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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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3.12.2004
Anschauen kostet nichts
Immobilientouristen
Von Barbara Dobrick

Das Objekt der Begierde vieler Immobilientouristen. (Bild: dradio.de/Andreas Diel)
Das Objekt der Begierde vieler Immobilientouristen. (Bild: dradio.de/Andreas Diel)
Stellen Sie sich vor, völlig Fremde laufen durch Ihr Haus, Ihre Wohnung. Jemand öffnet und schließt Ihren Backofen, jemand anders reißt Ihre Kleiderschranktür auf. Und dann kommt noch einer und latscht scheinbar naserümpfend durch Ihren Keller. Ein Alptraum? Ja. Aber der wird leicht zur Wirklichkeit, wenn Sie Ihr Haus, Ihre Wohnung verkaufen wollen oder müssen. Interessenten schauen sich dann in Ihrem Zuhause um. Nicht alle tun das mit der nötigen Zurückhaltung, und nicht alle wollen wirklich eine Immobilie kaufen.

Claudia Ostwald: Ich denke, die haben viel Zeit und holen sich schöne Ideen in anderer Leute Häuser. Gartenideen. Ich denke, bei ganz vielen ist es Neugierde.

Silke Rehberg: Viele wollen einfach nur gucken, wie man wohnt. Einmal durchs Haus, wieder raus, tschüss, danke.

Michael Krey: Einmal bin ich in der Nähe von der Nordsee gewesen und hab mir ein riesiges altes, etwas fast wie ein Schloss angeschaut. Das war eine ganz aufregende Immobilie.

Silke Rehberg: Ja, ein Paar war komisch, die wollten sogar in die Schränke gucken, was ich da so in den Schränken hab und wie ich so leb. Und da hab ich gesagt, nein, das ist Intimsphäre. Sie wollen das Haus kaufen und nicht meine Möbel. Also, das war schon eine Frechheit. (Lachen)

Hausbau (Bild: AP)
Hausbau (Bild: AP)
Sie sind der Schrecken von Maklern und verkaufswilligen Grundbesitzern: Immobilientouristen, Menschen, die sich gern Häuser oder Wohnungen anschauen, obwohl sie ganz genau wissen, dass sie sie keinesfalls kaufen können oder wollen. In Südafrika ist das längst eine anerkannte Sonntagsbeschäftigung, denn dann stehen alle Verkaufsobjekte zur Besichtigung offen, für ernsthaft Interessierte ebenso wie für Neugierige. Man spricht nicht viel darüber, aber auch bei uns haben viele am ziellosen Schauen Vergnügen, weiß Maklerin Claudia Ostwald:

Das kommt häufiger vor, als man sich das vorstellen kann, wobei man natürlich in keinen Menschen reingucken kann, aber durch das Zeitalter des Computers können wir das ja schön alles rekapitulieren. Und wenn man sich dann so manche Kunden aufblättert und sieht, aha, den haben wir jetzt seit 1996 in der Kartei und auch beim nächsten neuen Objekt hat er sich dann wieder gemeldet, um einen Besichtigungstermin zu vereinbaren, dann wird das schon deutlich, dass man viele solche Kunden hat, die gerne einfach Häuser anschauen.

Michael Krey ist gelegentlich ein solcher Interessent:

Ich glaub, das fing damit an, dass ich über Land gefahren bin und mir alte Bauernhäuser angeguckt habe, weil es mich interessiert hatte, irgendwo im Grünen zu wohnen. Das fand ich sehr spannend und anregend. Da waren dann so alte reetgedeckte Häuser dabei, und das hat mir viel Spaß gemacht, das auch anzusehen. Und das war gerade im Sommer auch ja richtig schön, schöne Ausflüge gemacht.

Damals wohnten die Kreys in einer Mietwohnung in Hamburg und machten sich Gedanken über ihre Zukunft, darüber, wo und wie sie auf Dauer wohnen wollten. Schöne Häuser auf dem Land anzuschauen, beflügelte die Phantasie.

Meine Frau hat lange Zeit auch immer Pläne gemacht, Häusergrundrisse z.B. gezeichnet und war gerade auch an der Inneneinrichtung und Innenarchitektur sehr interessiert.

Reetdachkaten und ein Schloss, Fachwerkhäuser und Bungalows - die Kreys haben alles auf sich wirken lassen.

Die Entscheidung ist dann für eine Eigentumswohnung gefallen, im Wesentlichen, weil meine Frau das so wollte. Danach habe ich dann allerdings auch mir viele Wohnungen, Grundstücke später angeschaut, z.T. auch im Ausland, in Spanien oder Griechenland mich mal umgeschaut. Sicherlich auch, um diesen Wunsch nach langem Urlaub und Freiheit im Süden ein bisschen aktiver träumen zu können und Pläne zu machen und sich vorzustellen, was man dort alles anstellen könnte und was man dort bauen und gestalten könnte.

Claudia Ostwald: Meine private Meinung ist dazu, dass ich den Leuten das gar nicht mal verdenken kann, da ich selber auch sehr neugierig bin, was Häuser anbelangt, natürlich von Berufs wegen, aber das ist auch schön, es gibt durchaus sehr schöne Häuser, und ich gönn den Leuten, dass sie sich freuen, dass sie sich Anregungen holen. Ich kann es denen nicht verübeln.

Makler in Urlaubsgebieten wissen, dass Feriengäste sich bei Regen die Zeit gern mit einer Wohnungs- oder Hausbesichtigung vertreiben und dass bei gutem Wetter Leute aus den Städten kommen:

Claudia Ostwald: Da ist natürlich sehr die Nord- und Ostseeküste gefragt. Was natürlich auch für diese Besichtigungstouristen sehr attraktiv ist dann. Gerade in der Hochzeit, von Mai bis September, wo es dann ja auch wirklich am Schönsten ist rumzufahren, dann sich vielleicht so eine ganze Kette von Häusern anzuschauen, einmal schön hoch nach Büsum, Husum und dann vielleicht an der Ostseeseite wieder runter.

Darf's auch ein Schloss sein?  (Bild: AP Archiv)
Darf's auch ein Schloss sein? (Bild: AP Archiv)
Michael Krey: Einmal bin ich in der Nähe von der Nordsee gewesen und hab mir ein riesiges altes, etwas fast wie ein Schloss angeschaut. Das war eine ganz aufregende Immobilie. Der Verkäufer wollte die auch nur irgendwie zur Hälfte verkaufen, weil ihm das Ganze über den Kopf gewachsen war. Das war ganz imposant und ein Fass ohne Boden. Hochinteressant. Ich glaube, der war sogar Architekt und wirklich spannend, sich das anzugucken, den Typen sich anzusehen, seine Ideen zu hören. Das war ein ganz aufregender Tag gewesen.

Aus beruflicher Sicht sind Immobilientouristen für Maklerin Ostwald keine Freude:

Claudia Ostwald: Es ist einfach der Zeitverlust, der uns dann auch ärgert. Man muss Termine mit den Eigentümern vereinbaren. Die müssen eventuell von der Arbeit extra frei nehmen. Meistens dauert so eine Besichtigung dann doch eine halbe, dreiviertel Stunde für ein Objekt. Das ist für die Verkäufer ärgerlich, und unsere Zeit ist dann auch verloren. Das ist schon ärgerlich.

Silke Rehberg weiß auch ein Lied davon zu singen. Seit einem halben Jahr zeigt sie vermeintlichen und tatsächlichen Kaufinteressenten ihr Haus. Für sie ist das:

Stress. Es muss alles picobello sein, alles sauber. Obwohl es sauber ist, aber man macht es immer noch mal sauber, damit die Leute auch einen schönen Eindruck haben.

Auch die beiden Kinder sind nicht begeistert von den fremden Besuchern:

Die sind schon genervt. Die sagen schon: Wie viele denn noch?

Vor jedem neuen Besichtigungstermin müssen die Kinder ihre Zimmer aufräumen. Allerdings freuen sich die beiden auf den Umzug in den Neubau, und auch deshalb gibt's darüber keinen Streit.

Das machen die schon automatisch, weil das ist ja sonst peinlich. Das räumen die schon freiwillig auf.

Die Rehbergs sind erleichtert, denn offenbar gab es unter all den Schaulustigen doch ernsthafte Interessenten. Demnächst steht die Vertragsunterzeichnung an. Darüber ist auch die Maklerin froh, die weiß, dass manche potentiellen Kunden ein unsympathisches Motiv bei Besichtigungen haben: Sie sind schlicht und ganz persönlich neugierig.

Claudia Ostwald: Ja, das sind eigentlich die häufigsten, die wirklich mitbekommen haben, dass in der Nachbarschaft ein Haus zu verkaufen ist. Und die rufen dann wirklich an, erste Frage: Was soll das kosten? und zweite Frage: Wann können wir rein? Und man merkt es eigentlich schon bei der Besichtigung gleich, dass die wirklich im Geschwindschritt durch die Räume laufen, aha, ja, mh, das haben wir uns schon gedacht, so sieht das hier tatsächlich aus. Wieder raus. Und wenn man dann nachfasst und anruft, wie sieht's denn aus, hat Ihnen das Haus gefallen? - Nö, nö, wir wollten nur mal gucken. Und dann weiß man eigentlich, dass das Interesse an dem Haus nicht gegeben ist.

Es passt in die Zeit, dass solche Leute sich ihrer Neugier keineswegs schämen, sie sogar offen bekunden:

Wir wollten nur mal gucken. Wobei sie sich die Option auf die nächste Besichtigung schon offen halten. Wenn dann in der nächsten Straße wieder ein Haus zu verkaufen ist, da schauen Sie dann auch gerne noch mal. Das geben die zu.

Ist das Haus, die Wohnung bewohnt, müssen die Verkäufer Fremden die Türen auch zu ihren privatesten Räumen öffnen, zu ihrem Schlafzimmer, zum Bad:

Ja, das ist ein bisschen komisches Gefühl, aber muss man mit durch.

Silke Rehberg hat erlebt, wie weit der Voyeurismus gehen kann:

Ja, ein Paar war komisch, die wollten sogar in die Schränke gucken, was ich da so in den Schränken hab und wie ich so leb. Und da hab ich gesagt, nein, das ist Intimsphäre. Sie wollen das Haus kaufen und nicht meine Möbel. Also, das war schon eine Frechheit. (Lachen)

Wer so agiert, hat auch keine Probleme damit, über die Zeit anderer zu verfügen.

Möglicherweise auch für Immobilientouristen interessant, da zum Verkauf angeboten: Ehemalige FDJ Hochschule Bogensee, Bettenhaus. (Bild: bogensee.com)
Möglicherweise auch für Immobilientouristen interessant, da zum Verkauf angeboten: Ehemalige FDJ Hochschule Bogensee, Bettenhaus. (Bild: bogensee.com)
Das ist auch ein Merkmal dieser Besichtigungstouristen, die dann natürlich gerne am Wochenende sich diese Termine einrichten möchten. Dass man sonntagnachmittags, bevor man Kaffeetrinken geht, noch mal schön ein Objekt anguckt, so anstatt Spaziergang ein paar Häuser anschaut. Und das ist dann schon ärgerlich, wenn man einen Anruf bekommt, wir können nur sonntags zwischen 15 und 17 Uhr, und man schaufelt sich das dann frei, hat Ärger mit der Familie, weil man eben doch noch mal weg muss, kann eventuell irgendwelche Termine selber dadurch nicht wahrnehmen.

Doch, das ist ganz häufig aufs Wochenende verlegt, oder auch gerne an Feiertagen, so an Himmelfahrt oder so. Das sind auch berühmte Termine für Leute, die gerne Häuser angucken. Echte Interessenten, die wirklich dringend ein Haus suchen oder auch langfristiger ein Haus suchen, die gehen schon zu gesitteten Zeiten auch los.


Dennoch, alle Interessenten werden zuvorkommend behandelt, ihre Motive nicht in Frage gestellt.

Das Problem ist, dass von zehn Besichtigungstouristen ja tatsächlich zwei dann irgendwann auch doch noch mal bei Ihnen ein Haus kaufen. Oder, wenn man's dann mitkriegt, kaufen sie bei der Konkurrenz. Das haben wir gerade heute wieder gehabt.

Michael Krey hat keineswegs ein schlechtes Gewissen, auch bei bloßem Informationsbedürfnis die Hilfe eines Maklers in Anspruch zu nehmen:

Ich glaube, das ist der Job vom Makler so etwas zu zeigen. Und wie ernst mein Interesse ist, das kann durchaus ja dann, wenn das Objekt wirklich ganz interessant wird, auch durchaus dann ernster werden. Das ist der Job vom Makler, dass er auch Leuten diese Objekte zeigen, die nicht wild entschlossen sind und von vornherein einen Einkommens- oder Vermögensnachweis erbringen können.

In den vergangenen 25 Jahren hat Michael Krey zwei Wohnungen gekauft und verkauft und ein Haus gebaut. Wenn er wieder einmal seinen Wohnsitz wechseln möchte oder davon träumt, auch ein Haus im Süden zu haben, dann beschäftigen ihn ganz unterschiedliche Fragen:

Einmal z.B. die Marktbeobachtung, wenn ich eine Wohnung oder ein Haus kaufen möchte, dann ist es sicher wirklich wichtig zu wissen, was sind die Preise, was wird angeboten, und auch umgekehrt, wenn man wieder eine Wohnung verkauft, spielt die Marktbeobachtung da eine ganz wichtige Rolle. Und das lässt sich nicht alleine aus der Zeitung bewerten oder von irgendeiner zugeschickten Verkaufsaufgabe, sondern das muss man sich dann in der Regel auch anschauen und sich selber ein Bild davon machen. Das reicht aus häufig, von außen so ein Objekt zu sehen, um im Wesentlichen die Lage zu beurteilen, aber es ist auch ganz aufschlussreich so etwas von innen zu sehen, also technische Ausstattung, wie sieht das von drinnen aus, was könnte man da gestalten.



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