Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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7.12.2004
Alles Geschmackssache?
Warum wir etwas mögen und warum nicht
Von Maria Riederer

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, oder doch? (Bild: AP)
Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, oder doch? (Bild: AP)
Gesetzt den Fall, Sie sitzen mit ein paar Freunden zusammen und überlegen, wo und in welchem Stil Sie heute Abend essen gehen möchten. Gesetzt den Fall, Sie sitzen mit Ihrer Frau, Ihrem Mann, Ihrem Partner zusammen über einem Katalog und diskutieren, welches Sofa sich im Wohnzimmer am besten machen würde. Gesetzt den Fall, Ihre Kinder schleudern Ihnen ein "bäh, eklig!" entgegen, wenn Sie ihnen etwas anderes als Fischstäbchen oder Spaghetti vorsetzen. Überall und allerorten wird über Geschmack gestritten - oder im besten Fall diskutiert. Aber gibt es ihn überhaupt noch, den guten Geschmack? Und - gibt es ihn, wenn es ihn gibt, auch dort, wo wenig Geld und Zeit ist?

Es gibt doch, man kann doch so Eier aufstechen, mit so 'nem kleinen Piekser, und den gibt es aus Plastik, den kann man so für 50 Cent in jedem Laden kaufen - und dann gibt es sie eben aus Metall - von Manufaktum. (...) Und es gibt Menschen, die stellen sich tatsächlich dieses Plastikding hin - nicht, weil sie 1,50 sparen wollen, sondern weil wir heutzutage schon so billig, billig, billig denken, dass gar kein Hersteller mehr - außer eben Spezialhersteller - überhaupt sich traut, was qualitativ Hochwertiges herzustellen, was dann 1,50 € - also das vierfache - kostet für die gleiche Funktion! Denn die Funktion ist die gleiche - man kann damit ein Ei anstechen.

Ist doch total egal. Hauptsache praktisch.

Praktisch ist es für Kreti und Pleti, sich Spitzenvorhänge ans Fenster zu hängen, damit keiner reinguckt. Es geht nicht darum, ob das schön ist oder nicht, sondern man hängt sie, weil man kommt auf keine andere Idee. Man macht sich darüber keine Gedanken, und die Mutter hat es getan, und die Großmutter auch, und so tut man's eben auch und erreicht seinen Zweck und damit ist alles erledigt. Ich glaube, dass die Ursache von schlechtem Geschmack auch einfach im Pragmatismus liegt.

Ist guter Geschmack teuer oder unbequem? Fangen wir da an, wo der Geschmack eben anfängt. Bei der Zunge, beim Riechen, beim Essen und Trinken. Regieren auch hier Geiz und Gewohnheit?

Ich esse gerne Pizza. Nudeln und Spaghetti. Und ich esse gerne Griesbrei und Milchreis - Eis - Nudeln mit Käsesauce mhmm!

Die Kinder haben irgendwann mal gerne Spaghetti gegessen, und dann ist das ein Standard, der für alle Teile eine gute Lösung ist. Die Mutter hat's schnell fertig, sie weiß: Die Kinder werden es aufessen - da kommt das Pragmatische wieder raus - das hat sich bewährt, also bleiben wir dabei. Die Frage ist, ob dann tatsächlich die Kinder irgendwann in der Lage sind, eine hohe Qualität von Essen auch wirklich zu genießen. Das ist die Frage. Ich möchte das einfach mal in Zweifel stellen, weil ich schon glaube, dass eine gewisse Vielfalt auch ausgebildet wird in der Jugend.

Ääh, Mama, das ess ich nicht! Bah, so was ekelhaftes!

"Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort. Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort, ich kost und ich schmecke beim Essen."

Schreibt Johann Wolfgang von Goethe. Er genießt sein Essen mit Bewußtsein, sucht sich - wie man heute sagt - ein passendes Ambiente, während die Jugend sich mit der schnellen Nahrungsaufnahme - egal wo - begnügt und von dannen rennt. Fast Food ist also offenbar kein modernes Phänomen.

Doris Hoffmann und Michaele Loch sind Weinberaterinnen in einem Weindepot. Ihre Aufgabe ist es nicht, Kunden in Sachen Geschmack zu beraten, sondern ihnen Wissen und Vielfalt zu vermitteln.

Man kann natürlich Weintrinken auch erlernen. Ich glaube, beim Weintrinken lernt man nie aus, weil man immer und immer wieder trinken muss, und man kann natürlich seine Geschmacksnerven trainieren. Es gibt Kurse überall, es gibt alles mögliche, um Weingeschmack zu erlernen, und ich empfehle immer wieder: trinken Sie, probieren Sie immer neue.

Schmecken lernen, verschiedene Richtungen, dass man überhaupt mal unterscheiden kann, was man überhaupt schmeckt. Aber das sind mehr so grundlegende Sachen, die feineren Abstufungen, die kommen erst nach und nach - wobei das nach wie vor nichts mit Geschmack zu tun hat, das ist Aneignen von Wissen.


Aha. Ich als notorische Nicht-Wein-Kennerin und Wasser-Trinkerin könnte also lernen, Wein zu lieben?

Sie könnten lernen - nicht unbedingt, Wein zu mögen - Sie könnten lernen, Wein zu trinken und zu erkennen. Was was ist, aus welcher Rebsorte was ist, wie es schmeckt, wie es gemacht ist, das könnten Sie lernen. Das heißt aber nicht unbedingt, dass Sie es anschließend dann auch mögen würden. Wobei, im Allgemeinen lernt es niemand, der es nicht mag.

Also doch ein hoffnungsloser Fall. Das trifft sich gut, denn ich habe ohnehin viel zu viel zu tun, und Wein ist ein teures Hobby.

Also, der Preis ist schon ein ziemlich deutlicher Hinweis auf die Qualität des Weines. Das heißt aber nicht, dass er einem auch besser schmeckt. Der Geschmack kann ein ganz anderer sein. Oder es schmeckt einem ja nicht jeden Tag das gleiche -es kommt auch darauf an, was man ißt, wie es dann dazu passt.

Was der Bauer nicht kennt, ißt er nicht, und damit vertut er sich halt viel, und angefangen vom Essen an sich - was die Zutaten, das Gericht, die Art der Aufmachung, und nachher auch die Art und Weise, wie man's isst - betrifft, da gibt es ja riesige Unterschiede, und ich glaube schon, dass jemand, der weltoffen ist, der interessiert ist auch für andere Kulturen, vielleicht sich eher neuen Geschmäckern zuwendet, das hat sicher auch mit Erziehung usw. zu tun.

Ich glaube, guter Geschmack ist überhaupt kein Luxus, sondern guter Geschmack ist Gehirn, guter Geschmack ist ein Hobby, guter Geschmack ist eine Lebenseinstellung -- aber guten Geschmack kann man erlernen. Guter Geschmack ist absolutes Allgemeingut, und es hängt einfach von einem jeden ab, ob man sich diesen aneignen will, das bedarf einer gewissen Anstrengung, aber jeder kann in ein Kochbuch gucken. Aber man muss sich eben drum kümmern.

Ein flammendes Plädoyer für den guten Geschmack, der nicht Mühe noch Kosten scheut, um sich zu entfalten. Aber denkt nicht insgeheim jeder, er hätte einen guten Geschmack? Auch diejenigen, die bei Möbel (...) einkaufen und dort sogar freiwillig ihren ganzen heiligen Familiensamstag verbringen?

Weinberaterin: Jeder, der sich mit solchen Sachen beschäftigt, mit Einrichtung oder Kleidung und, und und würde sich zu den Leuten mit gutem Geschmack zählen, wobei mein Geschmack wieder ziemlich individuell ist. Ich könnte nicht sagen, der oder die hat einen schlechten Geschmack, weil das finde ich eigentlich nicht in Ordnung.

Andere finden das sehr wohl in Ordnung.

Über Geschmack läßt sich streiten - über guten Geschmack läßt sich nicht streiten.

Warum ist die Innenausstattung von Hotels per se häßlich!? Immer häßlich?!


Und wenn man sich das überlegt, dann ist vielleicht der gute Geschmack außerhalb der Norm.

Du hast die ganze Zeit gewertet immer "geschmackvoll, das ist geschmackvoll" - ich kann das gut verstehen, aber um eine Definition zu kriegen von: was ist eigentlich Geschmack - da muss man eigentlich jede Wertung erstmal rauslassen, also theoretisch. Und das geht eigentlich gar nicht, weil man ein Ideal hat - jeder hat vielleicht ein anderes, und dem einen oder anderen ist es vielleicht egal, er weiß gar nicht, was er für ein Ideal hat und kauft sich nur Scheußlichkeiten, umgibt sich mit Scheußlichkeiten - aber auch wieder gewertet jetzt.

Eine Definition von gutem Geschmack ist schwer zu finden, und Toleranz scheint auch nicht so einfach. Besonders dann, wenn es um wirklich existenzielle menschliche Begegnungen außerhalb von Hotels und Möbelhäusern geht.

Also, die Vorstellung, dass meine Partnerin einen anderen Geschmack hätte als ich - und die Wahrscheinlichkeit ist mittelmäßig hoch - würde mich rasend machen - rasend! So dass ich nicht in der Lage wäre, mit dieser Person auf immer zusammenzuleben.

Guter Geschmack macht einsam. So klingt es jedenfalls.

Oder: Er bringt genau die Menschen zusammen, die mit vereinten Kräften die Lanze für Stil und Qualität brechen. Und damit unser Land vor dem Sieg des Aldi-Penni-Lidl-Plus-Zeitalters bewahren. Und also unsere Wirtschaft retten, weil ihnen ein eleganter Eierstecher satte zwei Euro wert ist und ihnen Essen mehr bedeutet als Satt-Werden.

Wer nicht weiß, was gut ist, der kann auch nichts gutes produzieren, und nach außen bringen - So dass wir, wenn wir weiter so machen mit unserem verirrenden Geschmack, dann bleiben wir wirklich auf dem Niveau stehen: Geiz ist Geil und werden uns immer mehr mit Plastik umgeben, werden dadurch selber minderwertig und müssen uns nicht wundern, wenn Italiener, Franzosen auch Engländer, die noch wissen, was Qualität ist, in vielen Bereichen, außer Köchen vielleicht bei den Engländern - uns in irgendeiner Weise schlagen werden, was im Wettbewerb so auf uns zukommt. Also, ich sehe es schon globaler als nur "guter Geschmack, schlechter Geschmack, ist nur Geschmackssache, ist nicht so schlimm" - also, ich sehe es schon existentiell. Guter Geschmack ist für uns alle überlebenswichtig.

"Allgenügsamkeit, die alles zu schmecken weiß, das ist nicht der beste Geschmack. Ich ehre die widerspenstigen, wählerischen Zungen und Mägen, welche "Ich" und "Ja" und "Nein" sagen lernten."

Also sprach Friedrich Nietzsche in Zaratustra III.

"Der Geschmack einer Nation geht dem Genius nie voraus, sondern hinkt ihm beständig nach."

Christian Friedrich Hebbel in seinen Tagebüchern. Diese unbequem denkenden Männer wussten es bereits: Mainstream und Mode haben nichts mit gutem Geschmack zu tun. Wer es wagt, seinen eigenen Stil zu entwickeln, wird dem Allgemeinen widersprechen und liebe Gewohnheiten aufgeben müssen.

Da muss man sich aber fragen: Warum soll er sich drum kümmern, wenn es eigentlich nur mühsam ist (...) reicht es auch einen schlechten Geschmack zu haben. (...) Das stört ihn ja gar nicht.

Also macht guter Geschmack womöglich nur unzufrieden und unglücklich.

Er macht nicht glücklich, sondern guter Geschmack in jeder Hinsicht, beim Essen, Einrichtung, was man anzieht - ist eine Lebenseinstellung, (...) denn man tut sich selbst damit etwas gutes, indem man sich geschmackvoll umgibt mit Essen usw., - wertet sich damit auf (...) und dann kann man auch mit einem ganz anderen Qualitätsbewußtsein seiner Arbeit nachgehen. Also, es ist schon meines Erachtens eine ganz wichtige Grundgröße.//
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