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10.12.2004
Askese ist ein Glücksgefühl
Von Susanne Mack

Darauf können manche gar nicht verzichten... (Bild: AP)
Darauf können manche gar nicht verzichten... (Bild: AP)
Verzichten kann man auf vieles: auf den Weihnachtsrummel natürlich, aber auch auf Häuser, Reisen, fettes Essen, Liebhaber, Alkohol und Nikotin... Aber was hat man eigentlich davon? "Askese ist ein Glücksgefühl" behaupten heute Philosophen in ihren Büchern und Unternehmensberater in ihren Seminaren.

Ingrid Siegel: Ich hätte mir vorstellen können, Malerei zu studieren, ich hätte mir vorstellen können, Schneiderin zu werden und irgendwann 'ne eigene Boutique zu haben, was ich auch wirklich mit Inbrunst hätte machen können, wozu ich mich berufen gefühlt hätte.

Wilhelm Schmid: Also, außer Philosoph wäre ich auch gerne Politiker geworden, ich wäre auch gerne Architekt geworden, Landwirt wäre ich gern geworden und noch ein paar andere Dinge mehr. Ging nicht alles zugleich. Nicht in diesem Leben.

Ingrid Siegel und Wilhelm Schmid. Beide sind Freiberufler. Sie Kommunikations-Trainerin, er ist Philosoph, verdient sein Geld mit Bücherschreiben und Vorträgen. Und beide sprechen mit ihrem Publikum, ob nun Kunden oder auch Leser, immer öfter auch über die Kunst des Verzichts.

Ist das in unserer Warenwirtschaft nicht ein Sisyphos-Job? Menschen klar machen zu wollen, dass Verzichten Glück bedeuten kann? Der Bürger der westlichen Welt ist doch darauf ausgerichtet, zu konsumieren was das Zeug hält, und die Werbung führt ihn täglich in Versuchung:

Wilhelm Schmid: Ja, aber es scheint Schwierigkeiten zu machen, zu konsumieren bis zum Gehtnichtmehr. Weil eines dabei auf der Strecke bleibt: nämlich das Lebensgefühl. Moderne Menschen haben den großen Vorteil, aber leider auch den großen Nachteil, dass sie über viele Möglichkeiten verfügen können.

Nehmen wir unseren eigenen Abend: An jedem Abend hat ein moderner Mensch normalerweise fünf, sechs, sieben verschiedene Möglichkeiten, was er machen kann. Er kann ins Kino gehen, er kann sich vor den Fernseher setzen, er kann mit Frau oder Mann ein schönes Gespräch führen, und natürlich: je jünger, desto Party.

Und es gibt 'ne geraume Zeit, da versucht man, alles auf einmal zu machen. Und dann kommt eben dieser Eindruck: man spürt das Leben nicht mehr. Klar. Weil man nirgendwo wirklich ist und nichts wirklich auf sich wirken lässt.


Ingrid Siegel: Ich glaube, wenn man in der Welt des Überflusses lebt, dann verlernt man ganz schnell das wirkliche Genießen. Um das beizubehalten, muss man verzichten können. Ein Zwanzigjähriger, der das Wort "Askese" hört, der fühlt sich zurückversetzt in irgendein Kloster, der denkt an halb verhungerte Mönche. Völlig verständlich, das hab' ich mit Zwanzig auch noch gedacht. Aber "Askese" bedeutet für mich heute, dass ich bewusst auf bestimmte Dinge verzichten kann und das dann auch genießen kann, darauf zu verzichten.

Aber vor den Genuß haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt. Zunächst bedeutet Verzicht erst einmal - Verzicht. Verzicht heißt Verlust. Verzichten ist schwer, es ist anstrengend, es ist unangenehm - und es ist immer ein Experiment: über dessen Ausgang wir manchmal glücklich, ein anderes Mal unglücklich sind. Und vor so mancher Entscheidung im Leben, etwas zutun oder lieber zu lassen, stehen wir leider nur ein einziges Mal:

Wilhelm Schmid: Ich hab' Verzicht geleistet auf ein Leben als Mönch. Das hat mich Jahre des Überlegens gekostet, ob ich diesen Verzicht leisten soll: den Verzicht auf ein solitäres Leben zugunsten eines familiären Lebens. Da bin ich nachgiebig geworden und hab' die Familie gegründet und muss heute sagen: das war genau die richtige Wahl, das geht nämlich sehr gut zusammen, Familie zu haben und Philosoph zu sein. Weil Kinder Philosophen sind, lässt sich wunderbar mit ihnen gemeinsam philosophieren.

Ingrid Siegel: Als ich so 37, 38 war, hatte ich den dringenden Wunsch, noch 'n Kind zu kriegen. Der Mann aber, mit dem ich lebe, war der Meinung, dass er keine Kinder will und keine Kinder braucht. Muss man dazu sagen: ich hab 'ne Tochter aus 'ner vorhergehenden Beziehung, mit der er sehr gut klarkommt, das heißt, wir sind nicht kinderlos gewesen in dem Sinne. Das bereue ich manchmal. Ich bin jetzt fast 44, also, ich hätte ihn einfach überrumpeln sollen, das war ein Verzicht, den ich heute nicht mehr für so gut heiße.

Ein bisschen leichter ist es schon mit dem alltäglichen Verzichten. Wenn wir zum ersten Mal etwas Gewohntes sein lassen, weil wir meinen, es tut uns nicht gut, wissen wir zwar auch erst im Nachhinein, ob dieser Verzicht uns bekommt oder nicht. Aber wir können ihn ja rückgängig machen. Es sei denn, wir stellen fest, er tut uns gut:

Auch hier fällt vielen der Verzicht schwer: Luxusschlitten der Firma Opel. (Bild: AP)
Auch hier fällt vielen der Verzicht schwer: Luxusschlitten der Firma Opel. (Bild: AP)
Wilhelm Schmid: Ich verzichte seit sehr langer Zeit darauf, ein Auto zu haben. Das hatte 'ne Menge Konsequenzen, weil: man muss Fahrpläne studieren lernen. Das ist 'ne Wissenschaft für sich. Man muss Bahntickets bestellen, man muss Reisen sorgfältiger planen, aber daran hab' ich mich früh gewöhnt, und das ist nicht wirklich ein Problem für mich. Ganz im Gegenteil.

Auch hier hat sich herausgestellt: das kommt der philosophischen Existenz entgegen, weil: ich kann mich im Zug zurücklehnen, kann zum Fenster raus gucken, wenn's sein muss, zwei Stunden lang, und kann im Zug auch arbeiten. All das könnt' ich im Auto nicht.

Also, Verzicht mag am Anfang sehr schwer sein, aber auch daran gewöhnt man sich und hat dann möglicherweise einen sehr großen Genuß und Gewinn davon. Es gibt schon wirklich Gründe dafür, dass es ein Glück der Askese gibt. Es kann eine Lust sein.


Kann. Aber Verzicht hat eben immer auch eine schmerzliche Seite, und ganz besonders dann, wenn er andere Menschen betrifft. Man lernt jemanden kennen, der einem nicht unsympathisch ist, und nun steht man vor der Frage: Soll der in Zukunft zum Kreis meiner Freunde gehören oder nicht?

Ingrid Siegel: In den letzten Jahren hat es schon drei, vier Leute gegeben, die sich um mich bemüht haben, die mich immer wieder angerufen haben, ich aber nie aktiv geworden bin. Da hatte ich schon auch ein schlechtes Gewissen, aber ich glaube, dieser Verzicht ist wichtig, damit man nicht wieder unzufrieden wird und auch die Kraft hat für die, für die man sich bewusst schon entschieden hat.

Reden wir über den Verzicht zugunsten des eigenen Wohlbefindens. Ingrid Siegel hatte sich ein paar Jahre lang daran gewöhnt, ihren Urlaub in komfortablen Club-Anlagen zu verbringen, mit Liegestuhl am Pool und Pina-Colada an der Bar. Um eines Tages dann festzustellen, dass so ein Urlaub sie träge macht und ihr gar nicht die Entspannung verschafft, die sie - als Gegengewicht zu ihrem anstrengenden Job - unbedingt braucht. Und so entschloss sie sich in diesem Sommer erstmals zu einem Wander-Urlaub im Thüringer Wald.

Ingrid Siegel: Ich habe verzichtet auf opulente Frühstücks-Geschichten, auf große ausgedehnte Dinnerabende, ich habe auf Kino, Fitness-Studio, Tauchkurs, ach, ja, gut organisierte Tanz-Abende verzichtet. Ich hab' ganz viel gelesen, wir haben ganz viel frischen Sauerstoff geatmet und wir sind jeden Tag zwischen zehn und fünfzehn Kilometer stramm gelaufen. Und ich hab' meinen Körper intensiv gefühlt, hab' auch abgenommen, ohne dass ich das wollte. Es waren sechs Tage und ich kann sagen: ich war mit mir völlig eins. Und das Ganze hat nicht mal 100 Euro gekostet (lacht), das war das Phänomenalste an der ganzen Geschichte, ja.

Wilhelm Schmid: Das Witzigste scheint mir zu sein, dass die Lust selbst auf Verzicht nicht verzichten kann. Nehmen wir mal die Lust zu trinken: 'n guten Wein zu trinken, oder was mich angeht, viel lieber 'n Weizenbier zu trinken, das kann man natürlich in Mengen tun, aber mit einem Resultat, dass wir alle kennen: dass die Lust zur Unlust wird. Oder gar zum Verdruß.

Auch die Lust, über die man öffentlich nicht so gerne spricht, nennen wir sie mal die erotische Lust, die Griechen hatten das wunderschöne Wort "Aphrodisia": das kann man jeden Tag pflegen, das kann man jeden Tag fünfmal pflegen, nur dann wird's 'ne maschinelle Tätigkeit, und die Lust wird dabei nicht mehr sehr groß sein. Oder man verzichtet vielleicht auch mal ein, zwei Tage darauf - dann wird das 'n großes Fest!


Ingrid Siegel: Und dann mal so zwei Tage nur im Bett und dann aufzustehen und zu sagen: ja, das kann aber jetzt für die nächsten vier Wochen reichen, das ist auch 'n tolles Gefühl. (lacht)

Wilhelm Schmid: Auch in diesem Bereich ist wohl sehr wichtig, was auch sonst im Leben wichtig ist, nämlich: was ist das richtige Maß.

Aber muss man nicht auch ab und an das Maß kräftig überschreiten, damit man überhaupt merkt, was das Maß ist, und vor allem, wann 's voll ist? Ingrid Siegel nickt:

Ingrid Siegel: Man muss einfach mal an den Baum gefahren sein, um zu wissen, dass, wenn man zu schnell fährt, eben an den Baum fährt. Also, ich kann das für mich persönlich gut am Alkohol festmachen. Also, ich hab' in Teenie-Jahren genau wie alle viel getrunken und mir ging's dann am nächsten Tag immer hundedreckig. Also so in meinen dreißiger Jahren hab' ich festgestellt, dass ich ohne Alkohol in jeder Lebenssituation immer besser wegkomme Und ich brauch das überhaupt nicht mehr. Und ich empfinde keinen Verlust dabei. (lacht)

Verzichten. Auf teure Autos, fettes Essen, Alkohol und Nikotin. Auf Immobilien vielleicht, denn Immobilien machen ja immobil. Und keinen Verlust empfinden, sondern in erster Linie - Freiheit.

"Frei ist man dann, wenn man nichts zu verlieren hat." - Würden Sie das unterschreiben?

Ingrid Siegel: Also, ich würd' jetzt einfach sagen: das könnte für mich auch stimmen.

Unfreiwilliger Verzicht: Cochem ist in den Wintermonaten nicht selten von Überschwemmungen betroffen. (Bild: AP)
Unfreiwilliger Verzicht: Cochem ist in den Wintermonaten nicht selten von Überschwemmungen betroffen. (Bild: AP)
Ingrid Siegel wohnte mit Ehemann und Tochter einst in Colditz an der Mulde. Vor nunmehr zwei Jahren im August musste sie spät abends in das Dachgeschoss ihres Hauses flüchten, während das Erdgeschoss langsam in den Fluten versank: sämtliche Möbel, Hausrat, Fotoalben, viele Erinnerungsstücke: alles weggeschwemmt und begraben unter stinkendem Schlamm:

Ingrid Siegel: Ja, ich hab' das nie vermißt. Das ist passiert und ich hab' das im Nachhinein sogar als 'ne gewisse Befreiung empfunden, aber das würde zu weit führen, das jetzt zu erklären. Aber was ich jetzt sagen wollte: ich kann auf viele Dinge verzichten, aber auf die Bücher, die ich besitze, eigentlich nicht. Aber mit dem Hochwasser hab' ich gemerkt, dass ich auch das kann. Und ich hab' seit zwei Jahren nicht ein Buch gebraucht, was dort rum liegt. Also, kann's ja wohl nicht so schlimm sein, wenn man irgendwas verliert.

Wilhelm Schmid: Ja, das ist schon so. Das gilt für viele Dinge. Das ist offenbar das Verhängnis auf dieser Welt: wenn man zuviel hat, kriegt man eben auch neue Probleme, die man vorher nicht hatte.

Auch der Verzicht, den man nicht um seiner selbst willen leistet, sondern direkt für andere Menschen, bringt Gewinn. Das hat Wilhelm Schmid erfahren. Er ist seit Jahren als Gast-Dozent in Georgien tätig und verzichtet dort auf jegliches Honorar:

Wilhelm Schmid: Und die Merkwürdigkeit, die ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal kennen gelernt habe, ist, dass ich dabei die größere Freude habe, ohne danach zu fragen, was ich dafür bekomme. Bitte, ich halte auch das im Maß, man muss nicht pausenlos kostenlos arbeiten. Aber sich so 'ne Ecke zu erlauben, sich so 'nen Freiraum zu erlauben, wo man nach nichts fragt, außer danach: hat das Sinn, was ich hier mache.

Bei all der bewussten Abstinenz von verschiedenen Dingen, es gibt so manches, das Wilhelm Schmid und Ingrid Siegel auf keinen Fall vermissen möchten:

Wilhelm Schmid: Ich habe zum Beispiel Gedanken, ich habe Gefühle, ich habe Ideen, ich habe Beziehungen und auf dieses Haben möchte ich überhaupt nicht verzichten.

Ingrid Siegel: Also, worauf ich nie verzichten würde sind Freunde, die ich schon viele Jahre kenne und mit denen mich ganz toll was verbindet. Also, überhaupt keine materiellen Dinge. Das sind spirituelle, geistige. Auf was könnt ich noch nicht verzichten? Ja, ich könnte nicht darauf verzichten, mich gut anzuziehen, das bräucht' ich schon. Aber ich bin mir sehr sicher: das, was ich da habe, kann ich in einem relativ kleinen Koffer gut unterbringen. (lacht)

Umso älter ich werde, umso weniger brauche ich, und die Dinge, die ich brauche kommen eh' zu mir, weil: es sind in der Regel die sozialen Beziehungen, die man hat und die Freunde. Und alles andere lässt sich mit wenig Geld und viel Phantasie sowieso besser regeln.


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