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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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13.12.2004
Ob Gott oder Allah – er wohnt im Himmel
Multi-Religiös im Kindergarten
Von Stephanie von Oppen

Zimtsterne backen (Bild: AP)
Zimtsterne backen (Bild: AP)
Gottes Wohnung malen, hieß eine Aufgabe in der Kita der evangelischen Heilandsgemeinde in Berlin-Tiergarten. Christliche und muslimische Kinder haben ihre Vorstellungen in Bildern festgehalten. Dabei zeigte sich: Allah und Gott haben eins gemeinsam, sie wohnen im Himmel.

Weihnachtsfeier einer evangelischen Kindertagesstätte in einer Berliner Kirche. Auf dem Adventskranz brennen dicke, rote Kerzen. Kinder tollen um den Altar. Dort, wo sonst das Kirchengestühl seinen Platz hat, sitzen an langen Tischen die Mütter. Die meisten von ihnen sind offensichtlich Musliminnen, viele tragen Kopftuch. Zum Büffet gehören Fladenbrot und türkische Pizza genauso wie Zimtsterne und Pfefferkuchen. Das hat schon Tradition, sagt Ute Wenzel, die Leiterin der kirchlichen Kita, die zu 50 Prozent von muslimischen Kindern besucht wird.

Wir haben mehr als 50 Prozent muslimische Kinder und mit den anderen Kindern sind es fast 80 Prozent ausländische Kinder. Wir feiern muslimische Feste und den Kindern wird um Weihnachten das christliche Weihnachten nah gebracht. Wir müssen allerdings vorsichtig sein, wir sprechen mit den Eltern auch, ob sie mit in die Kirche kommen wollen, und so lange wir keine religiösen Unterweisungen machen, kommen die Eltern auch.

Türkische Mutter: Ich denke für die Kinder ist es wichtig, dass sie irgendwie erfahren, o.k. Christen feiern Weihnachten, warum sollen sie nicht einfach dabei sein und sehen wie ihre Freunde da mit feiern, weil sie auch zu einer Kita gehen, werde ich sie auch nicht davon abhalten da mitzufeiern.

Türkische Kinder:
Wenn es Weihnachten ist da kommen die an den Stall an und da kriegt Maria ihr Baby.

Wir kaufen Lichter und hängen sie an die Fenster.

Da kommt der Weihnachtsmann, um den braven Kindern Geschenke zu bringen.

Kerstin Beer: Eine Mutter hat mich letztes Jahr auch gefragt, wie geht denn das, wir wollen alles machen wie bei Euch. Wir haben einen Baum gekauft und was mache ich jetzt mit dem Baum. Sie wusste gar nichts damit anzufangen, aber wollte ihrem Kind das jetzt auch ermöglichen, ein deutsches Weihnachtsfest zu feiern.

Weihnachten, wie es die Muslime kennen lernen, ist also vor allem eine Ansammlung von hübschen Bräuchen.

Eine Mischung unterschiedlichster Religionen und Kulturen findet man in vielen Berliner Kindergärten. Mit Rücksicht auf muslimische und jüdische Kinder wird beim Mittagessen auf Schweinefleisch verzichtet. Der religiöse Hintergrund spielt in den staatlichen Einrichtungen ansonsten kaum eine Rolle, berichten die Erzieher. Bei den konfessionellen Kitas ist das anders, sagt Cornelia Prill, Leiterin vom Sankt Robert Kindergarten der katholischen Caritas in Berlin-Wedding.

Das ist für mich die spannendste Frage hier im Haus, dass eigentlich gerade muslimische Familien, die sehr religiös sind, die ihre Kinder gerne in ein konfessionelles Haus bringen, weil sie davon ausgehen, dass da noch eine Wertevermittlung stattfindet. Die religiösen Familien können uns in unserer Religiosität auch akzeptieren.

Dafür wird beim Tischgebet und bei den meisten Liedern auf den Namen Jesu verzichtet.

Im Kindergarten Sankt Robert, gibt es Kinder aus 15 Nationen und alle nehmen an christlichen Festen teil. Als in einem Jahr der Sankt Martins Tag mit dem Ramadan zusammenfiel, haben Mitarbeiter und Eltern einen Kompromiss gefunden. Der Laternenumzug ging etwas früher los als sonst. Und damit er zumindest zum Teil im Dunkeln stattfinden konnte, haben die Muslime ihr abendliches Fastenbrechen um eine halbe Stunde nach hinten verschoben. Einer Mutter, die in Indonesien zur christlichen Minderheit gehörte, freut sich über dieses Miteinander.

In Indonesien sind 98 Prozent Muslime, so ich bin schon daran gewöhnt mit anderen Religionen zu leben. Für mich ist es normal und ich finde es schön, dass mein Kind weiß, dass es so viele verschiedene Religionen gibt und dass man diese Religion respektieren soll. Am Anfang hat er ein bisschen gespielt wie die anderen beten und da habe ich ihm gesagt, Aaron, das ist von anderer Religion, man soll nicht damit spielen. Ich habe ihm erklärt die einen gehen in die Kirche und die anderen gehen woanders hin und dass wir wollen auch nicht, dass die anderen lustig darüber machen.

Einmal im Jahr zu Ostern gehen die Kinder von St. Robert getrennte Wege: Am Osterkreuzweg nehmen nur die christlichen Kinder teil. Das hält sie aber nicht davon ab sich hinterher mit ihren muslimischen Freunden darüber zu unterhalten.

Cornelia Prill: Nach dem Kinderkreuzzug unterhielten sich christliche und muslimische Kinder unten im Atelier und ein muslimischer Junge fragte: Und habt ihr Jesus gesehen? Und zwei polnische Jungs antworteten ja wir haben ihn gesehen und die anderen fragten wie, ihr habt den gesehen. Ja, nicht mit unseren Augen, mit unserem Herzen haben wir ihn gesehen. Und dann sagte ein muslimischer Junge: Naja, Jesus ist ja auch Christ und Gott ist Moslem, woraufhin die beiden polnischen Jungen sagten stimmt nicht, Gott ist für alle da.

Gottes Wohnung war kürzlich Thema in der Kita der evangelischen Heilandsgemeinde in Berlin-Tiergarten. Kinder unterschiedlichen Glaubens haben ihre Vorstellungen in Bildern festgehalten.

Ich glaube Gott wohnt überall.

Eine Kirche wohnt auch Gott.

Im Himmel.

Ich denk der steht auf den Wolken drauf.


Allah und Gott haben also eins gemeinsam, sie wohnen im Himmel. Und wenn die Kirchenglocken läuten, dann wird Gott aus dem Himmel in die Kirche gerufen, hat ein muslimisches Kind gesagt. Einmal im Monat geht es in die Kirche zum Kita-Gottesdienst. Die muslimischen Kinder kommen mit, wenn deren Eltern nichts dagegen haben. Kitaleiterin Angelika Grigat:

Da habe ich noch nicht erlebt, dass Eltern gesagt haben, mein Kind soll nicht teilnehmen, wir machen aber auch sehr deutlich, dass wir die Kinder nicht missionieren wollen.

Die christlichen Kinder lernen auch von den muslimischen. Erzieherin Kerstin Beer hat Gespräche über das Zuckerfest am Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan mitgehört.

Da ist dann ganz wichtig, was die Kinder dann machen, um ihre Geschenke zu bekommen und um Geld zu bekommen, das sie dann die Hände der Verwandten küssen müssen und so. und dann erzählen sie auch welche Geschenke sie bekommen haben. Das wird bei den deutschen Kindern so ein bisschen mit Neid entgegengebracht, aber man kann den Kindern auch erklären,. Also bei den muslimischen Kindern wird der Geburtstag nicht unbedingt gefeiert. Wir haben andere Feste als die türkischen Kinder und ich denke es ist auch ganz wichtig, dass die deutschen Kinder diese Unterschiede kennen lernen.

Ein anderer Kindergarten bekommt einmal die Woche Besuch vom Pfarrer.

Pfarrer und Drei- bis Vierjährige:

Wer ist das ... den kenne ich nicht ...

Kennst du nicht? Dieser Mann hat zwei verschiedene Namen, einmal heißt er Ibrahim und dann noch Abraham.

Ibrahim und Abraham -... ich habe den schon im Buch gesehen mit seiner Frau Sarah, dieser Abraham und Ibrahim hat nämlich eine Frau die heißt Sara ...

Die sind schon ein bisschen älter , die sind schon wie Oma und Opa ...


Ein Drittel der kleinen Schüler von Jürgen Wilms sind muslimisch. Der Pfarrer will zeigen, dass Juden, Christen und Muslime viel verbindet. Diesmal geht es um den gemeinsamen Stammvater Abraham oder eben Ibrahim.

Dann habe ich mir überlegt, jetzt musst du diese gemeinsam Brücke, Abraham, Ibrahim, Sara, Hagar bauen, damit auch deutlich wird, was ist hier das gemeinsame, worauf wir und auch berufen könne, ohne die Unterschiede zu verwischen oder Eintopf zu machen oder die muslimischen Kinder halb missionierend im evangelischen Kindergarten einzubeziehen, sondern sie sollen selbstbewusst ihre eigenen Geschichten kennen und ihre Namen eben. Also wie können Kinder in diesem noch nicht Problemgeladenen Alter, wie können sie schon etwas davon begreifen, dass es etwas Gemeinsames gibt. Muslimisch, christlich, deutsch, türkisch und so weiter.

Der Pfarrer hat die Bibel und den Koran mitgebracht. Natürlich kann hier noch keiner lesen, aber vielleicht bleibt wenigstens ein Eindruck hängen, wenn die Kinder diese beiden heiligen Schriften mal nebeneinander gesehen haben.

Jürgen Wilms warnt davor, Kinder vorzeitig mit religiösen Konflikten zu konfrontieren.

Die Ebene der Probleme der Erwachsenen sind für das religiöse Empfinden der Kinder nicht hilfreich. Mit Kindern ist es eher eine unbefangene Ebene, wo es nicht aus dem Konflikt heraus dann Thema ist, sondern aus so nem Neugierigmachen oder spielerisch, ein bisschen phantasievoll oder fast wie im Märchen, in Bibel und Koran Beispiele suchen, wo sie sehen, das hat was schönes.

Cornelia Prill: Das Phänomen für mich ist ja, die Eltern bringen eigentlich ihr liebstes hierher und die wollen auch , dass sie miteinander funktionieren, man streitet sich einfach nicht über religiöse Inhalte, es geht immer darum, dass man vielleicht andere kulturelle Gewohnheiten hat wo man den anderen nicht versteht und dann muss man darüber reden.

Welcher Religion die Kinder auch immer angehören, für sie haben Gott und Allah die gleichen Aufgaben und sehen sich auch ziemlich ähnlich.

Kinder:

Gott geht überall wo wir sind.

Gott tut uns beschützen, wenn es dunkel ist und wenn wir Angst haben.

Allach

Er hat blonde Haare.

Er hat ein riesigen Gesicht und einen Riesenkörper.


Allah ist groß und Gott ist groß. Und wie vertragen sich die beiden im Himmel?

Da müssen das ja Freunde sein.

Nö, es gibt nur einen Gott, einen Gott gibt es, aber Gott kann alle Sprachen.

Gott rettet auch alle.
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