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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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27.12.2004
Ungeliebte Geschenke
Von Josefine Janert und Mike Scheller

Was, wenn einem das mitgebrachte Geschenk nicht gefällt? (Bild: AP)
Was, wenn einem das mitgebrachte Geschenk nicht gefällt? (Bild: AP)
Dafür, wie mit ungeliebten Geschenken umzugehen ist, gibt es kaum eine gesellschaftliche Regel. Die einen setzen ein Poker-Face auf und denken sich ihren Teil, die anderen wagen vorsichtig Kritik. Die einen verschenken sie weiter, die anderen lassen sie im Regal verstauben, verkaufen sie oder werfen sie in den Müll. Meist bleibt ein ungutes Gefühl zurück.

Hoffentlich erkundigt sich Tante Erna nicht, wo die grüne Vase geblieben ist! Acht Personen unterschiedlichen Alters berichten von ihren Erfahrungen mit Katzenfotokissen, Baumwollunterwäsche und George-Michael-CDs.


Martin: "Manchmal macht ja meine Mutter solche Geschenke, von denen ich nicht weiß, wie se auf die Idee gekommen ist. Warum se mir nu ausgerechnet 'n Kissen mit 'nem Katzenfoto vorn drauf schenkt."

Teresia: "Mensch Mama, ich finde es ja von der Idee her toll, aber könntest du dich mal nach meinem Geschmack richten, ne?"

Andrea: "Damals war ich zehn Jahre alt und fand diese Maske große Klasse."

Tobias: "Ich würde nicht sagen: ungeliebte Geschenke, würde eher sagen: Geschenke, die man nicht gebrauchen kann …"

Blanca: "Ich hab schon so gesagt: Na ja, gut. Danke. Mal gucken, ob ich's mal brauchen kann."

Jörg: "Und wenn ich so 'ne Kerze habe, will ich die auch nutzen."

Eva-Maria: "Das war richtig ein gutes Stück, ein teures Stück, das hat man gesehen, Seide, ja, wenn ich den überhaupt nicht getragen hätte, und den hätte ich auch nicht getragen, den hätte ich in 'nen Schrank gelegt und nie wieder ausgepackt. Das fand ich schade."

Karsten: "Irgendwie hat das Päckchen noch da gelegen, als Kurt längst weg war. Ich glaub, ich hab nicht mal richtig danke gesagt."

Ungeliebte Geschenke können einen ganz schön in Verlegenheit bringen. Einerseits heißt es ja: Sag danke, wenn dir jemand eine Freude machen will. Andererseits soll man auch immer ehrlich sein. Um diese Situation zu meistern, braucht man Selbstbeherrschung, Taktgefühl und Improvisationsvermögen.

Karsten: "Ja, also ick arbeite seit 13 Jahren in einer Notübernachtung für Obdachlose. Und da hat mir neulich zum Abschluss der Saison feierlich mein Lieblingsobdachloser Kurt 'n Geschenk geschenkt… Kurt ist 'n ganz Besonderer, weil bei Kurt kriegt man nur Depressionen. Wenn er in den Raum tritt, fangen Blumen an zu welken. Der ist so was von traurig. Das zieht mich so runter, das schafft kein anderer Mensch. Ick hatt nich mal die Nerven, dit uffzumachen. Ick hab dann erst zu Hause entdeckt, dass dit ne CD von George Michael war. ... Und was soll ick mit George Michael? Dit gibt eben Jungsmusik und Mädchenmusik. Und George Michael war schon immer Mädchenmusik."

Blanca: "Und zwar fällt mir ein, ich habe damals zum Einstand oder zum Einziehen in meine damalige Wohnung in Friedrichshain habe ich von meinen Eltern ein gemeinschaftliches Geschenk bekommen… Das fand ich äußerst grässlich. Das war so Solinger Besteck, so silbernes Besteck in so 'nem Aktenkoffer. Auf dem Aktenkoffer war dann auch so 'n Solingendings, so 'n Emblem. Ja, dann hast du also so in so 'ner Doppellage, eine Ebene oben, eine Ebene darunter … Suppenlöffel und Salatbesteck. War irgendwie alles da. Es war schon sehr edel, aber auch sehr hässlich.

Meine Eltern hatten rote Bäckchen, als sie mir das gegeben hatten, waren da total stolz und froh darüber. Ich hab das dann zwar angenommen, hab aber sehr die Miene verzogen. Ich kann dann auch nicht heucheln: Na ja gut. Danke. … Mal gucken, ob ich's mal brauchen kann. Aber es war schon zu merken, dass ich es nicht so toll finde. ... Also wir sind schleunigst aus der Wohnung raus, und das wurde jetzt gar nicht weiter beleuchtet. Und wir sind dann einfach essen gegangen."

Voll daneben, dabei sollten doch Eltern die Vorlieben ihrer Kinder kennen. Und Männer sollten sich auf den Geschmack ihrer Liebsten einstellen.

Eva-Maria: "Also, der drastischste Fall, an den ich mich erinnern kann, ist ein Seidenschlafanzug, der mir von einem guten Freund, von meinem Freund geschenkt wurde. Ich hab den ein paar Mal angezogen und mich vorm Spiegel damit gedreht und geguckt: Wie fühl ich mich damit? Und ich hatte das Gefühl, der ist für 'ne andere Figur gemacht. Ich fühl mich nicht wohl drin, und ich hab auch nicht das Gefühl, dass der Schnitt mir steht, und auch der Ausschnitt passt nicht zu mir. Das war so 'n viereckiger Ausschnitt, und ich hab mich überhaupt nicht wohl drin gefühlt und auch nicht gut aussehend gefühlt. Das war überhaupt nicht 'n Teil für mich. Und er hat das aber ganz anders gesehen. Er sagte: Der steht dir toll, und du siehst Klasse aus damit."

Teresia: "Besonders, was mir so haften geblieben ist, sind die Geschenke meiner Mutter gewesen, die es immer sehr gut meint, auf ihre mütterliche Art. Die Unterwäsche, also sag ich jetzt mal: Haushaltsgröße. Also Haushaltsgröße, mal über dem Nabel bis oberhalb der Oberschenkel, so, ne? Kurz. Baumwolle natürlich, ganz klar. Mittlerweile ist es so, dass, wenn sie mir was schenkt, sie vorher genau fragt, welche Farben, und auch besser akzeptieren kann, wenn ich sage: Ach Mama, dieser giftgrüne oder dunkelblaue Pullover, den du jetzt nicht mehr trägst oder den du von deiner reichen Freundin hast, der ist einfach nichts für mich."

Man muss darauf gefasst sein, dass ungewollte Geschenke ein Eigenleben führen. Sie können widerborstig sein. Und tückisch.

Jörg: "Meine Tante kam mit einem Riesengeschenk, und ich dachte, watt kommt denn jetzt an? Ne, und schenkte mir eine große Kerze, und zwar war die bestimmt fünfzehn Kilo schwer, die war etwa sechzig Zentimeter hoch und im Durchmesser, sag ich mal, schätzungsweise zwölf bis fünfzehn Zentimeter, und war verziert mit allen deutschen Königen. Ick hab nix gegen Kerzen, allerdings war diese Kerze so riesig für mich… Jetzt wollten wir die natürlich auch nutzen. Erst mal ging dat Theater los: Wo stellen wir sie hin? Ich stellte sie auf ein wackliges Regal, was ich selbst gebaut hatte, was an sich sehr stabil war, aber weil wir in 'ner Altbauwohnung wohnten und lebhafte Familien unter uns und über uns wohnten, wackelte es des Öfteren. Wenn so 15 Kilo aus 'ner Höhe von zwei Meter runterplumpsen, macht das sehr viel Freude.

Aus dieser Unglückskerze, sag ich mal, noch was Brauchbares zu machen, war halt, den Wachs noch mal weich zu machen und Kerzen zu gießen. Mein Sohn André war sechs Jahre zu der Zeit, und half mir natürlich. … Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mein André so pfiffig war und diese ganze Prozedur des Kerzengießens für sich behielt und irgendwann später, ich glaub 'ne Woche später, sich selbst daran machte.

Und geht also ran und fängt an, Kerzen zu machen. Das hieß also, den Wachs überm Herd auf 'nem Wasserbad warm zu machen, was er natürlich nicht in richtiger Reihenfolge tat, mit der großen Gefahr einer Feuersbrunst, die da auch prompt ausbrach. Und ich kam gerade noch rechtzeitig, um meinen Sohn vor dem Flammentod zu retten. Das fällt mit immer wieder ein, wenn ich diesen Topf da sehe. Deswegen schmeiße ich den auch nicht weg, den Topf mit dem Kerzenwachs."

Andrea: "Damals war ich zehn Jahre alt und fand diese Maske große Klasse, und hab das meinem Vater auch gesagt und ihn gefragt, ob ich die bekommen kann. Nein, das durfte ich natürlich nicht. Das war dann die Maske meiner Eltern. Die hing irgendwo im Wohnzimmer, und alle guckten diese Maske an, und bestaunten meinen Vater, weil er in der Mongolei war. Mein Vater ist mit 'ner Frau zusammengezogen, nachdem meine Mutter verstorben ist, und diese Frau wollte diese Maske nicht haben in ihrer Wohnung, was ich gut verstehen kann, denn mittlerweile finde ich diese Maske grauenvoll."

Das Grauen hat jetzt einen Namen, aber noch keinen Ort. Wohin mit der Maske? Zwar haftet an der Gabe nach einer gewissen Zeit etwas weniger emotionale Patina. Aber Schenker sind manchmal eifersüchtige Zeitgenossen.

Andrea: "Und ich bekam dann diese Maske geschenkt, und seitdem ist diese Maske in meinem Leben, obwohl ich sie abscheulich finde. Also die liegt momentan in meinem Regal und verstaubt. Ich hab ein Angebot bekommen, von zwei Frauen, die die auf 'm Flohmarkt verkaufen wollten. Aber ich trau mich nicht so richtig, weil mein Vater ab und zu nach dieser Maske fragt, und auch, warum ich die nicht aufhänge. Also 'n paar Mal schon war sie in meinem Mülleimer, aber ich trau mich nicht, sie wegzuschmeißen."

Tobias: "Man sollte sich voranging Zettel ranmachen, um zu wissen, von wem man was geschenkt bekommen hat, damit es nicht zu unliebsamen Missverständnissen kommt. Meine Eltern ham mal den Fehler gemacht: Die ham eine Flasche Wein geschenkt bekommen und natürlich auch ordentlich einen Zettel drangemacht, von wem sie die geschenkt bekommen haben. Allerdings haben sie vergessen, beim nächsten Weiterschenken diesen Zettel abzumachen."

Karsten: "Ja, dit hab ick dann 'ner sehr guten Freundin geschenkt, noch jungfräulich verpackt die CD, nich einmal anjehört, und die hat jetzt die CD auf Amazon versteigert. Für zwölf Euro. Na toll! Hätt ick se aber och behalten könn. Ja, jetzt muss ick sehen, dass ick Kurt irgentwat wieder zurück gebe, wenn wa uns wiedersehen im Oktober oder November."

Lange genug wurde die gut gemeinte Gabe hin und her geräumt. Vom untersten Fach des Kleiderschranks auf den Hängeboden und von dort in den Keller. Verbergen kann man sie, aber nicht vergessen. Also, weg damit?

Teresia: "Ich stell mir natürlich die Frage, ob es nicht besser ist, die ungeliebten Geschenke weiterzugeben, die ja dann geliebt und angenommen werden, und getragen und genutzt werden, anstatt sie irgendwo zu deponieren, nur um dem Anderen das Gefühl zu geben, dass die Geschenke richtig waren."

Blanca: "Ich find's in Ordnung. Ich hab das eine Familiengeschenk sogar verkauft. Grenzt an Leichenfledderei. Ich finde es in Ordnung, es weiter zu verschenken."

Martin: "Das ist ein Geschenk meiner Mutter, ne, das gebe ich nicht weg, das steht da, nimmt wenig Platz weg, fängt 'n bissel den Staub, frisst kein Brot. Das steht da rum, und es ist okay, also, vielleicht interessiert's mich ja irgendwann, ich weiß es nicht. Es ist irgendwie - ja merkwürdig, aber ich betrachte es inzwischen als Akzent in meinem Wohnungsaccessoire, weil, ich hab so was normalerweise nicht, und wenn da plötzlich so unerwartet so 'n Katzenfotokissen herumliegt, dann ist das schon okay."

Teresia: "Man beschenkt ja meistens Leute, die man kennt. Und wenn man die so jahrelang kennt, weiß man ihre Vorlieben, welche Vorlieben, welche Farben sie mögen, worauf sie stehen, was ihnen vielleicht fehlt, und oft äußern die Leute, was sie sich so wünschen."

Jörg: "Heute hat jeder alles, und nun finde mal was Originelles. Und früher war eben alles so 'n bissel Mangelware oder es gab eben viele Defizite, und dadurch haste immer was gefunden, was irgendjemand gebraucht hat."

Blanca: "Ich persönlich find es ganz nett, wenn Leute mir einen Gutschein schenken fürs Kino, oder … finde ich sehr pragmatisch irgendwie. Ich schenke eher, was ich selber gerne hätte. Insofern find ich's schon schwierig, Leuten was zu schenken, die eigentlich alles, die so ganz zufrieden sind und glücklich und sich eigentlich gar nichts weiter wünschen, außer, man kommt da hin und ist dann da und dann ist schön. Aber man will ja trotzdem was schenken zum Geburtstag."

Karsten: "Neulich zum Geburtstag hat mir 'n Freund den Briefwechsel von Remarque mit noch so 'ner Frau … geschenkt. Das Buch war auch verschweißt. Das wird er vom Grabbeltisch für zwei Euro mitgenommen haben, aber ich fand's toll. Er hat dran gedacht … Ich werde dieses Buch nicht lesen, aber allein die Geste ist schön."
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