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23.11.2004
"Die Grenze ist hauchdünn"
Wie Menschen mit ihrer Borderline-Krankheit umgehen
Von Ayala Goldmann

Manchmal kann man einfach nicht mehr weiter (Bild: AP-Archiv)
Manchmal kann man einfach nicht mehr weiter (Bild: AP-Archiv)
Der Druck, der war einfach zu stark, teilweise. Also, dass ich gedacht habe, ich halte es einfach nicht mehr aus, ich will einfach nicht mehr. Und da war für mich eine Erlösung, teilweise, mich zu schneiden, um mich besser zu spüren, um zu denken, also, okay, das geht jetzt weg. Nach diesem Zustand war ich einfach total erleichtert, aber auch sehr, sehr erschöpft, aber ruhig. Ich war einfach erst mal ausgeglichen, auf Stunden. Und das kann man durch ganz verschiedene Sachen ausführen. Ganz viel Medikamente nehmen, oder die Selbstverletzung kann ganz facettenreich sein, muss nicht nur körperlich zu sehen sein wie bei mir zum Beispiel durch Narben von Selbstverletzung durch spitze Gegenstände oder Messer.

Die Berlinerin Tina Parlow leidet an einer Borderline-Störung. Eine Erkrankung, die sich sehr unterschiedlich äußern kann - denn nicht alle Erkrankten spüren dieselben Symptome. Eines aber ist vielen Borderlinern gemeinsam: Die Selbstzerstörung. Sie ritzen sich mit Rasierklingen in die Arme oder schneiden so tief, dass die Wunde genäht werden muss. Sie drücken brennende Zigaretten auf der Haut aus, schlagen sich ins Gesicht oder mit dem Kopf gegen die Wand. Viele der Frauen werden auch magersüchtig oder leiden unter Fressanfällen.

Überhaupt sind drei Viertel aller Borderline-Patienten Frauen, und dafür gibt es Gründe. Viele Borderlinerinnen kommen nach Selbstverletzungen in die Klinik, während die Männer nicht immer im Krankenhaus landen, denn sie richten ihre Aggressionen eher gegen andere Menschen. Außerdem ist das Bild vom eigenen Körper bei vielen erkrankten Frauen stärker gestört, und nicht wenige von ihnen sind sexuell missbraucht worden - so wie Tina Parlow.

Als Tina Anfang 20 war, wurde bei ihr eine Borderline-Störung festgestellt. Heute ist sie 32 und hat es mit Hilfe ihres Therapeuten geschafft, sich nicht mehr zu schneiden. Auch die 24-jährige Mimmi aus der Nähe von Stuttgart ist Borderlinerin. Sie entschloss sich zu einer Therapie in einer Klinik, weil sie im Streit mit ihrem Freund völlig durchdrehte. Dann demolierte Mimmi, eine kleine und zierliche Person, ihren Kleiderschrank oder richtete die Wut gegen sich.

Mimmi: Selbstverletzung tue ich auch. Ich schneide mich nicht, ich brenn mir auch keine Zigaretten aus, ich tu halt meine Finger hier abpulen, wenn ich grad arg im Stress bin oder so was, nachts zum Teil auch meine Füße, oder hacke dann die Aggressionen auch gegen mich aus. Ich tue - meinen Kopf gegen die Tür knallen, oder gegen die Wand, oder meine Ellenbogen, oder, ja um mich dann halt körperlich irgendwie abzureagieren.

Das Bedürfnis, sich zu verletzen, hat viel mit innerem Schmerz zu tun. Die Betroffenen können Angst, Wut und manchmal auch Halluzinationen nicht mehr aushalten. Sie schneiden sich, um das Leiden in einen körperlichen Schmerz zu verwandeln und es leichter ertragen zu können - oder um sich selbst wieder zu spüren. Viele Borderliner leiden auch unter starken Stimmungsschwankungen.

Mimmi: Also, ich war, bis ich hierher gekommen bin, dieses Himmelhochjauchzend - zu Tode betrübt, das hat sich bei mir eigentlich tagtäglich geändert. Es gibt Tage, da bin ich aufgewacht und war: O Gott, geiles Leben, yippie, und alles ist so toll, und am nächsten Morgen sah es dann wieder ganz anders aus, da kam ich aus dem Bett nicht raus, war echt total depressiv, habe nicht gewusst, warum ich überhaupt aufstehen soll, und habe dann auch zum Teil rausgeguckt und gesehen, dass es eh blödes Wetter ist, das hat dann auch noch mehr dazu beigetragen, dass man mir selbst nichts recht machen konnte. Also, wenn ich gut drauf war, dann konnte man mir eigentlich alles recht machen, und wenn ich nicht gut drauf war, dann war ich eigentlich wie so eine tickende Bombe.

Auch Tina kennt dieses Auf und Ab der Gefühle. Als ihre Erkrankung zum ersten Mal ausbrach, fühlte sie sich überwältigt und hilflos. Für ihre düsteren Stimmungen und ihre furchtbare Angst fand sie keine Erklärung.

Tina: Mit 18 oder knapp 19 wurde ich damals schwanger, und da fing bei mir die Symptomatik an. Und in der Schwangerschaft, durch die hormonelle Umstellung, hat sich zum ersten Mal eine Depression eingeschlichen, wahnsinnig auch Angstzustände, und bei mir kippte auf einmal alles. Und ich ging aber eineinhalb Jahre nicht zum Arzt, weil ich nicht wusste, was ist mit mir los, und ich habe mich auch geschämt. Aber als es dann darauf hinauslief, dass ich mich auch die ersten Male selbst verletzt habe, den ersten Suizidversuch hinter mir hatte, bin auf der Intensivstation wach geworden, begab mich dann in ärztliche Behandlung, und der Arzt stellte dann eine Borderline-Störung fest.

Borderline - das klingt mysteriös, bedrohlich und nebulös. Was ist diese Krankheit? Das Wort bedeutet "Grenzlinie", und Borderline wurde in der Literatur schon im 19. Jahrhundert als Grenzerscheinung zwischen Neurose und Psychose beschrieben. Das heißt: Die Betroffenen sind kränker als Neurotiker, die zum Beispiel arbeitssüchtig sind oder an einer Zwangsstörung leiden. Aber andererseits sind Borderliner nicht so weit weg von der Wirklichkeit wie Schizophrene, die Stimmen hören oder einen Verfolgungswahn entwickeln.

Heute gibt es für eine Borderline-Diagnose neun Kriterien, von denen fünf zutreffen müssen: Wenn ein Mensch sich zum Beispiel selbst verletzt oder Selbstmordversuche unternimmt, wenn er abhängig wird von Alkohol oder Medikamenten, wenn die Stimmung schnell schwankt und der Betroffene ständig Angst hat, verlassen zu werden - und wenn er sehr impulsiv reagiert und manchmal auch für kurze Zeit das Verhältnis zur Realität verliert. Etwa 1,5 bis 1,8 Prozent der Bevölkerung leiden an Borderline, so schätzen Experten. Die meisten glauben, dass die Erkrankung mehrere Ursachen hat: Ein unausgeglichenes Temperament, eine Veranlagung in der Familie, und traumatische Erfahrungen in der Kindheit.

Tina: Aus Erzählungen von meinen Eltern weiß ich, dass ich als Kleinkind schon sehr temperamentvoll war und auch von der Stimmung anders als vielleicht andere Kleinkinder. Also, zum Beispiel mit drei Jahren habe ich irre Bockanfälle bekommen und es ging bis hin zur Bewusstlosigkeit schreien, aber ich denke, bei mir liegt der Ursprung noch woanders, also nicht nur an meinem Temperament, sondern Vernachlässigung in der Kindheit, ständig alleingelassen werden, leider auch meine Missbrauchserfahrung mit dem 13. Lebensjahr, ich denke, haben so diesen Rest gegeben, wo sich die Störung dann manifestiert hat.

Anja: Und dass man vielleicht mit so und so viel Monaten schon in der Krippe war, oder verlassen wurde, meine Mutter war dann selber krank, als ich acht Monate alt war, und ich dann auch in vier verschiedene Kindereinrichtungen kam (....)

Wer solche Trennungen erlebt hat, fürchtet sich ein Leben lang vor einer Wiederholung. Die Berlinerin Anja ist 32 - und sie bekommt immer wieder Angst davor, dass ihr Freund sie verlässt. Aber sie will sich trotzdem nicht an ihren Partner klammern, sondern ihm seinen Freiraum lassen.

Anja: Also, zum Beispiel mit der großen Verlassensangst bei Borderlinern, weil, wir wohnen ja nicht zusammen, und der geht dann halt Sonntag Abend, weil er Montag wieder arbeiten muss, und er muss ja Sachen noch zuhause erledigen und so, und da könnte ich am liebsten auch sagen, ja, bleib jetzt hier, und das ist gemein, dass du mich verlässt, und solche Sachen, da könnte man ja richtig manipulatorisch werden, wo ich mir sage, he Anja, das ist einfach, der hat das Recht, da nach Hause zu fahren, der hat seine eigene Wohnung, noch, und jeder Mensch muss alleine klarkommen, und dann beiße ich mir ganz tief und gewaltig auf die Zunge und sage so was nicht, weil ich genau weiß, was da jetzt einfach abläuft.

Auch im Beruf stoßen viele Borderliner an ihre Grenzen. Mimmi hat jahrelang als Verkäuferin gejobbt, doch nach kurzer Zeit begannen die Schwierigkeiten.

Mimmi: Im Arbeitsleben habe ich relativ wenig Chancen gehabt, weil am Anfang, wenn ich irgendwo angefangen habe zu arbeiten, war es anfangs ganz toll, und jeder hat mich gemocht, und die sind alle so super, und, nach zwei, drei Monaten hat es dann so angefangen, keiner kann mich leiden, keiner mag mich, ich mache alles falsch. Ich glaube, ich habe dreizehn, vierzehn Jobs gehabt, nicht länger wie zwei, drei Monate, weil es mir danach einfach immer zuviel geworden ist und ich dann auch gemerkt habe, da stimmt halt auch was nicht, so kann es nicht weitergehen, es kann ja nicht immer nur an den anderen Menschen liegen. Da muss ja irgendwas mit dir sein, dass du so arbeitsunfähig bist, sage ich jetzt mal.

Anja ist gelernte Physiotherapeutin, aber zurzeit ohne Job - sie bezieht wegen ihrer Krankheit eine Rente. Auch Tina hat mehrere Arbeitsstellen aufgeben müssen. Beide Frauen sind alleinerziehende Mütter von zwei Kindern.

Tina, Anja und Mimmi - alle drei haben eine schwierige Geschichte hinter sich. Trotzdem wirken diese jungen Frauen engagiert, sehr lebendig und nicht resigniert. Tina Parlow hat eine Internet-Plattform für Betroffene eingerichtet - ihre Homepage heißt www.borderline-plattform.de .

Neben der "virtuellen" Gruppe gründete Tina eine Selbsthilfegruppe in Berlin-Treptow. Auch Anja ist dabei. Aber nicht nur die Gruppe hilft ihnen: Für Borderliner sind auch besondere Therapiemethoden entwickelt worden. Anja und Tina wollen sich nicht mehr - wie in der Vergangenheit - den selbstzerstörerischen Impulsen nachgeben.

Anja: Man hat ja einen Verstand zum Nachdenken, man kann innehalten, also die verschiedenen Techniken, die man zum Beispiel bei dieser DBT-Therapie lernen kann, nach der Marsha Linehan, dass man also seine Aufmerksamkeit schulen kann, dass man in sich hineinhorcht und so Achtsamkeitsübungen macht, und diese Sachen, ist ja einfach so, dass man mehr hinguckt, was passiert da einfach jetzt.

Tina: Also ich habe versucht, an mir zu arbeiten, indem ich geguckt habe, okay, wann kommt der Druck, wie groß ist der Druck, dazu muss ich lernen, mich erst mal besser zu spüren auch, zum Beispiel zu gucken, okay, auf welcher Skala würde ich jetzt den Druck oder Stress einschätzen, wie kann ich noch dagegen steuern. Joggen gehen im Wald, exzessiv Fahrrad fahren, oder sich ablenken, heiß baden gehen, Musik hören, und damit kann man das einfach in den Griff bekommen, um gar nicht erst mal diesen Druck anwachsen zu lassen.

Anja: Warte ab, und dann probiere ich halt, diese Aufmerksamkeitsübungen, irgendwas zu machen, draußen Bäume zu zählen oder so, jetzt mache ich bewusst den Abwasch, nehme ihn bewusst, diesen Löffel, wasche ihn ab, oder mache jetzt ganz in aller Ruhe, wie jetzt die Chinesen, Teezeremonie, also mache ich jetzt meinen Kaffee dann, in die Filtertüte rein, komme mir zwar total beknackt vor, so, jetzt den Tee rein oder jetzt den Kaffee rein, aber das sind dann Minuten, die vergehen wieder, und dann sind wieder fünf Minuten um oder zehn Minuten, und der Zeit habe ich kurz keine Suizidgedanken gehabt oder so an Selbstverletzen, irgendwas anderes Schreckliches zu machen.

Manchmal helfen auch Psychopharmaka - obwohl Tina am liebsten darauf verzichten würde.

Tina: Also, ich merke, dass bestimmte Medikamente einfach ein Stück weit stützend sein können. Die Hauptarbeit muss von einem selber ausgehen. Also dieser Wille, an sich zu arbeiten oder auch Ja zum Leben zu sagen und sich aber auch selbst einzugestehen, es gibt bestimmte Momente, da braucht man einfach Unterstützung, zum Beispiel in Form von Medikamenten, wenn zum Beispiel die Depression einfach überhand nimmt, um nicht noch weiter in so ein tiefes Tal zu rutschen, dass ich sage, okay, ich akzeptiere es jetzt, aber für mich ist die Hoffnung, irgendwann auch ohne Medikamente auszukommen.

Tina Parlow hat noch eine andere Hoffnung: Ihr Engagement für Borderliner soll dazu beitragen, dass die Betroffenen mehr Selbstachtung zeigen - und dass die Umwelt nicht wegsieht, sondern sie besser versteht.

Tina: Borderline wird oft noch stigmatisiert, Borderliner werden oft als Monster bezeichnet, oder als bestimmte Attentäter, oder als wirklich Leute, die andere Leute nur fertigmachen mit ihrer Erkrankung, sprich, aggressiv, autoaggressiv sind, und ich denke, da sollte man ansetzen. Borderline ist so facettenreich, die Borderline-Störung an sich hat so viele Bereiche, und diese Menschen sind alle wertvoll. Sie sind krank, und sie müssen an sich arbeiten, aber dennoch sind wir überhaupt keine Monster. Es ist eine Erkrankung, die Betroffenen können nichts dafür, und sie brauchen dennoch Hilfe und müssen auch geachtet werden von der Gesellschaft, und das muss bei Borderline auch kommen.
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