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25.11.2004
Kind schafft Recht?
Fünf Jahre neues Kindschaftsrecht
Von Andrea Marggraf

Kind auf dem Spielplatz (Bild: dradio.de/Andreas Diel)
Kind auf dem Spielplatz (Bild: dradio.de/Andreas Diel)
Das neue Kindschaftsrecht gibt es seit 1999. Seit fünf Jahren heißt es also bei Scheidungsverfahren, dass das Sorgerecht für Kinder automatisch beiden Eltern übertragen wird. Ziel des Gesetzgebers war, den "Streitfall Kind" bei einer Scheidung zu vermeiden. Richter und Psychologen ziehen jedoch einer zwiespältigen Bilanz.

Margret: Es ist schlecht das Kindschaftsrecht. Es ist schlecht.

Gobel: Ich bin froh, dass es so ist. Wenn das nicht gewesen wäre und ich hätte meine Tochter nicht gehabt, ich sage das ganz ehrlich, ich wüsste nicht ob ich dann noch weiter leben wollte. Wahrscheinlich wäre ich da irgendwo unter einer Brücke gelandet.

Seit 1999 gibt es ein neues Kindschaftsrecht. Seit fünf Jahren heißt es also bei Scheidungsverfahren, dass das Sorgerecht für die Kinder automatisch beiden Eltern übertragen wird. Der Streitfall Kind soll damit wegfallen. In der richterlichen Praxis zeigt sich eine zwiespältige Resonanz auf das neue Kindschaftsrecht. Einige Richter sprechen von gewachsenen Papierbergen, andere sehen überhaupt keine Probleme. Fakt ist, dass es weitaus weniger Urteile seitdem gibt, in denen das alleinige Sorgerecht ausgesprochen wird. Fakt ist auch, dass nur ein geringer Anteil der Scheidungen auf Einvernehmlichkeit beruht. Richterin Sybille Hien vom Berliner Familiengericht stand dem neuen Gesetz sehr skeptisch gegenüber.

Richterin Hien: Ich hatte Sorge, dass sich viele Eltern einfach nicht mehr positionieren und keinen Antrag stellen und sagen, wir wollen diesen Streit vermeiden, wir üben einfach die gemeinsame elterliche Sorge aus. Und im Rahmen dieses Nicht-Streits die Kinder zu kurz kommen. Keiner fragt unter Umständen eigentlich wirklich nach dem Willen der Kinder. Die Eltern machen aus, gut die Kinder bleiben bei dir. Fertig, wir streiten nicht drüber. ... Das war nach dem alten Recht anders. Einer musste den Antrag stellen, oder sie mussten den Antrag stellen, wir behalten die gemeinsame elterliche Sorge gemeinsam. Und wir haben die Kinder gehört. Ich fand diesen Rückzug aus der elterlichen Sorge etwas problematisch, weil ich im Rahmen meiner Tätigkeit einige Fälle erlebt habe, wo Kinder die Möglichkeit hatten zu sagen, ich will dort nicht bleiben, wo man mich jetzt lässt.

Die Praxis zeigt, dass viele Frauen aus Angst vor einem Konflikt mit dem Vater des Kindes lieber keinen Antrag auf eine alleinige Sorge stellen. Und bei den Vätern sind es vor allem die Unverheirateten, die von dem neuen Gesetz profitieren. Sie haben jetzt ein Recht auf Umgang und sie können zusammen mit der Mutter des Kindes das gemeinsame Sorgerecht festlegen lassen. Doch Einvernehmlichkeit gibt es nur selten bei einer Scheidung und die Frage ist, wann wird heute noch entschieden, dass das alleinige Sorgerecht auf einen Partner übertragen wird?

Richterin Hien: Erstens muss der Antrag da sein. Ohne Antrag keine alleinige elterliche Sorge. Dann muss die Situation so sein, dass man zu der Überzeugung kommt, die Eltern sind nicht in der Lage, die gemeinsame elterliche Sorge auszuüben. Es besteht zwischen ihnen keine Ebene der Kommunikation, der Kooperation. Sie werden nicht in der Lage sein für das Kind Entscheidungen zu treffen. Sie sind noch nicht mal mehr bereit, über das Wohl des Kindes miteinander zu sprechen. Wenn man den Eindruck erlangt, dass überhaupt kein Weg für ein gemeinsames Gespräch vorhanden ist. Wenn aus irgendwelchen Gründen ein tiefer Hass besteht, dann wird man sagen, die Aufhebung der gemeinsamen elterlichen Sorge ist für das Kind besser, um nicht in der Konfliktsituation in der Mitte zu stehen. Dann ist zu entscheiden, wenn beide den Antrag gestellt haben, welcher ist der Geeignetere. Dazu braucht man unter Umständen ein Gutachten.

Psychologin Becher: Das ist für die Kinder extrem schwierig. Wobei die Situation schon gegeben ist. Schwierig wird es nicht erst bei der richterlichen oder gutachterlichen Befragung. Schwierig ist es die ganze Zeit. Das sage ich auch den Eltern, die also Ängste haben, ihre Kinder noch einmal untersuchen zu lassen. Das ist nicht das Schlimme. Oft sind die Kinder auch mal entlastet, wenn sie es hier mal sagen konnten. Sehr entlastend ist es für die Kinder, wenn man sagt, du entscheidest das nicht. Das entscheidet das Gericht. Und deswegen ist auch der Wille nicht das Hauptsächliche oder wichtigste Kriterium. Also man muss den Kindern auch sagen, du musst hier nicht entscheiden. Und mit deiner Willensäußerung nicht endgültig vorgeben, wo es endgültig langgeht.

Ursula Becher ist Psychologin und erstellt schon seit längerem Gutachten innerhalb der Scheidungsverfahren. In ihrer Praxis therapiert sie keine Kinder mehr. Ihrer Meinung nach sind oftmals die Eltern das Problem. Und an die kommt man nur schwer ran.

Margret F.: Er hat ja immer die Kinder gehabt. Ich sah ja überhaupt keine Veranlassung zum Gericht zu gehen. Ich wollte nicht, dass die Kinder angehört werden. Ich wollte mit ihm zur Mediation und dann sind wir zu einer Beratung gegangen. So noch mal extra. Im Interesse der Kinder kann man ja noch eine Beratung anstreben und die hat dann immer gesagt: Gehen sie nicht zum Gericht, tun sie nichts, sondern bleiben sie so, denn die Kinder werden dort angehört. Das können sie doch den Kindern nicht antun. Sie müssen doch versuchen, hier einen Konsens zu finden. Dafür sind wir doch da. Er hat alles ignoriert. Ist zum Gericht. ...wegen Entfremdung der Kinder. Obwohl wir Termine hatten andauernd.
Das ist es ja. Die Männer, es geht ja um die Machtposition, um der Frau eins auszuwischen. Es geht nicht um die Kinder. Der Vater der Kinder interessiert sich nicht primär für die Kinder. Wenn sie kommen, dann kommen sie, dann passen sie in den Terminkalender, wenn er was frei hat. Ansonsten interessiert nichts. (Und wenn er mir eins verpassen kann, so mit dem Messer von hinten durch den Rücken, durch die Brust, dann ist es gut.) Nur dann interessieren die Kinder. Ansonsten nicht. Die Männer kannst du nicht fassen, aber die Frauen....Und das ist das Kindschaftsrecht. Er hat wirklich alle Freiheiten. Denn zwingen kann man ja den Vater zu nichts. ... Das Kindschaftsrecht, das müsste insofern novelliert werden, dass die Männer mehr Pflichten übernehmen müssten, mehr Pflichten.
Also wenn man sich einig ist, braucht man kein Kindschaftsrecht. Und wenn man sich nicht einig ist, dann ist doch dieses Kindschaftsrecht für 'n Arsch oder? Die Gerichte sind ja noch voller. Jetzt wird erst recht gehauen. Und wie gehauen.


Margrit F. ist Mutter von zwei Kindern. Seit sechs Jahren kämpft sie für sich und ihre Kinder um einen regelmäßigen Unterhalt und Umgang. Der Vater hat kurz nach der Geburt seines zweiten Wunschkindes das Haus verlassen. Er besucht seine Kinder jetzt zweimal im Jahr.

Kinder Klara und Max: Das ist schon blöd. Ich wünschte, sie wären zusammen. Aber das geht ja nicht. ... Mich brauchst du nicht mehr fragen, der kommt nie wieder.
Klara: Er wollte mir ein Paket schicken, wo er drauf ist. Aber hier herkommen wird er wohl nicht mehr.
Was wünscht ihr euch denn?
Klara: Ich wünsche mir ein Bild von Papa, damit ich ihn immer bei mir habe. Damit er nicht immer so weit weg ist und ich nicht so traurig sein muss.
Max: Und ich wünsche mir Blumensamen. Die Blumensamen, da habe ich dann immer eine Erinnerung an ihn.

Psychologin Becher: Ja, die Spätfolgen sind da. Zum einen ist natürlich der Umgang mit beiden Elternteilen natürlich für die eigene Identitätsbildung sehr wichtig. Natürlich für den Gleichgeschlechtlichen ganz besonders. Das heißt, Jungen brauchen noch mal insbesondere die Orientierung am Vater, Mädchen an der Mutter. Zum anderen ist es aber auch eine grundsätzliche Identität. Es reicht auch nicht dem Kind eine gleichgeschlechtliche Bezugsperson an die Seite zu stellen als Stiefvater oder Stiefmutter, sondern. Natürlich ist immer die Frage nach dem wo komme ich her. Es gibt eine Pflicht zum Umgang. Ich habe in einem Urteil mal gehört, dass es umgesetzt wurde. Ein Vater wurde verdonnert, sein Kind zu besuchen unter Zwangsgeldandrohung. Aber das ist eher nicht die Regel. Die Realität ist immer besser als die Phantasie. Was die Kinder da phantasieren, wenn sie den anderen nicht sehen, ist manchmal doll. Und zwar in beide Richtungen, also der andere kann da völlig dämonisiert werden oder idealisiert werden. Und das ist alle Mal für das alltägliche Leben ein Problem. Ich finde so eine Sorgerechtsübertragung auf Einen einen sehr massiven Eingriff. Manchmal muss es sein. Aber man sollte dann genau hingucken, ob es unumgänglich ist. Wenn die Sorge erst einmal weg ist, dann kommt sie auch nicht mehr zurück. (...)

Richterin Hien: Ich denke, dass die Paare, die sich streiten wollen und nicht aufhören wollen zu streiten, haben beim alten Kindschaftsrecht gestritten und streiten beim neuen Kindschaftsrecht mit derselben Heftigkeit. Sie werden immer den Schauplatz finden, den sie wollen, um diesen Streit auszutragen. Insofern ist natürlich auch der Streit heute, wenn ein Elternteil den Antrag auf alleinige elterliche Sorge stellt, teilweise noch heftiger geworden, weil damit auch ein Prestigeverlust einhergeht. In der Regel ist, man hat die elterliche Sorge gemeinsam. Und grade Leute aus gebildeteren Schichten sehen in dem Umstand, dass sie nun nicht mehr die elterliche Sorge ausüben sollen, einen großen Gesichtsverlust. Es besteht hier ein bisschen das Gefühl, was bin ich für ein schlechter Mensch, wenn ich die elterliche Sorge nicht mit haben kann. Das hat sicher bei manchen Paaren zur Verschärfung geführt.

Während die Position der Väter deutlich gestärkt wurde, ist die gemeinsame elterliche Sorge für die Mütter oft ein Balanceakt der Toleranz. Der Alltag spricht hier seine eigene Sprache. Elisabeth Küppers vom Verband allein erziehender Mütter und Väter:

Elisabeth Küppers: Hier in der Beratungserfahrung. Wir führen ja jetzt auch immer Statistik, was jetzt so an Beratungsanliegen da ist. Da kann man eindeutig sagen, dass der Beratungsbedarf in Punkto Umgang und Beziehung zum Kindsvater enorm zugenommen hat. Das war vorher klarer geregelt. Ich will nicht sagen, dass es vorher besser geregelt war, dass der uneheliche Vater vorher kein Umgangsrecht hatte. Das ist sicherlich nicht zu vertreten. Aber man kann nicht sagen, dass durch die Kindschaftsrechtsreform die Probleme geringer geworden sind. Sondern sie haben sich in einen anderen Bereich verlagert. Auf dem Bereich Umgang und Beziehung wird jetzt gestritten.

Richterin Hien: Man muss auch sagen, dass ist einwandfrei eine gewisse Mogelpackung. Derjenige, bei dem das Kind lebt, hat die so genannte Alltagssorge und im Rahmen der Alltagssorge können alle Dinge entschieden werden, die von besonderer Wichtigkeit sind. Im Grunde ist es so wie in altmodischen Zeiten meistens die Mütter, oder der andere Erziehungsberechtigte entscheidet sich in allen Dingen alleine. Manchmal passiert noch nicht mal das, sondern derjenige, bei dem das Kind lebt, entscheidet in allem und der andere Elternteil interessiert sich gar nicht dafür und kümmert sich auch nicht dafür. Aber trotzdem ist es vielleicht für das Kind das bessere Gefühl.

Psychologin Becher: Und die Kinder sind involviert, gerade in finanziellen Fragen. Es gibt Kinder, die dürfen jeden Brief aufmachen, der vom Gericht kommt oder von den Anwälten. Die sind bestens informiert. Und das hört man dann auch in der Wortwahl. Also wenn die das dann hier reproduzieren, da ist so evident, wo sie's herhaben. Das ist fürs Gutachten leicht. Man kann sagen, das Kind ist beeinflusst. Das macht hier druckreife Sätze. Auf der anderen Seite ist es fürs Kind verheerend. Es ist vollkommen in der Mühle drinne und in diesen Fällen kippen die Kinder auch auf eine Seite. Und können die Balance nicht halten. Oder sie fangen an, psychisch massiv auffällig zu werden. Also mit tatsächlichen Verhaltensauffälligkeiten.

Margret F.: Den Frauen wird ja immer unterstellt, dass sie die Kinder zurückhalten, dass sie die Kinder instrumentalisiert. Das stimmt nicht so. Ich meine, du kannst keiner Frau, du kannst das Finanzielle. Das ist einfach bodenlos. Du kannst das nicht auseinander halten. Zu den Umgangsformen, da soll sie ja und ahm dazu sagen. Nichts Negatives über diesen Mann berichten, nichts, sie soll den Vater eigentlich als Neutrum darstellen oder hofieren. Aber der streicht dir knallhart den Unterhalt. Wie willst du denn da existieren. Du hast da Existenznöte und dann sollst du ihm noch ganz freundlich das Kind übergeben? Und da weißt du am nächsten Tag nicht wie du dein Brot mit Zucker da irgendwie zustande bringen sollst. Das darf nicht sein.

Daniel Gobel ist Vater einer sechsjährigen Tochter. Die Mutter lebt schon lange nicht mehr bei ihnen. Bis vor kurzem hat er noch gebangt, ob er das Sorgerecht für seine Tochter bekommt. Die Mutter hat ihr Kind schon seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Einschulung, Geburtstag, von der Mutter war nichts zu hören.

Vater Gobel: Zum einen gibt es sicher ganz viele, die sich davor drücken und ganz froh sind, dass sie die Verantwortung nicht haben. Aber zum großen Teil sind auch viele, die dabei resignieren und keine Lust haben diesen Kampf zu kämpfen. Um das Kind zu kämpfen oder diese Verantwortung zu übernehmen. Weil man einfach dieses Bild hat oder dieses allgemeine Denken. Eine Mutter bekommt das Kind immer. Das ist so. Das hat man auch mir immer wieder gesagt, Du hast keine Chance. Der Mutter hat man immer wieder gesagt, mach dir doch keine Sorgen. Du kriegst das Kind allemal. Das wird auch ein Grund sein, wo viele Väter dann resignieren und sagen, eigentlich hast du doch gar keine Chance.
Ich habe mir da auch gar keine Chancen ausgemalt. Ich bin da grade durch. Ich hab gesagt, ich mach das ich versuch das jetzt. Und ich kämpfe.


Seit dem letzten Gerichtstermin steht nun fest, er wird das Sorgerecht bekommen. Dieser Fall ist eindeutig.

Richterin Hien: Weiter ist ein Zusatz, ein neues Problem. Von den Parteien wird heute Mobilität im Berufsleben erwartet. Eltern üben die gemeinsame elterliche Sorge aus, kümmern sich tatsächlich beide viel um die Kinder. Ein Partner bekommt eine neue Arbeit, einen neuen Partner in einem anderen Teil Deutschlands. Diese Fälle häufen sich und sind sehr, sehr schwer zu entscheiden. ...Und das sind oft sehr heftige, sehr emotional geführte Streitigkeiten. Hinzu kommt, dass ein Kind zum Beispiel den Wunsch hat, am Ort zu bleiben. Das andere Kind möchte mit. Die Kinder wollen sich aber auf keinen Fall trennen. Dies sind Fälle, die extrem schwierig sind und die doch heute häufiger vorkommen wie früher, weil sich eben beide um die Kinder kümmern.
Ich muss jedes Mal schauen und man muss sich auch jedes Mal im Klaren sein, wenn das Familiengericht über die elterliche Sorge entscheidet. Diese Entscheidung ist in meinen Augen auf seine Art und Weise immer falsch. Eltern müssen über ihre Kinder selbst entscheiden. Und dürfen nicht einer Institution wie dem Gericht, dem Familienrichter, -richterin diese Aufgabe überlassen. Das ist ein Scheitern der Eltern. Das muss man ganz klar sehen. Es ist nicht Aufgabe von dritten über den Lebensmittelpunkt des Kindes zu entscheiden. Das ist Aufgabe ihrer Eltern.


Küppers: Ich hatte letztens in der Mediation. Da wurde gerade gestritten, weil es dem Kind gerade nicht so gut geht. Sie haben relativen hälftigen Umgang und dann ging es um die Frage. Da sagte die Mutter, können wir das nicht ein bisschen reduzieren, das Kind ist völlig irritiert. Kommt damit nicht klar. Er sagt, er hat auch das Gefühl, es kommt nicht klar. Aber er wollte es noch mehr zu seiner Seite hin verändern. Im Sinne von wir müssen es völlig hälftig machen. Und da stehen die beiden. Und was machen wir jetzt da. Ja, ich habe doch das Sorgerecht. Ich habe das gleiche Recht wie du. Was man rein theoretisch auch nachvollziehen kann. Oder auch emotional nachvollziehen kann. Aber es bleibt, darüber haben wir bis jetzt zu wenig geredet, das Interesse des Kindes auf der Strecke. Da haben beide Rechte, vernehmliche Rechte, die sie wahrnehmen wollen. Zum Teil um zu seinem Recht zu kommen, oder um dem anderen noch eine Retourkutsche zu fahren. Aber das Recht des Kindes bleibt dabei auf der Strecke

Peter Thiele ist Vorsitzender des Verbandes Väter e.V. Aus seiner Erfahrung plädiert er für die Einführung eines Anwalts für das Kind.

Peter Thiele: Der Anwalt des Kindes, der im strittigen Fall beigeordnet werden soll, ist zurzeit 'ne freiwillige Geschichte ... das sollte eine Muss-Bestimmung sein. Die Eltern haben beide 'nen Anwalt dabei, einen Rechtsanwalt, die sich mit schweren Geschützen beschießen. Dann brauche ich einen Anwalt des Kindes, der das Kind repräsentiert.

Die Rechtsanwälte scheint das Gesetz eher weniger zu tangieren, da in erster Linie das Sorgerecht als Streitpunkt wegfällt und da es eben nicht mehr viele Eltern gibt, die einen Antrag auf eine alleinige Sorge stellen. Unabhängig davon, dass weniger Anträge gestellt werden, sieht Rechtsanwalt Hermann Witt hinter der Politik des neuen Kindschaftsrechts noch einen wichtigen psychologischen Aspekt.

Rechtsanwalt Witt: Das ist also eher ein Appell an die Verantwortung der Eltern, Streitigkeiten zur Seite zu legen. Ihr bleibt Eltern und ihr bleibt zeitlebens Eltern. Ich als Gesetzgeber sage euch, dass ihr die Verantwortung übernehmen müsst.

Als Fachanwalt für Familienrecht hat sich Hermann Witt auf Mediation spezialisiert. Erstaunlich ist, dass es einige Rechtsanwälte mit dieser Spezialisierung gibt, obwohl sie keine psychologische Ausbildung haben. Auf jeden Fall stellt auch Hermann Witt in den Gesprächen mit seinen Klienten immer wieder fest, dass die Frage des Umgangs inzwischen ein viel größeres Problem geworden ist.

Rechtsanwalt Witt: Es gibt problematische Mütter und es gibt problematische Väter, die auch oft von Hilflosigkeit und Ängsten geprägt ist, die ja auch Gründe haben, nach meinem Eindruck, die manchmal schwer nach zu vollziehen sind. Also, ich stelle manchmal so Fragen: Was ist die konkrete Befürchtung? Kann es nicht entlastend sein, so etwas wie die provokative Frage, können sie doch froh sein, haben sie mal ein Wochenende für sich, oder mal ein paar Tage. Oder mal einen Abend für sich. Geben sie ihm doch mal die zwei oder drei oder auch das eine Kind. Sieht er mal wie ein Alltag aussieht und sie können mal was weiß ich machen, sich mal in die Badewanne legen, können tanzen gehen, oder ich weiß nicht., Kino. Das stößt häufig auf relativ große Augen, also nein, so etwas, das kann ich mir gar nicht vorstellen, mein Kind ja nein, also ohne mein Kind, ja ohne mein Kind. Ja eigentlich, warum nicht ohne ihr Kind? Sie haben doch auch 'nen Anspruch als Mutter oder als Frau oder als weiß nicht was. Sich mal was Gutes zu tun, das ist doch nicht gegen ihr Kind. Das kommt doch ihrem Kind wieder zu Gute. Wenn es zurückkommt und sie ausgeruht und entspannt sind, freut sich ihr Kind. Das ist doch herrlich, nicht? Das ist doch schön für ihr Kind. Und der Vater, haben sie Angst dass das Kind entführt oder so was wird? Das ist in der Regel nicht der Fall.

Also nehmen wir jetzt öfter ein Bad, relaxen, lassen andere Verpflichtungen in der Zeit liegen und schauen anschließend in die müden Augen der Väter? Das hat doch was.

Psychologin Becher: Diese Lösung können nur die Eltern für die Kinder bringen, indem der eine sagt, ich lass dich ziehen und bin nicht unglücklich. Aber das ist der kaukasische Kreidekreis. Immer. ...Der eine kann es, der andere nicht. Grundsätzlich ist es immer ein kleiner Abschied. Von dem einen ist es immer ein bisschen Trauer. Vielleicht auch Freude auf den anderen. ...und es wird natürlich immer wieder die alte elterliche Trennung mobilisiert. Sicher, aber die ist ja da. Man kann es abwehren oder verdrängen. Und Abwehr führt, das wissen wir alle, immer zu Neurosen.

Richterin: Eltern bekommen gemeinsam ein Kind und dieses Kind bleibt ihnen ihr Lebtag. Das heißt, sie müssen eigentlich auch gemeinsam für dieses gemeinsame Kind Verantwortung tragen. Da ist der Kindschaftsrechtsreform vollständig Recht zu geben, und es ist vielleicht auch wichtig, dass dieses Gesetz das zum Ausdruck bringt, den Eltern das Gefühl zu geben, auch das Gesetz verlangt von uns, dass wir gemeinsam Eltern bleiben. Das ist den Kindern doch sehr zu wünschen.

Im Oktober soll der Kindschaftsrechtsreform eine Reform des Unterhaltsrechts folgen. Vielleicht ist dies eine Möglichkeit neben den emotionalen Problemen, die Lücken bei der Durchsetzung eines geregelten Umgangs mit den Kindern zu schließen.
Aber egal ob es um die Frage des Unterhalts oder um emotionale Rivalitäten zwischen den Paaren geht, oft werden dabei leider die eigentlichen Würdeträger in diesem Ränkespiel vergessen - die Kinder. Die Kindschaftsrechtsreform wollte dem ein Zeichen setzen. Jetzt, fünf Jahre nach dem Inkrafttreten der Reform, sind die Rivalitäten nicht geringer, aber vielleicht das Bewusstsein für die Kinder geschärft worden.

Hinweis: Personennamen wurden zum Teil gekürzt oder geändert. Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt.
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