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26.11.2004
Versicherungen gegen die Angst
Von Lutz Bunk

Angst (Bild: AP Archiv)
Angst (Bild: AP Archiv)
Es gibt genügend Gründe, Angst zu haben: Angst vor Arbeitslosigkeit, vor dem Verlust des gewohnten Lebensstandards, Angst vor Trennung oder Vereinsamung. Seit den 90er Jahren scheint sich immer stärker ein gewisses Panikverhalten in unserer Gesellschaft breit zu machen. Doch je mehr Angst ein Mensch hat, desto offener wird er für Heilsversprechungen, die Patentlösungen gegen Ängste bieten.

Ein Verhaltenstrainer, ein "Coach" aus der freien Wirtschaft:

Zum Bescheißen gehören immer zwei, einer, der sich bescheißen lässt, und einer der bescheißt.

Und der einfache Mensch kann da nicht unterscheiden, wer sind da die Guten, was sind da die Bösen.

Und wenn ich mich blindlinks in eine Situation hineinbegebe, darf ich mich nicht wundern, wenn mir Dinge passieren, die ich gar nicht gewollt hätte.

Ein Versicherungsvertreter:

Versicherung gegen die Angst ? Eine Versicherung heißt immer Schaden! Schaden, nicht böse sein, heißt Sch ... heißt bedauerlicherweise: mein Leben funktioniert nicht mehr, wie es vorher funktioniert hat.

Deswegen gibt's auch 'ne hohe Beschwerdequote, alles was mit Versicherungen zu tun hat.

Weil, der richtig gute Vertreter oder Versicherungsvermittler ist rar gesät.

Eine katholische Gemeindeschwester:

Eine Lebensangst, nach meinem Dafürhalten, stellt sich eigentlich nur ein, wenn man keine Lebensplanung hat, oder nicht wenigstens einen roten Faden, und vor allem, wenn man nicht für sich selber weiß, was einem wichtig ist.

Ein approbierter Psychotherapeut:

Alles, was ne gesunde Angst ist, dagegen kann man sich nicht versichern. Ich denke, Angst gehört zu unserer Grundausstattung, also sicherlich auch von unserer Biologie her. Das war immer etwas, was uns etwas signalisieren wollte. Die Angst spricht ja zu uns. Die Angst sagt: Pass auf, hier passiert was, du solltest acht geben, da könnte etwas sein, was nicht in deinem Interesse ist, und kümmere dich drum, löse dieses Problem.

Das ist die einzige Versicherung gegen Angst, die ich mir vorstellen kann.

Angst. Überall auf der Welt haben Menschen Angst, natürlich auch in Europa. Eine besondere Form der Angst wird den Deutschen nachgesagt, Angst, die sich selbstständig macht, Angst vor der Angst. So nehmen zum Beispiel die Amerikaner uns Deutsche wahr, nach dem Wort "Kindergarten" übernahmen sie in den 90er Jahren auch das deutsche Wort "Angst", "the german angst", für eben jenes Angstgefühl, das krank macht:

Wenn man sich um die Angst nicht kümmert, die nicht wirklich ernst nimmt, nicht in Kontakt tritt, für sich bleibt, kann es ein, dass die Angst innerlich gärt.

Natürlich müssen viele Menschen in Deutschland Angst haben, Angst vor Arbeitslosigkeit, vor Trennung, 50 Prozent aller Ehen zerbrechen, Angst vor Vereinsamung, Angst vor dem Verlust des gewohnten Lebensstandards, Angst vor dem Verlust der Rente. Gut, wenn man sich dagegen versichert, zum Beispiel mit einer privaten Rentenversicherung. 1993 warb der vermeintliche Rentenversicherer, die Göttinger Gruppe, mit einem TV-Werbespot, in dem eine Gruppe Rentner eine Bank überfällt:

TV-Werbespot '93: ... eine Altersversorgung mit der Göttinger Gruppe ist zwar weniger aufregend, aber mit Sicherheit fast so rentabel, die Göttinger Gruppe, neue Werte für Ihr Geld.

117.000 Rentenanleger verloren durch die Göttinger Gruppe insgesamt 650 Millionen Euro.

Die Göttinger Gruppe arbeitete und arbeitet noch heute mit einem "modifizierten Schneeballsystem". 1997 erstattete die Staatsanwaltschaft Stuttgart dagegen Strafanzeige wegen Kapitalanlagebetrug und Untreue, das Bundeskriminalamt stand bereit. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Braunschweig verweigerte die Zusammenarbeit. Woraufhin die Stuttgarter Staatsanwaltschaft Stuttgart Strafanzeige gegen ihre Kollegen in Braunschweig stellte, - wegen Strafvereitelung im Amt. Seitdem: Schweigen.

Im Jahr 2004 werben Politiker wie Günther Rexrodt und Hans-Dietrich Genscher für die "Produkte" der Göttinger Gruppe. Ebenfalls im Frühjahr 2004 treffen sich Vertreter der Geschädigten in einem Gasthof bei Leipzig, in erster Linie Rentner und Gehörlose, Kundengruppen - im Visier der Göttinger Gruppe:

Und ich bin deshalb so enttäuscht, dass man diese Haie gewähren lässt, wir sind eine Bananenrepublik, wenn diese Haie einfache Leute abzocken dürfen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. … verfolgt.

Versicherungsvertreter Huye: Referenzen sind nicht unbedingt das Keglerheim oder die Billard-Stampe um die Ecke oder mein Bruder oder meine Schwester. (…) Man sollte nicht unbedingt irgendwelche freundschaftlichen und familiären Abhängigkeitsverhältnisse weiter damit berücksichtigen, nur, weil der mal dem zuliebe habe ich das hier abgeschlossen, sondern man sollte es unbedingt 'nem Fachmann zum Prüfen geben.

Das tat Helga Stroebele, ein Opfer der Göttinger Gruppe, nicht. Erst nach Unterzeichnung des Rentenvertrages erhielt sie Informationsmaterial, das ihr allerdings nichts davon mitteilte, dass sie nun unter anderem stille Teilhaberin des Berliner Fußballregionalligisten Tennis Borussia geworden war, den die Göttinger Gruppe in die Champions-League führen wollte. Auch davon sprach der Versicherungsvertreter nicht:

Dass da keine 100-prozentige Sicherheit da ist, davon hat er nie was gesagt, sonst hätte ich ihm doch nie was unterschrieben, geschweige, dass er noch mein Geld bekommen hätte.

Versicherungsfachmann Clemens Huye warnt jeden Kunden grundsätzlich vor Haustür- und vermeintlichen Schnäppchen-Anbietern in der Branche:

Meiner Meinung nach sind 90 Prozent aller Haushalte finanziell überbelastet. (…) Und dann denkt er, dann gehe ich zu einem, der hat alles, weil der wird mir ja das Günstigste verkaufen. Dass das dann meist gerade die sind, die diesen psychologischen Vorteil nutzen, um das teuerste Produkt zu platzieren, versteht sich einfach von selbst, haha.

Seit den 90er Jahren scheint sich immer stärker ein gewisses Panikverhalten in unserer Gesellschaft breit zu machen, was dazu führt, dass auf reale Ängste nicht mehr rational reagiert wird. Augen zu und - durch?

Clemens Huye: Wenn's an die Existenz geht, ist das allererste, woran die gehen, die Rentenvorsorge, irgendwelche Sparverträge, usw., geht er als Erstes ran der Kunde, darüber hinaus werden Versicherungsverträge ausgesetzt oder aber auch gekündigt. Und das ist ne absolute Katastrophe, weil er geht nicht ran an seinen Premiere-Decoder oder an die zwei Urlaubsreisen, er verzichtet auf die so genannte solide Haushaltsführung, man geht einfach mal einkaufen, nein, er geht sofort ran an den Versicherungsschutz.

Je mehr Angst ein Mensch hat, desto offener wird er für Heilsversprechungen, die Patentlösungen gegen Ängste bieten. Der Esoterikmarkt in der Bundesrepublik hat einen Jahresumsatz von 6,5 Milliarden Euro. Und Sekten, oft amerikanischer Herkunft, dringen seit Anfang der 90er Jahre massiv verstärkt in die deutsche Gesellschaft ein. Peter Dehnbrook, selbständiger Verhaltenstrainer, hätte vor einigen Jahren einen hoch dotierten Job bei einem westeuropäischen Automobilhersteller übernehmen können:

Ich habe mal während meiner Tätigkeit als Verhaltenstrainer mit dem Unternehmen … zusammenarbeiten wollen, habe aber gemerkt, dass das gesamte, auch externe Trainer-Team, das für … arbeitet, Scientologen sind. Und das war schon eigenwillig.

Eine ehemalige Versicherungsvertreterin der Göttinger Gruppe über ein Wochenend-Verkaufsseminar:

Gehirnwäsche, das war Gehirnwäsche, ich war völlig weg, ich kann mich noch dran erinnern, wie mein Partner und meine Eltern damals gesagt haben, sie wussten nicht, was mit mir los war, man konnte mich nicht mehr bremsen, ich war wie ausgewechselt.

Hypnose ?

Sicherlich klar. Und wie einfach das ist, habe ich auch nicht gewusst. … auch ganz klar.

Und wie viele Versicherungen hat ein Verhaltenstrainer?

Keine ! (…) Ich habe nur eine, nein keine ist übertrieben, ich habe eine Versicherung, ich habe eine Haftpflichtversicherung.

Psychotherapeut Burkhard Moisiegh warnt grundsätzlich vor alternativen Therapieangeboten, die Patentversicherungen gegen Ängste anbieten.

Es gibt schon eine ganze Menge Heilsversprechen, aber diese Therapien, Therapieschulen, Ärzte, Psychologen, die können ja nur auf fruchtbaren Boden fallen, weil wir einen so hohen Anspruch an unsere Gesundheit haben. Ich glaube, es gibt auch allgemein eine geringe Toleranz, auch mal Unlust auszuhalten, Schmerzen auszuhalten, oder Ängste auszuhalten. Ich denke, Angst ist ein Teil des Lebens, die werden wir nicht los. Angst ist definitiv ein Teil der Existenz, die man nicht abstreifen kann, und meine Erfahrung ist, je mehr man versucht, sie loszuwerden, um so eher wird sie einen ereilen. Und es kommt darauf an, wie kann ich die Angst integrieren in mein Leben. Wie sie mir helfen kann, wie sie mir Wege aufzeigen kann, wie ich sie nutzen kann. Das ist die einzige Versicherung gegen Angst, die ich mir vorstellen kann.

Am Tag des Interviews mit Psychotherapeut Burghardt Moisiegh jährte sich das Blutbad in Erfurt zum zweiten Mal. Den ersten Amoklauf eines Jugendlichen erlebte Deutschland 1999 in Bad Reichenhall. Dann Meißen, dann Erfurt. Die Medien einigten sich auf eine Beschreibung dieser Vorgänge: Immer wieder ein neues - Rätsel. Für Psychotherapeut Moisiegh nicht. Gewalt gehört zum Alltag, Salz in der Suppe der Medien:

Ich denke mir, es ist kein Rätsel, weil wir in einer ziemlich offenen, freien, überfreien Gesellschaft leben, die wirklich keine Grenzen mehr kennt, wo fast sämtliche Tabus aufgehoben sind, Fernsehbilder, wie Leichen durch Bagdad geschleift werden. (…) Ich glaube auch, dass Angst ein Hintergrund von diesen Gewalttaten, wie ein Ausbruch, wie ein Befreiungsschlag ist, (…) und gerade solche Menschen, die solche Taten vollbringen, können diese Spannung nicht mehr aushalten und entladen sich dann, also für mich ist es nicht ein Rätsel. (…) nachvollziehbar.

Also ganz wichtig ist mir auch, zu sagen: Nehmen Sie ihre Angst ernst, wenn Sie sie spüren, versuchen Sie erstmal, sie nicht zu unterdrücken. Angst erleben, gehört zum Leben, und dann kann man sehen, wie man damit umgeht. Das kann man auch lernen, es gibt da professionelle Methoden, oder auch sehr einfache.

Reden! Unbedingt mit anderen Menschen darüber reden, es gibt keinen anderen Ausweg. Raus mit den Ängsten, sie nicht im Verborgenen pflegen, meint auch Gemeindschwester Maria Stettner:

Also Lebensängste, wenn man es so analysiert hat, hat jeder immer irgendwann irgendwo Lebensängste, die muss man ja aber nicht kultivieren.

Versicherungsfachmann Clemens Huye:

Erfahrungsgemäß sind die besten Kunden, die am verantwortungsvollsten damit umgehen, junge Familien, also die det denn auch zu schätzen wissen, dass sie nicht mehr alleine auf der Welt sind, und damit auch ein bisschen gewissenhafter umgehen.




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