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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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24.11.2004
Auf den letzten Drücker
Über die Probleme mit Terminen
Von Christoph Spittler

Wer auf den letzten Drücker kommt, setzt sich selbst unter Druck. (Bild: AP)
Wer auf den letzten Drücker kommt, setzt sich selbst unter Druck. (Bild: AP)
Vor dem Nachtpostamt, kurz vor Mitternacht. In der Schlange versammeln sich Menschen, die noch den heutigen Poststempel brauchen. Denn jeder Tag ist Einsendeschluss für irgendetwas: Preisausschreiben, Seminararbeiten, Bewerbungen, Wettbewerbe.

Studentin: "Warum jetzt und hier? Weil mein Computer völlig gesponnen hat und ich dadurch irgendwie nicht vorankam... Weil ich den Stempel von heute noch brauche. Angefangen hab ich vor zwei Wochen... Ich hatte vier Wochen Bearbeitungszeit, also darauf war es angelegt, aber insgesamt hatte ich die ganzen Semesterferien über."

Mann: "Die Bewerbung hab ich erst heute Abend angefangen... Irgendwie klappt das bei mir besser unter Zeitdruck. Ist auch schon mal vorgekommen, dass ich zwei Nächte durchgearbeitet habe."

Studentin: "Ich plan 's schon vorher, aber schreiben tu ich's immer auf den letzten Drücker. Also ich weiß schon vorher irgendwie übers Thema Bescheid und informier mich, aber der Feinschliff kommt dann immer so zwei Wochen vor Abgabe."

Mann: "Ja, ich leide auch drunter. Das geht seit Jahren so. Ich hab jetzt schon das zweite Zeitplanungsbuch... Momentan fühl ich mich erleichtert und find das ist rund geworden."

Rückert: "Es ist ihnen weitgehend selber überlassen, was Sie tun, wann Sie das tun, niemand kontrolliert Sie engmaschig, es ist ja zum Standard geworden, dass jemand ein Referat hält, und dann heißt es, schreiben Sie's mal auf, reichen Sie's ein, dann kriegen Sie 'nen Schein - aber ob Sie das nach zwei Wochen machen oder nach zwei Monaten noch nicht getan haben oder nach einem Semester oder zweien oder dreien, das überprüft halt niemand mehr."

Die psychologische Studienberatung hilft. Hans-Werner Rückert hat aus seinen Erfahrungen an der Freien Universität Berlin ein Buch gemacht: "Schluss mit dem ewigen Aufschieben".

Rückert: "Und diese Freiheit ist auf der einen Seite im Vergleich zur engmaschigen Kontrolle der Schule natürlich toll, aber nicht alle kommen damit klar. Man rechnet immer, dass ungefähr 25% bei den Studierenden, vielleicht eher mehr, vielleicht eher 40%, häufig, chronisch, kontinuierlich aufschieben und deswegen daraufhin auch Schwierigkeiten mit dem Studium haben - oder mit sich selbst."

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

Rückert: "Es ist viel einsame Arbeit, Sie müssen recherchieren, Sie schreiben was zusammen, Sie geben das ab, Sie hören nichts, wenn Sie Glück haben kriegen Sie irgendwann 'n Schein von der Sekretärin - das ist natürlich wenig. Also da ist das Erfolgsergebnis, in die Küche zu gehen und statt der Arbeit am Schreibtisch den Abwasch zu machen so viel unmittelbar bestätigender. Sie sehen sofort einen Effekt - Wo Chaos war, ist nachher Ordnung, und es glänzt - Sie können stolz auf sich sein - und der Aufwand hält sich in Grenzen."

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Pastor: "Man versucht immer am Anfang der Woche schon sich mal den Predigttext vorzunehmen... aber meistens kommt dann immer was dazwischen, irgendein dringendes Gespräch, eine dringende Bausache womit man sich so als Pfarrer alles noch beschäftigen muss - so dass dann manchmal es passiert, dass ich erst am Samstag dazu komme, mir den Predigttext anzuschauen."

Rückert: "Das wichtigste ist natürlich, dass man rausfindet, aus welchen Gründen man aufschiebt. Dann gibt es eben noch 'ne beschreibbare Gruppe von Leuten, die schieben auf, um ihre Selbstachtung zu schützen. Bei den Leuten würde das Anpacken dazu führen, dass sie sich mit bestimmten Ängsten und bestimmten Konflikten konfrontieren müssten, und dann ist das Aufschieben besser. Also jemand z.B., der perfektionistisch ist. Solange Sie's noch nicht angepackt haben, könnte es immer noch klappen."

Pastor: "Das Hauptproblem ist, dass über die Texte der Bibel natürlich schon tausendmal gepredigt worden ist in den Gemeinden, und man sich nicht so gerne wiederholen möchte, sondern, worüber man sich freut ist wenn einem mal ein neuer Gedanke kommt."

Mailänder: "Das ist ja generell ein Problem des Umgangs mit der eigenen Zeit, also Leute, die alles auf den letzten Drücker machen, die kalkulieren ja mit ihrer eigenen Zeit nicht richtig."

Ulf Mailänder ist Persönlichkeitscoach, Textdoktor und Unternehmensberater.

Mailänder: "Wenn ich mit Klienten zu diesem Thema arbeite, dann guck ich mir erst mal überhaupt an, was haben die für ein Verhältnis zurzeit, bevor ich jetzt praktische Tipps gebe, wie die das besser machen können."

Pastor: "Es liegt natürlich an meiner mangelnden Selbstdisziplin. Natürlich gibt's Pfarrer, denen das nicht passiert, die vielleicht ihren Tag noch stärker strukturieren."

Mailänder: "Aber oft ist unbewusst, gibt es eine Art von innerem Drang, tatsächlich andere z.B. auf sich warten zu lassen. Das verursacht zwar Ärger bei dem Anderen, aber bei dem, der das tut, manchmal sogar eine gewisse Art von Befriedigung. Das ist jetzt ein Spezialfall für 'nen psychischen Hintergrund."

Rückert: "Wenn man das in der historischen Kontinuität sieht, dann leben wir ja in einer permanenten Lockerung von äußeren Zwängen. Norbert Elias hat ja daraus abgeleitet, dass die modernen Zeiten auch das bedeuten, dass immer mehr äußerer Zwang, der wegfällt, verinnerlicht weiterleben muss als Zwang zum Selbstzwang... Als Freiberufler müssen Sie das alles mit sich selber machen. Also Sie sind sowohl ihr Arbeitnehmer als auch Ihr Arbeitgeber, und deswegen kommt es natürlich sowohl zu inneren Streikprozessen wie zu inneren Aussperrungsvorgängen, was das arme Individuum dann natürlich verdrießt und ratlos macht."

Manchmal sind es einfach die Arbeitsbedingungen. Es gibt Jobs, bei denen gehört der Zeitdruck dazu. Beim Geheimdienst Ihrer Majestät natürlich, aber auch im Filmgeschäft.

Ausstatterin: "Ich mach oft Sachen auf den letzten Drücker. Ausstattungen, für Videoclips meistens... und irgendwie immer auf den letzten Drücker. Immer, dass man so 'ne Woche hat und ungeheuer viel Zeugs zu besorgen und zu basteln."

Wir stehen 5 Minuten vor einem Warpkernbruch!

Ausstatterin: "Es macht irgendwie Spaß. Also es ist superstressig, und wir weinen vor Stress und rennen herum, kopflos, aber es ist auch ziemlich aufregend. Wenn man ne Ausstattung macht, dann weiß man halt, dass alles stehen muss an dem Tag, weil da einfach 30 Leute vor einem stehen - das fällt sehr auf, wenn wir es nicht geschafft haben, oder wenn es schlecht aussieht."

Noch 30 Sekunden bis zum Einschlag!

Ausstatterin: "Danach ist es toll, dann sitzt man echt da, und manchmal zwischendrin auch, da fühlt man sich total euphorisch."

Rückert: "Nee, das hat ja mit Kreativität nichts zu tun, das ist einfach nur der Adrenalinrausch, nicht, der erzeugt natürlich ein Hochgefühl, das mit geordneter Arbeit nicht zu kriegen ist. Also, wenn Sie drei Tage durcharbeiten und das letztlich fertigstellen und das Manuskript in den Briefkasten werfen und nicht in den Papierkorb, dann fühlen Sie sich natürlich klasse. Und danach stürzen Sie entleert ab. Und das haben Sie natürlich nicht, wenn Sie kontinuierlich und an Deadlines orientiert arbeiten."

Ausstatterin: "Unsere Ideen sind schon in Ordnung, aber ich glaub, mit etwas mehr Ruhe würde man auf ganz andere Ideen kommen. Für die Umstände sind sie auch ganz gut, aber die Umstände zählen halt am Ende nicht. Uns fällt jedes Mal nachher noch ein, was man alles hätte machen können."

Rückert: "Sämtliche Untersuchungen dazu zeigen, dass die Qualität von Produkten, die so erzeugt wurden, natürlich schlechter ist, weil zwei, drei Korrekturgänge fehlen."

Pastor: "Manchmal ist es schon so, dass eine Predigt, wenn ich wirklich zu lange daran arbeite, wird sie zu rund geschliffen. Dann fehlen ihr die Ecken und Kanten, wenn dann alles so gedrechselt in der Formulierung, so dass ich manchmal schon hatte, wenn ich nicht mehr die Zeit hatte es auszuformulieren, sondern nur noch ein paar Stichworte mir aufschreiben konnte, ich manchmal merkte, dass das Echo bei den Hörern positiver war, weil ich freier gepredigt habe und nicht so an meinem Manuskript hing."

Mailänder: "Ich wurde mal angerufen von einem großen deutschen Dienstleistungsunternehmen, die hatten eben dort technische Studien gemacht und hatten aber in letzter Sekunde festgestellt, das war ein paar Tage vor der Präsentation, dass die wohl nicht so dolle ist, die Studie, die die da gemacht haben.

Genau, Textdoktor. Solche Rollen hab ich schon öfter gehabt. Oft ist ja, Panik, führt ja zu völligen Abstürzen im Kopf, da ist ja gar nichts mehr dann. Und dann, wenn dann jemand hilft, dann entsteht auch 'ne gewisse Klärung und ein Gefühl von, das kriegen wir hin. Und bei manchen Leuten ist das auch so, die brauchen eigentlich nur das Gefühl von einer Rückenstütze, und dann laufen die schon."

Die Oper war nun einstudiert und sollte aufgeführt werden; aber Mozart hatte noch den Abend vor dem Tage ihrer ersten Produktion die Ouvertüre nicht fertig gehabt und er war noch dazu bis spät in die Nacht in Gesellschaft seiner Freunde...

Wer auf den letzten Drücker arbeitet, gibt sich gern die Aura des Genialischen.

Er ging in ein Nebenzimmer, wohin man ihm Notenpapier, Feder und Tinte geschafft hatte, fing um Mitternacht an zu schreiben und vollendete bis zum frühen Morgen in wenigen Stunden eine der vortrefflichsten aller seiner Ouvertüren. Um 7 Uhr abends, da die Oper anfangen sollte, waren die Kopisten mit den Stimmen noch nicht fertig, man musste daher warten, und um ein Viertel auf 8 Uhr brachte man die Orchesterstimmen noch voll Streusand in das Orchester....

Rückert: "Das ist so 'n gern gepflegtes Klischee von Leuten vielleicht, die gar nicht so genial sind. Alles, was wir wissen über wirklich sehr kreative Leute, zeigt, dass die sehr ordentlich sind. 10% Inspiration, 90% Transpiration, hat Einstein gesagt."

Mailänder: "Es gibt ja Menschen, die bringen nur so Höchstleistungen, wenn sie wissen, sie sind unter Druck. Ich glaube trotzdem, das ist auf Dauer 'ne Rechnung, die nicht aufgeht, weil es letztendlich negativer Stress ist, weil es letztendlich ne Belastung darstellt."

Rückert: "Es ist okay, man kann auch aufschieben, man muss nur die Konsequenzen tragen. Wer aufschiebt sollte wenigstens sich darum sorgen, dass er nicht zu sehr darunter leidet."

Fussballreportage: Höchtens noch ein paar Sekunden im Berliner Olympiastadion. Der Ball ist im Strafraum drin - Gewusel - Vielleicht die Möglichkeit für die Hertha - zurückgelegt rund 20 Meter - Tor! Tor! Tor! Tooor! Ein-und-neunzigste Spielminute!
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