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28.12.2004
"Kaufklang"
Zwischen Sounddesign und Psychoakustik
Von Ralf Bei der Kellen

Wie klingt die Autotür eines Ferrari? (Bild: AP)
Wie klingt die Autotür eines Ferrari? (Bild: AP)
Ihr Wecker weckt Sie morgens mit einem Piepen, der Toaster wirft die Toasts mit einem Klicken aus, die Kaffeemaschine meldet sich mit einem Tuten, wenn ihr Kaffee fertig ist. Viele dieser Geräusche sind keineswegs Zufallsprodukte, sondern sie sind mit Blick auf mögliche Käuferschichten konstruiert. Diese Arbeit erledigen so genannte Sounddesigner.

"Wetten, dass...", 26.10.1985:
Frank Elstner: "Herr Ministerpräsident, was vertreten Sie?"
Lothar Späth: "Ja, ich wette, dass zwei junge Leute aus Mühlheim an der Ruhr, dass die 50 Autotypen mit verbundenen Augen am Türenzuschlagen erkennen." (Publikum raunt und klatscht)

Als im Oktober 1985 der damalige Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg Lothar Späth in der Fernsehshow "Wetten, dass..." diese Wette vorliest, ist die Nation verblüfft. Noch verblüffter ist sie, als Späth die Wette gewinnt.

"Wetten, dass...", 26.10.1985:
(Türenklappen)
Wettkandidat: "Das hört sich schon sehr gut an. (Publikum lacht) Kann ich das Auto mitnehmen? (Publikum lacht) (Türenklappen)
Wo ist er? Dirk? Ferrari GTO." (Publikum applaudiert)
Frank Elstner: "Es ist der Ferrari, herzlichen Glückwunsch!"

Natürlich klang auch 1985 die Tür eines Ferraris ganz anders als die eines Volkswagen - das bedingten schon die unterschiedlichen Bauweisen. Heutzutage werden diese Geräusche in den Forschungsabteilungen der Fahrzeugindustrie von Akustikern aktiv gestaltet. Die Rede ist vom Sounddesign.

Prof. Brigitte Schulte-Fortkamp: Sounddesign kann man erklären, indem man versucht, den Klang so zu gestalten, dass er in spezifische Umgebungen passt oder dass er sich an Geräte anpasst, dass man unter Umständen Geräte am Sound erkennen kann, also typisches Akustisches für ein Gerät sein kann.

Nils Springer: Im Prinzip ist es ja so, wenn ich eine quietschende Tür öle, betreibe ich ja auch Sounddesign, weil das Geräusch hinterher einfach angenehm ist.

Neben visuellem Design wird seit ca. 20 Jahren verstärkt auch akustisches Design betrieben. Ziel des Sounddesigns ist es, Geräusche leiser und angenehmer zu gestalten. Der englische Begriff "Sound" bedeutet sowohl "Klang" wie auch "Geräusch". Dazu der Sounddesigner Dr. Markus Bodden aus Essen:

Dr. Markus Bodden: Sounddesign wird natürlich auch angewandt in der Filmtechnik zum Beispiel. Oder in anderen Bereichen. Da würde man natürlich eher vom Klang sprechen. Wenn's um technische Produkte geht, hat der Klang natürlich auch eine große Rolle, denn der Sound - im Englischen ist es ja glücklicherweise ein Wort - der da erstellt wird, muss natürlich beides beinhalten. Das heißt, es ist ein Geräusch, weil es von einer Maschine erzeugt wird, aber es muss klangliche Aspekte erfüllen. Also eigentlich ist es beides.

Aufgabe des Sounddesigners ist es, Geräusche zum Klingen zu bringen. Er analysiert, verändert und stimmt zum Beispiel die Geräusche der Fahrgastzelle eines PKW aufeinander ab, bis das Zusammenspiel von Schaltern, Hebeln und Motoren zu einer kleinen Symphonie wird. Durch diesen Wohlklang soll vor allem die Qualität des Produktes vermittelt werden, wie der Diplom-Ingenieur Stefan Paul von der Technischen Universität Berlin erklärt:

Stefan Paul: Die Autotür soll ihnen zum Beispiel vermitteln, dass es sich um ein solides Produkt handelt, ja? Sie wollen in diesem Auto geschützt sein vor äußeren Einflüssen, die Autotür muss Stabilität vermitteln, die Autotür muss natürlich auch Geborgenheit vermitteln und sie muss Qualität vermitteln. Wenn Sie als Kunde in ein Autohaus gehen, sich ein Auto anschauen, wieder aussteigen und die Tür zuschlagen, dann muss Ihnen diese Tür vom Geräusch die Qualität des Fahrzeuges vermitteln.

Um Vertrauen zu erwecken, muss die Autotür mit einem satten, aber exakten Klang ins Schloss fallen. Je satter, also tieffrequenter das Geräusch ist, desto schwerer und ergo sicherer erscheint dem potentiellen Käufer das Auto. Die Formel guter Klang gleich hohe Qualität gilt aber weder nur für den Automobilbereich, noch ist sie besonders neu. Den Klang eines Produktes als Indikator für dessen Güte kannte man bereits zu Zeiten Marco Polos. Damals gab es den sogenannten "Seidenschrei" als Prüfmöglichkeit für die Echtheit der kostbaren Import-Textilie.

Stefan Paul: Es wurde natürlich immer schon ein bisschen beschummelt bei Produkten. Und auch bei Seide. Und der Seidenschrei ist einfach ein bestimmtes Geräusch, was echte Seide produziert, wenn man sie knittert. Und daran hat man dann im Prinzip erkannt, ob es sich um echte Seide gehandelt hat oder um ein Falsifikat.

Ein Fall für Sounddesigner: Handy mit Klingel- und Tastentönen  (Bild: Deutschlandradio / Andreas Lemke)
Ein Fall für Sounddesigner: Handy mit Klingel- und Tastentönen (Bild: Deutschlandradio / Andreas Lemke)
Dr. Markus Bodden: Die Autoindustrie ist natürlich die größte Industrie, wo vor allen Dingen natürlich auch die größten Finanzmittel dahinterstehen. Das heißt, da kann man auch wirklich Geld aufbringen, um Sounddesign zu betreiben. In anderen Bereichen ist es einfach so, dass das Geld normalerweise nicht ausreicht, um ein komplettes Sounddesign zu machen. Und da gibt es nun einige Produkte, wie z.B. Staubsauger, die einfach sehr laut sind und sehr störend von ihrem normalen Geräusch her, dass es sich lohnt, daran zu arbeiten. Oder eben Rasierapparate, die eben auch ein ganz prägnantes Geräusch erzeugen.

Elektrorasierer-Geräusch
Arne: "Finde ich zu laut, muss ich ganz ehrlich sagen. Ein bisschen aufdringlich so vom Geräusch. Also es bohrt sich so schmerzhaft in die Gehörgänge. Für mich kommt das nicht in Frage."

Frank: "Ja, es hört sich sehr unausgewogen an, eher wie ein Werkzeug für einen Bauarbeiter, nicht wie ein Rasierer. Spricht mich nicht an."

Der Elektrorasierer des Studenten Arne hat vor Kurzem das Zeitliche gesegnet. Beim Kauf eines neuen kommt es ihm nun sehr darauf an, dass das Gerät auch angenehm klingt. Schließlich muss der Trockenrasierer ein Geräusch von sich geben, das sein Benutzer im wahrsten Sinne des Wortes "am Kopf haben kann".

Zur Unterstützung hat Arne seinen Freund Frank mitgenommen. Was aber klingt gut, und was lässt uns eher zurückschrecken? Mit dieser Frage befasst sich die Disziplin der Psychoakustik, die die Grundlage für das Sounddesign liefert. Sounddesigner Nils Springer:

Nils Springer: Akustik im technischen Sinne ist ja eher ein Teil der Mechanik, da geht es also darum, wie breiten sich Schallwellen aus, wie werden sie reflektiert und so weiter und so fort. Und die Psychoakustik ist eben eher eine Verbindung aus dieser technischen Akustik und einem Stück Psychologie, dass man also fragt: Wie empfindet denn der Mensch bestimmte Geräuscheigenschaften?

Dr. Markus Bodden: Die Psychoakustik ist ein ganz wichtiger Bestandteil im Sounddesign, behandelt jetzt letztendlich genau diesen Zusammenhang zwischen dem, was ein Kunde wahrnimmt und dem, was ein Gerät physikalisch erzeugt. Also hier geht es darum, wie Geräusche bewertet werden, welche Auswirkungen Geräusche auf die Wahrnehmung von Menschen haben. Das ist die Psychoakustik.

Das ist eine Wissenschaftsrichtung, das heißt, ich setze mich nicht einfach nur hin und spiele irgendwelchen Leuten irgendwelche Geräusche kunterbunt miteinander vor und frag sie dann beliebig, was sie denn davon halten, sondern da gibt es ganz bestimmte Methoden, mit denen man das machen kann, um eine gewisse Objektivität letztendlich auch zu erzielen.


Psychoakustische Messgrößen sind zum Beispiel die Lautheit, die Rauheit oder die Schärfe eines Geräusches. Die Schärfe wird in erster Linie durch einen großen Anteil an hohen Frequenzen bestimmt. In diesem Bereich ist das menschliche Gehör besonders empfindlich. Deshalb werden die als "scharf" bezeichneten Geräusche wie etwa das Quietschen von Kreide auf einer Tafel oder der Bohrer beim Zahnarzt als extrem unangenehm empfunden. Das stellen auch Arne und Frank bei ihrem Rasierertest fest.

(Rasierergeräusch)
Arne: "Furchtbar. Das klingt irgendwie wie ein Störgeräusch."

Frank: "Das klingt eher wie eine Nähmaschine und definitiv nicht wie ein Rasierapparat. Finde ich auch unangenehm vom Ton her. Also damit wollte ich mich denn nicht rasieren wollen."

Arne: "Also furchtbar, wirklich. Durchgefallen."

Jedes Geräusch beliebig zu verändern, das steht nicht in der Macht der Sounddesigner. Zwar kann man unangenehme Frequenzen durch Auftragen von Dämmstoffen unterdrücken oder einen Schalter durch Anbauteile zu einem volleren Klang verhelfen. Der Traum vom angenehm klingenden Zahnarztbohrer bleibt aber eine Illusion.

Dr. Markus Bodden: Es ist einfach in der Umsetzung nicht möglich, aber es würde auch gar nicht passen. Wenn man jetzt diesen Bohrer vor sich sehen würde und der würde ein ganz tieffrequentes Brummen oder sonst irgendwas erzeugen - man würde sich wahrscheinlich irritiert umdrehen und suchen, wo denn das Geräusch herkommt, weil man's gar nicht damit verbindet.

Also bestimmte Assoziationen hat der Mensch auch einfach gelernt, also welches Geräusch zu welchem Produkt jetzt passt. Und das kann man jetzt auch mit dem Sounddesign oder sollte man mit dem Sounddesign möglichst nicht umgehen.


Dr. Markus Bodden spricht hier einen weiteren wichtigen Aspekt des Sounddesigns an: Die akustische Rückmeldung. Beim Automotor z.B. kann man während der Fahrt nur am Klang überprüfen, ob das Antriebsaggregat ordentlich funktioniert. Deshalb wäre die mittlerweile technisch durchaus mögliche Lösung einer vollkommen schallisolierten Fahrgastzelle nicht praktikabel.

Stefan Paul: Es geht überhaupt nicht mehr darum, dass sich Leute belästigt fühlen durch Schall im Fahrzeug. Es ist vielerorts sogar so, dass gerade die Antriebsaggregate viel leiser noch sein könnten, aber der Kunde wünscht es gar nicht, weil ihm dann die Rückmeldung fehlt. Sie müssen immer sehen, der Autofahrer ist jemand in einer akustischen Umgebung, er muss Auto fahren, er muss sich in seiner Umgebung orientieren, und dazu braucht er sowohl Umgebungsgeräusche als auch die Geräusche des Fahrzeugs selber.

Prof. Brigitte Schulte-Fortkamp: Das wär jetzt wirklich fatal, wenn man den Fahrgastraum abschirmen würde, weil zum Beispiel die notwendigen akustischen Informationen ja gar nicht mehr ankämen von außen. Das... und Akustik bedeutet ja auch immer Orientierung, also man würde im Grunde orientierungslos werden.

Was Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp, Professorin für Akustik an der Technischen Universität Berlin hier anspricht, liegt daran, dass wir bestimmte Geräusche mit bestimmten Funktionen identifizieren, dass wir uns an viele Geräusche einfach gewöhnt haben. Wenn aber aufgrund z.B. technischer Entwicklungen ein Geräusch entfällt, ist wieder der Sounddesigner gefragt.

Dr. Markus Bodden: Ein Beispiel, was eigentlich kaum jemand so wahrnimmt, ist der Blinker im Auto. Ganz früher gab es in Autos Relais, die das Blinkersignal erzeugt haben, und die haben halt dieses charakteristische Klick-Klack gemacht. Seit vielen Jahren macht man das eigentlich elektronisch, das sind Transistoren, die machen keine Geräusche mehr. Das heißt, da musste man sich dann überlegen, was man denn als Handlungshinweis für den Nutzer gibt. Ja, man hat die Blinkleuchte, da achtet aber kaum jemand drauf.

Das heißt, man braucht ein Geräusch. Man hat dann als einfache Methode reproduziert, was dieses Relais früher gemacht hat. Und das wird durch einen kleinen Piezo-Lautsprecher wird das abgestrahlt. Jetzt erst in den letzten zwei, drei Jahren gibt es nun Bemühungen, da von diesem einfachen Klick-Klack ein bisschen abzugehen und das etwas zu designen. Da fahren jetzt die ersten Autos auf den Markt, die das in ganz dezenter Form machen.


Blinkergeräusch Audio A6

So klingt heute ein Blinker in einem modernen PKW der gehobenen Klasse. Würde man das Klacken durch ein Hupgeräusch oder ähnliches ersetzen, würde dies den an diese spezielle akustische Rückmeldung gewöhnten Menschen verwirren. Deswegen können sich die Sounddesigner nur langsam von diesen Gewohnheiten entfernen.

Aber nicht nur Autos und Rasierer werden heute "Sounddesignt" - auch teure Möbel oder Rollstühle sind vom Klang längst optimiert. Und haben Sie schon mal daran gedacht, dass sich jemand lange und gründlich Gedanken um den Klang ihrer Duschabtrennung gemacht haben könnte?

Nils Springer: Eine Duschabtrennung sollte möglichst unauffällig natürlich klingen. Und dabei ist es eben sehr wichtig, dass sie gleichmäßig klingt, dass sie also nicht irgendwie anfängt zu stocken, wenn man sie bewegt. Und was teilweise eben auftreten kann und was minimiert werden muss, ist dann eben auch, wenn da schleifende oder quietschende Geräusche auftreten. Also in diesem Projekt war es damals so gewesen, dass wir verschiedene Materialkombinationen erprobt haben und im Labor vermessen haben, um im Labor zu schauen, was es da für Zusammenhänge zwischen Materialeigenschaften und Geräuschentwicklung gibt.

Prof. Brigitte Schulte-Fortkamp: Ob man einen Lippenstift aufdreht oder ob man ein Haarwaschmittel öffnet oder so - auch da spielt Sounddesign eine ganz große Rolle.

Inzwischen tüfteln Designer am Sound von Staubsaugern herum. (Bild: AP-Archiv)
Inzwischen tüfteln Designer am Sound von Staubsaugern herum. (Bild: AP-Archiv)
Das Thema Sounddesign wird uns auch in Zukunft stark beschäftigen. Allerdings wird es dabei nicht ausschließlich um den "Kaufklang" gehen, mit dem auch unseren Ohren Produkte schmackhaft gemacht werden sollen. Mittels "aktivem Sounddesign" werden im Gegensatz zum herkömmlichen "passiven" Sounddesign nicht bereits vorhandene Geräusche optimiert, sondern Klänge ganz neu kreiert und einem Produkt hinzufügt. Dr. Markus Bodden hat bereits eine bahnbrechende Idee zum Patent angemeldet.

Dr. Markus Bodden: Wenn ich mir jetzt einen Staubsauer anschaue oder besser gesagt anhöre, dann mache ich den an und dann macht der in der Regel ein ziemlich lautes Geräusch. Ich fange an zu saugen, er macht immer noch ein lautes Geräusch - das Geräusch ändert sich eigentlich nicht und es gibt mir keinerlei Informationen über das, was ich eigentlich mache damit. Deshalb haben wir dann ein Geräusch designt, was mit dem Saugvorgang etwas zu tun hat.

Wir haben einen kleinen Staubsensor in diesen Staubsauger eingebaut, der misst dann, wie viel Staub aufgesaugt wird und das wird akustisch umgesetzt. Und zwar in der Form, das kann man sich etwa so vorstellen, jeder kennt das Geräusch, wenn man über kleine Sandkörner fährt mit einem Staubsauger, dann prasseln die so in dem Rohr. Und wir haben praktisch kleine Feinstaubteilchen auf die Größe von Sandkörnern transformiert.

Das heißt: Man fängt an zu saugen, hört relativ viel von diesem Prasseln, mit der Zeit des Saugens wird jedoch der Staub, den man aufsaugt, ja weniger. Das heißt, ich höre sofort, wenn ich ein Stück nicht mehr weitersaugen muss, wenn's also sauber ist.


Leider ist dieser Staubsauger noch nicht im Handel erhältlich. Eine Serienproduktion scheint aber nur eine Frage der Zeit. Und dann macht Staubsaugen endlich Spaß - dank Sounddesign.

Dr. Markus Bodden: Mit dieser Rückmeldung bekomme ich diese aktive Rückmeldung: Aha! Du hast wirklich was gemacht. Also, es hat sich gelohnt, hier Staub zu saugen, und jetzt ist es besser geworden. Also es gibt diese quasi Belohnung, die man hat, und auch Motivation zu sagen: OK, dann mache ich den Rest der Wohnung auch noch fertig.


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