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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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30.11.2004
Wenn Kinder Kinder kriegen
Junge Mütter und die Tücken des Elternseins
Von Godehard Weyerer

Kind mit Storch (Bild: AP)
Kind mit Storch (Bild: AP)
Selbst noch nicht erwachsen, doch schon Mutter: Jedes Jahr finden sich in Deutschland 23.000 junge Frauen unverhofft in dieser Lebenssituation wieder. Die Beziehung zu den Vätern ist meist nicht von Dauer. Der Kontakt zur eigenen Familie bricht häufig ab. Und die Lebenswelt einer Mutter passt nicht zu Freizeitvorstellungen gleichaltriger Teenager. Die Mädchen benötigen Hilfe, Beratung und Unterstützung. An der Bremer Universität hat sich ein Forschungsprojekt der jungen Mütter angenommen. Lebensumstände werden erforscht, Fördermöglichkeiten ausgelotet, Hilfsangebote koordiniert: Schulabschluss, Ausbildungsplätze, Teilzeitjobs. Junge Mütter berichten.

Lydia: Nee, das war gar nicht geplant, aber als es soweit war, war es auch klar, dass ich ihn behalten würde.

Ch: Ein Schock war das. Ich musste erst lachen, dann heulen.

Ka: Ich musste heulen.

Lydia: Wir sind feiern gegangen. Das geht mit Kind nicht mehr. Beim dritten Mal haben die gesagt, na ja. Man hatte andere Interessen. Die fahren jetzt übers Wochenende nach Polen. Ich in den Magic-Park. Es ist doch mehr nach dem Kind gerichtet. Es ist passiert, man hat es gar nicht mehr gemerkt. Das eine ging in das andere über.

Die Mädchen verbindet die junge Mutterschaft. Sie sind minderjährig und Mutter. Sie leben mit dem Stigma, in jungen Jahren schwanger geworden zu sein. Aber sie alle haben sich für das Kind entschieden. Später erst wurde ihnen klar, dass sich der Zeitrhythmus von Schule und Ausbildung nur schlecht mit den Anforderungen einer Mutter vereinen lässt.

Alexandra: Das ist das Problem, dass man weniger Chancen hat auf eine Ausbildung, weil nicht alle das mitmachen. Manche sagen, na ja, wenn du nichts kannst, musst du dir was anderes suchen.

Sa: Ich wollte keine Kinder haben, ich wollte Köchin werden, das war mein Traumberuf, da haben Kinder nicht reingepasst. Ich wollte absolut keine Kinder haben. Ich habe sechs Geschwister. Ich wollte keine Kinder und prompt da wurde ich schwanger. Eigentlich wollte ich gar keine Kinder.


Ch: Jetzt denke ich, dass es so war, dass ich es wollte. Aber ich habe das nie geplant. Aber jetzt denke ich mir das so, einfach ein eigenes Leben. ... Man denkt sich, das wird leicht, das schaffe ich, man denkt nicht daran, dass es größer wird und man sich drum kümmern muss.

Säugling mit Flasche (Bild: AP)
Säugling mit Flasche (Bild: AP)
S: Ich bin mit 17 Jahren schwanger geworden. Da war die Frage, behält man es oder nicht. Ich bin schwanger geworden, weil ich Alkohol getrunken habe und nicht daran gedacht, dass die Pille da nicht wirkt. Soll ich das Kind bestrafen und umbringen, weil ich einen Fehler begangen habe. Ich war alleine, nicht mehr bei meinen Eltern. Ich hatte keine Unterstützung, hatte vor, eine Ausbildung zu machen, die ich mir immer gewünscht habe.

Ka: Ich habe das bis zur 8. Klasse gemacht. Nach den Sommerferien gehe ich wieder zur Schule.

Ch: Ich habe es vor den Sommerferien beendet nach einer kurzen Pause. Als Mäggi drei Monate alt war, bin ich wieder hingegangen und habe Gott sei Dank den Abschluss noch hingekriegt.

Alexandra: Ich wollte sie anfangen. Im Juni bin ich schwanger geworden, im August ging es los. Gestaltungstechnische Assistentin. Hätte ich schon gerne zu Ende gemacht. Aber als die Kleine da war, ging es nicht. Sie war zu klein.

Lydia: Als ich von der Schule abgegangen bin, von den Lehrern kamen auch dumme Sprüche. Meine Klassenlehrerin hat Verständnis gehabt, wenn mir übel war oder so. Zufällig habe ich von einer anderen jungen Mutter gehört von einem Projekt, wo man den Schulabschluss nachholen konnte. Belem heißt das. Ich habe dann gefragt, geht das denn weiter. Dann hat sie von einem Projekt erzählt, das heißt Spagat. Über das Arbeitsamt bin ich dann da reingerutscht.

Belem und Spagat: Zwei Projekte für junge Mütter in Bremen. Jedes Jahr kommen 300 hinzu. Bundesweit sind es 23.000. Wenn das Kind zur Welt gekommen ist, brechen die meisten jungen Frauen Schule und Ausbildung ab. Endstation Sozialhilfe. Sieben jungen Müttern bietet Belem die Chance, den erweiterten Hauptschulabschluss nachzuholen; die Kinder werden während der Unterrichtszeit im Schulgebäude betreut. Das Projekt Spagat bereitet junge Mütter für die Ausbildung vor: den passenden Beruf finden, Bewerbungen schreiben, Teilzeit-Ausbildungsplätze akquirieren.

Belem und Spagat: Zwei von insgesamt 25 Projekten, die sich in Bremen der jungen Mütter annehmen. Die Hilfsangebote zu koordinieren und sie miteinander zu verknüpfen, hat sich ein Universitäts-Team um die Humanwissenschafterin Marianne Friese zur Aufgabe gemacht. Geforscht und analysiert wird auch; über die Lebenssituation junger Mütter sei bislang wenig bekannt. Von Unachtsamkeit abgesehen: Was treibt junge Frauen in eine Schwangerschaft?

Die Frage der fehlenden Perspektiven ist sicherlich ein Punkt. Ein anderer ist der Wunsch, eine Bindung zu haben, was in der eigene Biografie nicht vorhanden war, eine Bindung zum Kind, zum Vater des Kindes, der aber in der Regel doch nach kurzer Zeit nicht mehr da ist und die junge Frau steht dann alleine vor den Problemen.

Von der Schwangerschaftsberatung bis zur Erziehungsberatung, von betreutem Wohnen bis zur Berufsvorbereitung. An Angeboten fehlt es nicht, wohl aber am Austausch untereinander. Mosaik heißt das Koordinierungsprojekt der Bremer Universität. Unterstützt wird es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und von der Europäischen Union.

Wir kümmern uns darum, Ausbildungsplätze zu bekommen. Wir gehen davon aus, dass acht Stunden zuviel ist für eine junge Mütter. Wir handeln Schichtzeiten aus, in denen die Kinderbetreuung gesichert ist. Es wird auch eine Begleitung zur Verfügung gestellt, die sichert ab, dass es keine internen Schwierigkeiten gibt zwischen anderen Auszubildenden und denen, die Sonderrechte bekommen haben. Die verkürzte Zeit wird mit der Schule abgestimmt. Das ganze ist rechtlich genehmigt durch die Kammern. Eine junge Mutter absolviert dann in der gleichen Zeit ihre Ausbildung wie andere Menschen auch.

Die Bremer Straßenbahn AG konnte überzeugt werden, mit der örtlichen Hafenumschlags-Gesellschaft stehen die Projekt-Managerinnen in aussichtsreicher Verhandlung. Bei kleineren und mittleren Betrieben wird zu einem Ausbildungsverbund von mehreren Firmen geraten. Subventionen sollen die Entscheidung erleichtern, Ausbildungsplätze auch für junge Mütter zu schaffen. Junge Mütter, sagt Projektleiterin Marianne Friese, seien schließlich keine Defizitwesen. Und welcher Chef habe nicht eine Tochter, die Hals über Kopf in gleicher Situation geraten könnte?

Lydia: Ich lerne KFZ-Mechatronikerin. Ich repariere da die Busse. Das läuft super von der BSAG. Die lassen sich auf Zeiten ein, der Kindergarten macht erst um 7:30 auf. Ich würde es niemals schaffen, wie alle anderen um 6:30 anzufangen, das funktioniert nicht mit Kind. Ich fange um 8:15 an und wenn ich nachmittags mal länger mache, der Kindergarten geht bis um vier. Man kann das organisieren, dass das irgendwie funktioniert.

Alexandra: Es ist im Friseurbereich. Das ist, was mir am meistens Spaß macht. Das würde ich schon gerne machen.

Sa: Es gibt nicht viele, die eine Teilzeit-Ausbildung machen, das ist es ja, weil die Betriebe es sich nicht immer leisten können.

Ka: Wenn er mal zu mir gekommen ist, war es schon abends, da hat der Kleine schon geschlafen oder ich sollte ihn schlafen legen, weil er mit mir alleine sein wollte. Da habe ich gesagt, das geht nicht, wir haben ein Kind.

Ch: Jetzt ist es besser, am Anfang nicht, aber jetzt ist es gut. ... Ich bin froh, dass er da ist. Ist wirklich eine Hilfe, wenn man zu dritt ist. Er unterstützt mich und hilft mir viel.

Alexandra: Am Anfang war er derjenige, der das Kind wollte. Wer es schafft, bin ich es. Ich denke, für ihn war das eine zu große Umstellung, zu viel Verantwortung vielleicht. Ich weiß es nicht genau, wie es dazu gekommen ist.

Ch: Wir sind mittendrin, wo die in 10 Jahren hinkommen.
Ka: Wer weiß, wann die ihre Kinder kriegen.

Ch: Na klar. Die Alte lässt sich ein Kind machen, damit sie nicht mehr in die Schule muss. Und solche Sachen, alles Mögliche kommt da. Vorne rum sagen sie, toll wie du das alles schaffst. Hintenrum: O Gott, die spinnt wohl. Das ist normal. Die sind 16, die verstehen das nicht. Man wird einfach anders, wenn man so ein Kind kriegt.

Die erste Zeit war schlimm. Aber ich habe viel Unterstützung aus der Familie. Wenn ich mal am Wochenende weg gehen will, dann kommt mein Bruder. Oder meine Oma, die wohnt drei Häuser weiter. Die freut sich auch, wenn sie man den Kleinen nehmen kann.


Ka: Ich war am Schwanken zwischen Abtreibung und Kind behalten. Da haben sie mir Broschüren mit gegeben von Casa Luna und anderen Einrichtungen. Dann habe ich mich entschieden für keine Abtreibung. Ich hatte schon ein Ultraschallbild von dem Kleinen. Das ist hart, wenn man ein Lebewesen abtreiben muss.

Auf dem Spielplatz (Bild: dradio.de/Andreas Diel)
Auf dem Spielplatz (Bild: dradio.de/Andreas Diel)
Casa Luna: Ein Haus für junge schwangere Frauen und Mütter. Die jüngsten sind 13, die ältesten 19 Jahre alt. Rund um die Uhr sind Pädagoginnen und Sozialarbeiter erreichbar. Das Haus ist voll, die Warteliste lang. Hohe Jugendarbeitslosigkeit, Mangel an Ausbildungsplätzen, Kürzungen im Sozialbereich: Die Situation junger Mütter, weiß Marianne Friese von der Universität Bremen, sei von großer Verunsicherung und Ungewissheit geprägt.

Es ist so, dass in den Stadtstaaten wie Berlin, Hamburg und Bremen die Anzahl der jungen Mütter relativ hoch ist. Es gibt ein Zusammenhang zwischen sozialer Absicherung und der steigenden Geburtenzahl. Die jungen Mütter leben in einem sehr hohen Anteil von Sozialhilfe.

Unser Ansatz in der Förderkette ist, dass das doppelte Kinderwohl gesichert ist. die Kinder brauchen eine qualitativ gute Kinderbetreuung. Aber in Deutschland gibt es kaum Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren. Die Frauen werden gezwungen, Schule oder Ausbildung zu unterbrechen und sind isoliert mit ihrem Kind.


Lydia: Was ich mir wünsche für die Zukunft, dass ich die Ausbildung hinkriege, den Haushalt und für das Kind soweit alles auf die Reihe kriege. Wenn ich das geschafft habe, wäre ich schon zufrieden.

Ch: Dass alles gut geht, ... dass ich einen Beruf bekomme, dass ich mal eine Mutter werde wie eine 30-jährige, dass einfach alles klappt. Aber die typische Mutti ist ja bisschen älter. Ich will auch so eine Mutti für meine Tochter sein.

Ka: Eine richtige Mutti, die arbeitet und alles schafft.

Lydia: Man muss das nur wollen. Wenn man keinen Bock hat, in der Früh aufzustehen, dann hat das alles keinen Sinn.

Ch: Erst nach der Geburt kommt es , oh Gott, das ist meins.

Ka: Wenn es zum ersten Mal schreit.

Ch: Das lernt von dir sprechen, laufen, das lernt alles von dir.

Ka: Meine beste Freundin hat gesagt, treib ab. Mit Kind wollen wir mit dir nichts mehr zu tun haben.

Ch: Dann sehen wir dich so selten, das hat meine beste Freundin auch gesagt.

Ka: Viele haben gesagt, wir stehen zu dir und kommen dich besuchen, wenn du im Casa Luna wohnst. Wie ist es jetzt? Mir sind drei, vier Freunde geblieben von früher. ... Tut weh. Aber ich habe jetzt eine neue beste Freundin.

Sa: Dass man eigenständig ist. Dass ich sagen kann, ich verdiene mein Geld, ich kann mein Kind selber ernähren. Ich habe was geleistet.

Alexandra: An erster Stelle schon, eine Ausbildung zu machen und nicht vom Staat abhängig zu sein. Und dass mein Kind gesund ist.

Sa: Da können wir stolz darauf sein. Und auf sie bin ich stolz Sie ist schon ein kleiner Engel.


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