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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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6.12.2004
"Wo liegt das bloß?"
Über Verstecke, geheime Plätze, verborgene Depots
Von Peter Kaiser

Irgendwo gut versteckt: Goldreserven der Bundesbank (Bild: AP)
Irgendwo gut versteckt: Goldreserven der Bundesbank (Bild: AP)
Schon immer gab es große und kleine Schätze, die in irgendeinem Winkel der Welt verwahrt und vor den Blicken Neugieriger geschützt waren. Diese Winkel können ein in der Wand eingelassener Safe sein, ein helvetisches Nummernkonto oder ein vergrabener Beutel sein. Und manchmal ist ein solch geheimer Ort auch nur ein hoher Schrank, unerreichbar für Kinderhände. Mit dem Wachsen der Kinder wachsen auch diese Verstecke, sind wie "Schattengewächse", die nicht selten Phantansien fördern, mystische Vorstellungen, auch Okultes.

Achim Striegl: Das ist ein versteckter Münztresor, der fährt aus den Tiefen des Möbels nach oben, nachdem sich vorher eine Kulisse aus Figuren der Comedia de l´arte nach hinten geschoben hat.

Der fährt nach oben, und wir sehen jetzt diese Reihe von Schubkästen, das sind wiederum Schwenkschubkästen, ganz flache, die dann zur Seite sich auffalten, und darín war eben Platz für Münzen, Medaillen, Gemmen, also flache Kostbarkeiten.


Glockenspiel

Achim Striegl: Das Glockenspiel ist sicherlich zum einen eine Freude, zum anderen auch ein Alarm. Man kann diese Mechanik nicht unbemerkt bedienen, dann ertönt eben diese doch längere Melodie, die auch gut zu hören ist, und der Besitzer wird darauf aufmerksam.

Also ich denke, es gibt zum einen die spielerischen Verstecke, wo die Freude über diese kleinen Fächer, die sich auftun, das saubere Holz, das Miniaturhafte überwiegt. Es sind aber Fächer, die offensichtlich sind in ihrer Existenz. Also keine ernstzunehmenden Verstecke darstellen.

Eine zweite Kategorie sind ernstzunehmende Verstecke. Also solche, wo der zu Suchende wirklich ins Grübeln kommt. Also wenn er erkennt, dass sich da ein Raum verbirgt, ein versteckter, wie öffne ich das? Das heißt, der auslösende Mechanismus, der auslösende Hebel oder Knopf ist so gut versteckt, vielleicht auch über eine lange Wippe an einem anderen Ort am Möbel, dass er ihn wirklich so schnell nicht findet. Er ahnt, da muss etwas sein, aber er kommt nicht dahin.


Dieses Möbel, das Achim Striegl, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Berliner Kunstgewerbemuseum, so anschaulich beschreibt, ist einzigartig auf der Welt. 3,50 Meter in etwa ist der Kabinettschrank hoch, und um die 700 kg schwer. Er wurde 1780 von der Möbelmanufaktur David Röntgen aus edelsten Hölzern für den preussischen König Friedrich Wilhelm II. gefertigt, und sein damaliger wahrhaft königlicher Preis von 12 000 Talern entspricht heute dem Wert von 12 Häusern.

Achim Striegl: Es ist eben ein Schreibmöbel vom Typ her, das vollgebaut mit aufwändigen Mechaniken ist. Das heißt, man erlebt das Wunder, dass man einzelne Knöpfe drückt, wenn man sie kennt, und dann öffnen sich vorher unzugängliche oder unvermutete Fächer und Kästen, die fahren nach vorne, durch Federn getrieben, die schwenken auf, Rollos bewegen sich nach hinten, es werden kleinere und größere Schubkästen sichtbar. Es gibt ein größeres Stehpult, was nach vorne fährt, und sich entblättert, muss man sagen. Das geht hin bis zu frei beweglich aufgehängten Tintenfässern. Die sich dann eben wieder in der Waage befinden.

Das Verstecken von Kostbarkeiten, Preziosen aller Art, das sich am über 200 Jahre alten königlichen Kabinettschrank in höchster Kunstfertigkeit manifestiert, ist etwas zutiefst Menschliches und Uraltes. Geheimverstecke, verborgene Mechanismen, dunkle Winkel und nicht jedem zugängliche Orte hat es schon immer gegeben. Man denke nur an die raffiniert versteckten Gänge in den Pyramiden, Maya-Tempeln oder an die Geheimkammern der Schlösser, Burgen und Klöster. Nicht selten haftet diesen "Räumen hinter den Räumen" etwas Mystisches, etwas Okkultes sogar an. Manchen Menschen scheint es dann, als wäre die wirkliche Welt hinter der tatsächlichen verborgen.

Frau: Das mit den mystischen Orten, das kenne ich gut. So Erlebnisse habe ich immer wieder gehabt, also dass ich an irgendwelche Orte kam, wo ich gemerkt habe, jetzt bin ich irgendwo gelandet, wo dann die Phantasie mit mir durchging. Wo ich gedacht habe, jetzt könnte da wirklich irgend so eine Märchengestalt aus dem Baum sich entwickeln, also das habe ich auch immer noch heute so. Weil es gibt bestimmte Orte, wenn ich da hinkomme, das sind Wälder oder so, das sind Zauberwälder. Und ich glaube, das macht sich dann auch teilweise bemerkbar, was ich dann auch meinem Kind vermittel.

Mann: Verstecken bedeutet für mich in erster Linie erst einmal, es den Augen meines Kindes zu entziehen. Vorübergehend. Es gibt einfach Stellen, wo meine Tochter noch nie geschaut hat, und auch in nächster Zet nicht schauen wird. Einfach, weil sie da nichts vermutet. Es gibt natürlich auch Stellen, wo sie genau weiß, wenn sie da sucht, da gibt es was zu finden. Aber das sind da eher so die Stellen in der Küche, wo es Süßigkeiten gibt, zum Beispiel. Nach Geschenken guckt sie eigentlich überhaupt nicht. Ich glaube, es ist ihr auch selber wichtig, dass sie da noch einen Überraschungseffekt hat, zum Geburtstag oder zu Weihnachten.

Frau: Für mich als Kind war das der Friedhof. Das war so mein geheimer Ort. Gegenstände eigentlich so in dem Sinne habe ich da nicht versteckt, also es sind da einfach so persönliche Gedanken gewesen. Es war für mich einfach so mein Geheimort. So mit Gegenstände verstecken…hatte ich eigentlich als Kind gar nicht so. Alles, was ich für mich so an Schätzen entdeckt habe, die habe ich auch immer meinen Eltern gezeigt. Das war dann eher so, ich musste das kundtun.

Kind 1: Bei mir war das tollste Versteck unter dem Balken von meinem Hochbett. Da war eine Maus von Lucie.

Kind 2: Manchmal verstecke ich Süßigkeiten. Am liebsten in der Schüssel, wo die Blumen drin sind, die leuchten können.

Kind 3: Soll ich sagen, was mein bestes Versteck ist? Im Garten. Hinter den Misthaufen. Im Misthaufen drinne.

Kind 4: Ich verstecke auch manchmal Süßigkeiten und Spielsachen von mir. Einfach so. Am liebsten verstecke ich das unter meinem Bett.

Kind 5: Das absolut coolste Versteck ist nämlich unter dem Kamin.

Mann: Es gibt zum Beispiel, fällt mir jetzt ein, ein Versteck auf meinem Bücherregal, ziemlich weit oben. Das ist in ungefähr zwei Metern Höhe, da liegt noch ein Geschenk für meine Tochter, das ich bisher in schöner Regelmäßigkeit vergessen habe ihr zu geben. Das ist eine Barbiepuppe.

Dass das Verstecken, Schaffen verborgener Orte nicht nur von Kindesbeinen an geübt wird, sondern sich auch im Erwachsenenleben fortsetzt, zeigt die immer größer werdende Flut komplexester Verschlüsslungsmechanismen in einer zweiten Welt neben der realen, der Welt des "Word-Wide-Web". Passwörter, ID-Codes oder Personal-Keys erlauben heute das blitzschnelle Transferieren von wichtigen Informationen. Doch auch Geldsummen, mitunter enorme, werden inzwischen so sekundenschnell von einem Ort zum anderen versendet. Mitunter auch auf zwielichtige Konten, Nummernkonten, im Ausland.

Mann: Tatsächlich ist es mir passiert, dass ich irgendwann einmal in meinem Kleiderschrank 300 Mark gefunden habe, also damals noch, als es noch Mark gab. Und ich mir überhaupt nicht erklären konnte, wie die da hingeraten sind. Aber ja doch, das waren wohl 300 Mark, die ich irgendwann mal da deponiert hatte, und dann völlig vergessen hatte.

Wie zum Trotz gegen die virtuellen Möglichkeiten…der einfache Kleiderschrank als Versteck stemmt sich jeden Moden entgegen. Ungeachtet der Safes, neben oder hinter Gemälden, Geheimfächern und verborgenen Depots öffnet er sich dem Verstecker wie ein Berg mit vielen Gängen.

Mann: Es gibt zum Beispiel ein Versteck, das ist im Schrank meiner Gattin, das ist auch relativ hoch gelegen. Da, wo sie ihre Unterwäsche unterbringt. Und da so ganz hinten drunter, da denke ich mal, da kommt dann meine Tochter auch nicht dran.

Frau: Also mein Kleiderschrank, da hinten, da, wo noch ein par Umzugskisten sind, in der letzten Ecke, da. Aber da könnte es auch wieder passieren, dass Lucca jetzt auch wieder Verstecken spielt, und er muss dann da jetzt unbedingt reingehen. Momentan in der neuen Wohnung kann ich es noch nicht ganz sagen, wo die Ecke ist.

Kind 1: Ich kenne ein gruseliges, im Keller…

Kind 2: …wo Gespenster kommen und Eulen.

Frau: Ja, was würde ich verstecken wollen? Irgendwie was, was ich mein Lebenlang schon irgendwie mittrage Also das wäre vielleicht auch irgendwie was, von dem ich eh Abschied nehmen würde. Wo ich sage: okay, es heißt auch, dass ich das zum Abschluß bringe. Und ich denke schon, das wäre dann was, wo ich sage, so, das ist jetzt einfach ein Punkt aus meinem Leben, davon kann ich mich verabschieden und loslösen, was mir persönlich dann auch was bringt.

Kind 3: Mein gruseligstes Versteck ist in einem Krokodilmaul.

Kind 4: In der Waschmaschine.

Achim Striegl: Ich würde auch immer noch gern solche Verstecke sehen, wo einfach das Wunder augenfällig wird. Also, wo man etwas auslöst, und darüber staunt, was sich daraus entwickelt.

So sind Verstecke immer auch Orte, die Innerstes bergen und verbergen, Liebesbriefe etwa oder peinliche Enthüllungen, Nachlasswünsche oder einfach nur Erinnerungen.

Für Eltern sind Verstecke etwas, gerade zur "Hoch-Zeit des Geheimen", dem Weihnachtsfest, das zum einen mit den Kindern wächst, weil die gierigen Händchen höher, schlauer und findiger werden. Zum anderen sind sie, jenseits der bewahrten Gegenstände zum Fest, mit der Vorfreude auf leuchtende Augen gefüllt. Am Schrank des alten Königs jedenfalls ist die Kunst des Versteckens und des Verstecks unerreicht, und…noch nachvollziehbar.

Achim Striegl: Ich drücke einen Knopf, und ein gesamter Bewegungsablauf findet statt. Ich denke auch, dass darin das wirklich Staunenswerte liegt, dass heute in dieser Zeit von höchster Technik, die wir so selbstverständlich kennen, das immer noch staunenswert ist, weil wir eben das Wunderbare so anschaulich haben. Es ist nicht vollkommen im Unverständlichen verschwunden.

Als Johann Wolfgang von Goethe den Röntgen-Schrank sah, formulierte er an ihm nicht nur das Wesen des Verstecks, sondern auch ein amouröses Stelldichein.

"Wer einen künstlichen Schreibtisch", notierte der Dichterfürst, "von Röntgen gesehen hat, wo mit einem Zug viele Federn und Ressorts in Bewegung kommen, Pult und Schreibzeug, Brief und Geldfächer sich auf einmal oder kurz nacheinander entwickeln, der wird sich eine Vorstellung machen können, wie sich jener Palast entfaltete, in welchem mich meine süße Begleiterin nunmehr hineinzog. Alles war köstlich und geschmackvoll."
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