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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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1.12.2004
Klamottentauschparty
Modisches ist auch im Angebot
Von Christiane Zwick

Ausgefallene Kleidung (Bild: AP)
Ausgefallene Kleidung (Bild: AP)
Neben dem Bett wächst der Textilstapel. Ein alter Koffer, der als Endlager für Pullover und Miederwäsche dient, liegt aufgeklappt da. Alle Schranktüren stehen offen. Karola hat ihre Freundinnen zum Kleidertausch eingeladen. Und muss sich dafür von ein paar Oberteilen verabschieden.

Karola: Mein gutes Stück. Das hatte ich einmal an. Ein einziges Mal, glaube ich. Das hat so"n schönen Puschelkragen. Ich finde den Puschelkragen ja toll. Aber irgendwie sieht das auch'n bisschen piefig aus, wenn ich das anhab. Und sehr wurstpellenmäßig. Das hatte ich ja schon bei der letzten Tauschparty dabei. Aber da wollte das auch keine. Versteh ich gar nicht.

Gleich kommen die Gäste, das erste Erfolgserlebnis hat Karola jetzt schon:

Ich habe in den Tiefen meines Kleiderschranks jetzt noch ganz viele Hosen entdeckt, die ich schon ganz lange nicht angehabt habe und das finde ich klasse.

Bettina: Hei, Guten Tag!

Frauke: Hallo Walle!

Der Flur füllt sich und noch zwei große blaue Plastiktüten werden durch die Wohnungstür geschoben. Neun Frauen sind inzwischen versammelt, alle Ende 30 bis Anfang 50. Bettina öffnet ihren Rucksack:

Hier, wo soll ich das hin? Hier ist was frei…Das passt sowieso niemandem. Aber na ja…Ich hab meinen Kleiderschrank aufgemacht und habe die verschiedensten Regale und Schubladen durchforstet, und dann habe ich das eine oder andere gefunden. Und dann doch überlegt - lange nicht mehr angehabt. Hab ich gedacht: Egal, ob das jetzt gefällt oder nicht. Ich bring's mal mit. Bisschen was Hübsches hab ich dann auch noch genommen, damit es nicht ganz langweilig ist. Nagelneu. Ein schöner Sommerrock aus Leinen.

Frauke: Passt doch. Ja passt total. Ja!!! (Glücksschrei)

Es gibt keine Begrüßungsrede und keine Einweisung - der Tausch beginnt sofort. Nach welchen Regeln gespielt wird, ergibt sich in den ersten zehn Minuten von selbst.

Frauke: Bei so"m Tausch nimmt man das ja mal eher mit und guckt zu Hause mal in Ruhe.

Christiane: Aber tauschen heißt, du musst was anderes ins Feld führen.

Frauke: Ja ich hab ja noch"n ganzen Sack mit. Den werf ich ins Feld.

Karola: Das muss man nicht so eng sehen.

Frauke: Das ist nicht wie in diesen Tauschläden. Da kann man bis zu drei mitnehmen, aber du musst auch bis zu drei mitbringen. Das hier ist freie Wildbahn.

Eine gewisse Gier liegt in der Luft, eine Spannung, wie sie auch einen akuten Anfall von Einkaufsfieber begleiten würde. In dem ja tatsächlich so manches dieser Stücke erstanden wurde.

Christiane: Ich belohn mich dann immer so mit so"m Einkauf. Wenn ich 'nen guten Auftrag hinter mich gebracht habe, dann gehe ich einkaufen und besorg mir ein schönes Teil. Als Erinnerung an den Auftrag und als Belohnung. Aber es ist tierisch teuer oft, mit der Zeit.

In der Anprobe (Bild: dradio.de/Andreas Lemke)
In der Anprobe (Bild: dradio.de/Andreas Lemke)
Walle: Früher war mir die Mode unwichtiger. Und jetzt ist, seit ein, zwei Jahren hab ich auf einmal wieder Lust, mich modisch zu kleiden. Ich weiß nicht, woher das kommt. Vielleicht, dass ich denk - ich will nicht zum alten Eisen gehören. Lacht.

Modisches ist auch im Angebot. Doch manches Kleinod wird nicht sofort als solches erkannt.

Christiane: Hier ist was von Paul Schmidt. Handangefertigt. Den kennt zwar keiner. War aber arschteuer. Zeig mal…

Es gibt sie, die Liebe auf den ersten Blick zum guten Stück. Und die schnelle Scheidung danach.

Christiane: Ich hab sie schon zu klein gekauft, obwohl sie tierisch teuer war. Sollte man nicht tun.

Warum hast du das gemacht?

Weil ich sie wunderbar schick finde.

Heute ist die große Stunde der Fehlkäufe, ihre zweite Chance sozusagen. Denn Fehlkäufe passieren jeder ab und zu. Und die Tricks der Modeläden sind daran nicht ganz unschuldig.

Brigitte: Fehlkäufe sind bei mir, wenn ich in einem Laden die Farbe nicht richtig gesehen habe.

Bettina: Licht ist total wichtig. Ich hab mir schon manchmal was gekauft, so"n bestimmtes Rot, und das sah da drinnen gut aus und draußen…war das völlig anders, und das hat mir überhaupt nicht mehr gefallen.

Brigitte: Oder manchmal auch so Sonderangebote. Wenn ich dann durch ein günstiges Schnäppchen verleitet worden bin. und so denke: Na so ganz hundertprozentig ist es nicht, aber so günstig.

Im Kleiderschrank hängen sie dann alle beieinander: Fehlkäufe und Lieblingsstücke. Verblichenes, Kleidsames und Unpassendes. Eine kleine Stichprobe: Wie sieht es mit regelmäßigem Ausmisten aus?

Helena: Ich schleppe Sachen Jahre mit mir rum. Und gerade habe ich ausgemistet, das finde ich prima. Ich habe drei Plastiktüten voll weggeworfen. Und zwei mit hierher gebracht. Und da sind Sachen drunter, die habe ich seit 25 Jahren.

Walle: Zum Beispiel diese G-Star-Hosen, hab ich eine davon, finde ich super, eine Cordhose, eine Jeans. Sind drei Hosen von 20. Wo ich immer so das Gefühl hab von "Wow". Und bei Blusen sind das maximal ein Drittel. Und die anderen schmeiß ich glaube ich nicht weg, weil es gibt keinen Grund, die wegzutun, aber es gibt auch keinen Grund, sie zu tragen. Lacht

Der Klamottenwechsel hat inzwischen sportliche Qualitäten. Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Bettina ist nicht ganz so schnell:

Bettina: Ein bisschen überfordert mich das noch, weil hier so viele Sachen rumliegen, und ich das so schnell nicht überblicken kann. Dann finde ich das von der Atmosphäre sehr nett, man kann hier halb nackt durch die Räume gehen, im Unterhemd Sachen anprobieren, ohne sich zwischendurch was anzuziehen, wenn man was anderes suchen will…

Suchen und finden. Walle überlegt sich gerade, wie sie ihren neuesten Fund findet - und prüft, ob sie sich wirklich bindet.

Walle: Jetzt hab ich ne Bluse an. Ich guck erstmal auf den Ausschnitt. Das…ich weiß nicht, ob"s spießig aussieht, aber da achte ich grad so drauf, und wie die so über die Taille und so über den Bauch fällt. Aber die Farbe ist super. Blau steht mir einfach total gut. Klasse. Und fühlt sich gut an auf der Haut. Ist auch wichtig.

Christiane: Den hab ich in die Waschmaschine getan. Es kam nur noch ein Drittel wieder raus.

Ja, die Hosen und Blusen haben schon etwas mitgemacht - was nicht verschwiegen wird. Und persönliche Meinungen, ob Objekt und Person zusammenpassen, werden ebenfalls gratis abgegeben.

Frauke: Man wird ja hier auch viel besser beraten. Im Kaufhaus wirst du ja gar nicht beraten. Oder du wirst beraten in ner komischen Weise. Du denkst: Das sitzt komisch. Und die Verkäuferin sagt: "Das sitzt doch prima." Oder: "Das ist jetzt Mode". Und hier, wenn Freundinnen und Bekannte da sind, fragt man in die Menge: "Geht's so?" und dann kriegt man gnadenlos Rückmeldung…

Karola: Oh Gott ist das eng. Gelächter.

B: Die Schleife vorne!

Helena: Ich find das gut. Hier sind die Kommentare ehrlich. Da kriegt man endlich mal die Wahrheit gesagt.

Karen: Kerzenschein und n Glas Sekt und dann passt das schon.

Bettina: Hier 80A, Ich hab eigentlich 80A, ist mir aber trotzdem zu klein.

Nach einer Stunde Klamottenrausch fallen die letzten Hüllen.

Wow.

Frauke: Ich wollte schon immer so einen haben. Wer hat ihn denn für mich eingetragen?

Karola: Das ist mindestens 85 B .

Frauke: Und da steht 80A drin.

Wer keine Berührungsängste mit Gebrauchtem und Getragenem hat, darf schon einmal einen teuren roten Spitzen-BH heimtragen.

Models. Ob es hier auch zum Klammottentausch kommt? (Bild: AP)
Models. Ob es hier auch zum Klammottentausch kommt? (Bild: AP)
Walle: Neu hat schon was Besonderes, wenn ich das Gefühl hab, ich hab das Stück zum ersten Mal an. Wobei hier finde ich das total nett, dass ich weiß, dass Karola diesen Pulli selber gestrickt hat. Und auch getragen hat. Aber im Secondhandladen merke ich, was mich manchmal stört, die Vorstellung,… dass das jemand unsympathisches getragen hat. Und der Körpergeruch…und wenn es ein bisschen abgeschrabbelt ist, dann mag ich es nicht.

Eben noch an mir und jetzt an dir - Brigitte findet, dass sich ein Kleidungsstück durch Besitzerinnenwechsel verändert.

Brigitte: Ich seh dann das Kleidungsstück aus einer ganz anderen Perspektive. Also, wenn mir das zu eng ist, oder zu weit. Und ich seh dann, ne andere Frau füllt das genau aus - plötzlich gewinnt das Stück neuen Glanz.

Und Christiane geht noch ein Stück weiter:

Christiane: Hab ich ganz viel Erinnerungen dran und denke, Mensch, das ist n besonderes Stück, und das finde ich toll, wenn ich dich jetzt wieder treffe, und du das anhast, dann habe ich so das Gefühl, die Geschichte geht gemeinsam weiter.

Jedenfalls ist Tauschen etwas ganz anderes als Kaufen.

Frauke: Beim Klamottentausch mach ich mir ganz andere Gedanken. Oder vielmehr, da mach ich mir keine Gedanken. Beim Kaufen ist das so. Neue Sachen, das sind so viele. Das ist so unübersichtlich. Neuerdings hängen die auch nicht mehr nach Größe, sondern die hängen nach Marken, alle möglichen Klamotten unter einer Marke. Da fange ich erst gar nicht an, da bin ich sofort entmutigt. Und hier ist das überschaubar. Das andere ist, es kostet kein Geld. Ich muss jetzt nicht viel überlegen, ob ich es mir leisten kann. Das dritte, was ich am tollsten finde: Die Sachen sind schon mal getragen, und ich finde, diese Sachen haben eine viel schönere Form Also ich hab vom Kleidertausch noch keine Fehlmitnahmen gehabt.

Bettina: Es ist nicht so, weil es hier umsonst gibt, dass ich dann Sachen nehme, die mir nicht…ich nehme nur, was mir wirklich gefällt. Also ich hab jetzt zwei schöne Hosen gefunden, die ich richtig toll finde, und die ich supergerne mitnehme. Aber was ich so halb schön finde, das lasse ich auch hier.

Bleibt die Frage: Ist Klamottentausch Frauensache? Oder wäre das nicht auch ein Tipp für die Freunde und den Mann?

Brigitte: Ich würde es ihm natürlich schon empfehlen, aber wenn ich mir das vorstellen würde, wie so'n Treffen ablaufen würde. Dann wäre das eher ein etwas trockenes Unternehmen.

Karen: Männer sind ja auch weniger plauderig.

Brigitte: Er würde sich was greifen und dann ist gut.

Bettina: Und manchmal denke ich: Männer haben nicht so volle Kleiderschränke wie Frauen. Vielleicht stimmt das auch nicht.

Karen: Dass sie Fehlkäufe in ihren Kleiderschränken haben, doch doch.

Bettina: Wir können das ja mal anregen…

Nach drei Stunden Tausch, ein paar Tässchen Kaffee und dem einen oder anderen Stückchen Kuchen wird die Beute eingesackt. Und die Säcke mit den Resten wandern in die Altkleidersammlung.

Frauke: Ich war ganz erfolgreich. Ich habe bestimmt sieben Teile mitgenommen, wunderschöne Wildlederjacke, wunderschöne Unterwäsche.

Bettina: Die Kleinigkeiten bin ich losgeworden.

Karola: Dass niemand mein schönes Puschel will, so richtig verstehe ich das nicht.



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