Berufswechsel, insofern können Sie sagen Einschnitte.

Nora Will: Das extrem Prägende war die Studentenbewegung. Als ich die Gammler gesehen hab in Passau am Bahnhof 1967, wusste ich, so da willst du hin. Mich haben immer Außenseiter fasziniert. Als ich Dutschke im Fernsehen reden hörte, da wusste ich, das sind meine Leute, da muss ich hin. Das war dann die unglaublich, euphorische - heute würde ich sagen naive - utopische Vision (Lachen), da gibt es die Gesellschaft und uns Revolutionäre und das wird alles ganz anders. Im Sommersemester '73 bin ich nach Berlin gekommen. Endlich nach Berlin. Da war jeder Tag aufregend. Da hat mich alles fasziniert, die klugen Leute, die ich dann endlich live gesehen hab. Dann die Lebensformen, die WGs, ja egal, jeder Tag war aufregend, toll. Das war die Befreiung, ja wie neugeboren. Vermeintlich die Rettung aus diesen ganzen fürchterlichen vergangenen Zeiten. Ich hab es wirklich als die Befreiung erlebt, geistig, seelisch in jeder Weise.

Eva-Maria Wenberg: Furchtbare Situationen gab es für mich. Als meine Tochter dann nach München ging und einen Freund hatte und sich natürlich nicht mehr um die Mutter kümmerte. Und nach dem Tod meines Mannes, ist das erste Jahr ja so furchtbar gewesen, man ist ja wie amputiert, man kann erst mal gar keine Luft holen, wenn man so eng verbunden war wie wir beide über 20 Jahre.

Wie verschieden die prägenden Ereignisse, Einschnitte, Brüche und Neuanfänge auch sein mögen, so lässt sich doch ein gewisses Grundmuster im Lebenslauf eines Menschen erkennen, nämlich einzelne Lebensphasen, die jeder durchläuft. Sie formen den Menschen und haben Einfluss auf seine Wahrnehmung und Denkweise.

Paul Baltes: In der Kindheit geht es ja vor allem darum, die grundlegenden Fertigkeiten zu erwerben, die man braucht, um in unserer Gesellschaft zu leben. Im Jugendalter geht es vor allen Dingen um die Identität: Wer bin ich eigentlich und was will ich eigentlich werden. Im Erwachsenenalter geht es um das Ausschöpfen dessen, was einem eine Kultur oder die Gesellschaft anbietet. Es ist sozusagen die Periode, wo man aus dem Vollen schöpfen kann, schöpfen sollte, wenn die Gesellschaft es zulässt. Dann im hohen Alter geht es um das Verstehen der Endlichkeit, der Umgang mit dem Tode, aber auch der Umgang damit, was man für die nachfolgende Generation hinterlässt. Das sind auf der einen Seite Brüche, aber der Bruch ist an sich ein Bruch in ein Ganzes und das Ganze ist der gesamte Lebensverlauf.

Gibt es eigentlich eine Geschichte für jeden einzelnen Menschen, die sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Leben zieht? Wenn wir unser Leben Revue passieren lassen, zeichnet sich dann eine Zusammenfassung des Vergangenen ab? Experten gehen davon aus, dass jeder Mensch sich seine persönliche Lebensgeschichte konstruiert.

Paul Baltes: Es muss eine eigene Geschichte eines Menschen geben, sonst gäbe es keine Identität. Wenn man sich als ein Mensch versteht, der in sich selbst eine Ganzheit darstellt, dann gibt es ja eine Geschichte dieser Person. Durch unser Verhalten verändern wir die Umwelt, wir verändern, was wir wahrnehmen und wie wir sie deuten. Und das ist das Persönliche, das ist das, was den einzelnen Menschen ausmacht, dass er die Realität in seiner oder ihrer persönlichen Weise sieht und deutet.

Nora Will: Untergründig ist da ein Faden, den ich suche, den ich ausgrabe. Obwohl, jetzt oberflächlich gesehen, ist es eine gebrochene Geschichte. Es ist ja auch ein großes Scheitern oder Erfolglosigkeit, es gibt keine normalen Kriterien, die man anlegen kann: keine Familie, keinen Mann, keine Kinder, keine Karriere, keine bürgerliche Norm erfüllend. Und dennoch, wenn ich so ganz bei mir bin, nein, im Grunde war es schon richtig so. Wenn ich so ganz von mir aus denke, ich bin eine "Desperada" und ich gehe diesen Weg und das stimmt auch so. Es gibt irgendwo eine Verbindung, wo ich dieses kleine Mädchen bin, das vor den Amipanzer geht und sagt: "...want some choclate", so was Mutiges, ein mutiger kleiner Mensch - allein außerhalb - dann denk ich, das ist mein Weg und das wird er auch bleiben.

Professor Koenigs: Das, was ich in meiner Kindheit und in meinem Elternhaus gelernt habe, Toleranz, Leistung, Verantwortung für das Gemeinwohl, das hat mich mein ganzes Leben begleitet und ich habe versucht, mich dementsprechend zu benehmen.

Eva-Maria Wenberg: Eine Kindheit, die zwar nicht glücklich, aber immerhin behütet war, eine Auswanderung, die zum Teil ganz schrecklich zuerst war, eine erste Ehe, die hochinteressant, aber verrücktest war, und dann der Neuaufbau in Wea bei Basel, mit der Firma, einem Schweizer Konzern, das Weggehen meiner Tochter von zu Hause, 16 Jahre lang, die ich dann alleine blieb, dann das Kennenlernen meines zweiten Mannes, er war das genaue Gegenteil meines ersten Mannes, treu, zuverlässig und hochintelligent und liebevoll, und das war dann die zweite Ehe und nach seinem Tod das Hierherkommen.

Eva-Maria Wenberg zieht mit einem Kopfschütteln Bilanz. Heute lebt sie im Seniorenheim. Aus dem kleinen schüchternen Mädchen ist eine selbstbewusste, engagierte ältere Dame geworden, die ihr Leben gemeistert hat und immer noch sehr aktiv ist.

Eva-Maria Wenberg: Das Leben ist wie ein Teppich, den man webt, auf der Rückseite kann man das Muster nicht erkennen, aber eines Tages kehrt man den Teppich um und sieht, was für ein wunderbares Muster das Leben gewesen ist.

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