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15.12.2004
Schauplatz Straße
Wie sich junge Türken und Araber in Deutschland voneinander abgrenzen
Andrea Sieder und Thomas Ratzke

Türkische Jugendliche (Bild: AP-Archiv)
Türkische Jugendliche (Bild: AP-Archiv)
Seit den frühen 80ern ist es in deutschen Großstädten immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen arabischen und türkischen Jugendgangs gekommen. Von der deutschen Öffentlichkeit zumeist unbemerkt, geraten die beiden Gruppen immer wieder aneinander. Der Auslöser für die Konflikte sind gegenseitige Vorurteile, überzogene Männlichkeitsrituale, oder einfach nur persönliche Frustration und Langeweile.

Es war früher mal so, wo wir noch jung waren, wo es noch Gangzeiten gab. Also meine schlimmsten Zeiten hatte ich mit 14. Bin ich damals in der Gang gewesen Araberboys. Und da hatten wir immer viele Streitereien mit Türken gehabt. Überall, aufm Rummel, Kino, beim Fußball spielen.

Für Achmed, einen 24-jährigen Palästinenser, sind die Rivalitäten zwischen den ausländischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft etwas Altbekanntes. Während der Großteil der deutschen Bevölkerung aufgrund der muslimischen Religionszugehörigkeit eine enge Verwandtschaft zwischen Türken und Arabern vermutet, ziehen sie selbst eine sehr genaue Trennlinie.

Da man ja in einem fremden Land ist, wie Europa und nicht daheim ist, wo man die Nachbarn als auch Araber ansieht, fühlt man sich in den Bezirken oder in den Straßen dann von den fremden Nachbarn, die halt türkische Sprache sprechen, nicht direkt bedroht, aber man will einfach nur zeigen, das ist unsere Straße. Und hier wird unsere Sprache gesprochen. Und wir sind eben stärker von der Mentalität her.

Sagt der 21-jährige Ali, Kurde und Sohn eines arabischen Vaters und einer türkischen Mutter.

Die Straße ist der Ort, wo die Jugendlichen ihre Konflikte austragen. Die Straße ist aber auch der Platz, wo Kontakte außerhalb der Familie stattfinden. Hier haben sich die männlichen Jugendlichen unter Gleichaltrigen zu behaupten. Der Palästinenser Achmed:

Ich habe eigentlich mit Türken immer ein anderes Problem gehabt. Bei mir war es so familiär, immer wenn jetzt zum Beispiel irgendwelche Cousinen auf der Straße gelaufen sind und von türkischen Jungs angemacht wurden, so dann sind gleich die ganze Familie, Cousins, Brüder, alle gehen los und machen Ärger.

Vordergründig liefert der Schutz der eigenen Familie und der Angehörigen die Erklärung für die Bereitschaft, Konflikte gewalttätig auszutragen. Diese Grundeinschätzung spiegelt sich auch in den Aussagen von Cihan, einem 20-jährigen Kurden wider.

Weil von Arabern, die Familien sind groß, wenn einer Streit hat, hat er mit allen Streit.

Eren Ünsal, Sprecherin des Türkischen Bundes Berlin weist auf tiefergehende Ursachen für die spürbare Kampfbereitschaft bei türkischen und arabischen Jugendlichen hin.

Es ist sehr verständlich, dass türkisch-stämmige oder auch arabisch-stämmige Jugendliche in der Migration aufgrund von Ausgrenzungserfahrung, aufgrund der wachsenden Erkenntnis, dass sie in dem Gastland letztendlich nicht Teil der Gesellschaft sind, ihren Nationalstolz herauskehren bzw. immer stärker auf die Werte zurückgreifen, die nur ihre sind, die nur ihnen gehören. Und ganz oft kommt das Argument, wir halten zusammen, wir schützen uns , oder das, ja, Zusammenhalten-Konzept, auch auf einer ethnischen Basis, ist ganz, ganz wichtig.

Über eine demonstrativ zur Schau gestellte männliche Körpersprache wird der vermeintlich feindlichen Umwelt, oder auch der jeweils anderen Gruppe die ständige Verteidigungs- bzw. Angriffsbereitschaft signalisiert. Hierbei spielen Begriffe wie "Mut, Ehre und Respekt” eine große Rolle, wenn es um die Androhung oder den Einsatz von Gewalt geht.

Arabische wie türkische Jugendliche beurteilen ihre jeweiligen Altersgenossen oftmals mit den Werten ihrer Eltern. Teils offen, teils hinter vorgehaltener Hand leben alte Vorurteile unter den Jugendlichen weiter. Dazu Murat, ein 21-jähriger Türke und Driss, ein 37-jähriger Marokkaner.

Murat: Wir haben über 600 Jahre fast die ganze Welt regiert, wir lassen uns nicht so unterdrücken wie die Araber.

Driss: Das hat schon, glaub ich, mit dem Osmanischen Reich angefangen. Wo ich persönlich denke, das ist der Hauptkonflikt zwischen Türken und Arabern. Weil die Türken sagen, ja, die Araber haben uns im Stich gelassen, früher. Mit der Geschichte von Laurence von Arabien, dass die irgendwie gegen das Osmanische Reich waren. Und dadurch ist das kaputt gegangen. Die Araber wiederum sagen, schuld an der, an dem Absturz der islamischen Kultur oder dem islamischen Imperium waren die Osmanen.

Aber auch ganz aktuelle soziale Unterschiede spielen in den schwelenden Konflikt hinein. Während die türkische Minderheit in Deutschland bereits seit über 30 Jahren ein soziales Netzwerk etabliert hat, wird die noch junge arabische Community von den hier lebenden Türken oft als störender Neuankömmling empfunden, wie es auch der Marokkaner Driss häufig beobachtet.:

Driss: Die Türken sahen auf einmal "Auh, das sind neue Araber hier." Die besonders diese Gruppen von Leuten hier aus Palästina, die haben lange Zeit in Kriegen gelebt. Und die waren etwas wilder, die waren einfach nicht so ruhig, wie man sich gewünscht hätte. Und dadurch natürlich waren diese Konflikte zwischen Türken und Araber. Die Türken sagen: "Ja., die sind gerade gekommen und die machen was sie wollen. Und die sind laut, die sind unerzogen." Solche Sachen und natürlich für die Araber ist ein Schlag ins Gesicht.

In der deutschen Öffentlichkeit wird dieser Status-Unterschied nur selten wahr genommen. Man macht keinen Unterschied, ob Menschen als Kriegsflüchtlinge nach Deutschland kommen oder als ehemalige Gastarbeiter hier leben. Vielmehr werden beide Gruppen, Türken wie Araber, in erster Linie als Muslime gesehen. Doch welche Rolle nimmt die Religion für die Jugendlichen ein? Dazu Hakan, ein 30-jähriger Berliner Rapper mit türkischem Pass.

Ich trink auch, ich rauche auch, ich bin auch ein Mensch, ich glaube an Gott, so, das ist aber auch alles. Ich kann nicht mal fünf mal beten am Tag, ich kann gar nicht beten. Ich weiß gar nicht welche Wörter oder was. Trotzdem glaube ich an Gott, weißt du? Islam ist auch ein Teil, der uns geprägt hat, ein Teil von einer Kultur, eine Kulturreligion sozusagen, die uns auch geprägt hat.

Achmed: Ich kenne sehr, sehr viele Türken, die in die Moschee gehen, aber hinterher trinken und in die Clubs gehen. Ich kenne auch Araber, die das machen.

Praktizierter Islam, und die strikten Regeln und Traditionen des Herkunftslandes sind in der Elterngeneration stärker präsent. Für sie schafft die Religion eine Verbindung zwischen der arabischen und türkischen Kultur.

Driss: Ja klar, die meisten Moscheen sind türkische und da gehen alle hin. Und besonders die älteren Türken oder auch Araber, die können ja gar nicht so gut deutsch reden und trotzdem, die verstehen sich viel besser als die Jugendlichen. Dann Islam ist der einzige Punkt, dass die beiden sich irgendwie einigen können.

Für den Marokkaner Driss ist die Zugehörigkeit zum Islam ein kulturelles Erbe, das auch für die Türken von bestimmender Bedeutung ist. Er glaubt, dass sich die mehrheitlich muslimischen Türken nie ganz im christlich geprägten Westeuropa eingliedern wird.

Die wollen ja prowestlich sein, das ist ja das Problem. Aber es geht ja gar nicht, du bist ja einfach Moslem. Du kannst nicht deine Identität ändern und sagen: Mann, jetzt bin ich's nicht mehr.

Ein Widerspruch, den Murat aus türkischer Sicht ganz anders interpretiert.

Islam ist eigentlich Demokratie? Ich sehe eigentlich kein muslimisches Land, das Demokratie hat, außer die Türkei.

Migrantenkinder, die hier aufgewachsen sind, werden durch die deutsche und die türkische bzw. arabische Kultur geprägt. Dies führt unweigerlich auch zu Konflikten mit der Elterngeneration. Ein Umstand, der den Kids durchaus bewusst ist. Hakan erinnert sich.

Und das ist die Entwicklung, früher bei uns war das nicht so. Man hat gedacht, wir gehen irgendwann wieder in die Türkei, wenn unsere Eltern genug Geld haben. Wir gehen für immer in die Türkei und das wird. Wir haben alles gesammelt gehabt hier zuhause, weil wir dachten, wir gehen irgendwann. Aber dann sind wir hier eingelebt.

Hakan, früher selbst Mitglied der türkischen Jugendgang 36 Boys, kennt die alltäglichen Schwierigkeiten, die sein Status als in Deutschland geborener Ausländer mit sich bringt.

Also es ist doch nicht meine Schuld, meine Eltern sind hierher gekommen und ich bin hier auf die Welt gekommen. Shit, was soll ich denn machen? Also geb ich mein Bestes, aber die anderen versuchen das nicht zu verstehen, oder wollen das auch gar nicht verstehen.

Fuat: Wir sind natürlich in den Augen vieler Millionen Menschen hier Migranten, weil wir ja Ausländer sind, wir sehen anders aus, wir sprechen auch eine andere Sprache. Aber ich kann von mir sagen, dass ich, dass ich eigentlich dieses Wort Migranten so nicht mehr auf mich projiziere, oder überhaupt mich davon angesprochen fühle. Weil ich bin schon sehr, sehr integriert in dieses Leben in Deutschland.

So der 31-jährige Fuat, er lebt in Berlin und rappt wie sein Kumpel Hakan. Er bringt die Sache auf den Punkt. Viele der türkischen und arabischen Jugendlichen haben zudem in der Heimat ihrer Eltern die Erfahrung der Fremdheit gemacht. Wo sehen sie eigentlich selbst ihren Lebensmittelpunkt?

Cihan: Hör mal, ich bin hier in Deutschland geboren, ja, damals wo ich klein war, wo ich in die Türkei verreist war, natürlich in die Gebiet von Kurden, egal aber Türkei, wo ich da war, ich weiß, ich hab mich nicht wohl gefühlt, ist egal, ich will unbedingt wieder nach Deutschland. Nicht nach Deutschland, ich will nur wieder nach Hause, hab ich gesagt. Wo bin ich denn zuhause? Ich will nur wieder nach Hause, und das war Deutschland. Ich bin hier geboren, ich bin hier aufgewachsen, ich kenn das gar nicht anders.

Der 21-jährige Kurde Cihan beschreibt sehr deutlich die zwiespältigen Gefühle, die die hier geborenen Migrantenkinder mit dem Herkunftsland ihrer Eltern haben. Auch für den Türken Fuat bzw. Achmed, den Palästinenser, ist ein Leben im Heimatland ihrer Eltern kaum vorstellbar.

Fuat: Zum Beispiel ganz früher hatte ich auch die undankbare Haltung, bäh, Deutschland, wir werden hier mit Füßen getreten, und die Scheiße so. Mann, wir sind die zweiten immer. Dann war ich in der Türkei! Da bist du der Siebte, der Achte, da bist du der Hundertste.

Achmed: Ich sehe meine Zukunft hier in Deutschland, ich bin hier aufgewachsen. Ich habe hier meine Möglichkeiten bekommen zur Schule zu gehen, meine Ausbildung zu machen. In Palästina werde ich niemals eine Zukunft haben.

Auf deutscher Seite wird die Zuwanderungsfrage zum Spiel um Quoten und Prozentzahlen. Wie viel kulturelle Vielfalt verträgt die sogenannte deutsche Leitkultur? Sie misst dies an der Integrierbarkeit ihrer Minderheiten. Für die Jugendlichen selbst, egal ob türkischer oder arabischer Herkunft, geht es um die alltäglichen Probleme des Anders-Seins. Damit müssen sie klarkommen.

Hakan: Wer ist denn ein Ausländer? Ich weiß das nicht. Was bin ich denn eigentlich? Und jetzt verlangt man von uns, wie soll ich mich denn jetzt deutsch aussehen lassen? Wie soll das gehen? Man verlangt ja von uns immer noch, dass wir uns integrieren sollen, oder so ne Kacke. Weißt du, ich weiß immer noch nicht, was das heißt: integrieren? Integrieren, wo soll ich einsteigen? Was ist das? Integrieren, Alter. Von uns verlangt man das immer noch, so ne Scheiße.
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