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8.12.2004
"Kiffen ist ja nicht so tragisch..."
Cannabis avanciert zur Kultdroge bei Kindern und Jugendlichen
Von Sabine Eichhorst

Cannabis-Konsument (Bild: AP)
Cannabis-Konsument (Bild: AP)
Haschisch ist ungefährlicher als Alkohol, ungefährlicher als Nikotin, Todesfälle: nicht bekannt, Suchtpotential: gering - So eine weit verbreitete Meinung. Für Erwachsene mag all das gelten, nicht jedoch für Kinder. Rund fünf Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland sind cannabisabhängig. Mitarbeiter der Drogenhilfe berichten dagegen von einem dramatisch steigenden Cannabisgebrauch und -missbrauch in den vergangenen zwei bis drei Jahren.

Dave: Das erste Mal? Ich hab so normal Zigaretten geraucht, dann hab ich Alkohol getrunken - und dann ging so ein Joint rum.

Michelle: Hab immer mit älteren Leuten abgehangen. Und dann kam das irgendwann dazu, dass ich es auch ausprobieren wollte.

Dave: Ich wusste gar nicht am Anfang richtig, was das war. Joint und so. Haben bloß gemeint: Kriegst 'n cooles Gefühl.

Michelle: Weil ich auch dazugehören wollte und wissen wollte, wie das ist, wenn man breit ist.

Dave: Dann wurde mir immer wärmer. Dann war vor mir - wie so ein Tornado, wo ich von oben reingeguckt habe. Und dann war alles schwarz. Und dann hab ich die Augen wieder aufgemacht und dann war ich richtig zu... (lacht) Richtig extrem.

Laura: Mit zwölf hab ich meinen ersten Joint geraucht.

Michelle: Mit elf.

Julia: Mit neun Jahren.

Dave: Das erste Mal: mit acht Jahren.

Jonas: Fünfzehn.

Stefan: Vierzehn. Fünfzehn. Vierzehn so.

Sascha: Mit elf. Aber ich bin bisher noch nicht dumm geworden!

Alex ist neunzehn, sieht aus wie fünfzehn und hat mit zwölf oder dreizehn zum ersten Mal gekifft.

Alex: Das hatte 'ne ganz komische Wirkung. Total nur am Lachen gewesen, wir sind rumgesprungen, haben rumgelacht, das war eigentlich ganz nobel, das erste Mal. Und ich hab dann gemerkt, damit krieg ich meine Depressionen irgendwie weg. Ich bin sehr traurig und denke über alles sehr viel nach. Und geb mir auch für alles die Schuld. Und da konnte man... - man konnte einfach alles vergessen.

Das ging relativ schnell: Wir haben dann so einen Monat uns am Wochenende oder auch mal in der Woche getroffen - ich hab auch nicht mit 'nem Joint angefangen, ich hab gleich Wasserpfeife geraucht. Das wirkt viel schneller. Beim Joint, da muss man manchmal noch so fünf Minuten warten, und bei einer Wasserpfeife geht's sofort in den Kopf. Und ja: Innerhalb von zwei Monaten war das täglicher Konsum.


Alex' Gesicht verschwindet fast unter einer Baseballmütze. Er wippt mit den Füßen und wirkt wie ein verängstigtes Kind, das sich gleichzeitig große Mühe gibt, all die Aggressionen, die in ihm brodeln, unter Kontrolle zu halten. Ganz anders Julia. Erzählt von ihrem ersten Joint, als plaudere sie übers Wetter. Acht war sie damals.

Ich konnte besser lernen, wenn ich breit war, als wenn ich nüchtern gewesen wäre. Ich konnte dann besser zuhören. Dann war ich gelassener. Sonst hab ich immer über andere Sachen nachgedacht. Über das, was zu Hause geschehen ist: Ich musste immer alles alleine machen, was gewesen ist, und das ging halt ziemlich doll in den Körper rein und in die Seele.

Und dann hab ich gemerkt, dass die Drogen halt dafür da sind für mich, erstens, um Spaß zu haben und zweitens, dass man die Traurigkeiten vergisst. Für eine Zeitlang. Dadurch kommt das, dass man immer mehr und immer mehr nimmt. Am Anfang war es vielleicht ein halbes Gramm in der Woche. Und jetzt zum Schluss hab ich mindestens acht Gramm am Tag geraucht.


Julias Gesicht liegt unter einer dicken Schicht Schminke. Breite schwarze Lidstriche wie Hollywoodschauspielerinnen in den 50er Jahren. Bis Julia dreizehn, vierzehn war, durfte sie bei den Älteren in der Clique mitrauchen.

Julia: Dann musste ich mir für meinen Konsum selber das Geld besorgen. Wir sind in Geschäften Klauen gegangen, und ich hab zwischendurch von meinen Eltern Geld bekommen. Und da brauchten wir uns halt keine Sorgen machen oder so.

Manche Kinder haben frühe Traumata erlebt, andere sind sozial - aber nicht immer auch emotional - behütet aufgewachsen, in Mittelschichtfamilien. Die Ärztin und Psychotherapeutin Karin Wied:

Probieren tut es praktisch jeder, das muss man einfach so sagen.

Der Suchtberater Hubert Homann:

Wir haben ja insgesamt eine Drogen- oder eine Suchtgesellschaft: Alkohol, Tabletten - denken Sie mal an die Kokainszene im Bereich der Medien oder der Filmbranche...

Julia: Abhängig war ich nicht. Nur: Das wollte mir keiner glauben, dass ich es nicht bin.

Kiffen als Religion: Rastamann (Bild: AP Archiv)
Kiffen als Religion: Rastamann (Bild: AP Archiv)
Cannabis - längst eine Alltagsdroge in Deutschland. Und Kult unter Jugendlichen. Mindestens dreißig Prozent haben Drogenerfahrung, fast alle mit Haschisch. Die Akzeptanz steigt; die Zahl Abhängigen ebenfalls. Die Steigerungsrate ist so hoch wie nie nach 1945, sagt der Leiter einer Drogenambulanz. Der Stoff ist leicht zu kriegen. Viele probieren irgendwann auch andere Drogen - rund zehn Prozent aller Kiffer, schätzen Experten, werden abhängig. Der Psychologe Laszlo Pota:

Unsere Gesellschaft ist viel schnelllebiger geworden, die Kontakte sind oberflächlicher, es ist mehr Anonymität da. Und in den meisten Fällen ist es so, dass den Kindern auch etwas vorgelebt wird, was dazu führt, dass man das Gefühl hat: Wenn ich meine Leistung nicht erbringe, dann werde ich auch aussortiert. Dann bin ich nichts mehr wert.

Thomasius: Die 68er-Generation hat Cannabis eingenommen, um die eigene Identität zu stärken. Jugendliche, die heute Drogen nehmen, tun dies nicht, um sich zu stärken, sondern sie sind schwach und versuchen ihre Schwächen, Ängste, ihre Depressivität mit dem Cannabis zu überdecken.

Rainer Thomasius, Leiter einer Drogenambulanz. Cannabis zu verharmlosen, findet er gefährlich. Angststörungen, Depressionen, Psychosen und Schizophrenien können auftreten, die Konzentrationsfähigkeit leidet, das Denkvermögen, das Gedächtnis. Und: In der Pubertät lähmt der regelmäßige Cannabiskonsum die Entwicklung.

Mit der Folge, dass wir mitunter Einundzwanzigjährige sehen, die den Entwicklungsstand eines Vierzehnjährigen aufweisen, weil sie vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr permanent bekifft waren. Und dies ist für mich auch eine der schwersten Auswirkungen des schweren Cannabismissbrauchs überhaupt! Weil Entwicklungsdefizite nachher in der psychotherapeutischen Aufbereitung eines sehr langen Zeitraumes bedürfen, um dann entwicklungsgerecht nachgeholt werden zu können.

Wied: Wenn ein 40-Jähriger einen Joint raucht und erfreut sich am Musikgenuss oder so, würde ich sagen: so what. Wenn ein Zehnjähriger sich breit raucht, die Schule schmeißt und keine Freunde mehr hat aus'm normalen Milieu, dann würde ich sagen: Das ist gefährlich.

Mike: Ohne Drogen ist es ja nicht schlecht, bloß mit Drogen ist es besser. Mit Drogen wird's lustiger.

Mike war fünfzehn, als er zum ersten Mal gekifft hat. Sein Leben schien ihm so langweilig.

Metalldosen zur Aufbewahrung von Haschisch (Bild: AP)
Metalldosen zur Aufbewahrung von Haschisch (Bild: AP)
Kiffen ist ja nicht so tragisch. Es gibt Leute, die trinken nach Feierabend drei, vier Bier, ja? Da kann man doch auch ein paar Köpfe rauchen nach der Arbeit. Meine Mutter, die hat sich da nie so wirklich drum gekümmert. Sie hat mit meinem Vater zwar drüber gesprochen, aber mit mir hat sie nie das direkte Gespräch gesucht.

Stefans Eltern...

Stefan: Das wissen sie gar nicht.

Julias Eltern...

Julia: Die haben das rausgekriegt, wo ich vierzehn war. Wegen Kiffen war ihnen das relativ egal. Dagegen hatten sie nichts...

Homann: Viele Eltern sind verunsichert. Weil ja über die Medien, übers Internet immer wieder doppelte Botschaften kommen: "Kiffen macht doch nichts", "Alk ist schädlicher", "Kiffen muss legalisiert werden". Wie reagiere ich, wenn mein Kind kifft? Das ist für viele Eltern eine ganz große Herausforderung. Viele sind damit auch überfordert. Und versuchen wegzugucken - es wird schon gut gehen, wenn sie nur ein bisschen kiffen, isses ja nicht so schlimm.

Dann gibt es die ganz strengen Eltern, die das sofort in eine Ecke drängen mit: Du bist ja jetzt drogenabhängig und Junkie! Manche Eltern rauchen sogar mit den Kindern gemeinsam, was außerordentlich problematisch ist. Es ist eine Kumpanei, die die Jugendlichen gar nicht gut finden. Die nehmen die Eltern dadurch absolut nicht ernst. Sie möchten unter sich kiffen, aber sie möchten ihre Eltern als Vorbild haben.


Mike ist inzwischen achtzehn, kifft nur noch zwischendurch, denn Ecstasy knallt besser, findet er, und Alkohol ist auch ein lustiges Getränk. Seit kurzem geht Mike zur Drogenberatung.

Das hat mein Vater veranlasst. Weil er hat mehr Probleme gesehen, als eigentlich da waren. Er hat das ein bisschen dramatisiert. Er hat von Drogensucht und so gesprochen. Weiß nicht... War nicht so.

Er habe schließlich kein Verlangen Drogen zu nehmen, so wie manche seiner Freunde, sagt Mike. Er habe seinen Konsum im Griff. Trotzdem sei es ganz gut mal über Drogen zu reden, ohne sich dabei beweisen zu müssen... Vielleicht bringt's ja was.

Alcopops (Bild: AP)
Alcopops (Bild: AP)
Ich meine, die ganzen Eltern machen einen Fehler, weil es sagt ja auch keiner was zu seinem Kind, wenn das mit dreizehn, vierzehn auf die ersten Partys geht und sich da total besäuft. Sagen die meisten Eltern auch nicht viel zu! Sie sagen: musste nicht so oft machen, ist nicht gut für dich. Und bei Kiffen wird so ein Theater drum gemacht!

Linnenkohl: Und das ist, finde ich, auch typisch deutsch: Der Umgang mit Alkohol.

Der Diakon Peter Linnenkohl.

Und dann finde ich es auch völlig normal, wenn mit einer anderen Droge ähnlich umgegangen wird. Wie sollen das junge Menschen auseinander halten?

Bekifft im Unterricht - an vielen Schulen ist Cannabis ein Tabu. Nicht für die Schüler, aber für Lehrer und Rektoren. Angst ums Image. Angst wegen der Illegalität, Angst davor, sich dem schwierigen Thema zu stellen - Überforderung, Unkenntnis und Sprachlosigkeit.

Alex: Wir hatten einen superkorrekten Lehrer - was heißt korrekt? Er hat halt gesagt: So lange ich den Unterricht nicht störe, Arbeiten gut schreibe und wenn ich auch nicht in der Schule kiffe, dann hat er da nichts gegen. So lange ich da nicht mit total zuen Augen und auf dem Tisch zusammengesackt liege.

Ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn er gesagt hätte: Junge, irgendwas stimmt hier nicht, wir müssen mal mit dem Rektor reden. Weil, dann wäre ich auch mal auf die Schnauze gefallen. Weil das Ding ist: Ich bin nie mit Drogen auf die Schnauze gefallen. Ich hatte nie irgendwelche heftigen Trips oder schlimmen Halluzinationen, bin nie durchgedreht...


Nachmittags in der Entzugsklinik. Alex, Julia, Nina und Jonas stürmen in den Aufenthaltsraum. Wie in einer x-beliebigen Grundschule... Alex will nach der Entgiftung eine Therapie machen und lernen, mit seinen Gefühlen klarzukommen. Julia nicht - weil sie ja findet, dass sie nicht süchtig ist. Aus ihrem Leben wollen beide etwas machen; sie haben ja auch noch viel Zeit vor sich.

Cannabis, heißt es oft, sei keine Einstiegsdroge.

Julia: Doch, das ist sie. Da bin ich mir sicher. Denn ich kenne nicht einen, der nicht mit Kiffen angefangen hat, bevor er die anderen Sachen genommen hat.

Wied: Die klassische Einstiegsdroge dieser Welt ist Nikotin. Absolut.

Pota: Bei Heroin sind die meisten Leute vorgewarnt, sie wissen, welche Gefahren auf sie warten. Bei Kokain ist das so ähnlich. Bei den psychogenen Drogen auch. Der Cannabisraucher, der verhält sich, als ob da überhaupt keine Gefahr wäre. Und damit ist die Gefährlichkeit dieser Droge noch viel größer.

Julia: Wenn ich alles noch mal rückgängig machen könnte, mit neun Jahren, wo ich angefangen hab: würde ich gar nicht erst anfangen. Dann würde ich auch heute hier gar nicht sitzen.



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